mini|Rekonstruktionszeichnung des römischen Badenweilers,Friedrich Weinbrenner (1822) mini|Fundstellen römischer Bauwerke in Badenweiler(Keramikmanufaktur irrtümlich als „Geschäfte“ gekennzeichnet) Badenweiler in römischer Zeit war eine römische Zivilsiedlung (Vicus) auf dem Gebiet der heutigen baden-württembergischen Gemeinde Badenweiler im Landkreis Breisgau-Hochschwarzwald. Ausschlaggebend für die Siedlungsgründung war eine dort austretende Thermalquelle. Die an deren Stelle errichtete „Römische Badruine Badenweiler“ gehört zu den ältesten Bauwerken Baden-Württembergs und ist als eine der am besten erhaltenen Thermen nördlich der Alpen ein touristischer Anziehungspunkt.
Lage, Topographie, Geomorphologie, Etymologie und Forschungsgeschichte
Badenweiler und seine römischen Fundstellen liegen im Übergangsbereich zwischen Schwarzwald und Oberrheinischer Tiefebene am Fuße des Blauen im Markgräflerland. Das Gebirge besteht aus Gneis mit Anteilen von Granit und Porphyr. Der Ort selbst liegt auf einem angeschwemmten Hügel aus Löss. Durch die bei der Entstehung des Grabenbruchs im oberen Rheintal auftretenden geologischen Prozesse und die damit verbundenen geothermischen Aktivitäten treten in diesem Gebiet Thermalquellen an die Oberfläche, so auch in Badenweiler.Felix Martin Hofmann: Landscape evolution of the Black Forest. From the Variscan orogeny to the modern era. In: Frank Lehmkuhl, Margot Böse, Michael Krautblatter (Hrsg.): Landscapes and Landforms of Germany. Springer, Cham 2025, ISBN 978-3-031-77878-0, S. 301–313. Der Vicusbereich selbst war aufgrund einer Hanglage, seines instabilen Untergrunds und der Feuchtigkeit des Geländes eigentlich nur suboptimal für Siedlungszwecke geeignet, dennoch schufen die Römer einen repräsentativen Ort mit allen Annehmlichkeiten und regelmäßigen Strukturen.Gerhard Fingerlin: Zum römischen Badenweiler. In: Archäologische Nachrichten aus Baden 46, 1991, S. 3–16 (Digitalisat).
Im heutigen siedlungs- und verkehrsgeographischen Bild liegt der Fundort etwa auf halber Strecke zwischen Freiburg im Breisgau und Basel, rund zehn Kilometer östlich des Rheins. In der antiken Zeit befand sich die Siedlung unweit der Römischen Rheintalstraße (deren Verlauf ungefähr die heutige Bundesstraße 3 entspricht), zwischen den Kastellen am Limberg bei Sasbach und der Colonia Augusta Raurica. Mit der römischen Fernstraße war der Ort über eine durch das Klemmbachtal führende Nebenstraße verbunden. Administrativ gehörte der Ort zur Provinz Germania superior.
Historische Quellen oder epigraphische Belege zum Namen des römischen Badenweiler liegen keine vor. Römische Badeorte trugen häufig die Bezeichnung Aquae mit einem Namenszusatz. Dieser konnte entweder auf das Stammesgebiet verweisen, wie bei Aquae Helveticae (Baden AG) und Aquae Mattiacorum (Wiesbaden), oder auf eine Orts- beziehungsweise Quellgottheit Bezug nehmen, wie bei Aquae Granni (Aachen). Im letzteren Fall käme die Göttin Abnoba in Betracht, die durch eine Inschrift in Badenweiler belegt ist. Die in der nichtwissenschaftlichen Literatur zuweilen anzutreffende Bezeichnung Aquae villae ist eine moderne Wortschöpfung, eine Rückübertragung des Ortsnamens Badenweiler.
Bereits in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts war die Ruine der Thermen entdeckt worden. Markgraf Karl Friedrich von Baden ließ die Ruine 1784 durch seinen Hofrat Wilhelm von Edelsheim freilegen, mit den Mitteln der Zeit durch Wilhelm Friedrich Gmelin dokumentieren, von August Gottlieb Preuschen publizierenAugust Gottlieb Preuschen: Denkmäler von alten phisischen und politischen Revolutionen in Deutschland. Barrentrapp und Wenner, Frankfurt am Main 1787, S. 97–180 (Google Books). und die Befunde durch eine Reihe von Maßnahmen schützen. Damit handelte es sich um die erste Ausgrabung und Dokumentation eines römischen Bauwerks in Deutschland.Hermann Mylius: Die römischen Heilthermen von Badenweiler (= Römisch-germanische Forschungen, Band 12). Walter de Gruyter, Berlin/Leipzig 1936, S. 5–7 (Digitalisat). Eine erste wissenschaftliche Aufnahme erfolgte 1856 durch Heinrich Leibnitz.Heinrich Leibnitz: Die römischen Bäder bei Badenweiler im Schwarzwald: nach der Natur aufgenommen und im Sommer 1855 und mit Rücksicht auf frühere Editionen erläutert. Weigel, Leipzig 1856. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts waren es vor allem Ernst Wagner und Ernst Fabricius, die zu Badenweiler forschten, und in den 1930er Jahren Hermann Mylius im Auftrag der Römisch-Germanischen Kommission, dessen Beschreibung noch heute als unverzichtbares Standardwerk gilt, auch wenn einige seiner Interpretationen überholt sein dürften.Hermann Mylius: Die römischen Heilthermen von Badenweiler (= Römisch-germanische Forschungen, Band 12). Walter de Gruyter, Berlin/Leipzig 1936 (Digitalisat). Die jüngeren Untersuchungen des späten 20. und 21. Jahrhunderts wurden hauptsächlich von Meinrad N. Filgis, Gerhard Fingerlin, Harald von der Osten-Woldenburg und Gabriele Seitz vorgenommen. Manches im römischen Badenweiler ist nach wie vor nicht oder nur unzureichend erforscht, wird diskutiert und zum Teil unterschiedlich interpretiert, so dass der Fundort auch künfig eine Forschungsaufgabe darstellen wird.Lars Blöck: Die römerzeitliche Besiedlung im rechten südlichen Oberrheingebiet. (= Forschungen und Berichte zur Archäologie in Baden-Württemberg, Band 1), Reichert, Wiesbaden 2016, ISBN 978-3-95490-215-6, S. 148–151 (Digitalisat).
Archäologische Befunde mini|Überdachte Ruinen des Thermalbades mini|Altar für Diana Abnoba mini|Eine der großen Piscinae mini|Rekonstruktion des Thermalbades Das römische Badenweiler wurde als Terrassensiedlung in einen Hang gebaut. Eine solche Siedlungsform ist vor allem von mediterranen Bergsiedlungen bekannt und im nördlicheren Raum seltener. Der Vicus erstreckte sich mindestens 450 m in Nord-Süd-Richtung und 400 m in West-Ost-Richtung. Die Höhendifferenz innerhalb der Siedlung betrug mindestens 40 m.
Thermen
Das zentrale Bauwerk des Vicus war die Thermenanlage, die terrassenartig in den Hang gebaut worden war und in ihrer letzten Ausbauphase mindestens 93 m mal 33 m (= 3069 m²) umfasste.Thermen bei Die konservierte Ruine liegt unmittelbar nördlich der heutigen „Cassiopeia Therme“. Es war das Verdienst von Hermann Mylius, die Struktur der Anlage und ihre Bauphasen zu entschlüsselt zu haben. Dabei identifizierte er mindestens sieben Bauphasen, davon zwei größere Erweiterungen.
Der Fund dreier keltischer Münzen belegt die Nutzung der Thermalquellen bereits in vorrömischer Zeit.Meinrad N. Filgis: Römische Badruine Badenweiler. Historische Wurzeln des Kurortes neu präsentiert. In: Denkmalpflege in Baden-Württemberg. Nachrichtenblatt der Landesdenkmalpflege 30.4, 2001, S. 166–175 (Digitalisat). Der erste Thermalbau stammt aus der zweiten Hälfte des ersten Jahrhunderts und war spiegelbildlich symmetrisch entlang einer Nord-Süd-Achse angelegt und besaß zwei Baderäume mit jeweils einem etwa 60 m² großen Badebecken (Piscina) von ungefähr einem Meter Tiefe und kleineren Becken an den Wänden. Westlich beziehungsweise östlich der beiden Baderäume befanden sich die Apodyteria (Umkleideräume) mit halbrunden Apsiden an der Nord- und Südfront sowie Fußbecken nahe der Türen. Durch diese Aufteilung war es möglich, dass Männer und Frauen gleichzeitig und dennoch getrennt baden konnten. In den Apsiden waren vermutlich Standbilder aufgestellt und von dort stammt wohl auch der Altar für Diana-Abnoba:HD001803 = Lupa 8307Rainer Wiegels: Die Inschrift auf dem Diana-Abnoba-Altar aus Badenweiler. In: Antike Welt 13, 1982, Heft 4, S. 41–13.
Ferner wurde ein weiteres Sandsteinbruchstück mit dem Inschriftenfragment -----?] DIA[nae ---] [------? geborgen. = HD036905
Nördlich der Baderäume lag der sogenannte „Nordvorbau“, den Mylius als Basilica thermarum interpretierte, eine Wandelhalle, die auch von Norden her zugänglich war und über deren seitliche Treppenhäuser man auf das Dach gelangen konnte. Die Piscinae, die kleineren Becken, sowie der Boden und die Sockelzone der Räume waren mit fein geschliffenem Opus signinum (wasserdichter Verputz) versehen. Die oberen Wandbereiche der rund zwölf Meter hohen Räume waren verputzt und bemalt.Meinrad N. Filgis: Römische Badruine Badenweiler. Historische Wurzeln des Kurortes neu präsentiert. In: Denkmalpflege in Baden-Württemberg 30, 2001, Heft 4, S. 166–175 (Digitalisat). Die Thermalquelle, deren Temperatur heute 26,4 °C beträgt, muss in römischer Zeit noch deutlich wärmer gewesen sein, da in dieser Bauphase auf die Installation zusätzlicher Praefurnia (Heizanlagen) verzichtet wurde.Meinrad N. Filgis: War das Thermalwasser von Badenweiler in römischer Zeit wärmer als heute? Schlussfolgerungen aus Baubefunden der römischen Heilthermen von Badenweiler. In: Caroline Jäger-Klein, Andreas Kolbitsch, Friedmund Hueber: Fabrica et ratiocinatio in Architektur, Bauforschung und Denkmalpflege. Festschrift für Friedmund Hueber zum 70. Geburtstag. Neuer Wissenschaftlicher Verlag, Wien 2011, ISBN 978-3-7083-0757-2, S. 217–223. Sie liefert (aktuell) rund eine Million Liter Thermalwasser pro Tag.Werner Heinz: Die römische Thermenruine von Badenweiler und die Probleme ihrer Konservierung. In: Denkmalpflege in Baden-Württemberg, 8. Jahrgang, 1979, Heft 4, S. 165–169 (Digitalisat).Meinrad N. Filgis: Badenweiler (FR). Heilthermen. In: Dieter Planck (Hrsg.): Die Römer in Baden-Württemberg. Römerstätten und Museen von Aalen bis Zwiefalten. Theiss, Stuttgart 2005, ISBN 3-8062-1555-3, S. 34 f.
Anfang des zweiten Jahrhunderts wurden die Thermen, nachdem durch eine Bodensenkung Schäden aufgetreten waren, aber wohl auch wegen einer gestiegenen Nachfrage, durch eine größere Anlage mit umfangreichen Veränderungen ersetzt. Der „Nordvorbau“ wurde zurückgebaut und zu einem weiteren Badebereich umgewandelt. Dieser wurde durch ein zentrales Praefurnium beheizt, zu dessen Seiten sich zwei Sudatoria (Schwitzräume) befanden, die ihrerseits mit zwei runden Frigidaria mit entsprechenden kleinen Piscinae verbunden waren. Die ehemaligen beiden Apodyteria wurden in weitere Baderäume umgewandelt und mit jeweils einer weiteren, rund 85 m² großen Piscina versehen. Im Westen und Osten wurde die Anlage um zwei zusätzliche, beheizbare Apodyteria ergänzt. Zusätzlich erhielt sie auf beiden Seiten jeweils einen großen teilüberdachten Hof, der vermutlich als Palaestra für gymnastische und andere sportliche Übungen sowie Spiele genutzt wurde. Alle Badebecken, deren Umgänge und die Wandsockel sowie die Wannenbäder erhielten eine Verkleidung aus geschliffenen Kalksteinplatten. Die höheren Wandflächen waren wieder verputzt und mit Streifenmalerei dekoriert. Auch in dieser Bauphase erhielten die großen Baderäume keine separaten Praefurnia, sondern müssen durch das Thermalwasser allein, bestenfalls ergänzt durch Holzkohlebecken temperiert worden sein.
Die südliche Fassade der Thermen wies eine repräsentative architektonische Gestaltung auf. Vorspringende rechteckige Wandnischen und Apsiden, sowie darüber befindliche große, verglaste Fenster gliederten die Schaufassade. Davor erstreckte sich eine ebene, wahrscheinlich gepflasterte Freifläche etwa acht Metern Breite. Die Nordfassade hingegen erfüllte mit Stützpfeilern und bis zu 3 m hohen Böschungen zur Stabilisierung sowie den Abflüssen der Entwässerungsleitungen primär funktionale Aufgaben und war die weniger attraktive Seite.