Gerlach & Wiedling war ein österreichischer Buch- und Künstlerverlag mit Sitz in Wien, der von 1872 bis 1976 bestand und sich auf kunstgewerbliche und kunsthistorische Publikationen spezialisierte. Der Verlag zählte zu den bedeutendsten Kunstverlagen der Wiener Jahrhundertwende und der Zwischenkriegszeit.

Geschichte

Gründung und frühe Jahre (1872–1882) Am 1. April 1872 gründete Martin Gerlach senior (1846–1918), ein deutsch-österreichischer Ziseleur, Graveur und Fotograf, in Berlin eine Verlagsbuchhandlung. Das Programm konzentrierte sich von Beginn an auf kunstgewerbliche Veröffentlichungen, darunter die Fachzeitschrift Die Perle. 1874 verlegte Gerlach den Firmensitz nach Wien, wo er unter der Bezeichnung Martin Gerlach und Co. in Kooperation mit Ferdinand Schenk produzierte. Ab 1882 firmierte das Unternehmen als Gerlach und Schenk.

Ebenfalls im Mai 1882 kam Albert Wiedling (1859–1923) nach Wien und trat als Gehilfe in die Firma ein. Bis 1895 arbeitete er sich zum Prokuristen empor.

Dank der technisch außergewöhnlichen Ausstattung ihrer Bücher erlangte die Firma rasch Beachtung und Anerkennung im In- und Ausland.

Umbenennung und Blütezeit (1901–1918) Als Ferdinand Schenk im Oktober 1901 mit dem Verlag für Kunst und Gewerbe eine eigene Firma gründete, wurde Wiedling Teilhaber der Firma Martin Gerlach und Co. Im Jahr 1904 erfolgte die Umbenennung in Gerlach & Wiedling.

Der Kunstschriftsteller Joseph August Lux bezeichnete Martin Gerlach als einen „Führer der Moderne“. Gerlach entdeckte zahlreiche Talente und gewann namhafte Künstler für eine Zusammenarbeit mit dem Verlag, darunter:

Carl Otto Czeschka Ernst Klimt der Jüngere|Ernst Klimt Gustav Klimt Heinrich Lefler Koloman Moser|Kolo Moser Ferdinand Schmutzer William Unger

Nach der Jahrhundertwende erweiterte der Verlag sein Programm: Ab 1901 erschien eine eigene Kinderbücherserie. Die Firma wurde zudem Kommissionsverlag der Gemeinde Wien und brachte in diesem Rahmen zahlreiche Werke mit Wiener Themen heraus, darunter:

Technischer Führer durch Wien von Martin Paul Wien am Anfang des XX. Jahrhunderts von Paul Kortz Historischer Atlas des Wiener Stadtbildes von Max Eisler Wiener Lieder und Tänze

Mit Unterstützung der Gemeinde Wien wurde außerdem die große kritische Grillparzer-Ausgabe herausgebracht.

Zwischenkriegszeit (1918–1938) Nach dem Tod von Martin Gerlach (1918) und Albert Wiedling (1923) führten deren Söhne Franz Gerlach und Walter Wiedling die Firma im Sinne der Tradition weiter. 1921 wurde der Deutsche Verlag für Jugend und Volk gegründet, mit dem eine enge Union bestand. Walter Wiedling brachte dabei aus Gerlach & Wiedling die ab etwa 1900 erscheinenden Volksschatzbände (eine literarische Schul- und Hausbücherei) sowie Gerlachs Jugendbücherei ein. Wiedling stellte den neuen Verlag in den Dienst der Wiener Schulreform unter Otto Glöckel.

Nach dem Ersten Weltkrieg kamen auch Heimatbücher zu den Wiener Bezirken (Landstraße, Wieden, Mariahilf) hinzu.

Niedergang und Ende (1945–1976) Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Verlagsproduktion Ende 1945 wieder aufgenommen, musste jedoch in den 1950er Jahren gänzlich eingestellt werden. 1947 feierte der Verlag sein 75-jähriges Bestehen mit einer kleinen Festschrift. Das 100-jährige Jubiläum erlebte der Verlag nur knapp: 1972 erwarb Hermann Waldbauer die Firma, legte aber 1976 das Gewerbe zurück. Damit endete die über hundertjährige Geschichte des Verlags.

Adressen Der Verlag war in Wien an folgenden Adressen ansässig:

1., Elisabethstraße 13 9., Währinger Straße 50 (ab 1905)

Bedeutung Gerlach & Wiedling zählte zu den prägenden Kunstverlagen des Jugendstils und der Wiener Moderne. Durch die Zusammenarbeit mit Künstlern der Wiener Secession und des Kunstgewerbes sowie durch die qualitätvolle buchkünstlerische Gestaltung leistete der Verlag einen wichtigen Beitrag zur österreichischen Kulturgeschichte des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Das umfangreiche Fotoarchiv der Firma, das Stadtbilder und Baugeschehen Wiens zwischen 1925 und 1972 dokumentiert, wird heute im Wiener Stadt- und Landesarchiv verwahrt.

Firmengeschichte (Übersicht) ZeitraumFirmenbezeichnung1872–1874Martin Gerlach (Berlin)1874–1882Martin Gerlach und Co. (Wien)1882–1901Gerlach und Schenk1901–1904Martin Gerlach und Co. (mit Wiedling als Teilhaber)1904–1972Gerlach & Wiedling1972–1976Gerlach & Wiedling (Inhaber: Hermann Waldbauer)

Ausgewählte Publikationen

Die Perle (kunstgewerbliche Zeitschrift, ab 1872) Technischer Führer durch Wien (Martin Paul) Wien am Anfang des XX. Jahrhunderts (Paul Kortz) Historischer Atlas des Wiener Stadtbildes (Max Eisler) Wiener Lieder und Tänze Grillparzer-Ausgabe (kritische Gesamtausgabe, mit Unterstützung der Gemeinde Wien) Gerlachs Jugendbücherei (Reihe) Volksschatzbände – Eine literarische Schul- und Hausbücherei (Reihe)

Literatur

Felix Czeike: Historisches Lexikon Wien. Wien 1992–2004. Murray G. Hall: Österreichische Verlagsgeschichte 1918–1938. Band 1: Belletristische Verlage der Ersten Republik. Böhlau, Wien/Graz/Köln 1985. Wolfgang Mayer: Wien im Spiegel des Fotoarchivs Gerlach. Stadtbild und Baugeschehen 1925–1972. Stadt- und Landesarchiv, Wien 1990 (Veröffentlichungen des Wiener Stadt- und Landesarchivs, Reihe B: Ausstellungskataloge, 28).

Einzelnachweise

Kategorie:Verlag (Wien) Kategorie:Unternehmensgründung 1872 Kategorie:Aufgelöst 1976