Die acht in diesem Artikel behandelten Heiligenbildnisse sind in Öl auf Pappelholz ausgeführte Gemälde des italienischen Renaissancemalers Pietro Perugino (* um 1450; † 1523) und seiner Werkstatt. Sie entstanden zwischen 1496 und 1499 als Teil des San-Pietro-Polyptychons (fr. Polyptyque de Saint Pierre, it. Polittico di San Pietro), eines im Laufe der Zeit in seine einzelnen Elemente zerlegten monumentalen Altarretabels für die Basilika San Pietro in Perugia.

Im Einzelnen stellen die kleinen Tafeln folgende Heilige dar (in alphabetischer Reihenfolge): Hl. Benedikt von Nursia (it. San Benedetto di Norcia) Hl. Constantius (it. San Costanzo) Hl. Herculanus (it. Sant’Ercolano) Hl. Justina / hl. Flavia (?) (it. Santa Giustina / Santa Flavia) Hl. Maurus (it. San Mauro) Hl. Petrus Vincioli (it. San Pietro Vincioli) Hl. Placidus (it. San Placido) Hl. Scholastica (it. Santa Scolastica)

Drei der Tafeln (Benedikt, Justina / Flavia sowie Placidus) befinden sich in der Pinacoteca Vaticana in Rom, die übrigen fünf in der Sakristei der Basilika San Pietro in Perugia.

Elemente des San-Pietro-Polyptychons Die große Haupttafel des Altarwerkes stellt die Himmelfahrt Christi dar; zusammen mit der darüber befindlichen Lünette mit Gottvater befindet sie sich heute im Musée des Beaux-Arts in Lyon. Zwei Tondi mit Bildnissen der Propheten David und Jesaja sind im Musée des Beaux-Arts in Nantes ausgestellt. Die Predella setzte sich aus drei narrativen Bildern mit der Anbetung der Könige, der Auferstehung Christi und der Taufe Christi zusammen, die im Musée des Beaux-Arts in Rouen aufbewahrt werden. Ebenfalls zur Predella gehörten die acht hier behandelten kleinen Heiligenbildnisse, die zwischen der Pinacoteca Vaticana in Rom und der Sakristei von San Pietro in Perugia aufgeteilt sind.

Da die hölzerne Rahmenkonstruktion nicht mehr existiert und auch keine zeitgenössischen Skizzen oder Zeichnungen dazu vorliegen, ist eine völlig exakte Rekonstruktion des ursprünglichen Altarwerks nicht möglich. Insbesondere die Anordnung der Heiligenbildnisse in der Predella sowie die räumliche und konstruktive Beziehung der Prophetentondi zum Retabel sind weiterhin Gegenstand des kunstwissenschaftlichen Diskurses.

Die weiteren Elemente des Altarwerks werden in vier separaten Artikeln behandelt: San-Pietro-Polyptychon – Haupttafel und Lünette San-Pietro-Polyptychon – Zwei Prophetentondi San-Pietro-Polyptychon – Drei Szenen aus dem Leben Christi San-Pietro-Polyptychon (der übergeordnete Hauptartikel, der das Retabel als Ganzes behandelt mit einer detaillierten Chronologie, der theologischen Deutung sowie einer Darstellung heutiger Rekonstruktionsvorschläge für das Altarwerk)

Heiligenbildnisse in der Predella Die acht Heiligenbildnisse sind in Tempera auf Holzpaneel gefertigt. Sie haben ähnliche Maße, die in der Übersichtstabelle angegeben werden. Fünf von ihnen – Constantius, Herculanus, Maurus, Petrus Vincioli und Scholastica – befinden sich in der Sakristei der Basilika San Pietro (BSP) in Perugia, die drei übrigen in der Pinacoteca Vaticana (PV) in Rom. Die Heiligen werden jeweils als Halbfigur meist vor einer Brüstung und dahinter einem dunkelblauen oder schwarzen Hintergrund gezeigt. Bei den meisten Bildnissen geht man davon aus, dass sie von Werkstattmitarbeitern Peruginos angefertigt wurden. Da die Debatte über ihre ursprüngliche Reihenfolge in der Predella nicht abgeschlossen scheint, werden sie hier alphabetisch geordnet.

Hl. Benedikt mini|Hl. Benedikt, Vatikan

Der hl. Benedikt von Nursia (* um 480, † 547) war der Gründer des Benediktinerordens und gilt als Vater des abendländischen Mönchtums. Seine Ordensregel fand eminente Verbreitung.

Perugino stellt Benedikt als älteren Mann mit einem langen zweigeteilten Bart dar. In der linken Hand hält er ein Buch, in der rechten ein Rutenbündel. Beide Heiligenattribute verweisen auf sein Wirken: Im Buch sind die Ordensregeln niedergeschrieben, während das Rutenbündel als Symbol für die mönchische Disziplin in seinem Orden steht. Gekleidet ist er in den schwarzen Benediktinerhabit mit über den Kopf gezogener Kapuze. Die Farbwahl entspricht der üblichen ikonographischen Darstellung, wenn er gemeinsam mit seinen Schülern Maurus und Placidus gezeigt wird.

Fabio Piacentini und Paolo Violini lieferten 2023 einen detaillierten Bericht über den Erhaltungszustand der drei in den Vatikanischen Museen aufbewahrten Heiligenbildnisse (Benedikt, Justina / Flavia, Placidus). Für das Bildnis des hl. Benedikt ergab sich dabei folgender technischer Befund:

Die Tafel ist auf allen vier Seiten beschnitten. Das Paneel wurde in der Stärke auf 21 bis 25 mm reduziert, worauf sichtbare Gänge holzfressender Insekten hinweisen. Röntgenaufnahmen belegen das Vorhandensein einer Leinwandkaschierung (das Überkleben des Holzträgers mit Leinenstoff zur Rissvorbeugung), die vor allem am rechten Rand gut identifizierbar ist. Nach dem Festlegen der Konturen mittels einer mit dem Pinsel ausgeführten Vorzeichnung füllte der Maler den Hintergrund mit breiten Pinselstrichen einer halbtransparenten schwarzen Grundierung aus. Diese wurde nach der Ausführung der Figur durch den Auftrag von Azurit vervollständigt. Abschließend wurden feine Details ausgearbeitet wie die feinen weißen Linien, die die Balustrade und den unteren Rand begrenzen; am oberen Rand ist entsprechend eine schwarze Linie angebracht. Zusammen deuten diese Linien den Lichteinfall an und definieren gleichzeitig den Bildraum für die Figur. Der Abstand zwischen den beiden horizontalen Begrenzungslinien beträgt 30,7 cm.

Hl. Constantius mini|Hl. Constantius, Perugia Der hl. Constantius wird traditionell als erster Bischof von Perugia genannt. Er soll unter Mark Aurel im Jahre 173 hingerichtet worden sein und gilt als Schutzheiliger der Stadt.

Constantius wird im bischöflichen Ornat mit Mitra dargestellt, den Hirtenstab in seiner Linken und ein geschlossenes Buch in seiner Rechten haltend. Er trägt eine weiße Albe und darüber einen mit einer Brosche zusammengehaltenen Umhang mit breitem braunen Saum. Die Innenseite des Umhangs, dessen hinteres Ende über Constantius’ rechter Schulter liegt, ist mit einem glänzenden roten Stoff gefüttert. Der Blick des Heiligen ist sinnend am Betrachter vorbei nach vorne gerichtet. Sein Heiligenschein ist als perspektivisch verkürzter goldfarbener Kreisring dargestellt, in den Punkte derselben Farbe gesetzt sind.

Adolfo Venturi stufte das Bild als reine Werkstattarbeit ein. Pietro Scarpellini sah hingegen darin eine bemerkenswerte Charakterisierung der Gesichtszüge, merkte aber an, dass die Farbgebung düsterer sei, als es dem Stil Peruginos entspricht. Er vermutete daher, das Bild sei unter Verwendung eines Kartons (Vorzeichnung) Peruginos von dessen Schüler Giannicola di Paolo (* um 1460; † 1544) ausgeführt worden.

Das Gemälde wurde lange Zeit für eine Darstellung des hl. Herculanus gehalten, während sein Pendant Constantius zugeordnet war. Laura Teza verweist auf eine Untersuchung von Francesco Piagnani aus dem Jahr 2017. Piagnini konnte die Identität als Constantius absichern, indem er einen Stich auf dem Frontispiz des Werkes Atti di S. Costanzo vescovo e martire di Perugia („Taten des hl. Constantius, Bischof und Märtyrer von Perugia“) von Cesare Brancadoro aus dem Jahr 1803 heranzog, der eindeutig auf Peruginos hier behandeltes Gemälde zurückzuführen ist.

Hl. Herculanus mini|Hl. Herculanus, Perugia Der hl. Herculanus war in der Zeit der Gotenkriege, einige Jahrhunderte nach Constantius, Bischof von Perugia. Er soll nach der Eroberung der Stadt durch die Ostgoten von deren König Totila zwischen 547 und 549 getötet worden sein. Der Kirchenhistoriker Ferdinando Ughelli nennt hingegen 544, 546, 550 oder 561 als mögliche Todesjahre. Der Kirchenvater Gregor der Große berichtet, dass man Herculanus bei seiner Exhumierung 40 Tage nach seinem Martyrium durch Enthauptung mit vollkommen unversehrtem Leib aufgefunden habe. Er gilt als weiterer Schutzheiliger Perugias.

Wie Constantius wird er mit einer Mitra und einem unter den linken Arm geklemmtem Hirtenstab dargestellt. Er ist in ein Buch vertieft, das er mit beiden Händen auf Brusthöhe vor sich hält. Seine Kleidung entspricht im Typus der seines Amtsvorgängers, jedoch wählte der Maler eine andere Farbgebung: Der Umhang ist hier rot mit grünem Saum und blauem Innenfutter. Insgesamt weist die Darstellung große Ähnlichkeiten mit der des Constantius auf.

Scarpellini verweist auf die Anmerkungen zum vorherigen Bild; der hl. Herculanus weise eine „schwerfälligere“ (più pesante) Ausführung auf, als sie Peruginos eigenhändigem Stil entspricht.

Das Gemälde wurde lange Zeit für eine Darstellung des hl. Constantius gehalten, während sein Pendant Herculanus zugeordnet war. In der neueren Forschung wird diese Zuordnung als fehlerhaft bewertet. Als Beleg wird neben dem oben erwähnten Frontispiz von 1803 der ikonographische Vergleich mit der Figur rechts im Vordergrund aus der in den 1480er Jahren entstandenen Pala di Sant’Onofrio von Luca Signorelli (*um 1450; † 1523) angeführt, die den Herculanus darstellt, der ebenfalls in die Lektüre eines Buches vertieft ist.

Hl. Justina / Hl. Flavia? mini|Hl. Justina / Hl. Flavia?, Vatikan Die hl. Justina von Padua soll im Jahr 305 während der Diokletianischen Christenverfolgung den Tod durch Enthauptung gefunden haben. Ihre Bedeutung für San Pietro ergab sich dadurch, dass die über ihrer Begräbnisstätte errichtete Basilika Santa Giustina in Padua zu Beginn des 15. Jahrhunderts zum Ausgangspunkt weitreichender Reformen des Benediktinerordens wurde. Diese führten zur Gründung der unter ihrem Patrozinium stehenden Kongregation von Santa Giustina (die heutige Cassinensische Kongregation), der sich die Benediktinerabtei von San Pietro im Jahre 1436 anschloss. Die Abbildung der hl. Justina auf dem Altarbild von San Pietro wäre ein deutliches Bekenntnis zu dieser Reformkongregation.

Lange Zeit hielt man das Bildnis jedoch für eine Darstellung der hl. Flavia (so etwa Scarpellini 1984), die in Bildzyklen des Benediktinerordens häufig auftritt. Sie war eine Schwester des Placidus, dessen Bildnis weiter unten besprochen wird, und wurde mit diesem zusammen getötet. Als ihre Attribute werden Krone und Palme des Märtyrertums genannt. Doch sind dies auch Attribute der Justina. Zwar wurde Letztere seit dem 15. Jahrhundert (wahrscheinlich ab 1470) im Zuge der Paduaner Reformen vermehrt mit dem Schwert als Werkzeug ihrer Hinrichtung abgebildet, das gegen Ende des 15. Jahrhunderts ihr offizielles Attribut wurde. Dennoch schließt Donato Ogliari nicht aus, dass Perugino Justina hier nach dem älteren Muster ohne Schwert darstellte, da nicht bekannt ist, wann das neue ikonographische Schema offiziellen Einzug in die Kongregation hielt. Auch Teza spricht sich für die Identifizierung der Heiligen als Justina aus. Ungeachtet dessen wird die traditionelle Identifizierung der abgebildeten Heiligen mit der hl. Flavia in Teilen der Kunstwissenschaft weiterhin vertreten. Dieser Artikel verzichtet rein aus Gründen der Lesbarkeit auf die permanente Doppelnennung und verwendet die Bezeichnung Justina, ohne damit in der Debatte Stellung zu beziehen.