Paul Reich (eigentlich Paul Carl ReichTodesanzeige Carl Paul Reich. Herausgeber: Bestattung Narobe Tamsweg, 15. Juni 2009. Privatbesitz., * 3. September 1925 in Aue (Sachsen); † 10. Juni 2009(r[ainer]v[ogt]/StN): Reichs Tanz mit dem Licht. In Stuttgarter Nachrichten, Nr. 145, 27. Juni 2009, S. 27. in Tamsweg, Land Salzburg) war ein deutscher Bildhauer. Bekannt wurde er mit seinen Unikat-Bronzeplastiken (1957–1960), den aus der Materialtrias Stein-Metall-Glas entwickelten Lichtplastiken (Lichttoren, Lichtschachs) (1960–1984), Architekturplastiken (1964–1984) sowie mit seinen funktionellen Multiples (Raumschach, Zahlenkipp) (1968/69).
Leben und Wirken
Frühe Jahre und Studium Paul Reich wurde am 3. September 1925 als Sohn des Werkmeisters Emil Reich und seiner Frau Lina im sächsischen Aue geboren. Zu seinen Vorfahren zählten Steinbruchbesitzer in Aue. Nach einer Lehre als technischer Zeichner begann er 1942 ein Fachschulstudium, das er 1943 wegen der Einziehung zum Reichsarbeitsdienst nicht abschließen konnte. Reich meldete sich im Zweiten Weltkrieg als Freiwilliger zu den Fallschirmjägern und war bis zum Kriegsende in Russland und in Italien, dort bei den Kämpfen am Monte Cassino, im Einsatz. 1945 geriet er in amerikanische Gefangenschaft, aus der er Ende desselben Jahres entlassen wurde. Seine Mutter war während des Krieges gestorben, seinen Vater hatte er bereits im Alter von 15 Jahren verloren. Er hatte noch eine jüngere Schwester.Biographische Daten wie auch sämtliche inhaltlichen Angaben dieses Artikels stützen sich auf: Wolfgang Kermer: Paul. Erinnerungen an einen Bildhauer: Paul Reich zum 100. Geburtstag am 3. September 2025. Privatdruck, Kusel 2025.
Von 1946 bis 1947 absolvierte Reich die Lehrerbildungsanstalt in Aue und war anschließend als Grundschullehrer in Alberoda beschäftigt. Künstlerisch betätigte er sich erfolgreich als Holzbildhauer in der Tradition erzgebirgischer Bildschnitzerei. So erhielt er für die bei der Leistungsschau der erzgebirgischen Holzschnitzer im Rahmen der Dresdener Weihnachtsausstellung 1947 gezeigte realistische Schnitzgruppe “Der letzte Zug”Die Schnitzgruppe, die zwei Spieler am Schachbrett darstellt, ist überliefert. Lange Zeit stand sie unerkannt im Schnitzmuseum Jahnsbach im Erzgebirge, bis der Kunsthistoriker Wolfgang Kermer die Museumsleitung 2016 auf den Urheber des Werks aufmerksam machte. 1948 den Ersten Preis aus der Stiftung des Ministerpräsidenten des Landes Sachsen.Urkunde in Fotokopie in Privatbesitz im Nachlass Paul Reich/Gröbendorf Mariapfarr im Lungau. Es folgte die Anerkennung als freischaffender Künstler durch den Verband Bildender Künstler der sowjetischen Besatzungszone.
1950 wurde Reich Kunsterzieher am Gymnasium in Aue. Prägend für ihn war die Freundschaft mit dem Maler Otto Müller-Eibenstock, einem Bauhaus-Anhänger und mit Kurt Schwitters.Wolfgang Kermer: Paul: Erinnerungen an einen Bildhauer: Paul Reich zum 100. Geburtstag am 3. September 2025. Privatdruck, Kusel, 2025, S. 31. Seine Arbeiten wurden “freier und entfernten sich vom Realismus”. 1953 wurde er vom Berufsverand als 'Formalist' ausgeschlossen. Zudem musste er die Lehrtätigkeit am Gymnasium wegen politischer Schwierigkeiten beenden. 14 Tage nach seiner Verhaftung durch den SSD im Juli 1954 flüchtete er nach Westberlin. Von Oktober 1954 bis 1960 studierte er an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart Bildhauerei in der Fachklasse von Peter Otto Heim.Paul Reich: 25 Jahre bildnerische Problemideen. Werkmonographie und Ausstellungskatalog (Text und Werkverzeichnis bis 1979). Kunstverein Heilbronn, Kunsthalle in der Harmonie; erschienen zur Ausstellung 30. Juni bis 22. Juli 1979, o. P. Sein Studium finanzierte er anfänglich durch technisches Zeichnen, später mit einem Stipendium aus dem Härtefallfonds. Reich erlebte noch für ein Jahr Willi Baumeister als Professor an der Hochschule.
Bronzeplastiken (1957–1960), frühe Anerkennung Bedeutsam für Reichs künstlerische Anfänge wurde sein Praktikum in der Werkstatt für Bronzegießerei der Stuttgarter Akademie unter der Leitung des Gießermeisters und Fachlehrers Herbert Heinzel.Zu Heinzels Lehrprogramm siehe: Wolfgang Kermer (Hrsg.): Staatliche Akademie der Bildenden Künste Stuttgart - Die Werkstätten und ihre Lehrer. Stuttgart: Staatliche Akademie der Bildenden Künste Stuttgart, 1982. Ab 1957 verschrieb er sich dem Material Bronze mit Werken wie der „Raumspinne“ (1957) und der „Raupe“ (1957), nachdem er bis dahin noch mit farbigen abstrakten Gipsreliefs (Beispiele „Das Winken“ (1954), „Flügel im Raum“ (1955)) experimentiert hatte. Bis zum Ende seines Studiums arbeitete er in der Bronzegießerei der Akademie, wo er experimente und die Möglichkeiten des fließenden Metalls studierte. Inspirierend waren die Begegnungen mit Alfred Lörcher und mit seinen bereits ihre Werke ausstellenden Kommilitonen Otto Herbert Hajek und Emil Cimiotti. Bereits im Spätjahr 1958 zeigte die Staatsgalerie Stuttgart erste Beispiele von Reichs Arbeit, darunter die Plastiken T III/58 und KL/58, aus der Reihe der sechs in dieses Jahr zu datierenden Bronzen, alles Unikate, die er von nun an codeähnlich (und das gilt künftig für sämtliche seiner plastischen Werke) zu benennen begann.
Mit beginnendem überregionalem Erfolg erhielt er im Frühjahr 1959 einen der fünf gleichdotierten, von der hannoverschen Wirtschaft gestifteten Preise anlässlich der 120. Frühjahrsausstellung des Kunstvereins Hannover „Die neue Generation“, an der er mit einer rundplastischen Arbeit und zwei Reliefs teilnahm (KL/58, VA(R)/59, XX(R)/59)Die neue Generation. 120. Frühjahrsausstellung im Kunstverein Hannover vom 22. März bis 26. April 1959, Ausst.-Kat. Kunstverein Hannover, S. 49, Abb. S. 24 (Text: Albert Schulze-Vellinghausen); Beiblatt mit dem Verzeichnis der Preisträger. Noch im selben Jahr gab die Stuttgarter Galerie von Hans-Jürgen Müller einen Überblick über sämtliche bisher entstandene Arbeiten,Fritz Seitz: Ausstellungen in Stuttgart: zu Bronzen Paul Reichs in der Galerie Müller. In: Das Kunstwerk, 8/XIII, Februar 1960, S. 36–37. an die 20 rundplastische Gebilde und Reliefs kleiner bis mittlerer Größe, bizarre, fragile Inventionen mit feinsten Verästelungen und riskanten Überschneidungen, Klüftungen und Höhlungen, deren Ausführung in Bronze (einmal auch in Argentan) höchste Anforderungen stellte.Über die Heinzel-Werkstatt und Reichs dortige Tätigkeit: Annegret Kehrbaum und Veronika Wiegartz: Cire perdue: Neue Formkonzepte des Plastischen Informel um 1960. In: Magdalena Bushart, Henrike Haug (Hrsg.): Formlos - formbar: Bronze als künstlerisches Material. Köln, Weimar, Wien: Böhlau Verlag 2016 (= Magdalena Bushart und Henrike Haug (Hrsg.): Interdependenzen: Die Künste und ihre Techniken, Bd. 2), S. 237–266, hier S. 248–250 m. Abb. (So I/60, 1960, Bronze). In Ausstellungsrezensionen wird Reich verschiedentlich dem “Informel” zugerechnet. Doch was die Werke seiner “Frühzeit” betrifft, “war dies”, wie er 1979 rückblickend unterstrich, “keine 'informelle Formgebung', wie in Kritiken und Büchern zu lesen ist, sondern es sind streng tektonische Konstellationen und Lagerungen, mit einem durchdacht gegliederten Strukturgefüge.”
„Lichtplastiken“ (ab 1960) Reich wandte sich nach der Bronzeplastik “So I/60” im Jahr 1960 von dieser Technik ab. Gestalterisch war, wie er sagte, “das 'Letzte'” erreicht, “die Schranke der Entmaterialisierung, der räumlichen Sensibilisierung vom Material her, dem Bronzeguß, dem technischen Prozeß der sensiblen Lagerung zum geöffneten Raum hin”. Nach dem Umzug in ein Siedlungshaus in Renningen war er ab 1960 freischaffend tätig. Die folgenden “Lichtplastiken” integrierten verschiedene Materialien wie Metall, Stein (Kunststein) und Glas (Plexiglas). Rund 70 Werke, darunter auch monumentale Architekturplastiken, führte er bis zum Ende seines bildhauerischen Schaffens Mitte der 1980er Jahre in diesen Materialien aus. Sie stellen den Großteil seines im Verlauf von 30 Schaffensjahren entstandenen Gesamtwerks dar, das zusammen mit den Bronzen kaum mehr als 100 Plastiken umfasst und keine Wiederholungen, kaum Zeichnungen mit Bildanspruch, auch keine Druckgrafik kennt. Hilfskräfte im Sinne von Ateliergehilfen beschäftigte er nie. Er ließ sich lediglich von seiner Frau Erika Reich assistieren.
1961 zeigte Reich seine neuesten Werke, wie schon zuvor seine Bronzen, erstmals wiederum bei Hans-Jürgen Müller in Stuttgart, darunter die zeitlich an den Anfang zu stellende “Lichtplastik” (fr.so./60). Die provokante Neuartigkeit der Exponate wurde kontrovers diskutiert. Kurt Leonhard sah dagegen Reichs “Plastik auf neuen Wegen”, verfolgte die arbeitsmäßige Entwicklung und nachfolgenden Ausstellungsauftritte, um 1963 in der Zeitschrift Das Kunstwerk die Neuartigkeit des Reichschen Schaffens zu würdigen: “Soweit ich sehen kann, ist es dem jungen Bildhauer Paul Reich zum erstenmal gelungen, ein Materialproblem zu bewältigen, dessen Lösungen uns in der anderen Raumkunst - der Architektur - bereits alltäglich geworden sind. Was andere Künstler nur in partiellen Realisierungen oder mit unbefriedigendem Erfolge versucht hatten […], das erreichte er nach Jahren zäher Arbeit in vollem Umfang der gestellten Aufgabe: die scheinbar unvereinbaren Materialien Stein, Metall, Glas ohne Diskrepanz in einheitlich wirkenden Gebilden zu verbinden.”Kurt Leonhard: Raumerlebnis als Materialproblem: zur Plastik von Paul Reich. In: Das Kunstwerk 1/XVII, Juli 1963, S. 6–13.
Ab 1974 führte er außerdem Entwürfe für die von seiner Frau Erika Reich in erzgebirgischer Tradition ausgeführte “bildnerische Klöppelei” (Paul Reich) aus.
Architekturplastik (Werke im öffentlichen Raum) Die erste der Großplastiken, die Reich ab 1964 ausführte, war “Lichttor” für Leverkusen-Alkenrath, wegen deren Umfang er ins Freie ausweichen musste. Weiter sind die in jahrelanger Arbeit geschaffenen und 1978 vollendeten konstruktivistischen Wasserspiele am Eingang zum Universitätsinstitut für Siedlungswasserbau und Wassergütewirtschaft bei Stuttgart-Büsnau zu nennen, wie auch “Wasserharfe” (Brunnengestaltung) für ein Böblinger Altenheim (1979). Mit einer Brunnen- und Hofgestaltung für die Fachhochschule Heilbronn schloss Reich seine öffentlichen Aufträge ab.
Entwicklung von Spielgeräten Ende der 1960er Jahre beschäftigte sich Reich mit Spieltheorien und bildnerischen Denkmodellen. Er schuf zwei Spielgeräte, „funktionelle Multiples“, die er „Raumschach“ und „Zahlenkipp“ nannte. Die Heidelberger Galerie Rothe stellte 1970 diese Spielgeräte in einer Ausstellung vor und veranlasste die Drucklegung der Spielregeln. Für einen internationalen Auftritt der Spielgeräte sorgte im selben Jahr die 35. Biennale von Venedig mit dem von Biennale-Direktor Umbro Apollonio und Dietrich Mahlow kuratierten “Vorschlag für eine experimentelle Ausstellung”, einer Sonderschau, die als “Lehr- und Anregungsschau” (Der Spiegel) mit Kunst von der historischen Avantgarde bis zu den neuesten Entwicklungen in den Dialog mit der Öffentlichkeit trat. Nur zwei bis drei Exemplare von jedem der Spielgeräte wurden von Paul und Erika Reich handgefertigt; über Prototypen, die nur noch einmal bei der enzyklopädischen “Multiples”-Schau 1971 in Philadelphia in Erscheinung traten, kamen die Spiele nicht hinaus.
Beendigung bildhauerischen Arbeitens: Paläontologische Forschungen