mini|Harry Fett (1875–1962)Foto ca. 1935 Harry Per Fett (* 8. September 1875 in Christiania (Oslo); † 13. September 1962 in Oslo) war ein norwegischer Kunst- und Kulturhistoriker, Denkmalpfleger, Publizist und Fabrikant. Er forschte und veröffentlichte über norwegische Kunst, vor allem des Mittelalters. Seine Hauptwerke behandeln die Geschichte der Malerei und der Kirchenarchitektur. Nachdem er zehn Jahre als Kurator im Norsk Folkemuseum gearbeitet hatte, wurde er 1913 zum Riksantikvaren berufen, den Leiter des neu gegründeten staatlichen Denkmalamtes. In dieser Position, die er bis zu seiner Pensionierung 1946 ausübte, etablierte er die öffentliche Denkmalpflege in Norwegen, bewirkte das Denkmalschutzgesetz von 1920 und organisierte den Erhalt historischer Bauensembles wie der Festung Akershus und des Stadtteils Bryggen in Bergen.
Seine zahlreichen Schriften behandeln in späteren Jahren oft kulturgeschichtliche Themen und betonen die Einbindung der norwegischen Kultur in die gesamteuropäische Entwicklung. Sie heben den Wert der nachmittelalterlichen Kunst hervor, die – unter dänischer Fremdherrschaft entstanden – von Fetts Zeitgenossen als unnorwegisch abgelehnt wurde.
Harry Fett gründete die intellektuelle Kulturzeitschrift Kunst og Kultur und als Instrument der Volksbildung den Verein Kunst am Arbeitsplatz. Nach dem Tode seines Vaters übernahm er den Familienbetrieb Eduard Fett & Co, der in der Herstellung von Dachpappe zeitweise bis zu 200 Mitarbeiter beschäftigte. Harry Fett war eine weltmännische Persönlichkeit, verkehrte in den höchsten Kreisen der Gesellschaft und war sehr redegewandt. Er veröffentlichte auch zwei Bände Memoiren.
Leben und Werk
Jugendlicher mini|Harry Fett als Student, Foto spätestens 1895 Harry Fett war das ältere Kind des Fabrikanten Frans Eduard Fett (1849–1911) und der Ester Carolina Emilia Fischer (1852–1933). Der Vater (er nannte sich meist nur Eduard Fett) stammte aus Hamburg, die Mutter aus Lidköping in Schweden. Als Harry geboren wurde, lebten seine Eltern in Kristiania in der Torvgade 13a. Später zog Familie Fett, zu der ab 1877 noch die Tochter Dagny gehörte, nach dem nahe gelegenen Asker und bewohnte die Villa Pynten.
Harry Fett „wuchs in einem Umfeld von Wohlstand und Kultur auf“ und wusste seine Startvorteile „mit zielstrebiger Sicherheit zu nutzen.“ Nach bestandenem Examen artium (1894) und Annenexamen (1895) brach er zu einer vierjährigen Studienreise auf, zunächst nach Straßburg, wo er vom deutschen Kunsthistoriker Wilhelm Vöge in die Bildhauerkunst des Mittelalters und der Renaissance eingeführt wurde. In München war Fett vom Archäologen Adolf Furtwängler tief beeindruckt und er übernahm dessen stilkritische Methode für seine spätere eigene Forschung.
Eine anschließende Rundreise durch Italien verschaffte Harry Fett nicht nur Kenntnise der Kunstgeschichte in direkter Anschauung, sondern er fand zu ihr auch einen eigenständigen mentalen Zugang: „Man wurde unbewusst zum Altertumsforscher, fand ganz mühelos einen kollegialen Umgang mit der Geschichte“, erinnerte er sich in seinen Memoiren 1949. (zitiert nach) Seine Vorstellung von Geschichte „als einem Bauwerk, an dem Generation um Generation weiterarbeitet“ und sein Vorhaben, bisher unbeachtete Perioden der norwegischen Kunst ans Licht zu bringen, entstanden während dieser Reisejahre.
Sekretär und Kurator mini|Gartenparty in Chistinedal: Von links: Schwiegervater Emil Ferdinand Rode, Braut Harriet Emilie, Mutter Ester Carolina, Harry Fett. Foto 1900 1899 kehrte Harry Fett nach Norwegen zurück und wurde sofort in der Öffentlichkeit bekannt, vor allem wegen seiner polemischen Zeitungsartikel gegen die Pläne zur Restaurierung des Schlosses Akershus. Die nachmittelalterlichen An- und Umbauten sollten entfernt und der sogenannte „ursprüngliche Zustand“ der alten Festungsanlage wiederhergestellt werden. Fett forderte vehement, „die Denkmäler der Vergangenheit so zu belassen, wie sie sind“. Die Debatte wurde von beiden Lagern mit bemerkenswerter Aggressivität geführt: Der Hauptakteur der Restaurierer, Fredrik Macody Lund, beschimpfte die Erhalter als „Läusebeine“ und „Arschkriecher“. Fett veröffentlichte einen satirischen Schlüsselroman auf Lund; das Buch wurde gerichtlich verboten und der Autor mit einer Geldstrafe belegt.
Der Vorstand des Vereins zur Erhaltung norwegischer Denkmäler (Foreningen til norske Fortidsminnesmerkers Bevaring, heute Fortidsminneforeningen) wurde auf den energischen angehenden Kunsthistoriker aufmerksam und stellte ihn als Sekretär ein. Noch im selben Jahr 1899 wurde auf Initiative des Architekten Herman Major Schirmer ein neuer Vorstand gewählt, der eine Neuausrichtung der Arbeit weg von den vorchristlichen Denkmälern hin zu jenen des Mittelalters und der Neuzeit beschloss. Das war ganz die Linie Fetts, der auf Exkursionen („mit Fahrrad und Fotoapparat“) Norwegens Kirchenkunst erforschte und katalogisierte. Er bekleidete das Amt des Sekretärs bis 1908.
In diesen Jahren entwickelte sich das Jahrbuch des Vereins zu einem bedeutenden Publikationsorgan für die norwegische Kulturgeschichtsforschung. Fetts erster Beitrag zum Jahrbuch erschien 1903 und war eine Abhandlung über mittelalterliche Siegel, die er nach Stilmerkmalen gruppierte und zeitlich einordnete. So bestimmte er den Ursprung eines Siegels, das 1536 verwendet worden war, auf die Zeit um 1300. Ein späterer Fund im Archiv bestätigte Fetts Datierung und bestärkte seinen Glauben an die stilkritische Analysemethode.
Im Jahr 1901 wurde Harry Fett von Hans Aall als Amanuensis (Kurator) am Norwegischen Volksmuseum (Norsk Folkemuseum) eingestellt. Dies geschah im Zusammenhang mit der ersten großen Ausstellung am neuen Museumsstandort Bygdøy. Zehn Jahre lang, bis 1911, wirkte Fett für das Folkemuseum; dabei „leistete er umfangreiche Arbeit“, organisierte Sonderausstellungen und verfasste die dazugehörigen Kataloge.
Diese Kataloge sind zeitüberdauernd relevant, da sie das jeweilige Thema (z. B. „Nationaltrachten“ (1903), „Musikinstrumente“ (1904), „Öfen“ (1905), „Bänke und Stühle“ (1907)) systematisch und auf wissenschaftlichem Niveau abhandeln. „Man könnte versucht sein, sie als Quellenmaterial für spätere Forschungen zu bezeichnen.“
Familienvater mini|In der Villa Pynten. Von links: Schwester Dagny (?), Harry Fett, Ehefrau Harriet Emilie, Mutter Ester Carolina. Foto 1905 Am 20. Mai 1903 heiratete Harry Fett die etwas jüngere Harriet Emilie Trepka Rode (* 27. Juli 1880 in Mosjøen (Nordland); † 27. Mai 1967 in Oslo), die Tochter des Arztes Emil Ferdinand Rode (1852–1929) und der Inga Marie Caroline Sundt (1853–1881). Die Trauung fand in der Dreifaltigkeitskirche in Kristiania statt. Die Schwiegereltern waren sehr wohlhabend. Fetts Biografin Aavitsland erwähnt, dass Harry Fett „lange Zeit“ vom Geld seiner Frau lebte, „wenn auch nicht ohne Scham“.
Dem Ehepaar wurden vier Kinder geboren: Hugo Emil Fett (1904–1993) arbeitete im Familienbetrieb und führte ihn nach dem Tod seines Vaters weiter. Per Harry Fett (1909–1996) wurde Archäologe und arbeitete für das Universitätsmuseum Bergen. Zehn Jahre später folgten noch die zwei Töchter Inga Marie Fett (1918–2012, verheiratete Gulseth) und Harriet Emilie Trepka Fett (1919–2006, verheiratete Flaatten).
Die Familie bewohnte eine elegante Mietwohnung in Skillebekk im Stadtteil Frogner, nämlich in der Svoldergaten 7 in der 4. Etage (was für 1909–1920 durch Meldedaten bezeugt wird). 1910 beschäftigte sie eine Köchin und ein Kindermädchen, nach zehn Jahren und zwei weiteren Kindern bereits vier Hausangestellte.
Trotz (oder wegen) seiner beruflichen Erfolge war Harry Fetts eheliches Glück nicht dauerhaft. Er war oft monatelang von seiner Familie getrennt, während er für seine Forschungen durch Europa reiste. Seine Ehefrau tat es ihm gleich, sie hielt sich gerne für lange Kuren im Ausland auf. Leidtragende der Abwesenheit ihrer Eltern waren die Kinder. „Die komplizierten familiären Verhältnisse wurden nicht besser dadurch, dass Fett eine Beziehung zu einer engen Freundin seiner Frau begann, während sie noch verheiratet waren.“ Die Ehe wurde, trotz jahrelanger Zerrüttung, erst 1946 geschieden.
Schriftsteller mini|Harry Fett auf der Gartentreppe in der Villa Pynten, Foto 1905 1908 trat Harry Fett als Sekretär des Fortidsminneforeningen zurück, blieb dem Verein aber weiterhin eng verbunden. Nachdem für Kristiania eine eigene Ortsgruppe gegründet worden war, leitete er diese 1909 bis 1911 als Vorsitzender. Anschließend war er zwei Jahre lang Mitglied des Vereinsvorstands.
Da es an der Universität in Kristiania zwar eine Professur, aber keinen Studiengang für Kunstgeschichte gab, war die einzige Möglichkeit, die Studien abzuschließen, die Promotion. Harry Fett wurde 1908 mit einer Dissertation über die Bildhauerkunst in Norwegen unter der Sverre-Dynastie (1177–1319) promoviert. Das Buch „bot mit seinen neuen Sichtweisen, seiner Lebendigkeit und seinen damals gewagten Behauptungen neue Einblicke in das Gebiet und vor allem: eine neue Grundlage für Diskussionen.“ Es stellte die polychromen Holzskulpturen aus den mittelalterlichen norwegischen Kirchen in einen gesamteuropäischen Kontext, mittels Argumenten und durch die reichlich beigegebenen Illustrationen. Erstmals wurden diese Skulpturen als Kunst gewürdigt und nicht nur als Erinnerungsstücke an die verflossene nationale Größe.
Fetts zweites großes Hauptwerk, Die norwegische Malerei im Mittelalter, erschien 1917. Auch hier wird die norwegische Kunst auf Augenhöhe mit der gesamteuropäischen Kunst abgehandelt und es wurden überraschende Zusammenhänge aufgedeckt. Ursprünglich war das Werk als Gegenstück zur Dissertation konzipiert und verfasst worden. Es wurde unter dem Titel Die Malerei in Norwegen unter der Sverre-Dynastie 1915 in Bergen gedruckt, doch die gesamte Auflage, ausgenommen Fetts Handexemplar, wurde beim Großbrand 1916 zerstört.
1909 bzw. 1911 veröffentlichte Harry Fett seine Bücher über Norwegische Kirchen des Mittelalters bzw. des 16. und 17. Jahrhunderts. Das Material dafür in Form von Notizen und Fotografien hatte er während seiner Zeit als Sekretär des Fortidsminneforeningen gesammelt, in zahlreichen Exkursionen, die ihn auch zu den kleineren Kirchen im Lande führten. „Er trug ein überwältigendes Bild- und Wissensmaterial über kirchliche Denkmäler zusammen. Fetts scharfsinniger Blick erfasste Werte, die bis dahin unbeachtet geblieben waren.“ Fetts zweiter Band, der die Kunst der Nachreformationszeit und damit der dänischen Fremdherrschaft behandelt, verschaffte dieser zuvor geringgeschätzten Kunstepoche Ansehen und Wertschätzung. Er demonstrierte, dass auch zur Zeit der politischen „Erniedrigung“ reichhaltige Kunstwerke geschaffen wurden.
mini|Foyer des Mietshauses Svoldergata 7, Wohnort der Familie Fett in den 1910er Jahren Harry Fett veröffentlichte über einen Zeitraum von fünfzig Jahren zahlreiche Monografien und unzählige Artikel in wissenschaftlichen Zeitschriften. Eines seiner frühesten Werke, Gamle norske hjem, hus og bohave (Alte norwegische Häuser, Wohnstätten und Hausrat) aus dem Jahr 1906 ist als „Weckruf zum Verständnis der norwegischen Baukultur und Bauweise“ wahrgenommen worden.
1910 gründete Harry Fett gemeinsam mit dem Archäologen Haakon Shetelig die Zeitschrift Kunst og Kultur, Norwegens älteste kunsthistorische Zeitschrift, die seit 2017 nur mehr in digitaler Form erscheint. Fett fungierte 1927 bis 1942 als alleiniger Redakteur und teilte sich 1946 bis 1954 die Verantwortung mit Arne Nygård-Nilssen, seinem Nachfolger als Riksantikvar. Auf Fetts Initiative wurde in den 1950er Jahren der Fonds für die Herausgabe der Buchreihe Norske Minnesmerker gegründet, die sich der Dokumentation der norwegischen Baudenkmäler widmet.