Moravia Cantat ist ein südmährisches Ensemble für Chor, Instrumentalmusik und historischen Tanz mit Sitz in Stuttgart in Baden-Württemberg. Das Ensemble widmet sich der Pflege und Weiterentwicklung der deutschen Musikkultur der böhmischen Länder sowie der Dokumentation der musikalischen Wechselwirkungen zwischen deutscher, tschechischer und jüdischer Kultur in der Region Böhmen und Mähren.

Geschichte Moravia Cantat wurde 1952 in Stuttgart unter dem Namen Südmährische Sing- und Spielschar von Deutschen gegründet, die nach dem Zweiten Weltkrieg aus ihrer Heimat in Südmähren vertrieben worden waren. Von Beginn an stand das Ensemble nicht nur Heimatvertriebenen offen, sondern auch Musikerinnen und Musikern anderer Herkunft.Moravia Cantat: Geschichte. Offizielle Website; abgerufen am 4. Juni 2026.

Noch vor der Samtenen Revolution von 1989 knüpfte das Ensemble Kontakte in die damalige Tschechoslowakei. Da offizielle Kulturkontakte politisch nicht möglich waren, reiste die Gruppe 1978 und 1989 als Touristengruppe nach Böhmen und Mähren. Als erste sudetendeutsche Gruppe trat Moravia Cantat im Sommer 1990 offiziell unter ihrem Namen in Prag und Česká Kamenice sowie im November 1991 in Karlsbad auf. Gemeinsam mit tschechischen Jugendlichen beteiligte sich das Ensemble am Wiederaufbau einer Kirche im nordböhmischen Gersdorf und an der Restaurierung des dortigen Friedhofs.

Konzertreisen führten das Ensemble in den Jahren 1992, 1998, 2004, 2008 und 2014 in die Tschechische Republik. Im Jahr 2001 erarbeitete Moravia Cantat in einem deutsch-tschechischen Chorprojekt gemeinsam mit dem Mädchenchor Ondrášek aus Nový Jičín Chorwerke jüdischer Kantoren aus den böhmischen Ländern; die Ergebnisse wurden in drei gemeinsamen Konzerten aufgeführt. Mit dem Kinderchor von Ondrašek trat Moravia Cantat beim Sudetendeutschen Tag auf. Weitere Kooperationen gab es mit dem Chor Vivat Musica aus Kraslice, dem Mädchenchor Jitro aus Hradec Králové und beim Sudetendeutschen Tag 2026 in Brünn mit dem Folkloreensemble Praminek aus Jihlava.

Beim ersten Ökumenischen Kirchentag in Berlin (2003) war Moravia Cantat als einzige sudetendeutsche Gruppe mit drei Konzerten und einer Gottesdienstgestaltung vertreten. Auf Einladung der Ackermann-Gemeinde trat das Ensemble im Internationalen Congress Center Berlin auf; weitere Auftritte führten in die Katholische Gemeinde Sankt Hildegard in Berlin-Frohnau sowie in die Neue Synagoge (Berlin), wo gemeinsam mit dem jüdischen Kantor László Pásztor (Berlin) ein Konzert mit jüdischer Musik aus den böhmischen Ländern gegeben wurde. Auftritt beim Ökumenischen Kirchentag. In: Sudetendeutsche Zeitung, 27. Juni 2003.

Im Sommer 2008 führte eine zweiwöchige Konzertreise das Ensemble nach Mähren, mit Auftritten in Brünn, Mährisch Trübau, Mährisch Schönberg, Bautsch, Troppau und Jägerndorf. Höhepunkt war ein interkulturelles Konzert gemeinsam mit der Roma-Musikgruppe Bengas im Kulturzentrum Omega in Brünn, das vom Museum für die Roma-Kultur in Zusammenarbeit mit dem Sudetendeutschen Büro in Prag veranstaltet wurde.Interkulturelles aus Brünn: Moravia Cantat tanzte zu den Teufelsrhythmen von Bengas. Radio Prague International, 7. Januar 2026.Moravia Cantat in Mähren. Sudetendeutsche Zeitung, 5. September 2008.

Auslandsreisen Das Ensemble unternahm zahlreiche Konzertreisen ins Ausland, darunter nach Finnland (1954, 1962), Norwegen (1961), Österreich (1963, 1964), Südtirol (1969), England (1971), Frankreich (1973), Brasilien (1976), Rumänien, Jugoslawien und Italien (1980), in die USA (1982, 1986, 1994), nach Israel (1987/88 und 2009/10), Südafrika und Namibia (2000) sowie Argentinien (2006). Weitere dokumentierte Konzertreisen führten nach Rumänien (2019), Lettland (2023) und in den Rhein-Main-Kreis (2024).„Moravia Cantat“ macht Station in Raunheim. Echo online (Vollzugriff kostenpflichtig); abgerufen am 6. Juni 2026.

Ensembles und Repertoire Moravia Cantat gliedert sich in mehrere Teilensembles:Cantat: Ensembles. Offizielle Website; abgerufen am 4. Juni 2026. Chor: Das Repertoire reicht von südmährischen Volksliedern über Kunstlieder der Renaissance bis zur Gegenwart, von geistlicher bis weltlicher Musik. Gesungen wird u. a. auf Deutsch, Tschechisch, Jiddisch und Hebräisch. Tanzensemble: Historischer Tanz und Volkstanz, darunter rekonstruierte Barocktänze. Streichensemble / Kammerorchester: Repertoire von Barockmusik bis zum 20. Jahrhundert.

Ein besonderes Merkmal ist die musikarchäologische Arbeit: Viele Werke werden nach Recherchen in Bibliotheken und Archiven in Europa und den USA erstmals wieder aufgeführt. Dazu zählen u. a. die Rekonstruktion barocker Ballette sowie Programme mit Musik jüdischer Komponisten aus Böhmen und Mähren.

Mitgliedschaften und Verbandszugehörigkeiten Moravia Cantat ist Mitglied in mehreren Verbänden der außerschulischen Musikbildung, des Tanzes und der Vertriebenenarbeit.

Das Ensemble ist korporatives Mitglied im AMJ-Landesverband Baden-Württemberg des Arbeitskreis Musik in der Jugend e. V. (AMJ).

Das Tanzensemble von Moravia Cantat gehört der Landesarbeitsgemeinschaft Tanz Baden-Württemberg e. V. (LAG Tanz BW) an, die ein vom Ministerium für Kultus, Jugend und Sport geförderter Zusammenschluss von Personen, Gruppen und Organisationen ist, die den Tanz in seinen Erscheinungsformen pflegen und vermitteln. Sie ist Mitglied im Deutschen Bundesverband Tanz e. V. (DBT).

Moravia Cantat ist als Gruppe der Kreisgruppe Stuttgart Deutsche Jugend in Europa (DJO) angeschlossen.DJO-Deutsche Jugend in Europa, Kreisgruppe Stuttgart, eingetragen beim Stadtjugendring Stuttgart.; abgerufen am 4. Juni 2026.

Auszeichnungen

Das Ensemble erhielt mehrere Preise und Auszeichnungen:

1961: Preis für Volkstumspflege der Sudetendeutschen Landsmannschaft (Erstverleihung) 1982: Südmährischer Kulturpreis der Stadt Geislingen an der Steige und des Südmährischen LandschaftsratsJahrbuch des Südmährerbunds 1984, S. 30–31 1988: Europäischer Umweltpreis in der Kategorie „Kulturelles Erbe“Ute Reichert-Flögel: 40 Jahre Südmährische Sing- und Spielschar. Verlag des Südmährischen Landschaftsrates, Geislingen/Steige 1992, ISBN 3-927498-15-7, S. 19–20. 1995: Adalbert-Stifter-Medaille der Sudetendeutschen Landsmannschaft 2026: Johann-Wenzel-Stamitz-Preis der Künstlergilde Esslingen

Diskografie Moravia Cantat hat beim Rundfunk über 200 Titel eingespielt sowie acht Schallplatten und vier CDs veröffentlicht.Moravia Cantat: CD-Aufnahmen. Offizielle Website; abgerufen am 4. Juni 2026.

Die CDs werden vom Laurentius Musikverlag des Moravia Cantat-Vorstands Wolfram Hader vertrieben. Die Veröffentlichungen fanden Beachtung in überregionalen Medien, darunter Rezensionen in der Jüdischen AllgemeinenVon Schabbat bis Schlager. Jüdische Allgemeine, 18. November 2004. und der Sudetendeutschen Zeitung.Musikalischer Brückenschlag. Sudetendeutsche Zeitung, 8. Dezember 2006.

Jahr Titel Inhalt ca. 1990er Gondelfahrt. Eine musikalische Reise durch Böhmen und Mähren Chor- und Instrumentalmusik vom 18. bis 20. Jahrhundert; südmährische Volkslieder 1999 Jauchzet dem Herrn, alle Welt! Geistliche Musik der Romantik aus Böhmen und Mähren Aufgenommen im Zisterzienserkloster Ossegg (Nordböhmen); Werke u. a. von Johann Joseph Abert, Simon Sechter, Johann Wenzel Kalliwoda 2003 Sch'ma Jisroel. Jüdische Musik aus den böhmischen Ländern Aufgenommen in der Kirche St. Vitus in Regensburg; Musik jüdischer Komponisten aus Böhmen und MährenJüdische Musik aus böhmischen Landen. Mittelbayerische Zeitung, 25. August 2003. 2007 Karls Brücke. Die kulturelle Polyphonie der böhmischen Länder Werke mährischer, tschechischer und jüdischer Komponisten aus vier Jahrhunderten

Weblinks Offizielle Website von Moravia Cantat

Einzelnachweise

Kategorie:Chor (Deutschland) Kategorie:Musikgruppe (Stuttgart) Kategorie:Gegründet 1952