Der Cost-of-Thriving-Index (COTI; deutsch etwa „Index der Kosten des gesellschaftlichen Wohlstands“) ist ein von dem US-amerikanischen Politikberater und Autor Oren Cass entwickelter Wirtschaftsindikator. Er soll messen, wie viele Arbeitswochen ein typischer Vollzeitbeschäftigter benötigt, um die wesentlichen Kosten eines als mittelständisch angesehenen Lebensstandards zu finanzieren. Der Index wurde zunächst 2020 veröffentlicht und wird seitdem, zuletzt 2023, von der American Compass fortgeführt.The 2023 Cost-of-Thriving Index. In: americancompass.org (PDF).

Zielsetzung

Der COTI entstand als Alternative zu herkömmlichen Inflations- und Reallohnmaßen. Nach Auffassung seiner Entwickler beantworten Verbraucherpreisindizes die Frage, wie sich die Kosten eines gleichbleibenden Warenkorbs verändern, erfassen jedoch nicht, welche Aufwendungen erforderlich sind, um am jeweils aktuellen gesellschaftlichen Lebensstandard teilzuhaben. So ist etwa ein Auto aus diesem Jahr objektiv besser als ein Auto von 1985 (Sicherheit, Verbrauch, Zuverlässigkeit, Komfort). Eine Krankenversicherung bietet heute Zugang zu Behandlungen, die es 1985 gar nicht gab. Wohnungen haben oft mehr Wohnfläche und bessere Ausstattung. 1985 hatte keine normale Familie Internet; heute ist ein Internetzugang Grundvoraussetzung für gesellschaftliche Teilhabe. Traditionelle Preisindizes versuchen solche Qualitätsverbesserungen teilweise herauszurechnen („Ausstattungsbereinigt ist das neue Auto sogar billiger geworden!“). Dadurch wird der größte Teil des Preisanstiegs nicht als Inflation gezählt. Der COTI macht das weitgehend nicht. Wenn das durchschnittliche Auto heute teurer ist, weil es besser geworden ist, erscheint dieser höhere Preis im Index als reale Belastung. Der COTI misst also die Kosten, um am heutigen gesellschaftlichen Standard teilzuhaben, nicht die Kosten, um dieselbe technische Qualität wie früher zu erhalten.

Methodik

Der Cost-of-Thriving-Index setzt die jährlichen Kosten ausgewählter Güter und Dienstleistungen ins Verhältnis zum Einkommen eines typischen Arbeitnehmers. Als Ergebnis wird die Anzahl der Arbeitswochen ausgewiesen, die erforderlich sind, um diese Ausgaben zu decken.

In der seit 2023 verwendeten Version umfasst der Index fünf Kostenkategorien:

Ernährung Wohnen Krankenversicherung Automobilität Hochschulbildung für Kinder

Als Einkommensmaß verwendet der Index den Medianlohn vollzeitbeschäftigter Männer im Alter von mindestens 25 Jahren. Nach den Berechnungen von American Compass stieg der Indexwert von rund 40 Arbeitswochen im Jahr 1985 auf mehr als 62 Arbeitswochen im Jahr 2022. Die Autoren interpretieren dies als Hinweis auf eine zunehmende wirtschaftliche Belastung der amerikanischen Mittelschicht.

Theoretischer Ansatz

Der COTI unterscheidet sich von klassischen Reallohnvergleichen durch seine Behandlung von Qualitätsverbesserungen. Während Verbraucherpreisindizes versuchen, Qualitätssteigerungen von Gütern statistisch zu berücksichtigen, misst der COTI die tatsächlichen Kosten jener Güter und Dienstleistungen, die zu einem bestimmten Zeitpunkt als angemessen für ein Mittelklasseleben angesehen werden.

Befürworter des Ansatzes argumentieren, dass gesellschaftliche Teilhabe nicht anhand eines historischen Lebensstandards bewertet werden könne. Ein Haushalt müsse sich die Güter leisten können, die in der jeweiligen Gegenwart als normal oder erforderlich gelten. Deshalb werde bewusst nicht gefragt, ob ein Lebensstandard von 1985 heute günstiger erreichbar sei, sondern ob ein aktueller Mittelklassestandard finanzierbar sei.

Kritik

Die Auswahl der berücksichtigten Kategorien beruht auf der Annahme, dass insbesondere Wohnen, Mobilität, Gesundheitsversorgung, Ernährung und Bildung die wirtschaftlichen Grundlagen eines eigenständigen Mittelklassehaushalts bilden. Zahlreiche andere Konsumbereiche, darunter Freizeit, Kultur, Bekleidung, Haushaltsgüter, digitale Dienstleistungen, Telekommunikation sowie Ausgaben für Unterhaltungselektronik, werden dagegen (zumindest bislang) nicht in die Berechnung einbezogen, obwohl gerade in diesen Bereichen die Einkommen der breiten Masse oft nicht mit dem technischen Fortschritt mitgehalten haben. Während traditionelle Preisindizes neue Güter und Dienstleistungen zumindest teilweise schrittweise in ihre Gewichtung aufnehmen und alte entfernen (z. B. Smartphones rein, Videorekorder raus), konzentriert sich der Cost-of-Thriving-Index auf eine vergleichsweise kleine Zahl langfristig definierter Ausgabenkategorien.

Rezeption Der Cost-of-Thriving-Index ist stark umstritten. Befürworter sehen in ihm eine Erklärung dafür, weshalb viele Bürger ihre wirtschaftliche Situation negativer einschätzen als es traditionelle Wohlstandsindikatoren nahelegen.Henry Olsen: Why are so many Americans sour on the economy? Look at this new data. In: Washington Post, 15. Februar 2023.Cost Of Thriving Index & Middle-Class Inflation. In: global-macro-monitor.com, 15. Februar 2023.

Kritiker bemängeln die wissenschaftliche Grundlage.Michael J. Hicks: This Silliness of the "Cost of Thriving Index". In: Michael J. Hicks, 18. Februar 2023.Scott Winship, Jeremy Horpedahl: The Cost of Thriving Has Fallen: Correcting and Rejecting the American Compass Cost-of-Thriving Index. In: aei.org, 22. Juni 2023.

Ein Autor, Jeremy Horpedahl, kritisierte den COTI zunächst, nutzte ihn jedoch später für eine Kritik an der Trump-Regierung.Jeremy Horpedahl: Are Americans Thriving Under Trump? No, According to the Cost of Thriving Index. In: economistwritingeveryday.com, 22. April 2026.

Literatur Norbert Häring: Warum das Leben immer teurer wird, obwohl die Inflation niedrig ist. In: Handelsblatt, 7. März 2020. The "Cost of Thriving Index" is nonsense . In: Reddit,

Einzelnachweise

Kategorie:Wirtschaft