mini|Emanuel Friedrich Fischer, Porträt von Johann Nikolaus Grooth (um 1764) Emanuel Friedrich Fischer (* 4. oder 13. November 1732 in Bern; † 27. Dezember 1811 ebenda) war ein Berner Politiker.
Leben
Herkunft und Familie Emanuel Friedrich Fischer entstammte der Berner Patrizierfamilie Fischer, die 1680 in den Reichsritterstand erhoben worden war und zu Beginn des 18. Jahrhunderts zur dritten Klasse der sogenannten «vesten» Familien gehörte. Die Familie Fischer war durch Unternehmungsgeist und eine geschickte Heiratspolitik zu einem der führenden Geschlechter der Republik aufgestiegen.
Emanuel Friedrich war der älteste Sohn von Rudolf Friedrich Fischer (* 18. August 1704 in Bern; † 3. November 1781 ebenda), der eine Karriere im bernischen Staatsdienst durchlief. Rudolf Friedrich hatte 1739 das Amt des Landvogts zu Aubonne übernommen, war 1760 in den Rat gewählt worden und hatte als Zeugwart und Feldkriegsrat gedient, bevor er starb. Die Mutter Emanuel Friedrichs war Elisabeth (* 1708 in Bern; † 20. April 1795 ebenda), die Tochter von Michael Freudenreich (1675–1741), der als Notar, Deutschseckelschreiber und Deutschseckelmeister tätig gewesen war; Emanuel Friedrich hatte noch zwei Brüder.
Emanuel Friedrich war ein Urenkel von Beat Fischer (1641–1698), der als Deutschseckelmeister sowie Vogt zu Wangen gedient hatte. Dieser wiederum war ein Nachkomme von Beat Fischer (1577–1628), der als Notar, Vogt zu Bonmont und Interlaken, Kirchmeier (kirchlicher Verwalter) und Venner zu Bern gewirkt hatte. Die Stammfamilie Fischer lässt sich auf Niklaus Fischer zurückführen, einen Gerber und Venner in Thun, der spätestens 1582 verstarb. Sein wahrscheinlicher Sohn Burkhard, der von 1538 bis etwa 1591 lebte und als Weissgerber arbeitete, wurde 1562 Burger von Bern und Mitglied der Gesellschaft zu Ober-Gerwern. Er diente als Grossrat und Landvogt. Dessen Sohn Beat gelangte 1621 als erstes Mitglied der Familie in den Kleinen Rat und stieg 1627 zum Venner auf.
Besondere Bedeutung für den Aufstieg der Familie hatte Beat Fischer, der gleichnamige Enkel des Venners, der 1675 als Pächter die bernische Post erwarb. Durch mehrfache Erneuerungen der Pachtverträge blieb diese Post bis zur Errichtung der kantonalen Regiepost im Jahr 1832 im Besitz seiner Nachkommen. Die Familie baute das Postunternehmen durch Verträge mit anderen eidgenössischen Orten und ausländischen Partnern systematisch aus. Ein Meilenstein war die Eröffnung der ersten Postwagenkurslinie der Schweiz zwischen Bern und Zürich im Jahr 1735, die in Zusammenarbeit mit der Zürcher Kaufmannspost realisiert wurde. Der aus der Postpacht gewonnene Reichtum ermöglichte dem Postunternehmer und seinen Nachkommen einen weiteren gesellschaftlichen Aufstieg, der sich unter anderem im Erwerb verschiedener Landsitze manifestierte, die im barocken Stil errichtet oder entsprechend umgebaut wurden. Diese Güter verblieben teilweise bis ins 19. oder 20. Jahrhundert im Besitz der Familie und gaben den verschiedenen Linien der Postpächterfamilie ihre Namen, darunter Reichenbach bei Zollikofen, Oberried bei Belp, Bellerive bei Gwatt, Mur-en-Vully am Murtensee und Eichberg bei Uetendorf.
Emanuel Friedrich Fischer besass unter anderem in der Münstergasse 26 sowie in der Kramgasse 5 in Bern Gebäude und dazu seinen Landsitz Bellerive in Gwatt bei Thun.
Ehe und Nachkommenschaft
Am 2. Mai 1760 heiratete Emanuel Friedrich Fischer in Bümpliz Johanna Katharina (* 28. Mai 1742 in Bern; † 1. März 1808 ebenda). Sie war die Tochter von Alexander von Wattenwyl (1709–1748), Schultheiss des Äusseren Standes zu den höchsten Würdenträgern der Republik gehört hatte. Ihre Mutter war Anna Katharina Esther (1716–1738), die Tochter von Bernhard von Graffenried (1684–1747), Vogt zu Fraubrunnen.
Diese Verbindung zwischen den Familien Fischer und von Wattenwyl war eine typische Heiratsallianz innerhalb der bernischen Aristokratie, die sowohl gesellschaftliche als auch politische und wirtschaftliche Aspekte vereinte. Sie begründeten hier den Familienzweig "Fischer de Bellerive".
Aus dieser Verbindung gingen neun Kinder hervor, sechs Söhne und drei Töchter, wobei eine Tochter bereits im Säuglingsalter verstarb. Die Kinder waren unter anderem:
Emanuel Rudolf Friedrich Fischer (* 7. Dezember 1761 in Bern; † 28. Juli 1827 ebenda), der als Dragonerhauptmann, Oberamtmann zu Nidau, Direktor des Münzwesens, Mitglied der Appellationskammer und des Kleinen Rats in Bern sowie als Leiter des Postwesens in der Helvetischen Republik gedient hatte, und der mit Johanna Henriette verheiratet war, der Tochter von Friedrich Sinner, der als Hauptmann, Vogt zu Interlaken, Deutschseckelmeister und als Schultheiss in Bern gedient hatte; ihr gemeinsamer Sohn war der Politiker Emanuel Friedrich von Fischer; Abraham Rudolf Fischer von Bellerive (* 14. Juli 1763 in Bern; † 8. Oktober 1824 ebenda); er diente als Leutnant in holländischen Diensten im Regiment May und später als Oberst im Regiment Oberland; Carl Viktor von Fischer (* 1766 in Bern; † 1821), der Karriere als Offizier in holländischen Diensten und später als Oberst in englischen Diensten machte; Emanuel Alexander Fischer (* 28. August 1768 in Vechigen; † 19. Mai 1810 in Bern), der als Appellationsrichter und Seckelmeister der Stadt Bern wirkte; Katharina Johanna Elisabeth Fischer (* 1770 in Bern; † 19. Dezember 1854 ebenda); sie heiratete Johann Rudolf Wurstemberger (* 12. Juni 1770 in Bern; † 12. Februar 1839 ebenda), der als Fähnrich in holländischen Diensten in der Schweizergarde und später als Oberamtsmann zu Delsberg tätig war. Zu ihren Kindern zählte unter anderem Ludwig Friedrich Rudolf Wurstemberger (* 10. März 1800 in Thun; † 3. Dezember 1877 in Paris), der als Eisenbahningenieur wirkte; Julia Cornelia Fischer (* 1772 in Bern; † 31. März 1845 ebenda); sie heiratete Jakob Rudolf Marcuard (* 29. September 1769 in Bern; † 10. Dezember 1809 ebenda), der als Bankier und Hauptmann zu Moudon sowie als Teilhaber an der Bank Marcuard, Beuther & Cie tätig war. Zu ihren Kindern gehörte Friedrich Adolf Marcuard (* 2. März 1798 in Thun-Gwatt; † 3. April 1868 in Paris), der als Bankier wirkte, Teilhaber an der Bank André et Cottier war und die Bank Adolphe Marcuard in Paris gründete.
Ausbildung und Vorbereitung auf den Staatsdienst Emanuel Friedrich Fischer erhielt eine standesgemässe Ausbildung, die ihn auf eine Karriere im Staatsdienst vorbereiten sollte. Er studierte an der Akademie zu Lausanne. Nach Abschluss seiner Studien bildete er sich auf ausgedehnten Reisen weiter aus, wie es für junge Patrizier jener Zeit üblich war. Diese Grand Tour ermöglichte es ihm, fremde Länder und Kulturen kennenzulernen, Kontakte zu knüpfen und seinen Horizont zu erweitern.
Fischer widmete sich mit besonderer Vorliebe den kameralistischen Wissenschaften, jenem Zweig der Verwaltungslehre, der sich mit der Führung des Staatshaushalts, der Volkswirtschaft und der praktischen Regierungskunst befasste. Diese Studien sollten sich für seine spätere Laufbahn als äusserst nützlich erweisen, da sie ihm das theoretische Rüstzeug für die Bewältigung der vielfältigen administrativen und wirtschaftlichen Aufgaben vermittelten, die ihn in seinen verschiedenen Ämtern erwarteten.
Frühe politische Karriere Bis zu seinem Eintritt in den Grossen Rat im Jahr 1764 hatte Emanuel Friedrich Fischer kein öffentliches Amt bekleidet. Mit zweiunddreissig Jahren begann damit seine offizielle politische Laufbahn in der Republik Bern. Zwei Jahre später, 1766, wurde er Mitglied des Stadtgerichts, was seine zunehmende Integration in die Regierungsstrukturen der Stadt dokumentierte.
Den entscheidenden Schritt in seiner Karriere machte Fischer 1770, als er zum Landvogt zu Erlach ernannt wurde. Dieses Amt übte er bis 1776 aus; in dieser Zeit wurde er 1773 Amtsstatthalter von St. Johannsen. Wie für die Nachkommen eines bernischen Landvogts üblich, wurden seine Söhne und Enkel noch bis etwa 1815 gelegentlich als «Fischer von Erlach» bezeichnet.
Wirken als Landvogt zu Erlach Als Landvogt zu Erlach machte sich Emanuel Friedrich Fischer in vielfältiger Weise verdient. Sein Wirken war von einem aufgeklärten Reformgeist geprägt, der charakteristisch für die fortschrittlichen Vertreter der bernischen Aristokratie in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts war. Fischer erkannte die wirtschaftlichen und ökologischen Probleme seiner Vogtei und ging sie mit Energie und Sachverstand an.
Ein zentrales Anliegen war für ihn die allmähliche Abschaffung des schädlichen Weidganges, jener traditionellen Praxis, bei der das Vieh auf gemeinschaftlichen Weiden oder nach der Ernte auch auf privaten Feldern weiden durfte. Diese Praxis behinderte landwirtschaftliche Verbesserungen und die Einführung neuer Anbaumethoden. Fischer bemühte sich um eine behutsame Reform, die die wirtschaftlichen Interessen mit den traditionellen Rechten der Bauern in Einklang bringen sollte.
Ebenso setzte er sich für die Aufhebung oder zumindest Milderung des damals bestehenden Getreideausfuhrverbotes ein, das für den Grenzbezirk besonders nachteilig war.
Sein bedeutendstes Projekt war jedoch die Entsumpfung der Gegend. Fischer beteiligte sich an den bereits damals entwickelten umfassenden Plänen zur Tieferlegung der Seen im Seeland. Diese Region, insbesondere das sogenannte Grosse Moos, war ein riesiges Sumpfgebiet im Dreieck zwischen dem Neuenburger-, Bieler- und Murtensee, das zwar fruchtbar, aber weitgehend unnutzbar war. Da die grossen Pläne zur Seespiegelabsenkung zu Fischers Zeit noch nicht zur Ausführung kamen, liess er einstweilen Entwässerungsgräben anlegen, um wenigstens einen Teil des Grossen Mooses kulturfähiger zu machen. Besonders bedeutsam war der grosse Chablais-Moos-Kanal, den er errichten liess. Diese Massnahmen waren Vorläufer der grossen Juragewässerkorrektion des 19. Jahrhunderts, die das Seeland grundlegend verändern sollte.
Aufstieg in die höchsten Staatsämter Als Emanuel Friedrichs Vater Rudolf Friedrich Fischer im Jahr 1781 starb, gelangte der Sohn an dessen Stelle in den Täglichen Rat, jenes engere Gremium, das die laufenden Regierungsgeschäfte führte. Im Jahr 1782 rückte er in den Kleinen Rat auf, das eigentliche Regierungsorgan der Republik Bern. Diese Beförderung markierte seinen Eintritt in den innersten Kreis der Macht. Gleichzeitig wurde er zum zweiten Heimlicher von Burgern gewählt, ein Amt, das mit der Verwaltung der Burgerschaft verbunden war.
Von 1782 bis 1791 war er Mitglied der Landesökonomiekommission.
Fischer erhielt nun eine Reihe wichtiger Ämter. Er wurde Böspfenniger des Rates, also Steuereinnehmer, ein Amt, das er 1786 übernahm und das erhebliche Verantwortung mit sich brachte, da es um die Finanzen der Republik ging. Zudem wurde er Präsident der Direktion der Salzwerke, die für die Versorgung der Republik mit diesem wichtigen Gut zuständig war, sowie Präsident mehrerer anderer Kollegien. Das Salzmonopol war eine wichtige Einnahmequelle für Bern.
Im Jahr 1787 wurde Fischer eine besondere Ehre zuteil, als er zusammen mit seinem Gegenschwäher, dem Schultheissen von Sinner, als Gesandter an die Tagsatzung nach Frauenfeld geschickt wurde. Die Tagsatzung war die Bundesversammlung der Alten Eidgenossenschaft, in der die dreizehn souveränen Orte zusammenkamen, um gemeinsame Angelegenheiten zu beraten.
mini|Porträt von Emanuel Friedrich Fischer, um 1790
Als Fischer 1789 die Wahl zum ennetbirgischen, das heisst tessinischen Syndikator (Oberaufseher) in den damaligen Tessiner Vogteien, vorgeschlagen wurde, lehnte er diese ab. Das Amt des Syndikators war mit einem längeren Aufenthalt in den italienischsprachigen Untertanengebieten südlich der Alpen verbunden und bedeutete eine gewisse Entfernung vom Zentrum der Macht.