mini|hochkant=1.2|Die Abteikirche Saint-Géraud, vom Hügel des Schlosses Saint-Étienne aus gesehen
Die Abtei Saint-Géraud (französisch Abbaye Saint-Géraud d’Aurillac) ist eine ehemalige Benediktiner-Abtei in der französischen Stadt Aurillac im Département Cantal (Region Auvergne-Rhône-Alpes). Sie wurde vor dem Jahr 885 vom heiligen Gerald von Aurrilac (frz. Géraud d’Aurillac) gegründet und diente als direkter konzeptioneller Vorläufer und Prototyp für die berühmte Abtei Cluny.
Im Mittelalter war die Abtei ein europäisches Kultur- und Bildungszentrum, in dem unter anderem Gerbert von Aurillac, der spätere Papst Silvester II., ausgebildet wurde. Als reichsunmittelbare Fürstabtei übten die Äbte zudem die weltliche Landesherrschaft über ein riesiges Territorium aus, das weite Teile des südwestlichen Cantal und des nördlichen Aveyron (historischer Carladès und Barrez) umfasste. Die verbliebenen Bauteile der ehemaligen Klosteranlage stehen seit 1920 und 1942 als Monument historique unter Denkmalschutz.
Geschichte
Gründung und Unabhängigkeit vom weltlichen Adel Die Abtei wurde um 875/885 durch Graf Géraud von Aurillac auf dessen Allodialbesitz gestiftet, der sich zwischen den Bergen der Auvergne, dem Rouergue, dem Périgueux und Tulle erstreckte. Um das Kloster vor den Begehrlichkeiten weltlicher Fürsten – wie Gérauds Cousin, dem Herzog von Aquitanien – zu schützen, verzichtete der Gründer auf jeglichen Lehnseid gegenüber regionalen Herrschern. Stattdessen übertrug er den gesamten Besitz der römischen Kirche und stellte die Abtei unter den direkten Schutz des Papstes. Als Zeichen dieser exemtierten Stellung verpflichtete sich das Kloster zur Zahlung eines jährlichen symbolischen Zinses ( Cens ) von einer Goldmünze an den Heiligen Stuhl.
König Karl der Einfältige bestätigte diese weitreichenden Privilegien und Immunitäten in einer königlichen Schutzurkunde, die am 2. Juni 899 in Bourges erneuert wurde. Das Klostergebiet war von jeglicher bischöflicher Gerichtsbarkeit befreit. Als Zeichen dieser geistlichen Souveränität besaßen die Äbte von Aurillac das Recht, Mitra und Krummstab sowie ein weltliches Schwert als Zeichen der hohen Zivilgerichtsbarkeit zu führen. mini|Statue des Gerald von Aurillac
Die Cluniazensische Reform und die Blütezeit (10. bis 13. Jahrhundert) Im Jahr 920 übernahm der heilige Odo, der spätere Abt von Cluny, für kurze Zeit die Leitung des Klosters. Gemeinsam mit seinem Koadjutor Arnuffle etablierte er in Aurillac die cluniazensischen Gewohnheiten und gründete eine bedeutende theologische Hochschule sowie Schulen für Grammatik und Musik. Arnuffle reformierte im Jahr 926 im Namen Odos auch die Abtei Saint-Pons de Thomières.
Dank immenser Schenkungen des zweiten Abtes Jean (einem Verwandten des Gründers) sowie der Grafen von Toulouse und Poitiers stieg die Abtei zu einer der reichsten Institutionen Südfrankreichs auf. Begünstigt wurde dies durch ihre Lage an den großen Pilgerwegen nach Rom und zum Jakobsweg nach Santiago de Compostela. Gemäß einer Bulle von Papst Nikolaus IV. (Papst) aus dem Jahr 1289 kontrollierte Aurillac auf dem Höhepunkt seiner Macht über einhundert Priorate, die sich über zwölf Diözesen bis nach Katalonien und Spanien erstreckten und jährliche Einkünfte von über 80.000 Livres einbrachten.
Europäisches Kulturzentrum und illustre Gäste Mit einer großen Bibliothek und einem aktiven Skriptorium entwickelte sich Aurillac ab dem 10. Jahrhundert zu einem intellektuellen Herzstück Europas. Der Chronist Johannes von Salisbury (späterer Bischof von Chartres) rühmte die Mönche von Aurillac im 12. Jahrhundert für ihre außergewöhnliche Gelehrsamkeit in den freien Künsten. Zu den bedeutendsten historischen Persönlichkeiten, die mit der Abtei verbunden sind, gehören: Borell II. , Graf von Barcelona, besuchte die Abtei im Jahr 963, um die Reliquien des heiligen Géraud zu verehren. Beeindruckt vom intellektuellen Niveau des Klosters, nahm er den jungen, hochtalentierten Mönch Gerbert mit nach Katalonien, um dessen Ausbildung zu fördern.
mini|Papst Sylvester II. (Illustration von Chevalier Artaud de Montor) Gerbert von Aurillac (um 945–1003), der spätere Papst Silvester II., trat um 960 in die Abtei ein, wo er unter dem Magister Raymond de Lavaur das Trivium und Quadrivium studierte. Der französische König Robert der Fromme pilgerte um 1021 nach Aurillac, um die Wirkungsstätte seines einstigen Lehrers Gerbert zu besichtigen. Papst Urban II. weilte im April 1096 persönlich in Aurillac, um die neue, erweiterte Klosteranlage zu weihen, kurz nachdem er auf der Synode von Clermont den Ersten Kreuzzug ausgerufen hatte.Georges Goyau: Diocese of Saint-Flour. In: Charles Herbermann (Hrsg.): Catholic Encyclopedia. Band 13, Robert Appleton Company, New York 1912 (Digitalisat bei Wikisource).
Die Sauveté und das Ende der Leibeigenschaft Nach der Fertigstellung der ersten Abteikirche im Jahr 916 entließ Géraud von Aurillac die ersten einhundert Leibeigenen in die Freiheit – die nach römischem Recht maximal zulässige Anzahl. Er steckte um das Kloster herum ein von vier großen Kreuzen begrenztes Areal ab und erklärte es zum steuerfreien Freigut ( Franc alleu ). Diese Freistatt gilt historisch als eine der ersten dokumentierten Sauvetés (Zufluchtsorte) Frankreichs und bildete den Siedlungskern der späteren Stadt Aurillac, wodurch die Leibeigenschaft in dieser Region frühzeitig vollständig verschwand.
Säkularisation und die Zerstörung durch die Hugenotten Ab dem 16. Jahrhundert setzte der Niedergang der Abtei ein. Durch eine Bulle von Papst Pius IV. vom 13. Mai 1561 wurde das Kloster in ein weltliches Kollegiatstift umgewandelt. Die Einführung der Kommende, wo kirchenrechtlich die Übertragung der Einkünfte eines Kirchen- oder Klostervermögens auf eine dritte Person unter Befreiung von den Amtspflichten vollzogen wurde, führte dazu, dass die Äbte nicht mehr vom Konvent gewählt wurden, sondern als königliche Günstlinge außerhalb des Klosters residierten und lediglich die Pfründen abschöpften.
Während der Hugenottenkriege wurde Aurillac am 6. September 1569 von calvinistischen Truppen unter der Führung von Louvart und Sanche de Savagnac überrannt. Die Hugenotten errichteten ein monatelanges Schreckensregiment. Die monumentale Abteikirche, die Konventsgebäude, der Abtspalast sowie unzählige Kunstwerke und Gräber wurden systematisch niedergebrannt und zerstört. Die Edelmetalle wurden eingeschmolzen, und das unschätzbare Klosterarchiv sowie die jahrhundertealten Handschriften der Bibliothek wurden auf dem Marktplatz öffentlich verbrannt. Der Besitz der Abtei wurde in tagelangen Auktionen an auswärtige Käufer versteigert. mini| Fassade Abteihospital Vom mittelalterlichen Großkloster blieben nur wenige Fragmente erhalten, die in die spätere Pfarrkirche integriert wurden, sowie die Fassade des romanischen Abteihospitals, welche unter Denkmalschutz steht.
Baugeschichte der Abteikirche Die archäologische und baugeschichtliche Forschung unterscheidet sechs wesentliche Bauphasen des Kirchenbauwerks: Aurillac 0 (Vor-Abtei): Die ursprüngliche Kirche Saint-Clément, in der die Eltern des Gründers bestattet worden waren. Aurillac I (9. Jahrhundert): Von Géraud im Jahr 885 begründet und 916/918 unter dem Patrozinium der Heiligen Peter und Paul geweiht. Aurillac II (10. Jahrhundert): Ein wesentlich größerer Nachfolgebau, der von Abt Géraud de Saint-Céré initiiert und 972 vom Bischof der Auvergne konsekriert wurde. Aurillac III (11. Jahrhundert): Errichtet unter Abt Pierre de Cizières (1077–1107) und 1095 von Papst Urban II. geweiht. Aus dieser romanischen Epoche zeugt das charakteristische Blendarkaden-Triplet im Transept (ein flacher Giebelbogen, flankiert von zwei Rundbögen). Aurillac IV (16. Jahrhundert): Notdürftiger Wiederaufbau nach den calvinistischen Zerstörungen von 1569. Aurillac V (17. Jahrhundert): Umfassender Barock-Neubau unter Abt Charles de Noailles (fertiggestellt 1643), der jedoch nur ein einziges langes Joch im Hauptschiff umfasste. Aurillac VI (19. Jahrhundert): Historisierende Fertigstellung des Langhauses durch die Architekten Jules Lisch und Jean-Baptiste Lassus. Der monumentale, 77 Meter hohe Glockenturm wurde im Jahr 1898 eingeweiht und ist bis heute das höchste Bauwerk der Stadt.
Heraldik mini|Wappen der Abtei Saint-Geraud. Altes Wappen (bis zum 15. Jahrhundert): In Rot ein grüner, gekerbter Schildrand (De gueules à la bordure engrélée de sinople). Das Wappen geht auf ein in der Vita des Heiligen beschriebenes Wunder zurück, bei dem vergossenes Blut den kargen Boden ringsum ergrünen ließ. Modernes Wappen: Gespalten von Gold und Grün, mit einem gekerbten Schildrand in verwechselten Farben ( Parti d’or et de sinople, à la bordure engrélée de l’un en l’autre ). Als Prachtstücke sind dem Schild eine Mitra, ein Krummstab (geistliche Souveränität) sowie ein aufgerichtetes Schwert (weltliche Blutgerichtsbarkeit) hinterlegt. Der historische Schlachtruf ( Cri de guerre ) lautete: „Orlhac, Orlhac, per Guiral et per l’abbat!“ (Aurillac, Aurillac, für Géraud und für den Abt!). Die rot-goldene Flagge der Abtei gilt als heraldischer Ursprung des historischen Wappens der Auvergne.
Literatur
Pierre Moulier, Pascale Moulier: Églises romanes de Haute-Auvergne. II – La région d’Aurillac. Éditions Créer, Nonette 2000, ISBN 2-909797-57-0.
Pierre Pignot: Histoire de l’Ordre de Cluny depuis la fondation de l’abbaye jusqu’à la mort de Pierre le Vénérable. Band 1, Autun 1868.
Weblinks
Einzelnachweise Aureliac. In: Charles Herbermann (Hrsg.): Catholic Encyclopedia. Robert Appleton Company, New York 1913 (Digitalisat bei Wikisource).
Aureliac. In: Charles Herbermann (Hrsg.): Catholic Encyclopedia. Robert Appleton Company, New York 1913 (Digitalisat bei Wikisource). Jean-Baptiste de Ribier du Châtelet: Dictionnaire statistique, ou Histoire, description et statistique du département du Cantal. Band 1, Aurillac 1852, S. 115–122. Pierre Pignot: Histoire de l’Ordre de Cluny depuis la fondation de l’abbaye. Band 1, Autun 1868, S. 42–48. Pierre Moulier, Pascale Moulier: Églises romanes de Haute-Auvergne. II – La région d’Aurillac. Éditions Créer, Nonette 2000, S. 14–22.
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