mini|Mohammed Dajani Daoudi, 2026 Mohammed Dajani Daoudi (; geboren am 19. März 1946 in Jerusalem) ist ein palästinensischer Friedensaktivist und Politikwissenschaftler. Er setzt sich für eine Zweistaatenlösung ein und wirbt mit der von ihm gegründeten Bildungsinitiative Wasatia für gegenseitige Empathie zwischen jüdischen Israelis und Palästinensern. Seine zentralen Themen sind der Holocaust und die Holocaustbildung. Im Jahr 2014 kam es zu einer gewaltsamen Kampagne und Bedrohungen gegen ihn, als er mit einer Gruppe von 27 palästinensischen Studenten nach Auschwitz reiste und das Vernichtungslager der Nazis besichtigte. Seine Gegner warfen ihm vor, dadurch mit dem „Feind“, den israelischen Juden, zu kooperieren.
Leben Mohammed Dajani Daoudi kam zur Zeit des Britischen Mandatsgebiets Palästina in Jerusalem zur Welt und entstammt einer alteingesessenen arabischen Familie. Der Ehrentitel „Daoudi“ wurde dem Familiennamen 1529 hinzugefügt, als Süleyman I. einen Vorfahren zum Hüter des Grabes von König David auf dem Berg Zion ernannte. Sein Vorfahr Hassan Sidiqui Dajani, Rechtsanwalt und Politiker, wurde 1938 in Jerusalem ermordet, da er sich für die Koexistenz von Arabern und Juden ausgesprochen hatte – vermutlich zum Missfallen des Großmuftis von Jerusalem, Mohammed Amin al Husseini, der den Nationalsozialismus und Adolf Hitler verehrte.
Nach der Staatsgründung Israels im Jahr 1948 und dem folgenden israelisch-arabischen Krieg flüchtete seine Familie vorübergehend nach Ägypten, um dann unter jordanischer Herrschaft in Ost-Jerusalem zu leben. Seine Eltern, die ein Hotel in der Altstadt von Jerusalem und eine Reiseagentur betrieben, waren gebildete, säkulare Muslime mit vier Kindern; er war der älteste Junge und wurde auf eine von Quäkern betriebene englischsprachige Schule geschickt.
1964 schrieb sich Dajani an der American University of Beirut für das Fach Ingenieurwissenschaften ein. Er trat der 1965 von Jassir Arafat gegründeten Fatah bei und erhielt dort eine militärische Ausbildung, wurde dann aber wegen seiner Englischkenntnisse als Pressesprecher der Fatah und im Studierendenrat seiner Universität tätig. Er blieb elf Jahre lang immatrikuliert, um seinen Aufenthaltsstatus im Libanon zu sichern, und erwarb einen Bachelor in Massenkommunikation und einen Master in Englisch. Seine Helden in jener Zeit waren radikale Figuren wie Mao, Marx, Lenin und Che Guevara; von der Fatah und Arafat war er mehr und mehr enttäuscht.
1975 wurde er wegen seiner politischen Radikalität von der libanesischen Regierung nach Syrien ausgewiesen. Dajani beantragte einen algerischen Pass und zog daraufhin wie schon sein Bruder vor ihm in die Vereinigten Staaten. Er studierte zuerst an der Eastern Michigan University, wo er einen zweiten Master erwarb, und begann dann ein Doktorat an der University of South Carolina in Columbia, das er 1981 mit einer Arbeit über das arabische Öl-Embargo 1973/74 beendete. An der University of Texas in Austin schrieb er danach eine weitere Doktorarbeit mit dem Thema internationale Kartelle. Danach wurde er Gründer und Leiter der Abteilung für Politikwissenschaften und Diplomatie an der Applied Science University im jordanischen Amman.
Nach einer Krebserkrankung seines Vaters durfte Dajani 1993 nach Israel zurückkehren. Bei dessen Chemotherapien im Ein Kerem Hospital in Jerusalem stellte Dajani fest, dass sein Vater dort als arabisch-muslimischer Patient nicht diskriminiert wurde. „Das half mir die menschliche Seite meiner Feinde zu sehen“, sagte Dajani später in einem Interview. Durch diese Erfahrung und eine weitere Situation, in der israelische Juden eine Stunde lang versuchten, seine Mutter nach einem akuten Herzinfarkt wiederzubeleben, sei seine Haltung verändert worden.
In den 90er Jahren bildete Dajani Palästinenser für den öffentlichen Dienst in UN-Entwicklungs-Programmen und für palästinensische Einrichtungen aus. 1999 wurde er eingeladen, einen Workshop für palästinensische und israelische religiöse Führer in der Türkei zu leiten. In der ersten Workshop-Sitzung gab es Streit und Anschuldigungen von beiden Seiten. Dajani sagte, da sei ihm eine Zeile des palästinensischen Dichters Mahmud Darwish eingefallen – „Was ist wichtiger, eine kleine Hoffnung oder ein großer Traum?“ – und er habe den Teilnehmern Folgendes erklärt: „Ich sagte, der größte Traum der Israelis sei es, eines Morgens aufzuwachen und festzustellen, dass keine Palästinenser da seien, dass sie Israel haben und bauen können und Jerusalem als Hauptstadt haben können. Der große Traum der Palästinenser sei es, eines Morgens aufzuwachen und festzustellen, dass keine Israelis, keine Juden da seien, dass sie Palästina haben können und Al Quds zur Hauptstadt machen können. Die kleine Hoffnung ist, dass beide eines Morgens aufwachen und dass da zwei Staaten, zwei Völker, zwei Nationen sind, die in Nachbarschaft leben.“ (Original: “I explained that the big dream for Israelis is to wake up one morning and find that there are no Palestinians around, and they can have Israel and build it and have Jerusalem as the capital. The big dream for the Palestinians is to wake up one morning and find there no Israelis, no Jews around, and they can have Palestine and make Al Quds their capital. The small hope is for both of them to wake up one morning and to have two states, two people, two nations, living next to each other.”) Seine Konfliktlösungsmethode nannte er daraufhin „Großer Traum, kleine Hoffnung“, er hielt in mehr als fünfzig Ländern Vorträge darüber.
2001 nahm er eine Professorenstelle an der Al-Quds-Universität Jerusalem an und gründete ein Jahr später das American Studies Institute.
Beschäftigung mit dem Holocaust 2007 gründete Dajani zusammen mit seinem Bruder Munther das Projekt „Wasatia“, um Toleranz und Gerechtigkeit auf beiden Seiten des Nahost-Konflikts zu fördern. Der Name Wasatia wird von dem arabischen Wort wasat abgeleitet und bedeutet so viel wie „Ausgewogenheit“, „Mittelweg“ oder „Mäßigung“. Wasatia soll jüdisch-israelische Studenten über die Flucht und Vertreibung der Palästinenser im Jahre 1948 und Studenten palästinensischer Herkunft über den Holocaust unterrichten. Dieser sei in der palästinensischen Gesellschaft ein Tabu, sagt Dajani; viele politische und religiöse Institutionen in der arabischen Welt leugneten den Holocaust oder verharmlosten ihn zumindest. In den palästinensischen Gebieten sei die nationalsozialistische Hetzschrift Mein Kampf von Adolf Hitler bis heute in Buchläden zu kaufen und ist ein Bestseller. Die antisemitische Schrift Protokolle der Weisen von Zion werde von vielen Palästinensern für authentisch gehalten, und den Holocaust leugnende Schriften seien verbreitet. An den Schulen werde nicht über den Holocaust aufgeklärt. Die UNRWA arbeitet an ihren Schulen in Gaza und im Westjordanland mit den Materialien der zuständigen palästinensischen Autoritäten. Als UNRWA 2011 versuchte, Holocaustbildung in UN-Schulen im Gazastreifen einzuführen, widersetzte sich die islamistische Hamas. Sie bezeichnete Holocaust-Bildung als schädlich für die „Sache der Flüchtlinge, die das Ziel verfolgen ihr ´Recht auf Rückkehr geltend zu machen“. Bereits 2009 hatten Hamasvertreter die Shoah als „Erfindung der Zionisten“ bezeichnet. In Jordanien sprachen sich UNRWA-Lehrkräfte dagegen aus, über den Holocaust zu unterrichten, berichtete der Jüdische Weltkongress. Die Holocaust-Bildung könne die Sicht ihrer Schüler auf den „Hauptfeind“, die israelische „Besatzung“, verändern und sei daher nicht gewollt.
Um die Palästinenser über den Holocaust zu informieren, schrieb Dajani ein Buch auf Arabisch darüber. „Der Holocaust begann nicht mit Konzentrationslagern“, lautet eine seiner Thesen, „nur wenn gute Menschen sich entschließen, keine Zuschauer zu sein, kann man das Böse zerstören.“ (Original: “The Holocaust did not begin with the concentration camps, Only when good people decide not to be bystanders is evil crushed.”)
Seit 2013 arbeiten Wissenschaftler der Friedrich-Schiller-Universität Jena, der Tel Aviv University, der Ben Gurion University of the Negev sowie der Nichtregierungsorganisation Wasatia gemeinsam in dem transdisziplinären Projekt „Hearts of Flesh – not Stone“. Das Projekt wurde durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft gefördert.
2014 wurde Dajani international bekannt, weil er eine Reise nach Auschwitz für 27 palästinensische Universitätsstudenten organisierte. Diese Reise war Teil der gemeinsamen Initiative „Hearts of Flesh – not Stone“. Ziel war es, die Beschäftigung mit dem Holocaust sowie Aussöhnung und Empathie zu fördern. Nach der Reise gab er unter dem gewaltsamen Druck seiner Gegner seine akademische Stellung an der Al-Quds-Universität auf. „Es gab Demonstrationen auf dem Campus. Sie kamen zu meinem Büro und versuchten, es zu zerstören, sie hinterließen Todesdrohungen. Auf einer stand: Wenn du zurückkommst, bring deinen Sarg mit. Sie haben es auf meine Tür geschrieben. Kindische Dinge wie diese, die aber eine bestimmte Geisteshaltung widerspiegeln“, sagte Dajani. Man habe sein Auto angezündet und ihm vorgeworfen, ein „Normalisierer“ zu sein, mit dem „Feind“ kooperiert zu haben und die Vertreibung der Palästinenser zu ignorieren. Dajani ging daraufhin wieder in die Vereinigten Staaten und forschte zwei Jahre lang am Washington Institute for Near East Policy, einer Denkfabrik; 2016 kehrte er von der Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt nach Jerusalem zurück; es sei Zeit gewesen, seine Arbeit vor Ort fortzuführen. Dajani schreibt auf Arabisch über politische, religiöse und gesellschaftliche Themen, gilt in palästinensischen Kreisen aber weiterhin eher als Außenseiter; im Westen ist er als Gesprächspartner gefragt. 2020 startete an der Europa-Universität Flensburg die „European Wasatia Graduate School for Peace and Conflict Resolution“, ein dreijähriges, von Dajanis Grundsätzen inspiriertes Studienprogramm für Doktoranden.
Weitere Positionen
Im Dokumentarfilm Unraveling UNRWA (2025) äußerte sich Dajani kritisch über das UN-Hilfswerk für die Palästina-Flüchtlinge im Nahen Osten und dessen Konzept des vererbbaren Flüchtlingsstatus. Diese Geisteshaltung sei problematisch, sagt Dajani: „Wer in ein Abhängigkeitsverhältnis hineinwächst, wird es nicht mehr los.“ Sein Großvater habe einst seinen UNRWA-Ausweis zerrissen, um sich mit seiner Familie ein selbstbestimmtes Leben aufzubauen.
Auszeichnung 2022: Simon-Wiesenthal-Preis für zivilgesellschaftliches Engagement gegen Antisemitismus und für Aufklärung über den Holocaust
Veröffentlichungen (Auswahl) The Meaning of Kahlil Gibran (Secaucus, N. J.: Citadel Press, 1982) Economic Sanctions: Ideals and Experiences (London: Routledge and Kegan Paul, 1983) mit M. S. Dajani Economic Diplomacy: Embargo Leverage and World Politics (Boulder, Colo.: Westview Press, 1985) mit M. S. Dajani Politics: Theories and Concepts (in arabischer Sprache) (Amman: Palomino Press, 1986) mit M. S. Dajani An Introduction to the Jordanian Political System (in arabischer Sprache) (Amman: Palomino Press, 1993) mit M. S. Dajani Democracy in Palestine: Palestinian General Elections 1996 (in arabischer Sprache) (Ramallah, Palästina: Palestinian Central Elections Committee, 1997) Research Methodology in Political Science (in arabischer Sprache) (Jerusalem: Al-Quds University und Palestinian Center for regional Studies, 1997) mit M. S. Dajani Democracy and Political Pluralism (in arabischer Sprache) (Al-Bireh: Palestinian Center for Regional Studies, 1998) mit M. S. Dajani Palestine: The Holy Land (PECDAR: Emerezian Press, 2000) Al-Quds Glossary for International Terms (in arabischer Sprache) (Jerusalem: Palestinian Center for Regional Studies, 2001) Governance and Administration (in arabischer Sprache) (Jerusalem: Al-Quds University, 2001) mit M. S. Dajani The Strategy of Palestinian Monetary Policy (Jerusalem: Israel/Palestine Center for Research and Information, 2001) mit anderen Autoren