Die Translationsanthropologie ist ein analytischer Zugang zu Übersetzungen, bei dem die Menschenbilder und Machtverhältnisse untersucht werden, die sich zwischen Ausgangstext und Zieltext einer Übersetzung verändern. Wesentlich geprägt wurde die Methodik von der germanistischen Mediävistin Regina Toepfer.

Entwicklung und Fragestellungen Ausgangspunkt der Translationsanthropologie ist der Grundsatz, dass Übersetzende ihre eigenen Werte, Normen und Weltbilder und ihr eigenes Wissen in die Übersetzungen einschreiben. Diesen Grundsatz vertreten vor allem kulturwissenschaftliche Übersetzungsforschende wie Hans Vermeer und Lawrence Venuti, die damit auf die historische und kulturelle Gebundenheit von Übersetzungen hinweisen.

Die historische Anthropologie geht von demselben Grundsatz aus. Forschende betonen, dass die Art, wie Menschen über sich selbst und ihre Umwelt denken, nicht universell ist, sondern von Zeit und Ort abhängt. Es geht also nicht um eine abstrakte ‚Natur des Menschlichen‘, sondern um empirische Befunde über die Veränderungen von menschlichem Zusammenleben, Weltbildern und Werten.

Anthropologische Übersetzungsforschung verbindet diese beiden Grundsätze miteinander. Sie untersucht mit den Mitteln der kulturwissenschaftlichen Translationsforschung, wie Informationsträger von einer Ausgangskultur in eine Zielkultur übertragen werden und was Übersetzende dabei an den Menschenbildern, die diese Informationsträger zeigen, verändern. Dabei muss es sich nicht zwingend um Texte handeln: Auch andere kulturellen Erzeugnisse wie Musik, Kleidung oder Architektur können übersetzt werden. Übersetzungen (im erweiterten Sinn) werden dabei als „Schlüsseltexte für die soziokulturellen Rahmenbedingungen einer Epoche“ gesehen: „Sie spiegeln gesellschaftliche Verhältnisse, folgen leitenden Epistemen, tragen zur Identitätskonstitution und zur Ausformung gesellschaftlicher Hierarchieverhältnisse bei. Welt- und Menschenbilder werden beim Transferprozess oft explizit, immer jedoch implizit reflektiert, meist binär strukturiert und langfristig festgeschrieben.“

Methodik Eng mit anthropologischer Übersetzungsforschung verbunden sind Gender Studies und Intersektionalitätstheorie. Mit einem intersektionalen Ansatz kann untersucht werden, wie in einem Text diskriminierende oder privilegierende Mechanismen funktionieren, also auf welcher Grundlage Figuren oder Vorstellung auf- und abgewertet werden. Intersektionale Forschung bezieht sich oft auf das Verhältnis von Gender, Class und Race, ist aber nicht darauf beschränkt. Ihre Grundlage ist es, die Zusammenhänge zwischen den unterschiedlichen Identitätskategorien zu untersuchen, wodurch sie sich für translationsanthropologische Forschung eigne. alternativtext=Titelblatt der deutschen Odyssee-Übersetzung von Simon Schaidenreisser|mini|Titelblatt der deutschen Odyssee-Übersetzung von Simon Schaidenreisser, gedruckt 1537/38 in Augsburg

Untersuchungsgegenstände Die bisherigen Untersuchungen beziehen sich auf europäische Texte aus dem Mittelalter und der Frühen Neuzeit (bis zum 19. Jahrhundert). Die Translationsanthropologie wurde entwickelt an deutschen Antikenübersetzungen aus dem 16. Jahrhundert, vor allem an Simon Schaidenreissers Übersetzung von Homers Odyssee und den Übersetzungen von Ovids Metamorphosen durch Johannes Spreng und Jörg Wickram. Inhaltlich standen dabei vor allem Fragen nach Geschlechterbildern und der veränderten Darstellung weiblicher Figuren im Vordergrund.

Auch zu frühneuzeitlicher Reiseliteratur, zu Kreuzzügen und zur Kolonialismusdebatte u. a. fanden Untersuchungen statt, die als translationsanthropologisch bezeichnet werden können.

Literatur

Regina Toepfer: Analytische Zugänge zu Übersetzungen: Anthropologisch. In: R. Toepfer, P. Burschel, A. Koppers, J. Wesche (Hgg.): Handbuch Übersetzen in der Frühen Neuzeit. Berlin; Heidelberg 2026. doi:10.1007/978-3-662-68654-6_1-1. Richard Armstrong: Translationsanthropologie: Philologische Übersetzungsforschung als Kulturwissenschaft. Regina Toepfer. Neue Perspektiven der Frühneuzeitforschung 7. Hannover: Wehrhahn Verlag, 2022. 72 pp. €9. In: Renaissance Quarterly, Bd. 72(4) 2023, S. 1593–1595. doi:10.1017/rqx.2023.630. Dies.: Translationsanthropologie. Philologische Übersetzungsforschung als Kulturwissenschaft. Mit einer exemplarischen Analyse der ersten deutschen Odyssee von Simon Schaidenreisser. Hannover 2022 (Neue Perspektiven der Frühneuzeitforschung 7). ISBN 978-3-86525-952-3 Jennifer Hagedorn und Regina Toepfer (Hrsg.): Translation und Marginalisierung. Frühneuzeitliche Literatur aus intersektionaler Perspektive. Berlin; Heidelberg 2025 (Übersetzungskulturen der Frühen Neuzeit 7). doi:10.1007/978-3-662-69469-5. Regina Toepfer: Sektionseinleitung. Anthropologie und Wissen. In: R. Toepfer; P. Burschel; J. Wesche (Hgg.): Übersetzen in der Frühen Neuzeit – Konzepte und Methoden / Concepts and Practices of Translation in the Early Modern Period. Berlin, Heidelberg 2021 (Übersetzungskulturen der Frühen Neuzeit 1), S. 205–219. doi:10.1007/978-3-662-62562-0_10. Introduction to Section II: Anthropology and Knowledge, transl. by Judith Rosenthal. In: ebd., S. 221–235. doi:10.1007/978-3-662-62562-0_11. Jakob Tanner: Historische Anthropologie. In: Docupedia-Zeitgeschichte. Begriffe, Methoden und Debatten der zeithistorischen Forschung. 03.01.2012. http://docupedia.de/zg/tanner_historische_anthropologie_v1_de_2012 doi:10.14765/zzf.dok.2.278.v1 Abraham Rosman und Paula G. Rubel: Translating Cultures. Perspectives on Translation and Anthropology. New York und London 2003. ISBN 978-1-85973-745-3

Einzelnachweise

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