mini|Heinrich Böll Die unsterbliche Theodora ist der Titel einer 1956in Unberechenbare Gäste. Heitere Erzählungen. Die Arche Zürich. veröffentlichten satirischen Erzählung von Heinrich Böll, in der der Literaturbetrieb der Nachkriegsgesellschaft am Beispiel der Rezeption eines zufällig zu kurzem literarischem Ruhm gelangten Schriftstellers parodiert wird.H. M. Waidson: Die Romane und Erzählungen Heinrich Bölls. In: Werner Lengning (Hrsg.): Der Schriftsteller Heinrich Böll. Ein biographisch-bibliographischer Abriß. Deutscher Taschenbuch Verlag München, 1973, u. a. Die Erzählungen (1966), S. 38.

Inhalt Der Erzähler schildert die groteske Karriere seines Freundes Bodo Bengelmann, dem „die Akademie den Rang eines Unsterblichen zuerkannt hat“Heinrich Böll: Die unsterbliche Theodora. In: Nicht nur zur Weihnachtszeit. Satiren. Deutscher Taschenbuch Verlag München, 1973, S. 51. und dessen Feder in der Bengelmann-Gedächtnisstätte aufbewahrt wird. Berühmt ist seine 200 Gedichte umfassende Sammlung von Liebeslyrik, „Lieder an Theodora“, über deren Adressatin die Literaturkritiker rätseln. In Verdacht steht eine zeitgenössische Dichterin. Auch Bodos Schwester lebt „vom lyrischen Ruhm des Bruders“ und nennt sich nicht mit dem Namen ihres Ehemannes Hosse, sondern „Bodo Bengelmanns Schwester“. Der Erzähler kennt jedoch die wahren Zusammenhänge:

Weil Bodos rabiater Vater seinem Sohn das Dichten verbietet und ihn verprügelt, wenn Lotte ihn verpetzt, schreibt er seine Lyrik in der Wohnung seines Freundes, des Erzählers, und dieser bewahrt noch 70 unveröffentlichte Bengelmann-Werke als Altersrente auf, u. a. die in Stabreim, für dessen Erneuerung Bodo berühmt ist, verfassten Verse „Lotte, du Luder, latentes…“

Der junge Lyriker schreibt während seiner Lehre bei einem Händler seine Gedichte auf die Rückseite von Tapetenmustern und widmet sie seiner heimlichen Geliebten als „Lieder für Theodora“. Mit 19 Jahren schickt er 300 Gedichte an 300 verschiedene Redaktionen und ist vier Monate später berühmt. Seine Verehrung kann er jedoch nur zwei Jahre genießen. Nach dem Geständnis, Ruhm sei nur eine Portofrage, er habe es doch „gar nicht so ernst gemeint“, stirbt er an einem Lachkrampf.Heinrich Böll: Die unsterbliche Theodora. In: Nicht nur zur Weihnachtszeit. Satiren. Deutscher Taschenbuch Verlag München, 1973, S. 54.

Nur der Erzähler kennt Bodos Geliebte, die der junge Dichter aus Schüchternheit nicht anzusprechen wagte, wenn er bei ihr in „Beckers billigem Laden“ Schreibpapier für die Reinschrift seiner Lyrik kaufte. Sie heißt Käthe Barutzki, lispelt ein bisschen und ihr „zauberischer Zungenschlag, zahmer …“ kommt häufig in den „Liedern an Theodora“ vor. Sein Geheimnis verrät der Erzähler allerdings nicht „dem Forum der Literaturgeschichte“, weil er „um Käthes Wohl, das Glück des [mit ihr befreundeten] Autoschlossers zitter[t]“. Aber wenn er an ihrem Verkaufstisch in „Beckers billigen Bücher“ kramt, spürt er „wie der Atem der Geschichte [ihn] anweht“.Heinrich Böll: Die unsterbliche Theodora. In: Nicht nur zur Weihnachtszeit. Satiren. Deutscher Taschenbuch Verlag München, 1973, S. 55.

Rezeption und Interpretation In der Rezeptionsgeschichte hat sich die Bewertung der literarischen Werke Bölls geändert.Reinhold Neven DuMont, 10. Juni 2009, WDR-Interview.Uwe Wittstock: „Bölls Theaterstücke und Gedichte sind nichts wert.“ In: Die Welt, 15. Juli 2010, Interview mit Marcel Reich-Ranicki.Ulrich Greiner: Der Schriftsteller des Mitleids. Wir sollten ihn wieder lesen: Heinrich Böll. Der Abschluss der 27-bändigen Kölner Ausgabe ist ein guter Anlass. In: Die Zeit, Nr. 5, 27. Januar 2011. Im Zentrum des Interesses stehen nicht mehr seine als zeitgebunden empfundenen Romane, sondern seine metaphorische kleine Prosa. Mit dem „Blick für das einzelne, auf eine charakteristische Situation, […] bisweilen sogar mit der Akzentuierung einer scheinbar nebensächlichen Banalität“, werde von Böll „Parabelhaftes“ angestrebt: „Von Anfang an suchte er das Gleichnis, die Überhöhung.“ Viele seiner frühen Arbeiten seien zudem Ausdruck einer „fast antikisch anmutenden Schicksalsmächtigkeit“.Hans Schwab-Felisch: Der Böll der frühen Jahre. In: Werner Lengning (Hrsg.): Der Schriftsteller Heinrich Böll. Ein biographisch-bibliographischer Abriß. Deutscher Taschenbuch Verlag München, 1973, S. 168, 169.

Ein Beispiel ist Bölls 1956 veröffentlichte Erzählung Die unsterbliche Theodora, die in viele Erzählsammlungenz. B. Unberechenbare Gäste. Heitere Erzählungen. (Die Arche Zürich, 1956), Die Waage der Baleks und andere Erzählungen (Union Verlag Berlin, 1959), Erzählungen, Hörspiele, Aufsätze (Kiepenheuer & Witsch Köln, 1961), Die Erzählungen (Insel Verlag Leipzig, 1966) und Nicht nur zur Weihnachtszeit. Satiren (Deutscher Taschenbuch Verlag München, 1966) aufgenommen wurde.

In der Rezeption werden die inhaltlichen und stilistischen Elemente der Erzählung – Übersteigerung ins satirisch Groteske, Ironie, schwarzer Humor – meist im Zusammenhang mit anderen Satiren und Grotesken analysiert und interpretiert.Werner Lengning (Hrsg.): Der Schriftsteller Heinrich Böll. Ein biographisch-bibliographischer Abriß. Deutscher Taschenbuch Verlag München, 1973, u. a. Die Erzählungen (1966), S. 327.

Für die gesellschaftliche Umbruchphase in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg und mit dem beginnenden wirtschaftlichen Wohlstand wird die „satirische Groteske“ als eine der beliebtesten Darbietungsformen zeitgenössischer Prosa zur Entlarvung der „Erbärmlichkeit des Realen“ bezeichnet: in ihr existiere „Unvereinbares im gleichen Raum“.Benno von Wiese: Einleitung zu Deutschland erzählt. Fischer Bücherei Frankfurt am Main, 1963, S. 11. Böll vertrete im Spektrum der Satire-Literatur eine besondere Stilart: die Verbindung von Kritik, moralischer Position und Groteske. Als „Moralist aus Güte“ scheue der Autor als „genaue[r] Beobachter seiner Zeitgenossen auch nicht den bitteren Humor, die maliziöse Satire auf die neu arrangierte Gesellschaft“.Friedrich G. Hoffmann und Herbert Rösch: Grundlagen, Stile, gestalten der deutschen Literatur. Hirschgraben-Verlag Frankfurt am Main, 1975, S. 350.

Für Korn steht Böll als Polemiker und heimlicher Moralist in seiner Zeit ziemlich allein da: Sein scharfes Auge sehe „die Abnormität im gesellschaftlichen Leben“. Weil jedoch die moralischen Traktate und Predigten nicht mehr wirken, gehe er Umwege. Er halte sich an das, was die Sprache sehr genau sage, „Ver-rückte“. Die Karikatur seiner Satire enthalte eine allgemeine Wahrheit, „weil die Normalen allesamt als mehr oder minder ver-rückt“ erscheinen. Indem er ins Groteske gesteigerte Geschichten erzähle, vermeide er, „aus klugem Instinkt“, den Zorn. Er habe die Lacher auf seiner Seite. Sein Stil sei forciert realistisch, die Ironie dosiert, die Absicht geschickt verkleidet. So treffe er wie absichtslos neuralgische Punkte: „schlimme Konstruktionsfehler unserer technisch organisierten verwalteten Welt […] groteske Missbildungen“.Karl Korn: Das Salz der Satire. In: Werner Lengning (Hrsg.): Der Schriftsteller Heinrich Böll. Ein biographisch-bibliographischer Abriß. Deutscher Taschenbuch Verlag München, 1973, S. 65, 66.

Böll gilt als ein wichtiger Vertreter der deutschsprachigen Kurzgeschichte und der Autor hat sie in einem Interview mit Reich-Ranicki 1967 als „die schönste aller Prosaformen“ bezeichnet.in: Heinrich Böll: Aufsätze – Kritiken – Reden II. Deutscher Taschenbuch Verlag München, 1973, S. 225. Kilchemann zählt Bölls satirische Erzählungen zu den besten in der zeitgenössischen Literatur.Ruth J. Kilchemann: Die Kurzgeschichte. Formen und Entwicklungen. W. Kohlhammer Verlag Stuttgart, 1967, S. 165. Hier verwirkliche Böll seine Ansicht, „dass das Wirkliche phantastisch sei“, und lasse „diese phantastische Wirklichkeit Gestalt werden, indem er dem Schein die Maske abreißt. Seine Angriffe auf die Auswüchse der Nachkriegsgesellschaft treffen gut gezielt ins Schwarze.“ Der Ausdruck sei „präzis und prägnant, die Waffe scharf geschliffen.“Ruth J. Kilchemann: Die Kurzgeschichte. Formen und Entwicklungen. W. Kohlhammer Verlag Stuttgart, 1967, S. 165.

Nach Rasch wird Bölls „Deutung der Zeitwirklichkeit“ darin sichtbar, dass er „mit Sympathie und Liebe offensichtlich nicht die zeitgemäßen und erfolgreichen Menschen darstellt, sondern die Außenseiter, die Erfolglosen“. Er liebe die schwarzen Schafe, die er „als tragikomische Figuren mit liebevollem Spott“ vorführe, aber er ziele mit seiner Kritik über sie hinaus auf gesellschaftliche Missstände.Wolfdietrich Rasch: Lobrede und Deutung. In: Werner Lengning (Hrsg.): Der Schriftsteller Heinrich Böll. Ein biographisch-bibliographischer Abriß. Deutscher Taschenbuch Verlag München, 1973, S. 12.

Bölls Erzählungen erzeugen für Rasch „Unbehagen, Unruhe bei denen, die […] sich den erfolgverheißenden Spielregeln der gegenwärtigen Wirklichkeit ohne Vorbehalt anzupassen suchen […] Man spürt, dass im selbstzufriedenen Behagen ein Verlust enthalten ist, im Wohlstand eine Verarmung, im Erfolg Versäumnis. […] Wenn Bölls Menschen nicht wissen, woran es ihnen eigentlich mangelt, so wissen sie wenigstens, dass ihnen etwas fehlt, etwas Wesentliches, dass ihnen ein menschlich erfülltes Dasein vorenthalten bleibt […] Jede Erzählung Bölls setzt uns in Misstrauen gegenüber unserer Wirklichkeit, unseren Lebensverhältnissen. […] Bölls Dichtung entfaltet sich am Widerstand gegen diesen Anspruch der kompakten Realität, aus dem Spannungsverhältnis zu ihr entspringt der Funke erzählerischer Inspiration. Er erfindet Geschichten, einfache klar gebaute, von innerer Spannung vibrierende Stories, die gleichzeitig auch mehr sind: Enthüllungen, Bloßlegungen einer Wahrheit, auch Anklage und Protest – aber es ist stets ein dichterisch geformter, in der Gestalt der Erzählung eingeformter Protest, als Gleichnis darstellend“. Wolfdietrich Rasch: Lobrede und Deutung. In: Werner Lengning (Hrsg.): Der Schriftsteller Heinrich Böll. Ein biographisch-bibliographischer Abriß. Deutscher Taschenbuch Verlag München, 1973, S. 10, 11.

Literatur Erhard Friedrichsmeyer: Die satirische Kurzprosa Heinrich Bölls. Chapel Hill 1981. Manfred Durzak: Die deutsche Kurzgeschichte der Gegenwart. Autorenporträts, Werkstattgespräche, Interpretationen. Stuttgart 2. Aufl. 1982. Harald Gerber: Erläuterungen zu Heinrich Böll. Kurzgeschichten, Erzählungen, Romane. Teil I. Krieg und Nachkrieg. Bange, Hollfeld/Ofr. 1987. Manfred Jurgensen: „Die Poesie des Augenblicks“. Die Kurzgeschichten, S. 43–60. In: Bernd Balzer (Hrsg.): Heinrich Böll 1917–1985 zum 75. Geburtstag. Lang, Bern 1992. Werner Bellmann (Hrsg.): Das Werk Heinrich Bölls. Bibliographie mit Studien zum Frühwerk. Westdeutscher Verlag, Opladen 1995. Werner Bellmann (Hrsg.): Heinrich Böll, Romane und Erzählungen. Interpretationen. Reclam, Stuttgart 2000.

Anmerkungen

Kategorie:Erzählung Kategorie:Werk von Heinrich Böll Kategorie:Literarisches Werk Kategorie:Literatur (Deutsch) Kategorie:Literatur (20. Jahrhundert)