Château du Sailhant (auch Schloss Sailhant, historisch Château de Saillans) ist eine denkmalgeschützte, in ihren Ursprüngen auf das frühe 11. Jahrhundert zurückgehende Spornburg im französischen Département Cantal in der Region Auvergne-Rhône-Alpes.Christian Corvisier: Château du Sailhant (Andelat, Cantal). Monographie historique et architecturale. Bruyères-sur-Fère 1999, S. 2. Sie liegt in der Gemeinde Andelat, etwa sechs Kilometer nordwestlich von Saint-Flour auf einem dreieckigen Basaltsporn der Hochebene Planèze.Christian Corvisier: Château du Sailhant. 1999, S. 26.
Geschichte Status und Herkunft im Mittelalter Im Gegensatz zu den meisten mittelalterlichen Befestigungen der Region besaß das Sailhant über Jahrhunderte hinweg den seltenen Status eines Allods (Freieigen) und war kein Lehnsgut (Fief). Die Besitzer waren somit keinem Lehnsherrn zu Feudaleid und Huldigung (foi et hommage) verpflichtet, was die relative Armut an frühen feudalen Urkunden erklärt. Noch im Jahr 1503 protestierte der damalige Herr, Guyon d’Amboise, gegen entsprechende Huldigungsforderungen.
Die früheste urkundliche Erwähnung eines Ritters Guigonis de Salhens datiert auf den Beginn des 11. Jahrhunderts im Zuge der Gründung des Priorats von Saint-Flour durch den Abt Odilo von Cluny. Nach einer urkundlichen Lücke von über 150 Jahren ging die Herrschaft um 1300 durch die Heirat einer Erbtochter der Familie de Saillans an Bertrand I. de Rochefort d'Aurouze über.Christian Corvisier: Château du Sailhant. 1999, S. 3. Im Jahr 1364 wird der Komplex unter Bernard de Rochefort erstmals explizit als „Château et châtellenie“ erwähnt. Durch Erbfolge gelangte die Burg 1383 an die Familie Dauphin de Saint-Ilpize (eine jüngere Linie der Dauphins d’Auvergne) und 1436 weiter an die Familie de Lespinasse.Christian Corvisier: Château du Sailhant. 1999, S. 4.
Die Garnisons- und Belagerungsphasen im Hundertjährigen Krieg Wegen seiner strategisch exponierten Lage nahe der Stadt Saint-Flour diente das Sailhant im Hundertjährigen Krieg wiederholt als militärischt-taktischer Stützpunkt wechselnder Kriegsparteien und Raubritter, während die rechtmäßigen Besitzer meist vertrieben wurden.Christian Corvisier: Château du Sailhant. 1999, S. 5–6. Zwischen 1359 und 1439 war die Festung insgesamt viermal für eine Gesamtdauer von fast zehn Jahren besetzt:Christian Corvisier: Château du Sailhant. 1999, S. 6. 1359–1364: Erste Besetzung durch englische Truppen unter dem Truppenführer Robert Knolles. 1380–1384: Einnahme durch die englisch-gascognische Kompanie unter Pierre de Galard und dem „Bastard von Garlan“.Christian Corvisier: Château du Sailhant. 1999, S. 7. Trotz einer Belagerung im September 1382 durch den königlichen Marschall Louis de Sancerre und den Dauphin d’Auvergne blieb die Burg uneinnehmbar. Sie musste schließlich 1383/84 von den Bürgern von Saint-Flour für eine enorme Summe freigekauft werden. 1388–1391: Erneuter Handstreich durch den „Bastard von Alissan“; die Räumung erfolgte im März 1391 unter dem Kapitän Ramonet de Sors.Christian Corvisier: Château du Sailhant. 1999, S. 8. 1436–1439: Besetzung durch den Söldnerführer Rodrigo de Villandrando im Zuge von Adelsverschwörungen gegen König Karl VII.
Trotz der wiederholten Belagerungen wurde die Burg in ihren Grundmauern nie zerstört, da es sich meist um Einschüchterungsversuche mittels Armbrustbeschuss und Sturmleitern ohne schweres Belagerungsgerät handelte.Christian Corvisier: Château du Sailhant. 1999, S. 9.
Neuzeitliche Transformation: Vom Wehrbau zum Wohnsitz Nachdem die Burg ab 1482 über Antoinette d'Amboise kurzzeitig an das Haus La Rochefoucauld gefallen und unbewohnt geblieben war, folgte um 1540 eine Zäsur: Antoinette d’Amboise verkaufte die Baronie Sailhant an Anne Hénard, die Witwe des Kanzlers Antoine Dubourg.Christian Corvisier: Château du Sailhant. 1999, S. 10. Die reich gewordene Amtsadelsfamilie (noblesse de robe) Dubourg machte die bisherige, unkomfortable Militärfestung zu ihrem ständigen Familiensitz und leitete umfangreiche Renaissance-Umbauten ein.Christian Corvisier: Château du Sailhant. 1999, S. 11.
Während der Hugenottenkriege traten die Dubourgs zum protestantischen Glauben über. Im Jahr 1569 belagerte der katholische Gouverneur der Auvergne, der Graf von Montmorin Saint-Hérem, die Burg. Nachdem die Schlossherrin Nicole (je nach Quelle Nicole de Clermont oder d’Andredieu) das Tor geöffnet hatte, wurde der kranke Schlossherr gefangen genommen und kam gewaltsam zu Tode (laut lokaler Überlieferung erstickte er in einem heißen Backofen). Das Schloss wurde daraufhin sieben Jahre lang von einer katholischen Garnison unter dem Sire de Neyrebrousse besetzt und erst 1576 nach dem Edikt von Poitiers geräumt.Christian Corvisier: Château du Sailhant. 1999, S. 12.
Die Ära d’Estaing und der Verkauf durch Voltaire Im Jahr 1616 gelangte das Schloss durch die Heirat von Catherine Dubourg mit Jacques d’Estaing, dem Begründer der Linie d’Estaing-Saillans, in den Besitz der Familie d’Estaing. Da die Familie d’Estaing jedoch ab der Mitte des 17. Jahrhunderts das weitaus prachtvollere Schloss Ravel als Hauptwohnsitz bevorzugte, verkam das Sailhant zunehmend zu einem unbewohnten Gutshof.Christian Corvisier: Château du Sailhant. 1999, S. 13. Um 1703 befand sich die Anlage in einem Zustand fortgeschrittener Baufälligkeit (einstürzende Mauern, verfaulte Decken).Christian Corvisier: Château du Sailhant. 1999, S. 14. Daraufhin erfolgte zwischen 1704 und 1710 unter dem Schlossherrn Gaspard d’Estaing und dessen Bruder Joachim-Joseph (Bischof von Saint-Flour) eine weitreichende Sanierung und Barockisierung der Wohnräume, an die heute noch das d’Estaing-Wappen mit der Jahreszahl 1710 über dem Portal erinnert.
Mitte des 18. Jahrhunderts war die Erbmasse der d’Estaings hoch verschuldet.Christian Corvisier: Château du Sailhant. 1999, S. 15. Der berühmteste Gläubiger der Familie, der Philosoph und Denker Voltaire, betrieb gerichtlich die Beschlagnahmung und Zwangsversteigerung der Herrschaft. Nach einem mehrjährigen Prozess wurde das Schloss am 3. März 1753 im Auftrag Voltaires für 237.000 Livres an den Pariser königlichen Finanzsekretär François-Jean Roger versteigert.Christian Corvisier: Château du Sailhant. 1999, S. 16.
Die Familie Roger (Besitzer bis 1765) und die nachfolgenden Herren Serre de Saint-Roman (1765–1792) nutzten das Schloss kaum noch selbst, investierten aber massiv in die bauliche Substanz.Christian Corvisier: Château du Sailhant. 1999, S. 20. Zwischen 1756 und 1758 ließ der ältere Roger den maroden Dachstuhl des Hauptwohnhauses komplett abreißen und neu errichten; zeitgleich wurden die Wehrtürme geköpft.Christian Corvisier: Château du Sailhant. 1999, S. 18, 52. Kurz vor der Französischen Revolution ging das Schloss an den Grafen Augeard (Sekretär der Königin Marie-Antoinette) über, dessen Güter 1793 als Emigrantenbesitz beschlagnahmt wurden.Christian Corvisier: Château du Sailhant. 1999, S. 22.
Verfall im 19. Jahrhundert und die historistische Restauration In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts verfiel die Anlage unter lokalen Pächtern und Bauern zur Ruine.Christian Corvisier: Château du Sailhant. 1999, S. 23. Im Jahr 1830 wurden die Ringmauern der Vorburg sowie weite Teile der Wohnbauten abgerissen, um Baumaterial zu gewinnen; einzig das nackte barocke Hauptwohnhaus und der isolierte Südturm blieben stehen.
Im Oktober 1881 kaufte der im Dorf Sailhant geborene und zu Reichtum gekommene Pariser Bankier Mary Raynaud die Ruine für 70.000 Franken. Von 1888 bis 1890 führte er eine spektakuläre, romantisierende Restauration im Stil des Historismus durch.Christian Corvisier: Château du Sailhant. 1999, S. 24. Raynaud engagierte keine Denkmalschutz-Architekten, sondern setzte seine eigenen Vorstellungen einer idealisierten Ritterburg mittels Pariser Bauunternehmen um. Nach Raynauds spektakulärem Bankrott (1890) und seiner Flucht ins Ausland wurde das unvollendete Schloss beschlagnahmt und ging 1904 in den Besitz des bekannten Pariser Mediziners Paul Delbet über.Christian Corvisier: Château du Sailhant. 1999, S. 25. Am 13. September 2019 wurde das Schloss in seiner Gesamtheit unter staatlichen Denkmalschutz gestellt.Eintrag Nr. PA15000058 in der Base Mérimée des französischen Kulturministeriums (französisch).
Architektur Das Schloss zeigt heute das Resultat der historistischen Rekonstruktion von 1888–1890, die auf den Resten der mittelalterlichen und barocken Vorgängerbauten aufbaut. Die Gebäude sind aus dunklem, vulkanischem Basalt- und Lavagestein der Region errichtet und mit den typischen schweren Steinplatten (lauzes) gedeckt.Christian Corvisier: Château du Sailhant. 1999, S. 27, 56.
Das Nord- und Eingangsfront Die nordseitige Angriffsfront präsentiert sich heute als imposante, wehrhafte Fassade mit vier markanten Rundtürmen und Scheinjurgetten (Zinnenkränzen).Christian Corvisier: Château du Sailhant. 1999, S. 54. Die baugeschichtliche Untersuchung zeigt jedoch ein stark differenziertes Bild: Mittelalterlicher Bestand: Nur zwei der vier Rundtürme sowie die verbindende Vorhangmauer (Courtine) stammen aus dem Spätmittelalter (zweite Hälfte 14. Jahrhundert).Christian Corvisier: Château du Sailhant. 1999, S. 30. Dazu zählt der Turm direkt rechts neben dem Tor, der im Inneren mit Schießscharten für schwere Armbrüste (Arbalètrières) ausgestattet ist. In diesen Turm wurde im 16. Jahrhundert nachträglich eine tiefliegende Geschützpforte (embrasure à la française) eingebrochen.Christian Corvisier: Château du Sailhant. 1999, S. 28–29. Der Rundturm an der Nordostecke beherbergte im Erdgeschoss eine Abortanlage, die gleichzeitig als Verlies (Cachot) genutzt wurde und über ein Angstloch (occulus) von oben kontrolliert werden konnte.Christian Corvisier: Château du Sailhant. 1999, S. 29–30. Die beiden historischen Türme wurden im 18. Jahrhundert geköpft und schräg abgemauert, um unter ein durchgehendes Schleppdach zu passen; Raynaud ließ sie 1888 wieder aufmauern und mit Poivrière-Dächern versehen. Historistische Neubauten: Der Rundturm direkt links des Eingangstors sowie der äußere Nordwestturm sind reine Schöpfungen der Jahre 1888–1890. Sie besitzen im Inneren keinerlei Gewölbe, sondern dienten Raynaud zur Unterbringung moderner Infrastruktur wie der Wassertanks für die Regensammlung, der Rohre und der Heizanlagen für die damals hochmoderne Zentralheizung.
Das rundbogige Eingangstor besitzt eine einfache Fase aus dunkelgrauer Lava; das Torgewölbe wurde im 18. Jahrhundert neu aufgeführt.Christian Corvisier: Château du Sailhant. 1999, S. 32. Das davorliegende historische Spalttal (Fossé) wurde im Zuge des Baus der neuzeitlichen Rampe zugeschüttet.
Die Hoffassaden (Wohnflügel) Der langgestreckte Wohnflügel zur Hofseite verdankt seine regelmäßige, klassizistische Symmetrie mit großen Kreuzfenstern und flachen Pilastern einer durchgreifenden Modernisierung im 18. Jahrhundert (entweder um 1710 unter d’Estaing oder um 1760 unter Roger).Christian Corvisier: Château du Sailhant. 1999, S. 49–50. Hierzu wurden breite vertikale Schnitte in das mittelalterliche Mauerwerk gebrochen, um die Barockfenster einzusetzen; Reste älterer Renaissance-Fenster und einer großen, vermauerten Balkonarkade des 17. Jahrhunderts sind im Mauerwerk der Hoffassade noch als Fragmente sichtbar.Christian Corvisier: Château du Sailhant. 1999, S. 36, 50. Raynaud kopierte dieses Fensterschema beim Wiederaufbau des im Westen anschließenden, 11 Achsen langen Flügels komplett, um eine einheitliche Monumentalfassade zu erzielen.Christian Corvisier: Château du Sailhant. 1999, S. 55.