mini|Wappen der Herren von Estaing mini|Ort und Schloss Estaing
Die Grafen d’Estaing war ein bedeutendes, im Jahr 1794 im Mannesstamm erloschenes Geschlecht des französischen Uradels (noblesse de race), das aus dem Rouergue (heute Département Aveyron) stammte.Hippolyte de Barrau: Documents historiques et généalogiques sur les familles et les hommes remarquables du Rouergue. Band 1, Rodez 1853, S. 515. Ihr Stammsitz war das Schloss Estaing in der Gemeinde Estaing.
Geschichte Das Geschlecht erscheint erstmals urkundlich im 11. Jahrhundert mit Odon d’Estaing (erwähnt um 1080). Die Familie erwarb im Laufe des Mittelalters und der Frühen Neuzeit ausgedehnten Grundbesitz im heutigen Département Aveyron und besetzte einflussreiche Positionen im Militär sowie in der katholischen Kirche.Hippolyte de Barrau: Documents historiques et généalogiques sur les familles et les hommes remarquables du Rouergue. Band 1, Rodez 1853, S. 517–530.
Die Bouvines-Legende und die Wappenprivilegierung In der Familiengeschichte spielte über Jahrhunderte eine Erzählung um die Schlacht bei Bouvines (1214) eine zentrale Rolle. Ein Dieudonné (Déodat) d’Estaing soll in dieser Schlacht dem französischen König Philipp II. August das Leben gerettet haben. Als Dank, so die Darstellung der Familie, habe der König dem Geschlecht das Privileg erteilt, das königliche Wappen Frankreichs (die Lilien auf blauem Grund) als Familienwappen zu führen, wobei die Familie zur Abgrenzung einen goldenen Schildhaupt-Schnitt (chef d'or) oder einen roten Turnierkragen (lambel) als Brisure hinzufügte.Hippolyte de Barrau: Documents historiques et généalogiques sur les familles et les hommes remarquables du Rouergue. Band 1, Rodez 1853, S. 520.
Die moderne historische Forschung des 20. Jahrhunderts (maßgeblich initiiert durch Henri Stein im Jahr 1919) entlarvte diese Episode als historische Fälschung. Die Dokumente, die dieses Privileg sowie eine angebliche Eheverbindung mit dem Haus Toulouse belegen sollten und im Jahr 1750 im Schloss Estaing „wiederentdeckt“ worden waren,Hippolyte de Barrau: Documents historiques et généalogiques sur les familles et les hommes remarquables du Rouergue. Band 1, Rodez 1853, S. 519. wurden als spätere Fabrikationen identifiziert. Diese sollten den Status der Familie am königlichen Hof von Versailles untermauern. Als tatsächlicher Lebensretter des Königs in der Schlacht gilt historisch der Ritter Pierre Tristan. Erlöschen Das Geschlecht erlosch im Mannesstamm am 28. April 1794 während der Französischen Revolution mit der Hinrichtung des Admirals Charles Henri d’Estaing unter der Guillotine. Seine Schwester und Universalerbin, Henriette de Bourbon-Busset (geborene d’Estaing), verstarb 1826, womit auch die legitime weibliche Linie der Familie endete.
Name d’Estaing in der Moderne Die heute bekannte Familie Giscard d’Estaing, der auch der ehemalige französische Staatspräsident Valéry Giscard d’Estaing angehörte, stammt nicht im Mannesstamm von dem historischen Adelsgeschlecht ab. Sie hieß ursprünglich Giscard und war bürgerlicher Herkunft. Im Jahr 1922 und 1923 erhielt sie durch Dekret des Staatsrates (Conseil d’État) das Recht, den Namen d’Estaing anzunehmen. Dies wurde mit einer Abstammung in weiblicher Linie von Lucie Madeleine d’Estaing (1743–1826), einer unehelichen Halbschwester des Admirals Charles Henri d’Estaing, begründet.
Bekannte Familienmitglieder Pierre d’Estaing (um 1320–1377), französischer Kardinal der päpstlichen Kurie in Avignon, Erzbischof von Bourges und päpstlicher Legat von Gregor XI.Hippolyte de Barrau: Documents historiques et généalogiques sur les familles et les hommes remarquables du Rouergue. Band 1, Rodez 1853, S. 737 (Register) u. S. 523. Guillaume d’Estaing († nach 1424), Herr von Estaing, Seneschall und Gouverneur des Rouergue, Kämmerer von König Karl VII. und Botschafter in Kastilien.Hippolyte de Barrau: Documents historiques et généalogiques sur les familles et les hommes remarquables du Rouergue. Band 1, Rodez 1853, S. 530. Guillaume-Hugues d’Estaing († 1455), französischer Kardinal und Bischof von Fréjus. Antoine d’Estaing († 1523), Bischof von Angoulême (1506–1523) und Rat im Parlement von Paris. François d’Estaing (1462–1529), Bischof von Rodez (1504–1529). François I. d’Estaing († 1568), Vizegraf (vicomte) von Estaing, Baron von Landorre und Ritter der königlichen Orden.Hippolyte de Barrau: Documents historiques et généalogiques sur les familles et les hommes remarquables du Rouergue. Band 1, Rodez 1853, S. 438. Charles-François d’Estaing († 1746), Marquis d’Estaing und de Saillans, Vizegraf von Ravel und königlicher Generalleutnant (lieutenant-général des armées du roi). François III. d’Estaing, französischer Generalleutnant. Charles Henri d’Estaing (1729–1794), französischer Marineoffizier, Vizeadmiral von Frankreich, Admiral im Siebenjährigen Krieg und im Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg. Lucie Madeleine d’Estaing (1743–1826), Mätresse des französischen Königs Ludwig XV.
Adelssitze (Besitzungen) Schloss Estaing. Schloss Murol. Schloss Ravel. Schloss Réquistat. Schloss Sailhant. Schloss Val.
Literatur
Weblinks
Einzelnachweise
Kategorie:Französisches Adelsgeschlecht