Stefan Andreas Drechsler (* 16. Juni 1984) ist ein deutscher Skandinavist, Mediävist und Musiker. Sein Forschungsschwerpunkt liegt in der Analyse skandinavischer Rechtshandschriften des Mittelalters, deren Kompilationsstrategien und Rechtsikonographie in der mittelalterlichen europäischen Buchmalerei.

Werdegang Drechsler studierte ab 2006 an der Christian-Albrechts-Universität Kiel und erwarb dort den Master-Abschluss in Nordischer Philologie, Kunstgeschichte und Philosophie. Einen weiteren MA in Medieval Icelandic Studies erhielt er 2010 von der Universität von Island in Reykjavík. 2017 erfolgte die Promotion an der Universität Aberdeen mit einer Arbeit zu Handschriften des Klosters Helgafell in Island. 2018–19 arbeitete Drechsler als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Fennistik und Skandinavistik der Universität Greifswald.

Seit 2019 forscht und lehrt Drechsler als Postdoc an der Universität Bergen und leitet seit 2023 das von Nordforsk finanzierte Forschungsprojekt zu mittelalterlichen nordischen Gesetzbüchern.Nordic Law Books: The Production and Use of Vernacular Law Manuscripts in the North from 1100 to 1600 (NordicLaw). NordForsk, abgerufen am 30. Mai 2026. 2025/26 leitete er das Projekt Writing in Latin and in the Vernacular: Bilingual Scribal Practice in Norway ca. 1300–1350.Writing in Latin and in the Vernacular: Bilingual Scribal Practice in Norway ca. 1300–1350. Centre for Advanced Study, abgerufen am 30. Mai 2026.

Drechsler erhielt 2022 eine Snorri Sturluson Icelandic Fellowship des Árni Magnússon Institut für Islandstudien.Snorri Sturluson Icelandic Fellowships. Arnastofnun.The snorri sturluson icelandic fellowships. UNESCO. Die von ihm mit kuratierte Ausstellung im Bryggen Museum zum 750-jährigen Jubiläum der Gesetzesreform von Magnus Lagabøtes wurde mit dem Subjekt-Preis 2024 als beste norwegische Ausstellung ausgezeichnet.

Wissenschaftliche Bedeutung Drechsler wurde vor allem durch seine Arbeiten zu den sogenannten Helgafell-Handschriften bekannt. Die ältere Forschung ordnete diese Gruppe dem Skriptorium des Augustinerhauses Helgafell zu. Drechsler untersuchte 16 Handschriften und Fragmente des 14. Jahrhunderts, die durch zwei Haupthände (H Hel 1 und H Hel 2) sowie gemeinsame paläographische und ikonographische Merkmale gekennzeichnet sind. Er deutet die Gruppe als Ergebnis einer regionalen Produktion im Raum Breiðafjörður. H Hel 1 arbeitete demnach mit mehreren Nebenhänden in Helgafell, H Hel 2 hingegen wohl in der näheren Umgebung, möglicherweise auf dem Hof Skarð á Skarðströnd. Die Buchmalerei führt Drechsler auf mehrere Illuminatoren zurück, deren Vorlagen und Formen auch Beziehungen nach Westnorwegen, Ostanglien und Nordfrankreich erkennen lassen.Stefan Drechsler: Illuminated Manuscript Production in Medieval Iceland. S. 25–31 und 223–230. (online)

Seine 2021 vorgelegte Monographie wurde in mehreren Fachzeitschriften überwiegend positiv aufgenommen, die Rezensionen würdigten besonders die Materialfülle, die Verbindung von Paläographie, Kodikologie und Buchmalerei sowie die Abkehr von der älteren Vorstellung einer geschlossenen Klosterwerkstatt. John Kennedy sah einen wesentlichen Beitrag darin, dass Drechsler weitere Produktionsorte einbezieht.John Kennedy: Rezension. In: Parergon, Band 39, Nr. 1, 2022, S. 234–236, hier S. 235, . Andere Besprechungen verwiesen zugleich auf schwierige Punkte in Drechslers Argumentation, etwa die genaue Lokalisierung der Werkstätten, die Zuschreibung einzelner Buchmalereien, die Gewichtung ikonographischer Vergleiche sowie einzelne Fehler in Transkriptionen und Übersetzungen.Synnøve Midtbø Myking: Rezension. In: The Medieval Review, 14. März 2022 (online)Patricia Pires Boulhosa: Rezension. In: Church History, Band 92, Nr. 1, 2023, S. 177–178, Lasse Mårtensson: Rezension. In: Collegium Medievale, Band 36, 2023, S. 266–269 (online)Irene Kupferschmied: Rezension. In: European Journal of Scandinavian Studies, Band 55, Nr. 1, 2025, S. 14–17, .

Musik Drechsler ist auch als Musiker tätig. In einem Interview schilderte er, über die Musiksammlung seiner Eltern früh mit Rockmusik in Berührung gekommen zu sein. Er habe mit zwölf Jahren Metal gehört und ab dem Alter von 15 Jahren akustische und elektrische Gitarre gespielt. Später kamen Gesang und E-Bass hinzu.Spotlight on … Stefán Drechsler (Árstíðir Lífsins). In: Musika, 7. Juni 2020, abgerufen am 1. Juni 2026.

Er war Mitglied der Band Kerbenok, die 2008 ein Album bei Northern Silence Productions veröffentlichte. Im selben Jahr gründete er die deutsch-isländische Band Árstíðir Lífsins, seit 2010 erschienen mehrere Alben bei Ván Records.Markus Endres: Árstíðir Lífsins: Wer unsere Musik nur im Internet konsumiert, hat also bei weiten nicht alles mitbekommen, was wir mit jeder Veröffentlichung ausdrücken möchten. In: Metal.de, 19. Mai 2020. 2025 veröffentlichte er, ebenfalls bei Ván Records, das Album Hræflóð markar fjalla seines Projekts Fordæðuskapr. Seine wissenschaftliche Tätigkeit wird in der Musik aufgegriffen. Primärtexte nordischer Sagas dienen als Textgrundlagen und vermitteln neben historischen Kontexten auch formale Muster der altnordischen Literaturgeschichte.Christian Peters: Lucky Leif und die bärtigen Männer: Wikinger in Rock und Metal. In: Mittelalter Digital, 6. Dezember 2020.

Sowohl mit Árstíðir Lífsins als auch im Projekt Wöljager arbeitete Drechsler mit Marcel Dreckmann zusammen, der als Sänger von Helrunar bekannt wurde. Auf dem Album Van't Liewen Un Stiäwen (hochdeutsch: Vom Leben und Sterben) sind regionale Legenden im Münsterländer Platt neu interpretiert bzw. vertont und werden von einem 60-seitigen Textbuch begleitet.

Schriften (Auswahl) Making manuscripts at Helgafell in the fourteenth century. University of Aberdeen, 2017 (Dissertation) mit Heidi Synnøve Djuve, Beñat Elortza Larrea, Deniz Cem Gülen (Hrsg.): The North as Home: Proceedings from the Nordic Research Network 2017. Norvik Press, Series: C No. 4, 2020, ISBN 978-1-909408-54-8. Illuminated Manuscript Production in Medieval Iceland: Literary and Artistic Activities of the Monastery at Helgafell in the Fourteenth Century. Manuscripta Publications, Brepols Publishers, 2021, ISBN 978-2-503-58902-2. Rezension: Synnøve Midtbø Myking. In: The Medieval Review, 14. März 2022 (online). Rezension: John Kennedy. In: Parergon, Band 39, Nr. 1, 2022, S. 234–236, . Rezension: Jeffrey F. Hamburger. In: Medium Ævum, Band 91, Nr. 1, 2022, S. 143–144 (online). Rezension: Adam Oberlin. In: Mediaevistik, Band 35, Nr. 1, 2022, S. 508–510, . Rezension: Sverrir Jakobsson. In: Saga. Tímarit Sögufélags, Band 60, Nr. 1, 2022, S. 220–223 (online). Rezension: Visa Immonen. In: Speculum, Band 98, Nr. 4, 2023, S. 1234–1235, . Rezension: Patricia Pires Boulhosa. In: Church History, Band 92, Nr. 1, 2023, S. 177–178, . Rezension: Lasse Mårtensson. In: Collegium Medievale, Band 36, 2023, S. 266–269 (online). Rezension: Irene Kupferschmied. In: European Journal of Scandinavian Studies, Band 55, Nr. 1, 2025, S. 14–17, .

Aufsätze The Illuminated Þjófabálkr in Fourteenth-Century Icelandic Jónsbók Manuscripts. In: Viking and Medieval Scandinavia, Band 12 (2016), S. 1–40 Jón Halldórsson and Law Manuscripts of Western Iceland c. 1320–40. In: Gunnar Harðarson, Karl G. Johansson (Hrsg.): Dominican Resonances in Medieval Iceland: The Legacy of Bishop Jón Halldórsson of Skálholt. In: The Northern World. Band 91 (Kapitel 6), Brill Verlag (Leiden), 2021, ISBN 978-90-04-44879-7, S. 125–150. Production and Content of the Fourteenth-Century Norwegian Law Manuscript Lundarbók. In: Thomas Gobbit (Hrsg.): Law / Book / Culture in the Early and High Medieval West. Exploring Medieval Culture, Band 7 (Kapitel 1), Brill (Leiden), 2021, ISBN 978-90-04-44834-6, S. 17–50. Codex Hardenbergianus (GKS 1154 fol.) - A Prachthandschrift from Medieval Norway. In: Jóhanna Katrín Friðriksdóttir & Lukas Rösli (Hrsg.): Old Norse Law Books from a Material Perspective. Nota Bene, Band 18 (Kapitel 4), Nationalbibliothek, Oslo 2024, ISBN 978-82-7965-578-7, S. 112–158.

Diskographie (Auswahl) Für Veröffentlichungen mit Árstíðir Lífsins siehe dort. mit Kerbenok: O. (2008, Northern Silence Productions) mit Eldborg: Ut I Det Fjerne. (2009, Selbstverlag; 2022, Schattenpfade) mit Wöljager: Van’t Liewen Un Stiäwen. (2016, Auerbach Tonträger/Prophecy Productions) mit Fordæðuskapr: Hræflóð Markar Fjalla. (2025, Ván Records)

Weblinks

Stefan Drechsler auf den Seiten der Universität Bergen.

Spotlight on … Stefán Drechsler (Árstíðir Lífsins). musika.be, 7. Juni 2020.

Einzelnachweise

Kategorie:Skandinavist Kategorie:Kodikologe Kategorie:Ausstellungskurator Kategorie:Multiinstrumentalist (Metal) Kategorie:Deutscher Kategorie:Geboren 1984 Kategorie:Mann