Kalobotry, der Seemann ist ein madagassisches Märchen.Moks Nasoloarisoa Razafindramiandra (Hrsg. und Übers.): Die Märchen der Weltliteratur – Märchen aus Madagaskar. Eugen Diederichs Verlag, München 1988, S. 94–100, 223.
Handlung In der Stadt Mahajanga lebt ein Mann namens Kalobotry, der ein geschickter Seefahrer ist. Den Mosambikkanal kennt er, als sei er sein Königreich, und zusammen mit seinem Vater durchkreuzt er ihn auf einem kleinen Schiff mit roten Segeln. Als sein Vater stirbt, verlangt dieser von seinem Sohn, dass er stets zur See fahren und das Boot nicht länger als drei Monate verlassen solle, was Kalobotry schwört.
In Iharanandoha angekommen erfährt Kalobotry, dass die Töchter des dortigen Königs Andriambahoaka verschwunden sind und am Strand nur zwei Hälften ihrer rosa und blauen Lambas aufgefunden wurden. Der König bietet ihm daraufhin an, den Frachtraum seines kleinen Schiffes mit Goldstücken zu füllen, wenn er diese wiederfände, was Kalobotry annimmt. Also lässt er in der Folge sein Schiff zurück und besteigt mit dem König das schnellere königliche Schiff, um sich auf die Suche nach den Mädchen zu begeben. Dabei segeln sie lange erfolglos umher, bis schließlich Windstille eintritt und die drei Monate fast vorüber sind, sodass Kalobotry ein Kanu besteigt, um wieder nach Iharanandoha zu gelangen.
Müde vom Rudern schläft Kalobotry später ein und strandet an einer Insel, wo er auf die Mädchen mit den beiden Lamba-Hälften trifft. Sie erzählen ihm, dass Ratrimo, ein riesiges, schwarzes Ungeheuer, das Flügel hat und eine Maske trägt, da es kein Gesicht hat, sie entführt habe, woraufhin dieser sofort erscheint, um den Gestrandeten zu fressen. Kalobotry überredet Ratrimo jedoch dazu, sich vorher noch das Spiel Katro beibringen zu lassen. Als er das Ungeheuer anschließend anweist, genau hinzusehen, um die Regeln auch zu behalten, sodass es sich bückt, schlägt Kalobotry es mit einer Eisenstange tot.
Kalobotry nimmt daraufhin eine Feder Ratrimos, befestigt daran die Lamba-Hälften und richtet sie im Kanu auf, sodass er segeln kann. Da das Boot zu klein für drei ist, segelt er alleine zum Schiff des Königs zurück, der schon aus der Ferne die rosa und blauen Lamba-Hälften erkennt, und als der Wind wieder aufkommt, holen sie die Töchter des Königs ab, wobei dieser aber in Ohnmacht fällt. Kalobotry fährt das Schiff daraufhin nach Iharanandoha zurück, wo das Volk glücklich über die wiedergefundenen Töchter ist. Der Lärm, der dabei entsteht, weckt den ohnmächtigen Andriambahoaka schließlich auf, doch bei Kalobotry kann er sich nicht mehr bedanken und ihm auch das Gold nicht auszahlen, weil dieser schon wieder auf See ist. Den Schwur gegenüber seinen Vater nicht einhalten könnend, da die drei Monate bereits abgelaufen waren, verschwand Kalobotry auf seinem Schiff mit den roten Segeln und man hat nie wieder etwas von ihm gesehen.
Hintergrund Das Märchen wurde von der Lehrerin Ravero F. aus der Ethnie der Merina in Mahajanga erzählt und erhielt in Moks Nasoloarisoa Razafindramiandras Die Märchen der Weltliteratur – Märchen aus Madagaskar (München 1988) den Titel Kalobotry, der Seemann. Die Stadt Iharanandoha existiert heute nicht mehr, soll aber in der Nähe von Iharana gelegen haben. Ratrimo (Trimobe) kennt das Spiel Katro nicht, da es afrikanischen Ursprungs ist; jedoch ist es in Madagaskar weit verbreitet. Nach Razafindramiandra sei das Verschwinden Kalobotrys, der seinen Schwur gegenüber seinem Vater nicht einhalten konnte, ein Beispiel für die starke Bindung zwischen Eltern und Kindern bzw. Ahnen und Lebenden. Lambas (Stolas) sind traditionelle Kleidungsstücke, die vor allem bei den inländischen Betsileo und Merina getragen werden. Sie bestehen aus einem rechteckigen Stück Stoff, das um den Körper gewickelt wird.
Literatur Moks Nasoloarisoa Razafindramiandra (Hrsg. und Übers.): Die Märchen der Weltliteratur – Märchen aus Madagaskar. Eugen Diederichs Verlag, München 1988, S. 94–100, 223.
Einzelnachweise
Kategorie:Literatur (20. Jahrhundert) Kategorie:Literarisches Werk Kategorie:Kultur (Madagaskar) Kategorie:Märchen