William (Bill) Alan Anthony (* 1942 in Buffalo; † 15. Juli 2020 in Reading) war ein US-amerikanischer Rehabilitationspsychologe und emeritierter Professor am Sargent College der Boston University.Sally Rogers: “Father of Psychiatric Rehabilitation” auf Boston University vom 19. November 2020, abgerufen am 26. Mai 2026.Marianne Farkas; Abraham Rudnick: The Legacy of William (Bill) A. Anthony: Past, Present and Future auf psycnet.apa, abgerufen am 26. Mai 2026.

Leben Seine Eltern waren William und Phyllis Anthony; er wuchs in der Familie mit seinen drei Brüdern Bob Anthony, Richard Anthony und Jack Anthony auf. Bereits seine Eltern leiteten in Buffalo ein Sommercamp für Kinder, die eine Rehabilitation benötigten. Er war an der University of Wisconsin in humanistischer Psychologie ausgebildet worden; dabei hatte er von Carl Rogers das Konzept des aktiven, reflektierenden Zuhörens kennengelernt; von Viktor Frankl die Bedeutung der Sinnfindung und Zielgerichtetheit; und von Abraham Maslow die Wichtigkeit der Befriedigung menschlicher Grundbedürfnisse. Von Robert R. Carkhuff lernte er die Werte Respekt, Empathie und Unmittelbarkeit.

Ende der 60er Jahre arbeitete er im Walter Reed Hospital mit Soldaten, die aus dem Vietnamkrieg zurückgekehrt waren und bemerkte, dass Patienten mit körperlichen Verletzungen jegliche Art von Rehabilitation erhielten, während dies auf jene mit psychischen Problemen nicht zutraf. Dann wechselte er an die Southern Illinois University, um dort Psychologie zu lehren. 1979 wurde er ordentlicher Professor am Sargent College an der Boston University und lehrte dort viele Jahre lang – zunächst im Fachbereich Rehabilitationsberatung und später im Fachbereich Ergotherapie. Unter seiner Leitung wurde 1979 am Sargent College das Center for Psychiatric Rehabilitation (CPR) gegründet; er fungierte bis zu seiner Emeritierung im Jahr 2011 als dessen geschäftsführender Direktor. 2011 er ging in den Ruhestand und wurde zum Professor Emeritus ernannt.

Werk Er wird als ein Pionier der psychiatrischen Rehabilitation und ein engagierter Verfechter des Recovery-Modells für Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen angesehen. Anstatt den Fokus primär auf die Störung oder Psychopathologie zu richten, vollzog er einen Paradigmenwechsel in der Versorgung psychisch Kranker, indem er die Prinzipien der körperlichen Rehabilitation auf die Unterstützung von Menschen mit psychiatrischen Behinderungen übertrug. Er verstand die Aufgabe von Rehabilitationswissenschaft und -praxis darin, wirksame Dienstleistungen in partnerschaftlicher Zusammenarbeit mit den Betroffenen bereitzustellen – ungeachtet deren Symptome oder Diagnosen. Er beschrieb in seinen Arbeiten einen individuellen Genesungsprozess, der sowohl mit als auch ohne Inanspruchnahme von Diensten des Gesundheitssystems stattfinden konnte. Das Konzept der Genesung wird von ihm als ein zutiefst persönlicher Prozess präzisiert und die Bedeutung der gelebten Erfahrungen für die damit einhergehende Transformation der Versorgungsstrukturen hervorgehoben. Er und sein Team leisteten Pionierarbeit bei der Entwicklung von Methoden, die Menschen dabei unterstützen, ihre Bildungsziele zu erreichen – ein Ansatz, der als „Supported Education“ bekannt ist. Zudem unterstützte er die Entwicklung von Modellen wie etwa „Supported Employment“ und „Supported Housing“. Er trug maßgeblich dazu bei, Konzepte, Prinzipien, politische Rahmenbedingungen und praktische Vorgehensweisen zu präzisieren, die das Recht und die Fähigkeit von Menschen mit psychiatrischen Beeinträchtigungen und psychischen Herausforderungen stärkten, ihre eigene Vision eines sinnerfüllten Lebens anzustreben und zu verwirklichen. Aufgrund seines lebenslangen Engagements in Lehre und Forschung zu psychischen Gesundheitsstörungen sowie seines Einsatzes für die Menschen, die mit diesen Erkrankungen leben, wurde er als der „Vater der psychiatrischen Rehabilitation“ bezeichnet.

Ehrungen/Positionen 1992: „Distinguished Service Award“, verliehen durch den Präsidenten der Vereinigten Staaten George Bush für seine Verdienste „um die Förderung der Würde, Gleichberechtigung, Unabhängigkeit und Beschäftigung von Menschen mit Behinderungen“ Herausgeber bzw. Mitherausgeber des „Psychosocial Rehabilitation Journal“ (später „Psychiatric Rehabilitation Journal“)

Privates Er war 54 Jahre lang mit seiner Ehefrau Camille († 2019) verheiratet; aus der Ehe gingen die Töchter Julia Benton, Jill McFadden und Jessica Quirk hervor. Er hatte neben seinem familiären Engagement vielfältigen Interessen, so liebte er es zu golfen, im Garten zu arbeiten, Ski zu fahren, zu reisen und Gedichte zu schreiben. Er verstarb im Alter von 77 Jahre nach einem langen Kampf gegen Multiple Sklerose.Obituary: William Anthony, 77 auf The Reading Post vom 16. Juli 2020, abgerufen am 26. Mai 2026.

Publikationen (Auswahl) Monografien The Principles of psychiatric rehabilitation. University Park, Baltimore 1979.

Herausgeberschaften Mit M. D. Farkas: Psychiatric rehabilitation programs: Putting theory into practice. Johns Hopkins University Press, Baltimore 1989, ISBN 978-0-8018-3724-1.

Zeitschriftenartikel/Buchbeiträge Mit L. Mizock: Evidence-based processes in an era of recovery: Implications for rehabilitation counseling and research. In: Rehabilitation Counseling Bulletin, 2014, 57 (4), S. 219–227. Mit M. Farkas: Psychiatric rehabilitation interventions: A review. In: International Review of Psychiatry, 2010, 22 (2), S. 114–129. Mit C. Gagne; W. White: Recovery: A common vision for the fields of mental health and addictions. In: Psychiatric Rehabilitation Journal, 2007, 31 (1), S. 32–37. Mit M. Farkas; L. Ashcraft: The 3Cs for recovery services. In: Behavioral Healthcare, 2008, 28 (2), S. 26–27. Mit M. Farkas: What will transform services: Evidence, values and best practice? In: Psychiatric Rehabilitation Journal, 2006, 30 (2), S. 87–88. Mit M. Farkas; C. Gagne; J. Chamberlin: Implementing recovery oriented evidence based programs: Identifying the critical dimensions. In: Community Mental Health Journal, 2005, 41 (2), S. 141–158. The recovery effect. In: Psychiatric Rehabilitation Journal, 2004, 27 (4), S. 303–304. Expanding the evidence base in an era of recovery. In: Psychiatric Rehabilitation Journal, 2003, 27 (1), S. 1–2. Mit M. L. Ellison; J. L. Sheets; W. Dodds; W. J. Barker; J. Massaro; N. J. Wewiorski: The integration of psychiatric rehabilitation services in behavioral health care structures: A state example. In: The Journal of Behavioral Health Services & Research, 2002, 29 (4), S. 381–393. Mit L. Spaniol; N. J. Wewiorski; C. Gagne: The process of recovery from schizophrenia. In: International Review of Psychiatry, 2002, 14 (4), S. 327–336. A recovery-oriented service system: Setting some system level standards. In: Psychiatric Rehabilitation Journal, 2000, 24 (2), S. 159–168. Recovery from mental illness: The guiding vision of the mental health service system in the 1990s. In: Psychosocial Rehabilitation Journal, 1993, 16 (4), S. 11–23. Mit M. R. Cohen; M. D. Farkas; L. L. Bachrach: Psychiatric rehabilitation. Boston, MA: Center for Psychiatric Rehabilitation, Boston University, Sargent College of Allied Health Professions, 1990. Mit R. P. Liberman: The practice of psychiatric rehabilitation: Historical, conceptual, and research base. In: Schizophrenia Bulletin, 1986, 12 (4), S, 542–559.

Weblinks

William A. Anthony's research while affiliated with Boston University and other places auf Research Gate, abgerufen am 26. Mai 2026. A. Rudnick: In Memory of William (Bill) A. Anthony: A Pioneer and Leader of Psychiatric/Psychosocial Rehabilitation. In: J. Psychosoc. Rehabil. Ment. Health, 2020, 7, S. 315–316. Lori Ashcraft: In tribute to William Anthony, abgerufen am 26. Mai 2026.

Einzelnachweise

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