Eine Weihnachtserinnerung (teilweise auch unter den deutschsprachigen Titeln Eine Weihnachts-Erinnerung oder Weihnachtserinnerungen, Originaltitel: A Christmas Memory) ist eine Erzählung von Truman Capote. Der erstmals 1956 in der Zeitschrift Mademoiselle veröffentlichteRobert Kopitsch: Truman Capote – Grenzgänger zwischen Literatur und Journalismus. Eine biographische Annäherung und Analyse seiner literarisch journalistischen Werke. (Diplomarbeit.) Universität Wien, Wien 2009. S. 44. (pdf). Text ist eine der drei Erzählungen, die dem Kurzroman Frühstück bei Tiffany bei dessen originalsprachigen Ersterscheinen hinzugefügt wurden. Kurzbeschreibung Der siebenjährige Ich-Erzähler Buddy beschreibt vorweihnachtliche Rituale mit der viel älteren „Base“ in einer US-Kleinstadt: Sie besorgen die Zutaten für einunddreißig Früchtekuchen, die sie Freunden schenken. Neben dem Backen gibt es heimliches Trinken von Back Whisky, häusliche Strafen, das Fällen und Schmücken eines großen Weihnachtsbaums sowie das Basteln einfacher Geschenke. Buddy ist von seinen eigenen Gaben enttäuscht, doch die Base schenkt ihm einen selbstgebauten Drachen mit seinem Namen. Die beiden lassen ihn steigen. Es ist ihr letztes gemeinsames Weihnachten, denn Buddy soll auf eine Militärschule. Inhalt Der zur Berichtszeit siebenjährige Ich-Erzähler, der Buddy genannt wird, erzählt von vorweihnachtlichen Ritualen: Eines Morgens Ende November ist es wie jedes Jahr in der Vorweihnachtszeit in einer nicht genannten US-Kleinstadt. Die sehr viel ältere, „sehr entfernte“ Base erklärt mit dem Blick nach draußen, es sei Früchtekuchen-Wetter, „wie um die diesjährige Weihnachtszeit feierlich zu eröffnen, die ihre Phantasie befeuert und die Glut ihres Herzens nährt“. Dafür sind die Zutaten zu besorgen. Mit einem Wägelchen sammeln die beiden eine „Wagenladung Hickorynüsse“, in Begleitung von „Queenie, unseren zähen kleinen weißen rattenfangenden Terrier“. Daheim werden die Nüsse geschält, anschließend im Örtchen durch Einkauf und Tausch die weiteren Zutaten besorgt. „In vier Tagen haben wir die Arbeit geschafft. Einundreißig Kuchen“, die jedoch nicht als Geschenk an Verwandte gehen, sondern an Freunde. „Kommt es wohl daher, weil meine Freundin vor jedermann mit Ausnahme von Fremden scheu ist, daß uns die Fremden, flüchtige Zufallsbekannte, als unsere wahren Freunde erscheinen?“ Die Erzählung schildert außer der Weihnachtsbäckerei auch das heimliche Trinken des restlichen Back-Whiskys und die häuslichen Sanktionen deswegen, das Schlagen und den Abtransport des Weihnachtsbaums, „zweimal so hoch wie ich“, sowie die Dekoration des Weihnachtsbaums sowie der Vorderfenster. Es folgt das „Fabrizieren von Geschenken für die Familie. Halstücher für die Damen aus Schnurbatik, für die Herren ein hausgemachter Sirup aus Zitronen, Lakritzen und Aspirin, einzunehmen ‚bei den ersten Symptomen einer Erkältung‘ sowie nach der Jagd.“ Die Terrierhündin Queenie wird hierbei nicht vergessen: Sie soll „einen guten, abnagbaren Rindsknochen“ bekommen: „Der Knochen wird in lustiges Papier gewickelt und hoch in den Baum gehängt, in der Nähe des Silbersterns. Queenie weiß, daß er da ist. Sie hockt am Fuß des Baumes und starrt, vor Gier gebannt, nach oben“. Das Ergebnis der Bescherung findet Buddy für sich enttäuschend: „Socken, ein Sonntagsschulhemd, ein paar Taschentücher, ein fertiggekaufter Sweater und ein Jahresabonnement auf eine fromme Zeitschrift für Kinder: Der kleine Hirte. Ich platze vor Ärger. Wahrhaftig!“ Doch von seiner geliebten Base erhält er als Geschenk einen selbstgebauten Drachen, „blau und übersät mit goldenen und grünen Leitsternen, und außerdem ist noch mein Name, Buddy, draufgemalt.“ Die beiden lassen zusammen Drachen steigen. „Es ist unser letztes gemeinsames Weihnachten. Das Leben trennt uns. Die Alles-am-besten-Wisser bestimmen, daß ich auf eine Militärschule gehöre.“ Eines Tages erhält Buddy die Todesnachricht. „Der Brief, der es mir mitteilt, bestätigt nur die Meldung, die eine geheime Ader schon erhalten hat und durch die ein unersetzbares Teil meiner selbst von mir getrennt und freigelassen wird wie ein Drachen an einer gerissenen Schnur.“ Textanalyse Die in Ich-Form erzählte Kurzgeschichte Eine Weihnachtserinnerung spielt in der ersten Hälfte der 1930er Jahre„vor mehr als zwanzig Jahren“ – Truman Capote: Eine Weihnachtserinnerung. In: Truman Capote: Frühstück bei Tiffany. Gesammelte Erzählungen. Deutscher Bücherbund, Hamburg 1972. S. 195–211. Hier S. 195. unter der Regierung von Franklin D. Roosevelt in Alabama, genauer: einem Landstädtchen an der Fahrtstrecke des Sechs-Uhr-Autobusses aus Mobile. Themen der Erzählung sind nach Capotes eigenen Worten „Einsamkeit, Lieblosigkeit, Liebe, Mangel an Liebe“,„loneliness, lovelessness, love, lack of love“ – Robert Emmet Long: Truman Capote, Enfant Terrible. Bloomsbury Academic & Professional, New York NY 2014. ISBN 978-0-8264-2763-2. S. 98. aber auch Freundschaft, Kindheit und Verlust. Während man vom Ich-Erzähler nur sein Alter erfährt und dass er „Steptänzer im Film“ werden will, wird die Base als eigentliche Hauptfigur umfangreich geschildert: „Sie ist sechzig und noch etwas darüber“, hat kurzgeschorenes weißes Haar, ist „lustig“ sowie „klein und behende wie eine Bantam-Henne, aber infolge einer langen Krankheit in ihrer Jugend sind ihre Schultern kläglich verkrümmt. Ihr Gesicht ist auffallend: dem Lincolns nicht unähnlich, ebenso zerklüftet und von Sonne und Wind gegerbt; aber es ist auch zart, von feinem Schnitt, und die Augen sind sherryfarben und scheu.“ In dieser Figur, deren Lieblingsfarbe Rosa ist und in der Capote nach Auffassung der Sekundärliteratur die älteste seiner Cousinen verewigt hat (Nanny Rumbley Faulk, genannt „Sook“ oder „Sookie“),Long, Truman Capote, Enfant Terrible, S. 2. vermengen sich Glaube und Aberglaube: „Den Dreizehnten jedes Monats verbringt sie im Bett“, ist andererseits aber dermaßen fromm, dass sie aus Angst um ihr altes Augenlicht nicht ins Kino geht, weil sie den Herrn erkennen möchte, wenn er kommt. „Sie hat auch nie in einem Restaurant gegessen, ist nie weiter als zehn Kilometer von zu Hause fort gewesen, hat nie ein Telegramm erhalten oder abgeschickt, hat nie etwas anderes gelesen als das Witzblatt und die Bibel, hat sich nie geschminkt, hat nie geflucht, nie jemandem etwas Böses gewünscht, nie absichtlich gelogen und nie einen hungrigen Hund von der Tür gescheucht.“ Rezeption Eine Weihnachtserinnerung „gilt allgemein als eine seiner [=Capotes] besten und charmantesten Kurzgeschichten“, so der indische Anglist P. Dinesh Babu (Central University of Punjab).„generally accepted as one of his finest and most charming short stories“ – P. Dinesh Babu: Truman Capote’s representation of adolescence. In: International Journal of English language, literature and translation studies. Jg. 3, Nr. 2, 2016, , S. 633–636. Hier S. 635. (pdf). Nach Meinung des Journal of Aesthetic Education ist die Erzählung „trotz ihrer sentimentalen Tendenzen […] eine wunderschöne Erinnerung an eine glückliche Jugend“.„for all its tendencies towards sentimentalism, is a beautiful remembrance of happy youth“ –John Stuart Katz: Trilogy. An Experiment in Multimedia by Truman Capote, Eleanor Perry, Frank Perry. In: The Journal of Aesthetic Education. Jg. 4, Nr. 3, 1970, , S. 150–152. Hier S. 150. The New York Times dagegen befand Eine Weihnachtserinnerung für „weniger ausgearbeitet, weniger geformt“ als die beiden anderen dem Kurzroman Frühstück bei Tiffany bei Veröffentlichung beigegebenen Erzählungen Die Diamanten-Gitarre und Das Blumenhaus: Die Weihnachtserinnerung wirke „eher wie bloße Erfindung denn als Kunst. […] Trotz ihrer sentimentalen Absicht ist es eine seltsam herz- und gefühllose Geschichte“„Less finished, less shaped than the other two stories, it seems more make-up than art. […] It is a curiously heartless and unfelt story despite its sentimental intention“ – William Goyen: That Old Valentine Maker. In: The New York Times, 2. November 1958. Abgerufen am 25. Mai 2026.

Adaptionen Eine Weihnachtserinnerung wurde mehrfach adaptiert: Neben einer originalsprachigen Hör-Fassung 1967American Broadcasting Companies: Annual Report 1967. American Broadcasting Companies, New York NY 1968. S. 6. (pdf). gibt es drei deutschsprachige Hörspielbearbeitungen: 1964: Eine Weihnachtserinnerung – Bearbeitung: Hans-Peter Breuer, Regie: Gerd Beermann (SDR) 1980: Die Funkerzählung: Eine Weihnachtserinnerung – Bearbeitung: Helmut Peschina, Regie: Erich Schwanda (ORF Wien)OE1-Hörspieldatenbank (Eine Weihnachtserinnerung, ORF Wien 1980) 1981: Eine Weihnachtserinnerung – Bearbeitung: Helmut Peschina, Regie: Hans Rosenhauer (NDR)

Hinzu kam eine ABC-Produktion 1966/67 unter der Regie von Frank Perry mit Geraldine Page in der Rolle der Base. Die Sendung wurde mit dem Peabody Award für die beste Fernsehsendung des Jahres und mit drei Emmys prämiert.Long, Truman Capote, Enfant Terrible, S. 98. Im Jahr 1969 stellte die Erzählung darüber hinaus einen Teil der literarischen Vorlage von Frank Perrys Filmproduktion Trilogy dar.Kyle Thomas Meikle: Phenomenal adaptions. (Doktorarbeit.) University of Delaware, Newark DE 2016. S. 112. (pdf). im Jahr 1997 folgte eine weitere Verfilmung mit Patty Duke und Eric Lloyd. Auch musikalisch wurde Eine Weihnachtserinnerung mehrfach umgesetzt: 1991 diente der Text als Teil-Vorlage für das musikalische Bühnenstück Holiday Memories von Malcolm Ruhl (* 1955) und Russell Vandenbroucke (* 1948), 1992 wurde die Geschichte als einaktige Oper von Samuel Jones adaptiert und 2010 folgte eine vollständige Musical‑Adaption von Larry Grossman (* 1938) und Carol Hall (1936–2018) bei TheatreWorks Palo Alto.

Deutschsprachige Textausgaben Weihnachtserinnerungen. In: Truman Capote: Baum der Nacht. Alle Erzählungen. Aus dem Amerikanischen von Ursula-Maria Mössner. Kein & Aber, Zürich 2014. ISBN 978-3-0369-5920-7. S. 311–332. Weihnachtserinnerungen. In: Wartezeit. 10-Minuten-Geschichten der Weltliteratur. Büchergilde Gutenberg, Frankfurt/Main 2010. S. 7–30. Eine Weihnachts-Erinnerung. Übersetzung: Elisabeth Schnack. In: Truman Capote: Die Stimme aus der Wolke. Stories und Porträts. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1996. ISBN 3-499-22012-1. S. 59–87. Eine Weihnachtserinnerung. In: Frühstück bei Tiffany. Ein Kurzroman und drei Erzählungen. Limes-Verlag, Wiesbaden 1996. ISBN 3-8090-2412-0. S. 151–170. Eine Weihnachtserinnerung. In: Elisabeth Schnack (Hrsg.): Der Baum mit den bitteren Feigen. Meistererzählungen aus den Südstaaten von William Faulkner und Carson McCullers bis Tennessee Williams und Truman Capote. Diogenes, Zürich 1990. ISBN 3-257-21831-1. S. 313–332. Eine Weihnachtserinnerung. In: Truman Capote: Frühstück bei Tiffany. Gesammelte Erzählungen. Deutscher Bücherbund, Hamburg 1972. S. 195–211. Eine Weihnachtserinnerung. In: Truman Capote: Gesammelte Erzählungen. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1970. ISBN 3-498-09054-2. S. 94–109. Eine Weihnachtserinnerung. In: Truman Capote: Haus auf den Höhen. Ausgewählte Schriften. Limes-Verlag, Wiesbaden 1964. S. 164–180. Eine Weihnachts-Erinnerung. In: Frühstück bei Tiffany. Ein Kurzroman und 3 Erzählungen. Limes-Verlag, Wiesbaden 1959. S. 173–195. Weblinks Volltext (originalsprachig) Einzelnachweise Truman Capote: Eine Weihnachtserinnerung. In: Truman Capote: Frühstück bei Tiffany. Gesammelte Erzählungen. Deutscher Bücherbund, Hamburg 1972. S. 195–211.

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