mini| Die Genisa Vöhl ist eine Geniza, die 1999 auf dem Dachboden der ehemaligen Synagoge Vöhl der nordhessischen Gemeinde Vöhl im Landkreis Waldeck-Frankenberg entdeckt wurde. In ihr waren Fragmente von Gebetbüchern, religiösen Schriften und eines einzelnen weltlichen Titels deponiert, die die Novemberpogrome 1938 überdauert hatten.
Fundumgebung und Hintergrundgeschichte Die Synagoge wurde 1827 als Fachwerkbau errichtet, dem man von außen die Funktion kaum ansah. Während der Zeit des Nationalsozialismus konnten viele jüdische Einwohner noch emigrieren, das Synagogengebäude wurde noch vor den Novemberpogromen 1938 verkauft und blieb daher nahezu unbeschädigt.Karl-Heinz Stadtler: Die Anfänge von Synagoge und jüdischer Gemeinde in Vöhl. In: Monika Hölscher (Hrsg.) Arbeitskreis Synagoge in Vöhl e. V. und Gedenkstätte Breitenau, in der Reihe Hessische GeschichteN 1933-1945, HLZ 2014 Wiesbaden, S. 2–5 Von 1938 bis zum Tod der letzten Bewohnerin 1999 wurde der Bau als Wohnhaus genutzt. Anschließend erwarb der Förderkreis „Synagoge in Vöhl“ das Gebäude und restaurierte es in den folgenden Jahren. Heute wird die Synagoge als Museum sowie für Konzerte, Vorträge, Filmvorführungen, Gedenkfeiern etc. genutzt.Karl-Heinz Stadtler: Der Förderkreis „Synagoge in Vöhl“. In: Monika Hölscher (Hrsg.) Arbeitskreis Synagoge in Vöhl e. V. und Gedenkstätte Breitenau, in der Reihe Hessische GeschichteN 1933-1945, HLZ 2014 Wiesbaden, S. 6–8Die Synagoge in Vöhl, auf Website synagoge-voehl.de
Noch 1999 entdeckte der Lokalhistoriker Jürgen Evers die Genisa auf dem Dachboden der Synagoge. Die Objekte wurden durch den vorherigen Verkauf des Gebäudes vor den Novemberpogrome nicht entdeckt und hatten daher überdauert. Über die Fundsituation und die Fundlage liegen keine Überlieferungen vor.sämtliche Angaben zur Genisa: Genisa in Vöhl, auf Website synagoge-voehl.de Heute sind die Genisafunde Teil der Ausstellung in der ehemaligen Synagoge.
Religionsgeschichtlicher Hintergrund Nach jüdischer Tradition werden rituelle Gegenstände und liturgische Schriften, die nach langem Gebrauch nicht mehr benutzbar sind, entweder auf dem Friedhof bestattet oder in einem eigens dafür bestimmten Ort abgelegt. Meist dient hierfür der Dachboden der Synagoge. Dieser Ort wird als Genisa (im Plural Genisot) bezeichnet, das Schatzkammer, Archiv, Depot bedeutet. Im Jiddischen wird der Begriff Scheimess verwendet, der sich von hebräisch Schemot, „Namen“, herleitet. Gemeint sind Texte, die den heiligen Gottesnamen (HaSchem) enthalten. Sämtliche unbrauchbar gewordenen Schriftstücke, die den Namen Gottes enthalten, werden in einer Genisa abgelegt, um sie vor Entweihung zu schützen.Falk Wiesemann (Hrsg.): Genisa – verborgenes Erbe der deutschen Landjuden. Ausstellungskatalog, Bertelsmann, München 1992, ISBN 3-570-10501-6, S. 16Frowald Gil Hüttenmeister: Die Genisot als Geschichtsquelle. In: Monika Richarz, Reinhard Rürup (Hrsg.): Jüdisches Leben auf dem Lande. Studien zur deutsch-jüdischen Geschichte. Mohr Siebeck, Tübingen 1997, ISBN 3-16-146842-2, S. 207–218, S. 207f.
Die Fundstücke Die Fundstücke der Genisa umfassen einen eher kleinen Bestand ausschließlich von Texten ohne weitere Sachgegenstände. Insgesamt wurden Fragmente von vier Gebetbüchern, zahlreichen Gebetbuchseiten, einer Thora-Ausgabe, einer Predigt-Sammlung und eines Schulbuches gefunden. Die Titel sind in hebräischer Schrift gedruckt, ein Werk ist jiddisch in hebräischen Buchstaben und ein einzelnes Blatt des Schulbuches in Deutsch gedruckt. Die Druckwerke mit Verlag bzw. Erscheinungsort und daran anknüpfend ggf. die Auflage bzw. Erscheinungsjahr sind in Einzelfällen identifiziert. So ist die zeitliche Einordnung der Funde weitgehend offen.
Im Einzelnen besteht der Großteil der Funde aus Seiten von Gebetbüchern: Dies sind vor allem Siddurim, die für Schabbatgottesdienste und für die Gebete an normalen Wochentagen genutzt wurden. Eine der gefundenen Ausgaben hat das Erscheinungsjahr 1881 und konnte einem Besitzer zugeordnet werden. Ein Machsor, das ist ein Gebetbuch für die Feiertag wurde in Form eines Fragments eines Pessachmachsors aufgefunden. Zum Fund zählt auch eine Thora-Ausgabe ohne Einband und Titelblatt, die mit mehreren Holzschnitten bebildert ist.
Dazu kommt ein Heft von Der Aharonsstab. Hauspostille für jüdische Familien, das 1861 in Prag gedruckt wurde. Es enthält Materialien zu Predigten und Ermahnungen zur Thora. Abschließend enthielt die Genisa ein einzelnes Blatt eines deutschen Schulbuches, das nicht genauer bestimmt ist.
Einordnung der Funde Eine Einordnung der Fundstücke mit Rückschlüssen auf das religiöse, ökonomische oder soziale Leben der Gemeinde liegt nicht vor.
Siehe auch Jüdische Gemeinde Vöhl
Literatur Monika Hölscher (Hrsg.) Arbeitskreis Synagoge in Vöhl e. V. und Gedenkstätte Breitenau, in der Reihe Hessische GeschichteN 1933–1945, HLZ 2014 Wiesbaden, (Online-Version als PDF).
Weblinks Website des Förderkreises „Synagoge in Vöhl“ e. V.
Einzelnachweise
Kategorie:Vöhl Kategorie:Judentum im Landkreis Waldeck-Frankenberg Vöhl