Der Adlershofer Requisiten- und Kostümfundus (Eigenschreibweise auch Adlershofer Fundus) ist ein Requisiten- und Kostümverleih in Berlin-Adlershof. Er verleiht ausschließlich an gewerbliche Kunden – Kino, Fernsehen, Theater, Werbung sowie Foto- und Eventproduktionen – und beherbergt einen über Jahrzehnte gewachsenen Bestand mit mehr als 100.000 Ausstattungsgegenständen, Möbeln und Requisiten sowie mehrere tausend Kostüme aller Epochen.Profil und Galerie. Offizielle Website des Adlershofer Fundus, abgerufen am 21. Mai 2026.Online-Katalog des Adlershofer Fundus. Prestito Service GmbH & Co. KG, abgerufen am 21. Mai 2026. Die Bestände sind auf einer Nutzfläche von über 4000 Quadratmetern im ehemaligen Werkstättenhaus P1/P2 des Deutschen Fernsehfunks in der Ernst-Augustin-Straße 7 auf dem heutigen Mediencampus Adlershof untergebracht. Eigentümer ist seit 2019 die Prestito Service GmbH & Co. KG.Adlershofer Fundus – Kostümfundus, Mietbüros, Requisitenfundus, Berlin-Adlershof. Crew United, abgerufen am 21. Mai 2026.
Geschichte
Vorgeschichte: Die Johannisthaler Filmateliers Die Wurzeln des Bestandes reichen bis in die 1920er Jahre zurück. Am 20. Januar 1920 gründete Walther Huth, Direktor der Albatros Flugzeugwerke, in einer ehemaligen Werkshalle seines Unternehmens am Rand des Flugplatzes Johannisthal die Johannisthaler Filmanstalten GmbH (kurz: Jofa). Hintergrund war das nach dem Ersten Weltkrieg im Versailler Vertrag verfügte Verbot des deutschen Flugzeugbaus, das die Hallen leerstehen ließ.Marion Heinrich: „Nosferatu“ statt Flugzeuge: Im Jahr 1920 wurden die Johannisthaler Filmanstalten gegründet. Berliner Woche, 29. Juli 2019, abgerufen am 21. Mai 2026.JohannisthalSynchron. In: Wikipedia, abgerufen am 21. Mai 2026.
Bereits am 19. Mai 1920 fielen die ersten Klappen. Die Jofa entwickelte sich zur seinerzeit größten Kunstlichtatelier-Vermietungsgesellschaft Europas; nach Recherchen des Filmhistorikers Wolfgang May produzierten in den 1920er Jahren rund 71 Filmfirmen in den Studios. Etwa 400 Stummfilme entstanden hier, darunter Friedrich Wilhelm Murnaus Nosferatu (1922), Asta Nielsens Hamlet (1921), die ersten Karl-May-Verfilmungen sowie als letzter Stummfilm 1929 Mutter Krausens Fahrt ins Glück nach einer Idee von Heinrich Zille.Berlins vergessene Traumfabrik. WISTA Management GmbH, 25. Februar 2020, abgerufen am 21. Mai 2026.Joachim Lange: Johannisthaler Filmanstalten – Berlins fast vergessene Filmstadt. nd-aktuell, abgerufen am 21. Mai 2026.
Anfang der 1930er Jahre übernahm die Tobis, die sich die Patente für die Tonfilmproduktion gesichert hatte, das Gelände; nach der nationalsozialistischen Gleichschaltung firmierten die Ateliers ab dem 27. November 1937 unter dem Namen Tobis-Filmkunst GmbH. Aus Johannisthal kamen in dieser Zeit jährlich bis zu ein Drittel der vom Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda geforderten Produktionen, darunter Titanic (1943), für dessen Unterwasseraufnahmen ein eigenes Wasserbecken eingerichtet wurde.Jens Mühling: 100 Jahre Johannisthaler Filmanstalten: Die Traumfabrik des Ostens. Der Tagesspiegel, 11. August 2022, abgerufen am 21. Mai 2026.Tobis-Tonbild-Syndikat. In: Wikipedia, abgerufen am 21. Mai 2026.
Nach 1945 nutzte zunächst die DEFA das Areal als Produktionsstätte; ab den späten 1960er Jahren wurde das Jofa-Gelände schrittweise für die Bedürfnisse des DDR-Farbfernsehens umgebaut. Mit der Abwicklung des DFF 1991 wurden die historischen wie die jüngeren Studios verkauft und später abgerissen; heute befindet sich auf dem Areal ein Landschaftspark. Ein Teil der in den Werkstätten und Ateliers über Jahrzehnte angefertigten und gesammelten Kostüme, Möbel und Requisiten ging in den Bestand des Adlershofer Fundus über, der sich nach Eigenangabe ausdrücklich aus den Beständen der „Johannisthaler Filmateliers (Tobis/JoFa) und des Deutschen Fernsehfunks (DFF)“ herleitet.
Der Fundus des Deutschen Fernsehfunks ab 1952 Am 11. Juni 1950 erfolgte unter der Generalintendanz von Hans Mahle der erste Spatenstich für das Fernsehzentrum Berlin in Adlershof. Mit Beginn des Versuchsbetriebs am 21. Dezember 1952 nahm der Deutsche Fernsehfunk (DFF, von 1972 bis 1990 Fernsehen der DDR) seinen Sendebetrieb auf.Deutscher Fernsehfunk. In: Wikipedia, abgerufen am 21. Mai 2026.
Im selben Jahr – das Gründungsjahr ist zugleich das offizielle Gründungsjahr des Fundus – wurde am Standort ein zentraler Fundus eingerichtet, der die laufenden Produktionen mit Kostümen, Möbeln und Requisiten versorgte. Der Bestand wuchs in den folgenden Jahrzehnten kontinuierlich, teils durch Eigenanfertigungen in den hauseigenen Werkstätten, teils durch gezielten Ankauf. Bis zum Sendeschluss im Dezember 1991 produzierte der DFF zwei Vollprogramme mit Fernsehfilmen und -serien, Unterhaltungsshows, Sport- und Nachrichtenformaten, Kinder- und Bildungsbeiträgen sowie Ratgebersendungen, die den Fundus zu einem einzigartigen Zeugnis der Alltagskultur in der DDR machten. Eine der letzten DFF-Eigenproduktionen, die noch aus dem Fundus ausgestattet wurde, war der Mehrteiler Marie Grubbe (1989) unter der Regie von Christian Steinke.
Privatisierung und wechselnde Träger seit 1992 Mit der vollständigen Abwicklung des DFF nach Artikel 36 Einigungsvertrag wurde auch der Adlershofer Fundus privatisiert – mit der Auflage, den Bestand am Medienstandort Berlin-Adlershof zu belassen. In den folgenden Jahren wechselte der Besitzer mehrmals; der Bestand schrumpfte in dieser Zeit, blieb in seiner Angebotsbreite jedoch erhalten. Zu den prominentesten Produktionen, die in dieser Phase aus den Adlershofer Beständen ausgestattet wurden, zählen Leander Haußmanns Sonnenallee (1999) und der international erfolgreiche Spielfilm Good Bye, Lenin! (2003).
Übernahme durch die Prestito Service GmbH & Co. KG (seit 2019) Nach einer Phase unsicherer Zukunft wurde der Fortbestand des Adlershofer Fundus im Jahr 2019 durch die Prestito Service GmbH & Co. KG gesichert. Der Fundus ist seither an seinem ursprünglichen Standort im ehemaligen Werkstättenhaus P1/P2 des DFF in der Ernst-Augustin-Straße 7 verblieben; die Sammlung wird wieder kontinuierlich erweitert. Ansprechpartner ist zur Zeit Michael Kerger, der zugleich die EDV Programmentwicklung und die Verleihbereiche verantwortet; daneben gehören Verantwortliche für die Bereiche Requisite und Kostüm zum festen Team.
Bestand und Ausrichtung Der Adlershofer Fundus versteht sich als professioneller Verleih mit historisch gewachsener Sammlung. Eine Vermietung an Privatpersonen findet nicht statt; das Angebot richtet sich an Kino-, Fernseh- und Theaterproduktionen sowie an Werbung, Foto-Shootings und Events.
Der Bestand umfasst mehr als 100.000 Ausstattungsgegenstände aus zahlreichen Lebens- und Themenbereichen. Der Requisitenfundus enthält Möbel, Lampen, Dekoration und Alltagsgegenstände aller Epochen – von Mobiliar sämtlicher Wohnbereiche über Büro- und Werkstattausstattungen, Geschirr, Gläser, Schreibwaren und Blumendekorationen bis hin zu medizinischen Geräten sowie Labor-, Bar- und Studioeinrichtungen. Der Kostümfundus hält historische und moderne Kostüme, Uniformen, Schuhe und Accessoires bereit. Ergänzt wird die Sammlung durch einen eigenen Baufundus, der erfahrenen Baubühnen Türen, Fenster, Heizkörper, Rohre und weitere bauliche Elemente für den Studiobau zur Verfügung stellt.
Ein Spezialgebiet bilden Originale aus der Zeit der DDR – Zeitungen, Zeitschriften, Bücher und Möbel –, die der Sammlung ein hohes Maß an historischer Authentizität verleihen. Insgesamt deckt das Sortiment nach Eigenangabe „vom Mittelalter bis in die Zukunft“ jede Epoche ab. Auf der Fläche sind darüber hinaus mehrere thematisch eingerichtete, begehbare Räume zugänglich – darunter eine Bar, ein Wäscheraum, ein Labor, ein Archiv und eine Werkstatt. Einige können als geschlossene Sets für Dreharbeiten genutzt werden.
Mietbüros und Studioräume Über den reinen Verleihbetrieb hinaus bietet der Adlershofer Fundus Mietbüros sowie filmateliertypische Räumlichkeiten für Dreharbeiten an, die über Fahrstühle mit einer Traglast von vier Tonnen auch für umfangreiche Bühnenbauten erschlossen sind. Für die Logistik stehen mehrere Lastenfahrstühle und eine überdachte Laderampe für LKW und Lieferwagen zur Verfügung.
Digitalisierung und Nachhaltigkeit Seit 2025 wird der Bestand schrittweise in einem eigenentwickelten Online-Katalog mit KI-unterstützter Artikelerfassung digital erschlossen, ergänzt um einen Kundenbereich für Angebots-, Auftrags- und Rechnungsabwicklung. Das Gebäude wird durch eine eigene Photovoltaikanlage mitversorgt; auf dem Gelände stehen Ladestationen für Elektrofahrzeuge zur Verfügung.
Ausstattung bekannter Produktionen (Auswahl) Über die Crew-United-Datenbank sind zum Stand 2026 rund 280 Produktionen erfasst, an denen der Adlershofer Fundus mitgewirkt hat. Eine Auswahl namhafter Film- und Fernsehproduktionen:
Marie Grubbe (1989, TV-Mehrteiler, Regie: Christian Steinke, DFF) Sonnenallee (1999, Regie: Leander Haußmann) Good Bye, Lenin! (2003, Regie: Wolfgang Becker) Werk ohne Autor (2018, Regie: Florian Henckel von Donnersmarck) Ku’damm 59 (2018, Regie: Sven Bohse) Fabian oder Der Gang vor die Hunde (2021, Regie: Dominik Graf) Das Damengambit (2020, Netflix, Regie: Scott Frank) Deutschland 89 (2020, Prime Video) Spy City (2020, MagentaTV/ZDF) Nahschuss (2021, Regie: Franziska Stünkel) Lieber Thomas (2021, Regie: Andreas Kleinert) Stasikomödie (2022) Nebenan (2021, Regie: Daniel Brühl) 1899 (2022, Netflix, Regie: Baran bo Odar) Kleo (2022/2024, Netflix) Tár (2022, Regie: Todd Field) John Wick: Kapitel 4 (2023, Regie: Chad Stahelski) Babylon Berlin (Staffeln 2021–2025, X Filme Creative Pool) Sisi & ich (2023, Regie: Frauke Finsterwalder) Stella. Ein Leben (2023, Regie: Kilian Riedhof) The Ordinaries (2022, Regie: Sophie Linnenbaum) In einem Land, das es nicht mehr gibt (2022, Regie: Aelrun Goette) Lauchhammer – Tod in der Lausitz (2022, ARD-Miniserie) Faking Hitler (2021, RTL+) Honecker und der Pastor (2022, Regie: Jan Josef Liefers) Münter & Kandinsky (2024, Regie: Marcus O. Rosenmüller) Das Licht (2025, Regie: Tom Tykwer) Kafka (2024, Miniserie, Regie: David Schalko) Der Medicus II (2025, Regie: Philipp Stölzl) Heimsuchung – Eine Jahrhundertgeschichte (2026, Regie: Volker Schlöndorff) Nine Perfect Strangers (2025, Hulu) Maxton Hall – Die Welt zwischen uns (2024/2025, Prime Video) Where’s Wanda? (2025, Apple TV) Berlin Noir (2026, Apple TV, Regie: Tom Shankland)
Bedeutung Über die reine Verleihfunktion hinaus gilt der Adlershofer Fundus als kulturhistorisch bedeutsamer Ort, weil sich in ihm die materielle Überlieferung von rund hundert Jahren deutscher Film- und Fernsehgeschichte – von der Jofa über die Tobis und die DEFA bis zum Deutschen Fernsehfunk – konzentriert. Mit Produktionen für Streamingdienste wie Netflix, Apple TV+, Prime Video und HBO Max sowie für internationale Kinoproduktionen ist der Fundus inzwischen auch fest in den globalen Produktionsmarkt eingebunden. Einen Überblick über die in den Adlershofer Studios und in den Johannisthaler Studios hergestellten Produktionen bietet das Deutsche Rundfunkarchiv.
Literatur
Weblinks
Offizielle Website des Adlershofer Fundus Online-Katalog des Adlershofer Fundus Adlershofer Fundus auf Crew United
Einzelnachweise
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