Die schöne Fatma ist ein nubisches Zaubermärchen (AT 621: Lausfell erraten + 327 B: Kinder beim Menschenfresser + 533: Gänsemagd).Andreas und Waltraud Kronenberg (Hrsg. und Übers.): Die Märchen der Weltliteratur – Nubische Märchen. Eugen Diederichs Verlag, Düsseldorf / Köln 1978, S. 44–54, 286.
Handlung Ein Mann und eine Frau haben einen Sohn namens Mohammed und eine wunderschöne Tochter mit dem Namen Fatma. Viele Männer werben um Fatma, doch da der Vater sie alle wegschickt, nimmt die Mutter eine Laus, steckt sie in eine Schachtel und verkündet, dass derjenige ihre Tochter zur Frau bekommt, der erraten kann, was in der Schachtel ist. Da niemand das Rätsel lösen kann, fragt Mohammed seine Schwester, was in der Schachtel sei und diese verrät ihm das Geheimnis, woraufhin er es der Mutter erzählt und Fatma heiraten will.
Verzweifelt beschließt Fatma, zusammen mit sieben Freundinnen, zu fliehen. In einem anderen Land angekommen, verbringen sie die Nacht bei dem menschenfressenden Dämon Itkal, der sieben Söhne hat. Dieser bereitet ihnen eine Speise aus Menschenknochen, vor der Fatma ihre Freundinnen aber warnt. Nur eins der Mädchen will nicht hören und isst davon, sodass sie nicht mehr laufen kann. In der Nacht hört Fatma wie Itkal ein Messer schleift und hustet, um ihm zu zeigen, dass sie noch nicht schläft. Er treibt erst die Kamele fort, die sie angeblich am Schlafen hindern und versucht ihr Wasser mit einem Sieb zu holen, da sie ihm erzählt, dass sie nur solches trinken könne. Während er versucht dieses zu beschaffen flüchten Fatma und die sechs Mädchen, die noch laufen können, wobei sie ihre Kleider über die sieben Söhne des Itkal legen. Als dieser wutentbrannt über die unlösbare Aufgabe heimkommt, ersticht er, im Glauben es seien die Mädchen, alle seine Söhne. Später, am Ufer des Nils, bitten die sieben Mädchen ein riesiges Krokodil darum sie über den Fluss zu tragen, wofür es ein noch kommendes Mädchen fressen dürfe, also kommt es der Bitte nach und frisst den die Mädchen verfolgenden Itkal.
Fatma und ihre sechs Freundinnen ziehen weiter und begegnen einer alten Frau, von der Fatma wissen will, wie man die Haut alter Frauen als Kleid anziehen kann. Diese verrät ihr, dass dafür ein Akaziendorn in Kameldung gesteckt und mit diesem dann gegen den Kopf einer alten Frau geklopft werden müsse, wonach derjenigen Haut herunterfallen würde. Fatma tut dies mit der Alten, schlüpft in ihre Haut und begibt sich mit ihren Freundinnen in die Nähe des Palastes des Königs. Dort finden sechs Hirten die sechs Mädchen und nehmen sie mit sich. Die alte Frau aber wird die Gänsemagd des Prinzen.
Der Prinz stellt Fatma für ihre Arbeit einen Sklaven zur Seite, der nach ihrem Wunsch aber stumm sein muss und so fahren die beiden mit einem Boot und den Gänsen zu einer Nilinsel, um die Vögel weiden zu lassen. Fatma zieht dort ihre Haut aus, um sich zu entkleiden und zu baden, wodurch die Gänse viele Eier legen. Zurück im Palast will der Sklave dem Prinzen davon berichten und deutet zum Mond, da er auf Fatmas Schönheit hinweisen will. Fatma aber erzählt, dass er nach oben zeige, um Gott anzubeten den Prinzen sterben zu lassen, also wird der Sklave aufgehängt. Nachdem weitere sechs Sklaven den Tod gefunden hatten, beschließt der Prinz sich heimlich auf der Insel zu verstecken und kommt so hinter Fatmas Geheimnis.
Im Palast will er mit Fatma Dame spielen, wobei derjenige, der verliert, gehäutet werden soll. Fatma verschont ihn zweimal. Als der Prinz aber gewinnt, häutet er Fatma, sodass durch ihre hervorkommende Schönheit alle Leute in Ohnmacht fallen. Durch einen Stich in ihren Daumen weckt Fatma sie mit ihrem Blut wieder auf, woraufhin eine große Hochzeit gefeiert wird. Als sie dann im siebenten Monat schwanger ist, gelangen auch ihre durch das viele Weinen erblindeten Eltern und ihr halbblinder Bruder an den Palast. Ihr Bruder erkennt sie, wodurch sein Auge wieder heilt und durch ihren Duft erkennen auch ihre Eltern sie, deren Augen sich in der Folge wieder öffnen.
Hintergrund Das Märchen wurde 1974 in Maragha bei Dongola von Sakīna Idrīs ‘Abd al-Wadūd erzählt und erhielt in Andreas und Waltraud Kronenbergs Die Märchen der Weltliteratur – Nubische Märchen (Düsseldorf / Köln 1978) den Titel Die schöne Fatma. Nach den Kronenbergs ist es das in Nubien und Nordsudan häufigste und bekannteste Märchen. Varianten finden sich in Sayyid H. Hurreiz’ Ja’aliyiin Folktales (1972, S. 245–250: The Son of Nimeer) und Gertrud von Massenbachs Nubische Texte im Dialekt der Kunūzi und der Dongolawi (Wiesbaden 1962, S. 163–165: Fatme Semha). Eine weitere Variante der Kronbergs, die von Huğra Halīl aus dem nun überfluteten Serre West erzählt wurde, bekam den Titel Geschwisterehe.
Eine arabische Variante aus dem Sudan, die aus der Umgebung von Berber und aus ‘Abdallāh aṭ-Ṭaijibs Sudanesische Rätsel (Khartum 1955–1961, Heft 5, S. 25) stammt, erhielt in Samia al Azharia Jahns Arabische Volksmärchen (Berlin 1970) den Titel Fatima as-Samha. Zur Verbreitung nennt Jahn Sudan (Kordofan) mit Leo Frobenius’ Märchen aus Kordofan (Jena 1923, S. 224, Nr. 20: Die tapfere Fatma); Zentralafrika (Yumale-Stamm südlich von Abessinien) mit Tutschek (1847) ref. bei Paula Karsten, Wer ist mein Nächster?, Berlin 1903, S. IX; Jemen mit Dov Noys Jefet Schwili erzählt, Hundertneunundsechzig jemenitische Volkserzählungen, aufgezeichnet in Israel 1957–1960 (Berlin 1963, S. 60, Nr. 17); Südarabien (Ras Fartak) mit Alfred Jahns Die Mehri-Sprache in Südarabien (Wien 1902, S 124, Nr. 28); Algerien-Marokko mit Frobenius’ Volksmärchen der Kabylen (Jena 1921–1922, II, S. 251, Nr. 31); Algerien (Blida) mit J. Desparments Contes maures recueillis à Blida et traduits in Revue des Traditions populaires 28 (Paris 1913, S. 211, Nr. 14) und Algerien (Djurdjura) mit Joseph Rivières Recueil de contes populaires de la Kabylie du Djurdjura (Paris 1882, S. 209).Samia al Azharia Jahn (Hrsg. und Übers.): Arabische Volksmärchen. Akademie-Verlag. Berlin 1970, S. 166–178, 519–520.
Literatur Andreas und Waltraud Kronenberg (Hrsg. und Übers.): Die Märchen der Weltliteratur – Nubische Märchen. Eugen Diederichs Verlag, Düsseldorf / Köln 1978, S. 44–54, 286. Samia al Azharia Jahn (Hrsg. und Übers.): Arabische Volksmärchen. Akademie-Verlag. Berlin 1970, S. 166–178, 519–520.
Einzelnachweise
Kategorie:Literatur (20. Jahrhundert) Kategorie:Afrikanische Literatur Kategorie:Literarisches Werk Kategorie:Märchen