Die Schweren Stahlwagen sind eine Gattung von Reisezugwagen der Rhätischen Bahn (RhB) im Schweizer Kanton Graubünden, die in den Jahren 1929 bis 1931 von der SWS und der SIG erbaut wurde. Es waren ursprünglich 30 Fahrzeuge, die bis zur Jahrhundertwende verwendet wurden, sechs Wagen verkehren heute noch. Sie waren 16,44 Meter bzw. für die Drittklasswagen 15,93 Meter lang und wogen zwischen 23 und 25 Tonnen. Sie waren technisch gesehen eine Reduktion auf Meterspur und 2,65 Metern Breite der genieteten Stahlwagen der SBB mit den notwendigen Anpassungen der technischen Ausrüstung. Die Drehgestelle entsprachen dem Typ A der SBB-Wagen, mit den Blattfedern der Primärfederung zwischen den doppelten Rahmenwangen. Sie waren rund 11 Tonnen leichter als die normalspurigen Wagen, aber 5 bis 7 Tonnen schwerer als die vierachsigen Holzkastenwagen.
Geschichte Die RhB hatte ursprünglich nur zweiachsige Personenwagen mit offenen Plattformen im Bestand. Ab 1906 kamen dazu vierachsige Wagen, aber immer noch mit Holzkasten und offenen Plattformen. Nach der Elektrifikation wurden schwerere Züge auf der Verbindung Chur–St. Moritz möglich, zudem sollte der Speisewagenbetrieb eingeführt werden. Dazu wurde eine Reihe von passenden vierachsigen Schnellzug-Wagen mit Stahlkästen und geschlossenen Plattformen beschafft:
drei Speisewagen im Eigentum der Mitropa Dr4ü 10-12 (SWS 1929,30), „dem Park der RhB einverleibt“, wie es im amtlichen Rollmaterialverzeichnis hiess ein Erstklasswagen A4ü 54 (SIG 1930) mit Seitengang ein Salonwagen A4üSalon 61 (SWS 1929) fünf Polsterklassewagen AB4ü 207-211 (SWS 1929,31) mit Seitengang bei der 1. Klasse sechs Wagen mit allen drei Wagenklassen ABC4ü 615-620 (1930) mit Seitengang bei der 1. und der 2. Klasse zwölf Drittklasswagen C4ü 2221-2232 (SIG 1929-32) zwei Gepäckwagen F4ü 4202-03 (SWS 1930), abweichend mit Holzkasten (und nur 17 t Leergewicht)
mini|Engadin-Express mit Ge 6/6 406, einem F4ü 4202/03, dem Seitengangwagen A4ü 54, einem Holzkasten-B4ü 1101-09 und einem Speisewagen Dr4ü 10-12 Die Wagenübergänge wurden mit Faltenbälgen geschützt, womit das Aufsuchen des Speisewagens während der Fahrt möglich wurde. 36 der vierachsigen Holzkastenwagen wurden dementsprechend auch mit geschlossenen Plattformen und Faltenbälgen nachgerüstet. Zuvor waren lediglich die drei Seitengangwagen A4ü 51–53 und der F4ü 4201 von 1913/14 für den Engadin-Express mit Faltenbälgen ausgerüstet gewesen. Die RhB baute in der eigenen Werkstätte zusätzlich zwei zweiachsige Gepäckwagen mit Holzkasten und geschlossenen Plattformen auf vorhandene Untergestelle. Zudem lieferte SWS zwei gleiche Wagen (Fü 4061–4064). Insgesamt waren so Mitte der 1930er Jahre 74 Wagen mit geschlossenen Plattformen verfügbar.
Die A4ü 54 und der As4ü 61 erhielten als Zeichen ihres gehobenen Komforts einen zweifarbigen Anstrich in blaugrün/hellgrüncreme. Passend dazu wurden auch die beiden Gepäckwagen 4202 und 4203 zweifarbig gestaltet.Gion Caprez, Peter Pfeiffer: Albulabahn – Harmonie von Landschaft und Technik. AS Verlag, Zürich 2003, ISBN 978-3-905111-89-7, Seite 150 Der As4ü 61 wurde mit einem Bremszahnrad ausgestattet, um im Glacier-Express eingesetzt zu werden. Sein hohes Gewicht führte aber dazu, dass der Wagen nach der Eröffnungsfahrt 1930 kaum mehr eingesetzt wurde.Paul Caminada, Peter Pfeiffer: Auf den Spuren des Glacier Express. 1., AS Verlag, Zürich 2005, ISBN 978-3-909111-20-6. Seite 6 Die Speisewagen erhielten einen bordeaux-roten Anstrich. Bemerkenswert ist, dass dies die ersten Mitropa-Speisewagen mit elektrischer Küche waren. 1949, bei der Liquidation deutscher Vermögenswerte, kaufte die RhB die drei Speisewagen sowie zwei Holzkastenwagen (Dr4ü 13–14 ex B4ü 161–162), welche Mitropa ursprünglich auf der Berninabahn eingesetzt hatte.
1956 mit der Klassenreform wurde die erste und die zweite Wagenklasse zur neuen ersten Klasse und die dritte Klasse zur zweiten Klasse. Gleichzeitig gab die RhB allen Wagen vierstellige Nummern, wobei die bisherige Nummer einbezogen wurde (z. B. 1607 ex 607 oder 1154 ex 54). Auch die Typenbezeichnungen änderten sich bis 1964, indem die Achszahl 4 und das Vorhandensein von Faltenbälgen (ü) nicht mehr anzugeben ist. Das schweizerische D für Sonderwagen wich dem internationalen W und aus den F wurden dafür D.
mini|Der modernisierte WR 3810 2007 in Brig Im Laufe der Jahre wurden die Speisewagen verschiedentlich modernisiert und die Drehgestelle wurden getauscht. Zu Lasten des zweiten Einstiegs wurde die Küche vergrössert und es wurden Festfenster eingebaut, womit das Erscheinungsbild sich stark veränderte. Nachdem alle RhB-Wagen einen roten Anstrich erhielten, wurden die Speisewagen ab 1996 blau gestrichen, um wieder etwas besonderes darzustellen. Das anfänglich helle Blau wurde bis spätestens 2004 durch ein dunkleres Blau abgelöst und die Aufschrift „Gourmino“ kleiner gehalten. Die letzte technische Modernisierung erlaubt es seit 2018, die Speisewagen in Pendelzügen einzusetzen. Ein weiterer Speisewagen entstand 2002 aus einem Erstklasswagen (WR 3813 ex A 1211 ex 1209 ex 209).
21 der übrigen Wagen wurden 1987 bis 1989 zu Spitzenverkehrswagen umgestaltet. Dabei erhielten sie Festfenster mit Klappoberlicht und eine neue Bestuhlung. Um die Jahrtausendwende wurden die meisten verschrottet.
Übrig geblieben sind neben den vier Speisewagen ein weiterer zum Speise- und Gesellschaftswagen Stiva Retica umgebauter Erstklasswagen (WR-S 3821 ex A 1208 ex 208), der Salonwagen 1161 (ex 61), der Seitengangwagen 1154 (ex 54), der 2001 als Leihgabe ins Deutsche Museum nach München kam sowie drei ehemalige ABC4ü, die verkauft wurden. Der B 2227 wurde 2000 zum Aussichtswagen 2111 umgebaut, indem der obere Teil des Kastens aufgeschnitten wurde.
Statistik Typ Nummer Inbetr.1956 1964 1956 Änderungen Verbleib Dr4ü101929Dr4üWR 3810 1968 neue Drehgestelle, 1982 modernisiert, 2018 pendelzugfähig WR 3810 blau11192938111970 neue Drehgestelle, 1983 modernisiert, 2017 pendelzugfähig WR 3811 blau12193038121974 neue Drehgestelle, 1974 modernisiert, 05.96 Gourmino blau, 2017/18 pendelzugfähig, 2021 WR 3812 blauA4ü54 1930 A4ü A 1154 1986 Revision Neuanstrich rot/creme 2001 Dauerleihgabe an Deutsches Museum in MünchenA4üSalon611929As4ü As 1161 1973 Messwagen, 06.85 Wiederinbetriebnahme rot/creme As 1161 blau/cremeAB4ü2071929A4üA12071991 Inneneinrichtung entfernt, Einsatz Schlittelzüge1994 verschrottet20819291208 1993 Umbau zu Stiva Retica WR-S 3821 WR-S 3821 braun20919311209 1988 Spitzenverkehrswagen A 1211, 2002 Umbau WR 3813, 2017 pendelzugfähig WR 3813 blau21019311210 1988 Spitzenverkehrswagen A 1212 2003 verschrottet21119311211 1988 Spitzenverkehrswagen A 1213, 1998 Ausstellungswagen WS 3902 2006 ausrangiert/nach Bergün, Oktober 2014 verschrottet ABC4ü 615 1930AB4üAB1615 1988 Spitzenverkehrswagen A 1215, 1998 Ausstellungswagen WS 3903 2006 REKA-Feriendorf Bergün (Spielwagen)61619301616 1987 Spitzenverkehrswagen A 1216 1999 ausrangiert61719301617 1988 Spitzenverkehrswagen B 2281 2002 verschrottet6181930 1618 1988 Spitzenverkehrswagen B 2282 2002 verschrottet6191930 1619 1988 Spitzenverkehrswagen B 2283 2002 an Jagsttalbahn, Juni 2011 als Friseursalon in Jagsthausen aufgestellt6201930 1620 1988 Spitzenverkehrswagen B 2284 2002 an Jagsttalbahn, November 2007 Fahrradhotel in WeisbachC4ü22211929B4üB2221 1989 Spitzenverkehrswagen B 2221 1997 verschrottet2222192922221989 Spitzenverkehrswagen B 2222 1997 verschrottet2223192922231989 Spitzenverkehrswagen B 2223, 1998 Xak-v 9396 Tragwagen für Kehricht-Container Y 11801 1998 verschrottet2224192922241989 Spitzenverkehrswagen B 2224, 1997 Xa-v 9001 Hilfswagen Samedan 1997 verschrottet2225193022251989 Spitzenverkehrswagen B 2225 1998 verschrottet2226193022261989 Spitzenverkehrswagen B 2226 1998 Ausstellungswagen A&M Recycling, 2000 in Untervaz aufgestellt, ca. 2018 verschrottet2227193022271988 Spitzenverkehrswagen B 2227, 2000 B 2111 Aussichtswagen B 2111 gelb2228193022281989 Spitzenverkehrswagen B 2228 1998 Ausstellungswagen A&M Recycling, November 1998 verschrottet2229193122291988 Spitzenverkehrswagen B 2229 2002 verschrottet2230193122301989 Spitzenverkehrswagen B 2230 2002 verschrottet2231193122311989 Spitzenverkehrswagen B 2231 1998 verschrottet2232193222321986 Spitzenverkehrswagen B 2232 1997 verschrottetF4ü42021930F4üD4202 1997 verschrottet420319304203 1997 verschrottet
Literatur Claude Jeanmaire: Die elektrischen und Diesel-Triebfahrzeuge schweizerischer Eisenbahnen. Dritter Teil: Die Rhätische Bahn (Stammnetz). Archiv Nr. 19, Verlag Eisenbahn, Villigen AG 1973, ISBN 3-85649-019-1 Wolfgang Finke, Hans Schweers: Die Fahrzeuge der Rhätischen Bahn 1889–1996, Band 1: Personenwagen. Verlag Schweers+Wall, Aachen 1996, ISBN 3-89494-103-0 Dieter Schopfer: Die schweren Stahlwagen der SBB (CD mit PDF-Dateien). Dokumentation über alle schweren Stahlwagen der SBB mit geschichtlicher Beschreibung, umfangreichen technischen Daten und Nummernstatistik ab Übernahme bis Endzustand oder Abbruch. Nachträge bis 2021, Typenskizzen und Illustrationen. Verein Rollmaterialverzeichnis Schweiz, Winterthur 2007 Gian Brüngger: Rhätische Bahn, Typenskizzen, Teil 4, Baujahre 1921–1942 Verein Rollmaterialverzeichnis Schweiz, Winterthur 1999 Verzeichnis des Rollmaterials der Schweizerischen Privatbahnen 1939. herausgegeben vom Eidgenössischen Amt für Verkehr, Bern
Einzelnachweise
Kategorie:Rhätische Bahn Kategorie:Schienenfahrzeug (Spurweite 1000 mm) Kategorie:Schienenfahrzeug (Schweizerische Wagons- und Aufzügefabrik AG Schlieren-Zürich) Kategorie:Schienenfahrzeug (Schweizerische Industrie-Gesellschaft) Kategorie:Reisezugwagen (Schweiz)