Das Institut für Deutsche Philologie an der Universität Greifswald wurde 1876 als Germanistisches Seminar gegründet. Es ist in die fünf Arbeitsbereiche Ältere deutsche Sprache und Literatur, Deutsch als Fremdsprache, Didaktik der deutschen Sprache und Literatur, Germanistische Sprachwissenschaft und Neuere deutsche Literatur und Literaturtheorie aufgeteilt und umfasst die folgenden Einrichtungen: Kompetenzzentrum für Niederdeutschdidaktik, Lektorat Deutsch als Fremdsprache, Pommersches Wörterbuch und Wolfgang-Koeppen-Archiv. In den angebotenen Bachelor- und Masterstudiengängen, in den Lehramtsstudiengängen für Gymnasien und Regionalschulen und seit dem Wintersemester 2026 auch im Sekundarstufenlehramt sowie in den Beifächern liegt der Schwerpunkt auf grundständigen philologischen Lehrinhalten sowie auf Sprache, Literatur und Kultur im Zeitalter der Digitalisierung.
Geschichte des Instituts 19. Jahrhundert 1840 richtete die Universität Greifswald mit der Professur für „orientalische Sprachen, vergleichende Sprachwissenschaft und altdeutsche Philologie“ ihr erstes Extraordinariat ein, das auch die deutsche Philologie umfasste; Inhaber war Albert Hoefer. Bereits 1857 forderte Hoefer in einer programmatischen Schrift die Einrichtung eines eigenen Seminars zur Verbesserung der Lehramtsausbildung. Nach der reichsweiten Gründungswelle germanistischer Seminare in den 1870er Jahren und heftigen Auseinandersetzungen um die Neubesetzung einer ordentlichen Professur berief Kultusminister Adalbert Falk zum Wintersemester 1874/75 den Berliner Gymnasiallehrer Wilhelm Wilmanns nach Greifswald. Am 19. Mai 1875 beantragte Wilmanns bei Falk die Einrichtung eines Seminars für deutsche Philologie, unter anderem mit Verweis auf die Notwendigkeit einer eigenen Bibliothek und auf Unterstützungsmittel für bedürftige Studierende. mini|Gedenktafel für Wilhelm Wilmanns Am 24. Juni 1876 wurde das Seminar für deutsche Philologie – zunächst als „Germanistisches Seminar“ – offiziell eröffnet; einen eigenen Raum erhielt es allerdings erst 1882/83. Die Statuten definierten das Seminar als reguläres Universitätsinstitut mit einer Normalmitgliederzahl von fünf, einem als Vorsteher fungierenden Professor sowie festen Regeln für Aufnahme, Arbeitsformen und jährliche Berichterstattung. Wilmanns selbst lehrte nur wenige Jahre in Greifswald, bevor er nach Bonn wechselte; an sein Wohnhaus in der Domstraße 30 erinnert bis heute eine Gedenktafel.
Sein Nachfolger Heinrich Alexander Reifferscheid baute das Seminar ab 1877 institutionell weiter aus, unter anderem durch ein festes Reglement (Wintersemester 1877/78) und den Ausbau der Seminarbibliothek von 88 auf 2842 Bände.
Zeit des Nationalsozialismus Die allgemein vorangetriebene Umdeutung von Literatur im Sinne der nationalsozialistischen Ideologie hatte sich schon lange vor 1933 mit dem Aufkommen des Nationalismus angebahnt. Aus den Vorlesungsverzeichnissen der Zeit geht hervor, dass u. a. die Werke von Goethe, Schiller und Shakespeare als „Blutsverwandter“ sowie mittelalterliche Dichtungen zentraler Gegenstand der Lehrveranstaltungen waren. Die „großen Klassiker“ der germanischen Literatur wurden im Sinne der NS-Ideologie entsprechend interpretiert. Zusätzlich wurde die „Sprechkunde“ von Walter Wittsack, dem Lektor für deutsche Sprechkunde, vorangetrieben und für alle Hörer der Universität zugänglich gemacht.
Im Wintersemester 1933 wurde von Karl Kaiser eine separate „Volkskundliche Abteilung“ gegründet, die sich mit „volkskundlichen Übungen“ beschäftigte und Lehrveranstaltungen wie z. B. „Volkslieder“, „deutsche Volkskunde in der Gegenwart“, „deutsche Volkstumsgeographie“, „Brauchtum“, „Volkslied der Gegenwart“ und „Deutsche Mundarten“ durchführte. Diese wurden, ebenso wie die Sprechkunde, für alle Hörer der Universität angeboten. Damit übernahm das Germanistische Seminar Aufgaben, die direkt im Sinne der nationalsozialistischen Ideologie waren, wie die Schulung in Rhetorik und Vortragsweise. In dem Zusammenhang wurden Exkursionen in die „ostpommerschen Grenzkreise“ sowie ins „Museum für Deutsche Volkskunde und Hauptstelle des Atlas der Deutschen Volkskunde“ angeboten, das heute den Namen Museum europäischer Kulturen trägt.
Als Teil der Volkskunde wurde im Wintersemester 1933/34 auch das Lektorat für niederdeutsche Sprache geschaffen und an Kurt Mischke übertragen. Es handelte sich um das erste Lektorat für niederdeutsche Sprache an deutschen Universitäten.
Interdisziplinäre Veranstaltungen der Deutschen Philologie und der Nordischen Philologie beleuchteten die Wechselbeziehungen zu Skandinavien. So war das Altnordische regelmäßig Bestandteil, da es mit als germanisches Erbgut gesehen wurde. Darüber hinaus wurde von Leopold Magon eine Veranstaltung zu Ernst Moritz Arndt für alle Hörer der Universität angeboten.
Die meisten Professoren passten sich den Vorgaben des Regimes an. Im Zuge der „personellen Säuberung“ kam es auch zum Ausscheiden von Wolfgang Stammler, der zuvor mit der Leitung des Germanistischen Seminars betraut war. Aufgrund einer unpassenden politischen Vergangenheit, u. a. aufgrund pazifistischer Äußerungen sowie spöttischer Bemerkungen über den Nationalsozialismus und NS-Studenten, wurde er am 31. März 1937 entlassen. Darüber hinaus war seine Frau als Jüdin als „nicht-arisch“ verzeichnet. In einem Brief vom 3. Januar 1937 an den Dekan der philosophischen Fakultät versuchte er noch, sich als überzeugter Nationalsozialist und SA-Mitglied darzustellen. Der Versuch war jedoch vergeblich – seine Zwangspensionierung wurde mit der Vereinfachung der Verwaltung begründet. Am 1. November 1937 wurde Hans-Friedrich Rosenfeld als sein Nachfolger zum Direktor des Seminars ernannt.
Seit Kriegsbeginn hatte es Unterbrechungen des Lehrbetriebs der Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald gegeben, im Germanistischen Seminar konnte dieser jedoch mit Kürzungen und Einschränkungen bis zum Kriegsende stattfinden. Magon, der ab 1941 im Wehrmachtsbezirkskommando Greifswald diente, konnte mit Einschränkungen seine Lehrtätigkeit fortsetzen und übernahm nach Kriegsende die Dekanatsgeschäfte der philosophischen Fakultät. Am 6. Juni 1945 leitete er als Dekan die erste Sitzung der Philosophischen Fakultät und informierte die Professoren über die ersten Weisungen der sowjetischen Besatzungsbehörden. Der Lehrbetrieb wurde im Jahr 1946 wieder aufgenommen.
In der Zeit nach 1933 gab es einen Rückgang in der Zahl an Studierenden, jedoch eine wachsende Zahl an internationalen Studierenden in der Germanistik. Nach Kriegsbeginn sank die Zahl der internationalen Studierenden rapide, erholte sich jedoch im Laufe des Krieges wieder. Zu dieser Zeit bot die Uni verstärkt Unterricht in deutscher Sprache an. Auch ausländische Gäste wurden im Germanistischen Seminar empfangen. So beteiligten sich finnische Wissenschaftler an der Lehre wie z. B. Pekka Katara der Universität Helsinki.
1946 bis 1990 Mit der Neuordnung der Universität im Jahr 1951 wurde die Philosophische Fakultät, der die Germanistik angehörte, von der Mathematisch-Naturwissenschaftlichen Fakultät getrennt. Seit dem Wintersemester 1951/52 heißt das Institut "Institut für Deutsche Philologie". Am 13. August 1958 schloss das Institut einen Freundschaftsvertrag mit dem Deutschen Schriftstellerverband. Fokus war die Zusammenarbeit zur „Verstärkung der Literaturpropaganda“, u. a. mithilfe von Lehrveranstaltungen und die bevorzugte Themenvergabe für Abschlussarbeiten zu deutscher sozialistischer Literatur.
Welche konkreten Auswirkungen dies auf bereits am Seminar tätige Lehrkräfte hatte, zeigten u. a. die Ereignisse um die Goethe-Expertin Hildegard Emmel, die nicht das marxistisch-leninistische Goethebild der DDR vertrat. Deshalb wurde ihr am 14. Mai 1958 die Lehrbefugnis entzogen, woraufhin sie Greifswald verließ. 1991 wurde Hildegard Emmel die Ehrendoktorwürde der Universität Greifswald verliehen.
Die dritte Hochschulreform zielte auf eine stärkere politische Steuerung der Hochschulen durch die Sozialistische Einheitspartei Deutschlands (SED). Forschung und Lehre sollten stärker auf die Bedürfnisse des sozialistischen Staates sowie auf gesellschaftliche und wirtschaftliche Praxis ausgerichtet werden. Mit der Einführung der Sektionen wurden traditionelle Instituts- und Fakultätsstrukturen zugunsten größerer Organisationseinheiten ersetzt. In Greifswald legte man darum 1969 die Fachbereiche Germanistik, Kunst und Musikwissenschaft zu einer "Sektion Germanistik, Kunst und Musikwissenschaft" (Sektion GeKuMu) zusammen. Diese organisatorische Neuordnung ging mit einer stärkeren zentralen Leitung von Forschung, Lehre und Personalentwicklung einher.
Die Sektionen wurden erst mit der Wende aufgelöst und die alten Strukturen wiederhergestellt: 1990 wurde das "Institut für Deutsche Philologie" (wieder-)gegründet.Senatsbeschluss vom 17. Oktober 1990
Neuere Entwicklungen und Aktivitäten
Forschung zu Sibylla Schwarz Lehrveranstaltungen zur Barockdichterin Sibylla Schwarz, zur Regionalliteratur sowie zum Barock gehörten über Jahrzehnte zur universitären Lehre. Obwohl die pommersche Barockliteratur und insbesondere die Forschung zu Sibylla Schwarz damals und bis heute nicht als eigenständiger Forschungsbereich etabliert wurde, hielten einzelne Dozierende sowie Professorinnen und Professoren das Forschungsinteresse lebendig und entwickelten es kontinuierlich weiter. Publikationen entstanden in Zusammenarbeit von Michael Gratz und Monika Schneikart, Hania Siebenpfeiffer und Klaus Birnstiel. Dadurch entstand vermehrt nationales und internationales Forschungsinteresse. Bedeutend ist dabei auch der Fund des bislang einzigen bekannten handschriftlichen Dokuments der Dichterin. Aus der ersten internationalen Fachtagung „Überschreitungen/Überschreibungen: Zum Werk von Sibylla Schwarz“ ging 2013 der Förderverein „Sibylla Schwarz Gesellschaft e.V.“ hervor.
Die Rolle des Niederdeutschen am Institut Eine wichtige Einrichtung am Institut seit 2017 ist das von Birte Arendt geleitete Kompetenzzentrum für Niederdeutschdidaktik. Niederdeutsch ist eine im Sinne der Europäischen Charta der Regional- oder Minderheitensprachen anerkannte Regionalsprache, deren Pflege und Weitergabe an zukünftige Lehrkräfte eine zentrale Aufgabe des Kompetenzzentrums ist. Aktivitäten rund um die niederdeutsche Sprache werden hier koordiniert. Mit dem 2022 gegründeten interuniversitären Lehrnetzwerk Niederdeutsch vermitteln (LeNie) – gefördert durch die Stiftung Innovation in der Hochschullehre wird über das Institut hinaus kollaborative Forschung und die Ausbildung zukünftiger Lehrkräfte im Fach Niederdeutsch gefördert, im Projekt entwickelte OER-Materialien und ein in diesem Rahmen produzierter Podcast sind Ergebnisse, die national und international (z. B. an der Universidade Federal de Espírito Santo (UFES) in Vitória, der Universität in Porto Alegre oder der Universidade Federal de Pelotas) in die Pomerano-Vermittlung einfließen. Im November 2024 wurde die Niederdeutsch-Lern-App Beo veröffentlicht.