Muharrem Taner Tarhan (* 2. Februar 1941 in Istanbul; † 17. August 2022 in Istanbul) war ein türkischer Althistoriker und Archäologe, der durch seine jahrzehntelangen Forschungen zum Urartäischen Reich internationale Bekanntheit erlangte.
Werdegang und Familie
Tarhan kam im Istanbuler Stadtteil Bakırköy als Sohn türkischer Auswanderer/Flüchtlingen aus dem Balkan (Evlâd-ı Fatihan) zu Welt. Sein Vater Mustafa Sâmi Bey war ein Veteran verschiedener Kriege und Träger der Tapferkeitsmedaille, seine Mutter war Şerife Muazzez Hanım.
1948 begann Tarhan die Grundschule in Bakırköy und beendete 1956 die Mittelschule ebenda. 1961 absolvierte er das Pertevniyal-Gymnasium in Fatih. Seinen Bachelor erwarb er 1966 an der Universität Istanbul in den Fächern „Klassische Archäologie“, „Prähistorie“, „Alte Geschichte“ und „Byzantinische Kunst“. Noch im selben Jahr fing er als Assistent am Lehrstuhl für Alte Geschichte an. 1972 schloss er erfolgreich seinen PhD mit der Dissertation über die Kimmerer namens Eskiçağ Tarihinde Kimmerler (dt.: Die Kimmerier in der Alten Geschichte) ab. Seine Habilitation folgte 1978 mit der Arbeit M.Ö. XIII.Yüzyılda Uruatri ve Nairi Konfederasyonları (dt.: Die Konföderationen der Uruatri und Nairi im 13. Jahrhundert v. Chr.). Zwischen 1984 und 1991 war assistierte er dem Dekan bevor er selber zwischen 2000 und 2004 als Dekan der Literarischen Fakultät amtierte. 2008 ging Tarhan in den Ruhestand. Neben der Universität engagierte er sich Mitte der 1990er Jahre als Mitglied und Vorsitzender im Istanbuler Rat für den Schutz von Kultur- und Naturgütern.
Seit Oktober 1968 war er mit Aysel Özbal verheiratet, mit der er eine gemeinsame Tochter (Ayşegül; * August 1969) hatte. Seinen Wehrdienst leistete Tarhan zwischen 1972 und 73 in Ankara-Polatlı und Istanbul-Samandıra ab.
Tarhan verstarb im August 2022 und wurde auf dem Friedhof Edirnekapı Şehitliği in Eyüpsultan/Istanbul beigesetzt.
Forschung und akademische Tätigkeiten
Bereits während seines Studiums sammelte Tarhan praktische Erfahrungen bei vielen Ausgrabungen, darunter in Kilikien unter Elisabeth Alföldi-Rosenbaum im Jahr 1962, mit Kenan Erim 1963 in Aphrodisias, mit Arif Müfid Mansel in Side, mit Afif Erzen in Van-Çavuştepe (zwischen 1966 und 1971, 1978–1979), Van Kalesi (1973–1975) und Veli Sevin in İmikuşağı Höyük in Elazığ (1983–1984) und Yumuktepe Höyük in Mersin (1993–1994). Des Weiteren arbeitet er zwischen 1984 und 1986 unter Altan Çilingiroğlu bei den Ausgrabungen in Dilkaya Höyük in Van mit.
Ab den 1980er Jahren übernahm er selbst die Leitung von archäologischen Großprojekten, die sich auf Van konzentrierten. Von 1983 bis 1993 amtierte er als Direktor des Historischen und Archäologischen Forschungszentrums der Region Van an der Universität Istanbul. In dieser Funktion prägte er die Erforschung der urartäischen Hauptstadt Tušpa entscheidend, indem er zwischen 1987 und 1991 die systematischen Ausgrabungen an der Festung von Van (Van Kalesi) und der dazugehörigen Altstadt leitete. Seine Forschungen umfassten dabei die Freilegung königlicher Grabstrukturen, Palastanlagen sowie tiefreichende stratigraphische Untersuchungen der Siedlungsschichten vom Übergang der Frühbronzezeit bis ins 20. Jahrhundert. Neben der klassischen Feldarchäologie verfolgte Tarhan einen interdisziplinären und ganzheitlichen Ansatz im Denkmalschutz. So leitete er bedeutende Rettungsgrabungen und Konservierungsmaßnahmen an den historischen türkischen Friedhöfen von Gevaş und entwickelte das Konzept für den Historischen Nationalpark Van, bei dem archäologische Monumente gemeinsam mit angrenzenden Naturräumen wie den lokalen Feuchtgebieten geschützt werden sollten. Für diese Verdienste wurde ihm 1997 die Ehrenbürgerwürde der Stadt Van verliehen. Weitere konservatorische Akzente setzte er beim Archäopark-Projekt in Mersin-Yumuktepe.
Werke
Das wissenschaftliche Werk Tarhans umfasst zahlreiche grundlegende Publikationen zur Struktur, Administration und Genese des Urartu-Reiches sowie detaillierte Architekturstudien zu urartäischen Felsentoren, Tempelanlagen, Palästen und Sakralbauten. Darüber hinaus widmete er sich der theoretischen Verknüpfung der Disziplinen Geschichte und Archäologie, was er 1994 in seiner Monographie Tarih Yazımında Arkeolojinin Önemi (dt.: Die Wichtigkeit der Archäologie für die Geschichtsschreibung) darlegte. Tarhan zeichnete sich neben seiner wissenschaftlichen Expertise durch eine hohe kulturelle Vielseitigkeit aus. Er verfasste Beiträge für Enzyklopädien (türkische Ausgabe der Grand Larousse encyclopédique) sowie staatliche Geschichtslehrbücher und wirkte an populärwissenschaftlichen Radio- und Fernsehformaten mit. Zu seinen ungewöhnlicheren kulturellen Beiträgen zählen das historische Opern- und Ballettlibretto Tuşpa ve Şammuramat sowie der Text für die offizielle Hymne der Universität Istanbul, den er unter einem Pseudonym verfasste und der im Rahmen eines Wettbewerbs vertont wurde.
Quellen
Nachruf auf Muharrem Taner Tarhan (Türkisch)
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