Fensterausblick mit totem Vogel ist ein Gemälde des deutschen Künstlers Werner Heldt. Es ist eine Kombination der Bildgattungen Stadtbild, Fensterbild und Stillleben. Durch ein Fenster werden die Häuserfassaden einer Stadt gezeigt, in der keine Spur menschlichen Lebens erkennbar ist. Auf dem Fensterbrett liegt neben einem Krug ein toter schwarzer Vogel, vermutlich eine Krähe. Das Motiv wurde als Verweis auf Tod und Endlichkeit gedeutet und in Bezug zur Entstehungszeit im oder kurz nach dem Zweiten Weltkrieg gesetzt.
Das Bild wurde ursprünglich auf das Jahr 1945 datiert und galt als eines der frühesten Werke des Künstlers nach dem Krieg, entstanden in einem Kriegsgefangenenlager. Als solches wurde es zu einer ikonischen Darstellung des Themas Kriegsgefangenschaft. Neuere Untersuchungen legen jedoch eine Verwechslung mit einem anderen Gemälde mit ähnlichem Motiv nahe, das verschollen ist. Fensterausblick mit totem Vogel wurde daher entweder auf das Jahr 1943 rück- oder auf das Jahr 1946 vordatiert. Im ersten Fall wäre das Bild noch während des Krieges auf Fronturlaub Heldts in der Ateliergemeinschaft Klosterstraße entstanden. Im zweiten Fall hätte er nach der Rückkehr nach Berlin das Motiv des verschollenen Bildes wieder aufgegriffen.
Bildbeschreibung
Der Blick des Betrachters geht durch ein Fenster in Schrägansicht vom Inneren eines Gebäudes hinaus auf eine Stadtlandschaft.Verena Hein: Werner Heldt (1904–1954). Leben und Werk. utzverlag, München 2016, ISBN 978-3-8316-4413-1, S. 183. Die Konturen des Fensterrahmens sind in schwarzer Farbe akzentuiert. Das Fenster ist abgeschnitten. Die untere Hälfte bildet den Bildraum. Zu sehen ist ein unbebauter Hinterhof. Auf der linken Seite steht ein Gebäude mit Sheddach und einer schwarzen Brandmauer, dahinter eine blaue Wand mit einem markanten weißen Buchstaben „M“. Rechts befindet sich bläulich-violettes Mauerwerk und ein kahler schwarz-grüner Laubbaum. Im Zentrum geht der Blick weiter auf Mietshäuser, einen halbhohen Schornstein und eine ferne Kuppel,Jörg Deuter: Kriegsgefangener – Kahlschlagmaler – Anti-Held. In: ders.: Festschrift Matthias Koeppel zum 85. Geburtstag. Laugwitz, Buchholz 2022, ISBN 978-3-933077-66-0, S. 124–125. vermutlich die Spitze eines Kirchturms.Kristine Haarmann: „Wie man träumt, so soll man malen.“ Der Berliner Malerpoet Werner Heldt (= Kommunikation & Kultur. Band 9). Tectum, Baden-Baden 2017, ISBN 978-3-8288-3713-3, S. 95.
Der Vordergrund des Bildes wird dominiert von einem schwarzen Vogel und einem Krug, die sich auf dem Fensterbrett befinden.Verena Hein: Werner Heldt (1904–1954). Leben und Werk. utzverlag, München 2016, ISBN 978-3-8316-4413-1, S. 184. Ob es sich um Krähe, Rabe oder Dohle handelt, bleibt unbestimmt.Kristine Haarmann: „Wie man träumt, so soll man malen.“ Der Berliner Malerpoet Werner Heldt (= Kommunikation & Kultur. Band 9). Tectum, Baden-Baden 2017, ISBN 978-3-8288-3713-3, S. 97. Der Vogel liegt mit ausgebreiteten Flügeln, die über die Fensterbank hinausragen. Er ist offensichtlich tot. Der Krug wird in der Mitte in Schwarz und Weiß geteilt. Er hat ein Blumendekor, das an das Symbol für Yin und Yang erinnert.Jörg Deuter: Kriegsgefangener – Kahlschlagmaler – Anti-Held. In: ders.: Festschrift Matthias Koeppel zum 85. Geburtstag. Laugwitz, Buchholz 2022, ISBN 978-3-933077-66-0, S. 125. Der Henkel ist vom Betrachter weggedreht.Kristine Haarmann: „Wie man träumt, so soll man malen.“ Der Berliner Malerpoet Werner Heldt (= Kommunikation & Kultur. Band 9). Tectum, Baden-Baden 2017, ISBN 978-3-8288-3713-3, S. 96. Die dominierenden Farben sind Grau- und Brauntöne. Einen farbigen Akzent bildet lediglich die blaue Mauer im Hintergrund.
Das Bild ist rechts unten signiert mit Heldts typischer Signatur bestehend aus seinen Initialen „WH“.
Rückseite
Auf der Rückseite des Bildes befindet sich Heldts Gemälde Haus mit Garten (Seel 286),Die Nummern sind angegeben nach dem Werkverzeichnis von Eberhard Seel, veröffentlicht in: Wieland Schmied: Werner Heldt. Mit einem Werkkatalog von Eberhard Seel. DuMont, Köln 1976. das in den Jahren 1934/35 in Mallorca entstanden war. Im Unterschied zu Bildern mit Berlin-Motiven hatte Heldt laut Wieland Schmied Mallorca-Motive nur im Exil auf der Insel gemalt. Dies ist ein Indiz dafür, dass Heldt die verwendete Holzfaserplatte bereits seit Mitte der 1930er Jahre besessen haben muss und nicht erst in Kriegsgefangenschaft erhalten haben kann.
Datierung
Im Werkverzeichnis von Wieland Schmied aus dem Jahr 1968 wird Fensterausblick mit totem Vogel auf das Jahr 1945 datiert (als einziges in diesem Jahr entstandenes Gemälde).Jörg Deuter: Kriegsgefangener – Kahlschlagmaler – Anti-Held. In: ders.: Festschrift Matthias Koeppel zum 85. Geburtstag. Laugwitz, Buchholz 2022, ISBN 978-3-933077-66-0, S. 124–125. Dies passt zusammen mit der vorherrschenden Sicht auf das Bild als „Gefangenschaftsbild“, das einen Neubeginn Heldts nach dem Zweiten Weltkrieg markierte, wie sie insbesondere Erhart Kästner propagiert hat.Jörg Deuter: Realist – Chronist – Kubist. In: ders.: Festschrift Matthias Koeppel zum 85. Geburtstag. Laugwitz, Buchholz 2022, ISBN 978-3-933077-66-0, S. 112.
Tatsächlich befand sich Werner Heldt, der zum Zeitpunkt der bedingungslosen Kapitulation der Wehrmacht im Mai 1945 in der Nähe von Cuxhaven stationiert war, bis zum 28. Dezember 1945 in britischer Kriegsgefangenschaft bei Hohenkirchen im Jeverland. Und tatsächlich malte er dort ein Bild, das als Die tote Krähe im Fenster bezeichnet wurde. Allerdings erinnern sich Zeitzeugen an deutliche Unterschied im Motiv, so Willy Hinck: „Auf dem Bild stand aber eine ganz andere Landschaft im Fensterausblick, keine so massive Stadtkulisse.“ Jörg Deuter schließt daraus, dass die beiden Bilder mit ähnlichen Motiven und Titeln verwechselt wurden und dass das eigentlich in Kriegsgefangenschaft gemalte Bild Die tote Krähe im Fenster verschollen ist. Wieland Schmied hat diese Verwechslung eingeräumt, im Werkverzeichnis 1976 von Eberhard Seel wird Fensterausblick mit totem Vogel (Seel 340) auf das Jahr 1943 datiert.Jörg Deuter: Kriegsgefangener – Kahlschlagmaler – Anti-Held. In: ders.: Festschrift Matthias Koeppel zum 85. Geburtstag. Laugwitz, Buchholz 2022, ISBN 978-3-933077-66-0, S. 122–124, 129–132.
Im Jahr 1943 hätte der 1940 in die Wehrmacht einberufene Heldt das Bild auf Fronturlaub in der Ateliergemeinschaft Klosterstraße malen müssen, in der befreundete Künstler wie Hermann Blumenthal und Herbert Tucholski wirkten.Jörg Deuter: Kriegsgefangener – Kahlschlagmaler – Anti-Held. In: ders.: Festschrift Matthias Koeppel zum 85. Geburtstag. Laugwitz, Buchholz 2022, ISBN 978-3-933077-66-0, S. 152. Dass das Bild damit unter den Augen der Gestapo entstanden wäre, bejaht Deuter explizit, weil er diesem einen subversiven Gehalt unterstellt: Das große „M“ im Bild sieht er als Anspielung auf Fritz Langs Film M (Eine Stadt sucht einen Mörder) und gleichzeitig als Brandmarkung der Nationalsozialisten als „Mörder“.Jörg Deuter: Realist – Chronist – Kubist. In: ders.: Festschrift Matthias Koeppel zum 85. Geburtstag. Laugwitz, Buchholz 2022, ISBN 978-3-933077-66-0, S. 112–113.
Verena Hein hingegen bezweifelt ein solches Wagnis des Künstlers. Zudem weise die Ikonografie des Bildes auf eine Entstehungszeit nach 1945. Für wahrscheinlich hält sie, dass Heldt das Motiv aus der Kriegsgefangenschaft nach seiner Rückkehr in Berlin noch einmal aufgegriffen habe.Verena Hein: Werner Heldt (1904–1954). Leben und Werk. utzverlag, München 2016, ISBN 978-3-8316-4413-1, S. 184–185. Wieland Schmied nahm in einem Briefwechsel mit Deuter eine Entstehungszeit Anfang 1946 an.Jörg Deuter: Realist – Chronist – Kubist. In: ders.: Festschrift Matthias Koeppel zum 85. Geburtstag. Laugwitz, Buchholz 2022, ISBN 978-3-933077-66-0, S. 153. Und auch Stephanie Tasch gibt in ihren Biographischen Notizen an: „Diese frühe Fassung [aus der Kriegsgefangenschaft] ist verschollen; erhalten blieb die leicht veränderte zweite Fassung, die bereits wieder in Berlin um die Jahreswende 1945/46 entsteht.“Stephanie Tasch: Werner Heldt – Biographische Notizen. In: Julia M. Nauhaus: Werner Heldt: Berlin 1904–1954 Sant’Angelo, Ischia. Ausstellung vom 29. März bis 22. Juni 2014. Lindenau-Museum, Altenburg 2014, ISBN 978-3-86104-106-1, S. 106. Auch das Sprengel Museum Hannover datiert auf 1946.Fensterausblick mit totem Vogel im Inventar des Sprengel Museums Hannover.
Interpretation
Gefangenschaftsbild
Laut Jörg Deuter wurde Fensterausblick mit totel Vogel (obwohl seiner Meinung nach schon vorher entstanden) zum „Programmbild der Kriegsgefangenschaft im Zweiten Weltkrieg“ und zur „Ikone des Kriegsgefangenen“. Dies führte er auf einen Zeitgeist zurück, der eine Projektionsfläche für „Tristesse“ und „Angst und Trauer des Gefangenen (oder seiner Hinterbliebenen)“ suchte, was gerade die unpersönliche Darstellung Heldts und seine in Bildsprache umgesetzte Leerstelle leisten konnten. Dabei diente ein Fenster schon immer als Symbol für Gefangenschaft und wiedergewonnene Freiheit.Jörg Deuter: Kriegsgefangener – Kahlschlagmaler – Anti-Held. In: ders.: Festschrift Matthias Koeppel zum 85. Geburtstag. Laugwitz, Buchholz 2022, ISBN 978-3-933077-66-0, S. 119–120, 149–150. Erhart Kästner sprach von einem „Gefangenschaftsbild“ und schloss mit Bezug auf seine eigene Kriegsgefangenschaft an: „Ich weiß nicht, in welcher Art Käfig Werner Heldt jenes Bild mit dem toten Vogel gemalt hat. Aber das weiß ich, daß seine Gefangenschaft ein Bruder meiner Gefangenschaft war. Und mehr weiß keiner vom anderen.“Jörg Deuter: Kriegsgefangener – Kahlschlagmaler – Anti-Held. In: ders.: Festschrift Matthias Koeppel zum 85. Geburtstag. Laugwitz, Buchholz 2022, ISBN 978-3-933077-66-0, S. 121. Stephanie Tasch verwendet die Bezeichnung eines „Inbegriffsbildes für Gefangenschaft“.
mini|alt=Schwarz-Weiß-Zeichnung einer Menschenansammlung auf der Kreuzung zweier breiter Straßen. Die Menschen sind durch miteinander verbundene Ziffern Null stilisiert.|Meeting (Aufmarsch der Nullen), 1933–1935 (Seel 319), Kohle auf Bütten, 47 × 63,3 cm, Berlinische Galerie
Auch unabhängig vom Entstehungsbezug zu einem Kriegsgefangenenlager sieht Wieland Schmied „von den deutschen Erfahrungen des Jahres 1945 nicht nur die der Heimkehrer in eine beschädigte Welt, sondern auch die des Eingeschlossenseins, der Abgeschnittenheit bewahrt“.Verena Hein: Werner Heldt (1904–1954). Leben und Werk. utzverlag, München 2016, ISBN 978-3-8316-4413-1, S. 184. Für Kristine Haarmann hatte der Maler in dem Motiv „die Quersumme […] aus den Krisenerfahrungen der vergangenen Jahre“ gezogen. Es zeige „Zeichen des Abbruchs einer Lebenskontinuität“ und sei ein „Sinnbild einer zerbrechenden, zuende gehenden Welt“.Kristine Haarmann: „Wie man träumt, so soll man malen.“ Der Berliner Malerpoet Werner Heldt (= Kommunikation & Kultur. Band 9). Tectum, Baden-Baden 2017, ISBN 978-3-8288-3713-3, S. 98. Jörg Deuter sieht zwischen der 1933–35 entstandenen Zeichnung Meeting (Aufmarsch der Nullen) und dem Fensterausblick mit totem Vogel eine künstlerische Klammer um Anfang und Ende des Dritten Reiches. Sowohl die Massenaufmärsche als auch den Zusammenbruch verfolgt der isolierte Künstler durch sein Fenster, den einzigen Ort, von dem er noch mit der Öffentlichkeit zu kommunizieren vermag.Jörg Deuter: Kriegsgefangener – Kahlschlagmaler – Anti-Held. In: ders.: Festschrift Matthias Koeppel zum 85. Geburtstag. Laugwitz, Buchholz 2022, ISBN 978-3-933077-66-0, S. 150. Lucius Grisebach hält Fensterausblick mit totem Vogel für „das charakteristischste Werk Heldts überhaupt“.Lucius Grisebach: Der Maler Werner Heldt. In: Lucius Grisebach (Hrsg.): Werner Heldt. Nicolaische Verlagsbuchhandlung, Berlin 1990, ISBN 3-87584-289-8, S. 75.
Vanitas und Unglücksbote