Lucy Heyer-Grote (* 30. Juli 1891 in Basel; † Juli 1991) war eine frühe Pionierin körperorientierter Psychotherapie und Schülerin von Carl Gustav Jung. Sie war als Psychotherapeutin und Atemtherapeutin tätig und beschäftigte sich vorwiegend mit dem Zusammenhang von Psyche, Atem und Körper.Yael Gsell, Körpertherapeutische Pionierin und C.G. Jung-Biographin: Zur Lebensgeschichte von Lucy Heyer-Grote (1891-1991), in: Basler Zeitschrift für Geschichte und Altertumskunde, Band 120 (2020), S. 301.

Leben Lucy Heyer-Grote wurde 1891 in Basel geboren.https://www.archivportal-d.de/person/gnd/116791160 Sie lernte während ihres Studiums an der Universität München Gustav Richard Heyer kennen und heiratete diesen 1917.Yael Gsell, Körpertherapeutische Pionierin und C.G. Jung-Biographin: Zur Lebensgeschichte von Lucy Heyer-Grote (1891-1991), in: Basler Zeitschrift für Geschichte und Altertumskunde, Band 120 (2020), S. 302

Zwischen 1916 und 1918 bildete sie sich als Gymnastiklehrerin nach Rudolf von Laban aus, sowie in Massage, Musiktherapie und Ausdruckstanz nach Mary Wigman weiter.ENGERT-TIMMERMANN, GABRIELE / TIMMERMANN, TONIUS, Körper – Atem – Musik: eine ganzheitliche Methode in der nonverbalen Psychotherapie, in Strolz/Oberegelsbacher (Hrsg.), Wiener Beiträge zur Musiktherapie, Band 3, S. 119; Yael Gsell, Körpertherapeutische Pionierin und C.G. Jung-Biographin: Zur Lebensgeschichte von Lucy Heyer-Grote (1891-1991), in Basler Zeitschrift für Geschichte und Altertumskunde, Band 120 (2020), S. 302. Nach Mayland wird vermutet, dass Lucy Heyer-Grote zudem eine Schülerin von Elsa Gindler gewesen sei, wobei hierzu keine autobiografischen Erwähnungen zu finden sind.Mayland, Rosenmethod 1995, S. 63. Sie führte ab 1922 eine Rhythmus-Schule in München.Ulfried Geuter in Matthiesen, Psychotherapie und Körperarbeit in Berlin. Geschichte und Praktiken der Etablierung 2004, S. 175; https://judythweaver.com/writings/elsa-gindler-and-her-influence-on-wilhelm-reich-and-body-psychotherapy/

1924 eröffnete ihr Ehemann Gustav Richard Heyer eine psychotherapeutische Privatpraxis. Er und weitere Psychoanalytiker überwiesen ihr Analysanden zur unterstützenden Atem- und Bewegungstherapie.Yael Gsell, Körpertherapeutische Pionierin und C.G. Jung-Biographin: Zur Lebensgeschichte von Lucy Heyer-Grote (1891-1991), in Basler Zeitschrift für Geschichte und Altertumskunde, Band 120 (2020), S. 302.

Ab 1926 führte Lucy Heyer-Grote ihre Arbeit mit Gymnastik mit Max Steger an dessen privater Nervenklinik ein. Sie arbeitete dort mit stationierten Psychosepatienten an Atem und KörperHeyer-Grote, Lucy (Hrsg.): Atemschulung als Element der Psychotherapie, S. 16. und versuchte die verschiedenen in Deutschland bekannten Gymnastiksysteme auf ihre Eignung für eine psychotherapeutische Arbeit zu überprüfen.Max Steger/Lucy Heyer-Grote Gymnastik bei Psychoneurosen und Psychosen (1931) in Heyer-Grote, Atemschulung als Element der Psychotherapie; Willke, Tanztherapie: Theoretische Kontexte und Grundlagen der Intervention, S. 36.

1928 lernte das Ehepaar Heyer Carl Gustav Jung kennen.Yael Gsell, Körpertherapeutische Pionierin und C.G. Jung-Biographin: Zur Lebensgeschichte von Lucy Heyer-Grote (1891-1991), in Basler Zeitschrift für Geschichte und Altertumskunde, Band 120 (2020), S. 303. Während eines Zürichaufenthaltes 1931/32 präsentierte sie ihre Erkenntnisse zu Atemarbeit in seinen KreisenMalin, L., The encounter of soul and body by means of breath in analytic body work. und lernte bei Toni Wolff die analytische Psychotherapie.Yael Gsell, Körpertherapeutische Pionierin und C.G. Jung-Biographin: Zur Lebensgeschichte von Lucy Heyer-Grote (1891-1991), in Basler Zeitschrift für Geschichte und Altertumskunde, Band 120 (2020), S. 303.

Von 1932 bis 1945 war sie in München als Psychotherapeutin in eigener Praxis (bzw. unter der Bezeichnung „Psychologin“) tätig.https://judythweaver.com/writings/elsa-gindler-and-her-influence-on-wilhelm-reich-and-body-psychotherapy/; Gsell 2019, S. 34f. In dieser Zeit lernte die spätere Körpertherapeutin Marion Rosen über die Verbindung von Atem und Körper.Guettler/Knoop/Maisel, Sehen Berühren Atmen: Marion Rosen - Ein Leben, S. 30; Geuter, Körperpsychotherapie. Grundriss einer Theorie für die klinische Praxis, S. 47. Nach Angaben von Marion Rosen nutzen die Heyers Massage und Atemarbeit, um Menschen offener zu machen und es ihnen so zu erleichtern, in der Psychotherapie zu ihren Problemen in Verbindung zu treten.Rosen/Brenner Die Rosen-Methode, S. 3.

In den 1930er gehörte Lucy Heyer-Grote mit Georg Groddeck, Max Steger, Gustav Richard Heyer zu einem Münchner Kreis von Psychotherapeuten, die die Bewegung als körperorientierten Ansatz für die Psychotherapie nutzbar machten.Gräff Wesen und Wandel. Entwicklungen in der KBT G1-Vortrag im Rahmen der 56. Lindauer Psychotherapiewochen 2006 S. 3; Nachruf für Helmuth Stolze https://www.dakbt.de/der-dakbt/archiv-des-dakbt/nachrufe-zu-persoenlichkeiten-des-dakbt/nachruf-fuer-helmuth-stolze-von-c-graeff; S. 88, https://www.psychoanalyse-muenchen.de/geschichte2/geschichte-historische-wurzeln-des-instituts

1931 tagte die Allgemeine ärztliche Gesellschaft für Psychotherapie in Dresden zu dem Rahmenthema, wie vom Körper aus Seelisches behandelt werden könne.Lucy Heyer-Grote (Hrsg.), Atemschulung als Element der Psychotherapie, S. 17.

Gustav Richard Heyer plädierte, nicht zuletzt aufgrund des Einflusses von Lucy Heyer-Grote, für eine Ausdehnung der dynamischen Sichtweise der Psychoanalyse auf das Gebiet körperlicher Prozesse.Ulfried Geuter in Matthiesen, Psychotherapie und Körperarbeit in Berlin. Geschichte und Praktiken der Etablierung 2004, S. 176.

Lucy Heyer-Grote selbst sprach in einem Referat über „Gymnastik bei Neurosen und Psychosen“ und führte aus, Gymnastik könne psychisch Kranken helfen, eine ausgewogene Regulation zwischen Spannung und Entladung zu finden und ihre Lebensenergie dem Körper wieder zuzuwenden.

Die Ehe mit Gustav Richard Heyer wurde 1933 geschieden.Yael Gsell, Körpertherapeutische Pionierin und C.G. Jung-Biographin: Zur Lebensgeschichte von Lucy Heyer-Grote (1891-1991), in: Basler Zeitschrift für Geschichte und Altertumskunde, Band 120 (2020), S. 303

Lucy Heyer-Grote stellte die Atemtherapie bei den 4. Lindauer Psychotherapiewochen 1953 mit folgenden Worten vor: „Die Atemtherapie kann in vielen Fällen als Unterstützung der Analyse angewendet werden, entweder vom Analytiker selbst, oder in Zusammenarbeit mit einem Atemtherapeuten. Oft aber dient sie als selbständiges, therapeutisches Verfahren, unter Umständen sogar anstelle der analytischen Therapie“.ENGERT-TIMMERMANN, GABRIELE / TIMMERMANN, TONIUS , Körper – Atem – Musik: eine ganzheitliche Methode in der nonverbalen Psychotherapie, in Strolz/Oberegelsbacher (Hrsg.), Wiener Beiträge zur Musiktherapie Band 3, S. 119.

Carl Gustav Jung hatte Lucy Heyer-Grote zu seiner „offiziellen“ Biographin gemacht, gab den Gedanken aber später wieder auf. Bis 1955 arbeitete sie daher an Carl Gustav Jungs Biografie, die jedoch nie vollendet wurde.Lucy Heyer, Biographie von Carl Gustav Jung (einige fertige Texte, Notizen und Briefe zur Entstehung), Nachlass Lucy Heyer https://swisscovery.ch/discovery/fulldisplay?vid=41SLSP_NETWORK:VU1_UNION&tab=41SLSP_NETWORK&docid=alma991170517085905501&context=L ; Yael Gsell, Körpertherapeutische Pionierin und C.G. Jung-Biographin: Zur Lebensgeschichte von Lucy Heyer-Grote (1891-1991), in Basler Zeitschrift für Geschichte und Altertumskunde, Band 120 (2020) S304f.

Aus finanziellen Gründen arbeitete sie in den 1950er Jahren als Englisch-Übersetzerin. Beispielsweise übersetzte sie Philosophies of India von Heinrich Zimmer und Der Weg der Frau von Mary Esther Harding.Heinrich Zimmer: Philosophie und Religion Indiens. Ins Deutsche übertragen und herausgegeben von Lucy Heyer-Grote; Esther Harding, Der Weg der Frau : Eine psychologische Deutung Mit e. Einl. von C. G. Jung. [Autor. Übers. von Lucy Heyer].

In Deutschland war sie vor allem bekannt als Herausgeberin für ein Buch über Psychotherapie und Atemtraining.Heyer-Grote, Atemschulung als Element der Psychotherapie.

Lucy Heyer-Grote verstarb im Jahr 1991.Yael Gsell: Körpertherapeutische Pionierin und C.G. Jung-Biographin: Zur Lebensgeschichte von Lucy Heyer-Grote, in Basler Zeitschrift für Geschichte und Altertumskunde, Band 120 (2020), S. 306.

Theorie

Atemtherapie Die Atmung sei nach Heyer-Grote der einzige Vorgang im Menschen, der unbewusster sowie bewusster Führung gehorche. Daher sei durch sie ein nach Kraus ein Zugang auf unbewusste Prozesse, sohin zur Tiefenperson, möglich. Die Atemtherapie erreiche eine Lösung und Entspannung des ganzen körperlich-seelischen Menschen. Zunächst müsse man den Atem kommen lassen. Der Klient öffne sich dadurch dem Therapeuten und eine Begegnung wäre möglich. Eine Einheit von Geist, Körper und Seele werde erlebt. Der Klient könne sich sich selbst zuwenden und eine Drehung vom Du zum Ich vollziehen. Es trete eine Sammlung und Besinnung ein. Zuletzt könne der Klient seine Vorstellungskraft aktivieren und innere Bilder kommen lassen.Heyer-Grote, Atemtherapie, in Heyer-Grote, Atemschulung als Element der Psychotherapie, S. 97f.

Bewegungstherapie/Gymnastik Für Lucy Heyer-Grote war Gymnastik Arbeit an der eigenen Persönlichkeit, die vom Körperlichen ausgehend den Gesamtmenschen zu erfassen versucht.Steger/Heyer-Grote, Gymnastik bei Psychoneurosen und Psychosen, in Heyer-Grote, Atemschulung als Element der Psychotherapie, S. 64.

Ihr waren dabei sechs Parameter wichtig:

Spannung als Lebenspotenz: Regulierung des Verhältnisses von Spannung und Entladung; Gleichgewicht: als Gradmesser für die Stärke der zur Entladung drängenden, aber zurückgehaltenen Affekte; Körpergefühl: als Hinweis zur Beziehung zwischen Ich und Körper bzw. der Grenzen des Ich; Rhythmus: als unmittelbarer Ausdruck des gesunden Lebensvorgangs; Raumempfinden: in der Unterscheidung des optisch gerichteten und akustisch-tänzerischen Raums nach Straus 1960; sowie Anpassung: Abhängig von der Zentrierung der Persönlichkeit im Ich.Willke, Tanztherapie: Theoretische Kontexte und Grundlagen der Intervention, S. 36; Steger/Heyer-Grote, Gymnastik bei Psychoneurosen und Psychosen, in Heyer-Grote, Atemschulung als Element der Psychotherapie, S. 64ff; Heyer-Grote, Bewegungs- und Atemtherapie, in Heyer-Grote, Atemschulung als Element der Psychotherapie, S. 114f.

Das Ziel von Gymnastik sei nicht Entspannung, sondern sie trainiere den Körper zur Spannung (Reaktionsbereitschaft).Steger/Heyer-Grote, Gymnastik bei Psychoneurosen und Psychosen, in Heyer-Grote, Atemschulung als Element der Psychotherapie, S: 76.

Gruppenarbeit wurde von Heyer-Grote empfohlen, da ein beständiger Wechsel des Partners zu einer steten Reaktionsbereitschaft führe.Steger/Heyer-Grote, Gymnastik bei Psychoneurosen und Psychosen, in Heyer-Grote, Atemschulung als Element der Psychotherapie, S. 82f.

Publikationen Hilfsmethoden in der Psychotherapie: Gymnastik, Atmung, Massage usw. in Gustav Heyer, Praktische Seelenheilkunde. Eine Einführung in die Psychotherapie für Ärzte und Studierende, München 1935. Atemschulung als Element der Psychotherapie, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1970. (https://d-nb.info/455567379/04) Bewegungs- und Atemtherapie In: Frankl/v. Gebsattel-Schultz (Hrsg.): Handbuch der Neurosenlehre und Psychotherapie, Band 4, S. 299–311. Mensch und Ritus, Eranostagung von 21. August bis 30. August 1950. In: Psyche - Zeitschrift für Psychoanalyse 5:316-320. Autorisierte Übersetzung von Mary Esther Harding: Der Weg der Frau: Eine psychologische Deutung. Übersetzung von Heinrich Zimmer: Philosophie und Religion Indiens. Ins Deutsche übertragen und herausgegeben von Lucy Heyer-Grote, Vorwort von Lucy Heyer-Grote. Rhein-Verlag, Zürich 1961.

Literatur Yael Naomi Berit Gsell, Lucy Heyer-Grote (1891-1991): Ihr Leben im Wandel der Zeit, 2021.