Stoff – Ein Spitzengeschäft (Lace Relations) ist ein österreichischer Dokumentarfilm des bikontinentalen Regisseurinnen-Kollektivs Anette Baldauf, Chioma Onyenwe, Joana Adesuwa Reiterer und Katharina Weingartner aus dem Jahr 2025. Er wurde sowohl in Nigeria als auch in Österreich realisiert und arbeitet die Verflechtung der Vorarlberger Textilindustrie mit Afrika und dem Atlantischen Dreieckshandel auf.
Handlung Der Kinodokumentarfilm Stoff – Ein Spitzengeschäft thematisiert die globalen textilen Handelsbeziehungen zwischen Österreich und Nigeria. Er führt von den Stoffmärkten in Lagos zu den Stickereibetrieben in Lustenau und beleuchtet die historischen Verflechtungen des europäischen Textilhandels mit Kolonialismus und transatlantischem Sklavenhandel.
Im Mittelpunkt stehen die nigerianische Journalistin Ireti Bakare-Yusuf sowie die ehemalige Vorarlberger Exportmanagerin Margarethe Bösch, die unterschiedliche Positionen innerhalb des internationalen Textilhandels repräsentieren. Der Film zeigt Nigeria dabei nicht nur als Absatzmarkt, sondern auch als eigenständigen Handels- und Wissensraum, der durch lokale Akteurinnen wie die „Königin der Spitze“ Alhaja Seriti-Yusuf geprägt wurde.
Darüber hinaus thematisiert der Film die Rolle europäischer Textilien wie etwa von Leinenstoffen aus Österreich, der Schweiz und Deutschland im transatlantischen Handel mit Versklavten sowie die Bedeutung von Baumwolle aus den Südstaaten der USA für die europäische Textilindustrie. Dabei werden historische Kontinuitäten kolonialer Wirtschaftsstrukturen bis in die Gegenwart nachgezeichnet.
Produktion und Hintergrund Der Film wurde in Nigeria und Österreich von einem bikontinentalen Regieteam, bestehend aus Anette Baldauf, Joana Adesuwa Reiterer, Chioma Onyenwe und Katharina Weingartner, realisiert. Ihre Perspektiven haben den Film entscheidend geprägt.
Anette Baldauf und Katharina Weingartner stießen, als sie 2018 die Dak’Art in Senegal besuchten, auf unerwartet viele Spitzenstoffe aus Vorarlberg. Obwohl sie beide dort aufgewachsen waren, wussten sie wenig über die kolonialen Verflechtungen ihrer Heimat. Erst durch die Recherche wurden sie damit konfrontiert. Baldauf und Weingartner war es wichtig, „dass der nigerianische Teil von nigerianischen Filmemacherinnen“ erzählt wird. Das sei in der österreichischen Dokumentarfilmproduktion zwar ungewöhnlich, schien ihnen für dieses Projekt aber notwendig. Zuerst haben Baldauf/Weingartner und Reiterer/Onyenwe getrennt recherchiert. In langen Gesprächen, Verhandlungen und Diskussionen wurde dann eine Form gefunden, „die beiden Perspektiven gleich viel Raum gibt“. Reiterer und Onyenwe achteten zudem darauf, dass die koloniale Verantwortung im österreichischen Teil klar benannt wird.
Im Film wird neben klassischen Interviews vor allem die Methode des Soziodramas eingesetzt, in der soziale Situationen simuliert werden. Es wird auch Bezug auf Margarethe Böschs autobiografisches Buch Margret’s African Connection (2014) genommen, in dem sie von ihrer Tätigkeit für ein österreichisches Stickerei-Unternehmen in den 1970er/80er Jahren und von ihren Geldschmuggel-Aktionen zwischen Österreich, Nigeria und Benin erzählt.
Bei Stoff – Ein Spitzengeschäft handelt sich um eine Produktion der von Katharina Weingartner mitgegründeten und auf politische Dokumentarfilme spezialisierten Wiener Filmproduktionsfirma pooldoks, die als Green Filming Produktion mit der Unterstützung des Österreichischen Filminstituts (ÖFI/ÖFI+), des Filmfonds Wien (FFW), des ORF Film/Fernseh-Abkommens, der Filmförderung Vorarlberg, der Stadt Feldkirch und der Marktgemeinde Lustenau hergestellt wurde.
Der Film hatte am 3. November 2025 beim Africa International Film Festival (AFRIFF) in Lagos Premiere und wurde in Österreich am 30. Januar 2026 im Stadtkino Wien uraufgeführt.
Rezeption Der Film wurde in Nigeria wie auch in Europa positiv aufgenommen. Brooks Eti-Inyene (Nigeria) hebt die Auseinandersetzung mit den Verflechtungen von Textilien, Geschichte, Macht und globalen Kulturströmen hervor. Der Film sensibilisiere die Zuschauenden für die historischen und wirtschaftlichen Zusammenhänge globaler Produktions- und Handelsketten. İrem Karataş (Türkei) betont, dass die „atemberaubenden Schauplatzaufnahmen“ und die soziodramatische Erzählweise die globalen, durch Textilien geprägten Machtverhältnisse sichtbar machen. Marina Pavido (Italien) lobt die „hybride Inszenierung“, die „mit vielen unterschiedlichen Perspektiven“ auf die Geschichte blicke und dadurch „wichtige Verbindungen zwischen Vergangenheit und Gegenwart“ aufzeige. Simon Inou (Österreich) sieht in dem Film eine wichtige und „längst fällige Auseinandersetzung mit der kolonialen Ausbeutungsgeschichte Österreichs“. Es gibt aber auch kritische Stimmen.
Der Wirtschaftshistoriker Christian Feurstein zeigte dagegen in einem Faktencheck schwerwiegende inhaltliche Fehler auf.|titel=STOFF – Ein Spitzengeschäft. THema Vorarlberg, abgerufen am 21. August 2026
Weblinks
Stoff bei pooldoks Stoff beim Österreichischen Filminstitut
Einzelnachweise
Kategorie:Österreichischer Film Kategorie:Filmtitel 2025 Kategorie:Dokumentarfilm Kategorie:Kolonialismus im Film