Ich verrate morgen (franz. Je trahirai demain, auch als Verraten werde ich morgen übersetzt) ist ein Gedicht von Marianne Cohn. Marianne Cohn, eine deutsche in Frankreich inhaftierte Widerstandskämpferin, hat das Gedicht möglicherweise 1943 während ihrer ersten Inhaftierung in Nizza geschrieben. Die Umstände, unter denen das Gedicht verfasst wurde, bleiben jedoch unklar, da ein Kind einen Brief mit dem Text des Gedichts der Leiterin der Bewegung der zionistischen Jugend (Mouvement de la jeunesse sioniste (MJS)), Jeanne Latchiver, übergab.
Entstehungskontext und Inhalt Weit verbreitet ist die Vermutung, dass das Gedicht während der ersten Verhaftung der jungen Frau in Nizza im Jahr 1943 geschrieben wurde.
Das Gedicht handelt von einer Nacht, in der Marianne Cohn sich sagt, dass sie lieber Selbstmord begehen würde, als zu reden und Juden und Mitstreiter der Résistance an die Gestapo auszuliefern. Sie spricht also von einer anderen Form des Verrats, nämlich dem Verrat am Leben. Sie versteht, dass sie nicht mehr das genießen kann, was sie ihr ganzes Leben lang genossen hat.
Dieser Text wurde vor der Abschaffung dieser Prüfung häufig in der Kunstprüfung des Brevet des Collèges in den Collèges von Lyon verwendet.
Das Gedicht Französische OriginalversionJe trahirai demain pas aujourd’hui. Aujourd’hui, arrachez-moi les ongles, Je ne trahirai pas. Vous ne savez pas le bout de mon courage. Moi je sais. Vous êtes cinq mains dures avec des bagues. Vous avez aux pieds des chaussures Avec des clous. Je trahirai demain, pas aujourd’hui, Demain. Il me faut la nuit pour me résoudre, Il ne faut pas moins d’une nuit Pour renier, pour abjurer, pour trahir. Pour renier mes amis, Pour abjurer le pain et le vin, Pour trahir la vie, Pour mourir. Je trahirai demain, pas aujourd’hui. La lime est sous le carreau, La lime n’est pas pour le barreau, La lime n’est pas pour le bourreau, La lime est pour mon poignet. Aujourd’hui je n’ai rien à dire, Je trahirai demain.Deutsche Übersetzung„Je trahirai“ ist ein Ausdruck im französischen Futur simple und als solcher aktivisch formuliert. Die das Futur betonende mögliche Übersetzung „Ich werde verraten“, die in vielen Übersetzungen angewendet wird, wäre aber insofern missverständlich, als dass hier Futur-Aktiv und Präsens-Passiv nicht mehr zu unterscheiden wären. Hierbei würde jedoch aufgrund des Wechsels von Aktiv (französisches Original) und Passiv (missverständliche dt. Übersetzung) die Bedeutung des zentralen Verses verändert, da nicht mehr das lyrische Ich jmd./etw. verraten würde, sondern jemand anderes das lyrische Ich verriete.Ich verrate morgen, nicht heute. Heute reißt Ihr mir die Nägel heraus, Ich verrate nicht. Ihr wisst nicht, wie viel Mut ich habe. Ich weiß es. Ihr seid fünf harte Hände mit Ringen. Ihr habt Stiefel an den Füßen Mit Nägeln. Ich verrate morgen, nicht heute, Morgen. Ich brauche die Nacht, um mich zu entschließen, Es braucht mindestens eine Nacht Um zu verleugnen, abzuschwören, zu verraten. Um meine Freunde zu verleugnen, Um Brot und Wein abzuschwören, Um das Leben zu verraten, Um zu sterben. Ich verrate morgen, nicht heute. Die Feile ist unter der Fliese. Die Feile ist nicht für das Gitter, Die Feile ist nicht für den Henker, Die Feile ist für mein Handgelenk. Heute habe ich nichts zu sagen, Ich verrate morgen.
Kurzanalyse Der Text hat ein unregelmäßige Versmaß und keine Reime. Er besteht aus einfachen Sätzen mit überwiegend einem Subjekt und einem Prädikat sowie einer Ergänzung. Der Rhythmus basiert auf den auffallenden Wiederholungen der Phrase „je trahirai demain pas aujourd'hui“ (Z.1, Z.9, Z.18) und den Anaphern „pour“ (Z.13 bis Z.17) und „la lime“ (Z.19 bis Z.22).
Anmerkungen und Einzelnachweise
Anmerkungen
Einzelnachweise
Kategorie:Jüdischer Widerstand gegen den Nationalsozialismus Kategorie:Gedicht Kategorie:Literatur (20. Jahrhundert)