Roberto Lerco (auch Robert Lerco; * 29. April 1861 in Lichtensteig, Kanton St. Gallen, als Joseph Robert (Lerco) Lerch; † 19. Dezember 1915 in Turin, im Todeseintrag Robert Joseph Lercoz) war ein italienischer Alpinist und Reisender mit familiärer Herkunft aus Gressoney im Aostatal. Er war in den 1880er- und 1890er-Jahren im Kaukasus, in Kaschmir, Baltistan und im Karakorum aktiv. In der alpinistischen Literatur wird er vor allem im Zusammenhang mit seiner Kaukasus-Reise von 1887 sowie mit einer Karakorum-Reise von 1890 behandelt, bei der er den Baltoro-Gletscher und die Umgebung des K2 erreichte. Ob Lerco dort tatsächlich einen Kletterversuch am Südostsporn, dem späteren Abruzzi-Sporn, unternahm, ist nicht gesichert.

mini|Roberto Lerco, Porträt aus der Rivista Mensile del Club Alpino Italiano, 1954

Leben

In der italienischen alpinistischen Literatur erscheint er meist unter dem Namen Roberto Lerco. Eine spätere Würdigung in der Rivista Mensile del Club Alpino Italiano von 1954 nennt ihn ausdrücklich „Roberto Lerco di Gressoney“. Der italienische Alpinismushistoriker Roberto Mantovani bezeichnete ihn als valdostanischen Alpinisten aus dem Monte-Rosa-Gebiet.

Seine Geburt ist im pfarramtlichen Zivilstandsregister von Lichtensteig eingetragen. Demnach wurde er am 29. April 1861 geboren, im Geburtsregister als Nr. 6 des Jahres 1861. Geburtsregister 1861, Nr. 6. Im katholischen Taufregister von Lichtensteig ist vermerkt, dass die Geburt am 29. April 1861 um 9 Uhr morgens erfolgte und die Taufe am 30. April 1861 stattfand. Der Name erscheint dort als Joseph Robert (Lerco) Lerch; als Wohnort der Familie ist Lichtensteig vermerkt. Katholisches Taufregister, Eintrag Joseph Robert (Lerco) Lerch, Geburt 29. April 1861, Taufe 30. April 1861.

Im Todeseintrag von Gressoney-La-Trinité wird er als Robert Joseph Lercoz geführt. Demnach starb er am 19. Dezember 1915 im Ospedale Mauriziano in Turin, war 54 Jahre alt, in Lichtensteig geboren und in Mailand wohnhaft. Als Eltern werden Jean Joseph Lercoz und Marie Victoire Vincent genannt.Registre des actes de décès, paroisse de Gressoney-La-Trinité, 1866–1934, S. 195, Nr. 4, Eintrag „Lercoz Robert Joseph“.

Lerco war Mitglied der Sektion Aosta des Club Alpino Italiano. Der 1888 im Bollettino del Club Alpino Italiano erschienene Beitrag Nel Caucaso bezeichnet ihn als „socio Roberto Lerco (Sezione d’Aosta)“.

Kaukasus-Reise 1887

Im Jahr 1887 unternahm Lerco eine Reise in den Zentralkaukasus. Der Club Alpino Italiano veröffentlichte 1888 unter dem Titel Nel Caucaso Auszüge aus Lercos Beschreibung Un viaggio in Caucasia, insbesondere die Abschnitte über die Besteigungen des Elbrus und des Kasbek. Der Beitrag bezeichnet Lerco als Mitglied der Sektion Aosta des Club Alpino Italiano und nennt als Begleiter den aus Odessa stammenden Tscherepennikoff sowie den Schweizer Führer Jakob Müller aus Gsteigwiler.

Lerco reiste demnach am 12. August 1887 von Odessa ab, erreichte am 17. August Batum und gelangte über Kutais, das Rion-Tal, den Latpari-Pass, das Ingur-Tal, Betcho und den Gul- oder Betcho-Pass in das Baksan-Tal nach Urusby. Unterwegs traf die Gruppe den britischen Alpinisten und Geografen Douglas William Freshfield, der ihnen Hinweise für die weitere Reise gab.

Am 30. August 1887 bestieg Lerco den Westgipfel des Elbrus. Mantovani bezeichnete diese Besteigung als dritte bekannte Besteigung des Elbrus und als erste durch einen Italiener. Die Festschrift I 100 anni del CAI würdigte Lerco später als denjenigen, der mit Besteigungen am Elbrus und am Kasbek den Namen Italiens auf die Gipfel des Kaukasus getragen habe.

Am 12. September 1887 bestieg Lerco den Kasbek. Die genaue Einordnung dieser Besteigung wird in den Quellen unterschiedlich formuliert. Die Rivista Mensile del Club Alpino Italiano von 1954 bezeichnete sie als erste Besteigung des Kasbek über den Südosthang und als zweite Besteigung des Gipfels insgesamt; Mantovani spricht ebenfalls von einer Besteigung über den zuvor unbegangenen Südosthang.

Karakorum-Reise 1890

Im Sommer 1890 reiste Lerco auf eigene Kosten nach Indien und weiter in den Karakorum. Die Rivista Mensile del Club Alpino Italiano von 1954 berichtet, er sei von Srinagar nach Skardu gelangt, habe Gebiete am Nanga Parbat sowie den Baltoro-Gletscher begangen und sei von Juli bis Oktober 1890 im Karakorum geblieben.

Ein physischer Hinweis auf Lercos Anwesenheit im Karakorum ist ein im Museo Nazionale della Montagna in Turin erhaltenes Jagdtrophäenstück. Die CAISiDoc-Katalogbeschreibung nennt ein „Trofeo di stambecco himalayano“ und gibt als Inschrift an: „Erlegt von Skora-La Karakorum 31 Juli 1890 Robert Lerco“. Der CAI-Beitrag von 1954 und Mantovani erwähnen denselben Zusammenhang ebenfalls und nennen den Skoro La südlich von Askole.

Mehrere spätere alpinistische Darstellungen nennen Lerco als einen der frühesten europäischen Alpinisten, die bis an den Fuß des K2 gelangten. Claudio Smiraglia erwähnte Lercos Unternehmung 2004 im Bollettino della Società Geografica Italiana im Zusammenhang mit frühen italienischen Bezügen zum K2 und schrieb, Lerco habe 1890 den Baltoro-Gletscher begangen und die Hänge der Südostkante des K2 erreicht.

Ob Lerco am K2 tatsächlich einen Kletterversuch unternahm, ist nicht gesichert. Isserman und Weaver schreiben in Fallen Giants, Lerco sei bis zum Fuß des K2 vorgedrungen und habe möglicherweise ein kurzes Stück am Südostsporn, dem späteren Abruzzi-Sporn, zurückgelegt. Auch GognaBlog formuliert, Lerco sei vielleicht ein kurzes Stück am Südostsporn aufgestiegen. Mantovani beschreibt einen Versuch an der Südostkante, ohne jedoch eine erreichte Höhe anzugeben.

Der CAI-Beitrag von 1954 vertrat ebenfalls die Auffassung, Lerco habe einen Versuch am K2 unternommen und sei wegen alpinistischer Schwierigkeiten umgekehrt. Zugleich wurde dort ausdrücklich eingeräumt, dass dafür keine schriftliche Dokumentation vorliege. Richard Sale vertrat in The Challenge of K2 die weitergehende Vermutung, Lerco könne bis in die Nähe von House’s Chimney gelangt sein. Lindsay Griffin erwähnte diese Einschätzung 2012 in einer Rezension im Himalayan Journal. Diese Darstellung beruht demnach auf Briefen Lercos an einen deutschen Freund, die sich in der National Library of Israel befinden sollen.

Lerco veröffentlichte keinen bekannten eigenen Bericht über seine Karakorum-Reise. Der CAI-Beitrag von 1954 vermutete, dass bei einem Brand in Lercos Haus zahlreiche Papiere, möglicherweise auch sein Reisetagebuch zu dieser Reise, zerstört worden sein könnten. Dadurch bleiben genaue Route, erreichte Höhe und Umfang eines möglichen K2-Versuchs ungeklärt.

Briefwechsel mit Hermann Burchardt

In der National Library of Israel befindet sich im Hermann-Burchardt-Archiv ein Bestand unter dem Titel „Robert Lerco“. Er umfasst handschriftliche deutschsprachige Briefe aus den Jahren 1890 und 1891. Nach der Archivbeschreibung behandeln die Briefe Lercos Reisen in Ost- und Zentralasien sowie gemeinsame Reisepläne mit Hermann Burchardt und Briefmarken aus den bereisten Ländern.

Der Briefbestand ist eine wichtige Primärquelle zu Lercos Reisetätigkeit in den Jahren 1890 und 1891. Für die genaue Rekonstruktion der Karakorum-Reise bleibt er jedoch nur eingeschränkt nutzbar, da Lerco keinen veröffentlichten Expeditionsbericht über diese Unternehmung hinterließ. Der öffentlich zugängliche Katalogeintrag belegt für sich allein keine genaue Route oder erreichte Höhe am K2.

Bedeutung und Rezeption

Lercos Karakorum-Reise fand zwei Jahre vor der Karakorum-Expedition von William Martin Conway im Jahr 1892 und 19 Jahre vor der Expedition des Herzogs der Abruzzen im Jahr 1909 statt. Der Südostsporn des K2 wurde später nach der Expedition des Herzogs der Abruzzen als Abruzzi-Sporn bekannt.

Die Rivista Mensile del Club Alpino Italiano von 1954 stellte Lercos Reise in eine frühe Vorgeschichte des italienischen K2-Alpinismus. Dem Beitrag zufolge wurde Lerco nach seiner Rückkehr wiederholt von der Royal Geographical Society nach London eingeladen, um über seine Karakorum-Erfahrungen zu berichten; Lerco habe diese Einladungen jedoch nicht angenommen. Derselbe Beitrag berichtet außerdem, Conway habe später die gleichen Führer engagiert, die zuvor Lerco begleitet hätten, und 1892 die Erforschung des Baltoro-Gebiets wiederholt.

Der CAI-Beitrag überliefert außerdem eine Äußerung Lercos aus dem Jahr 1909, nach der er den K2 aufgrund eigener Beobachtungen für kaum zugänglich hielt. In einem Brief vom 6. April 1910 an Vittorio Ronchetti, den der Beitrag zitiert, hielt Lerco die Besteigung des Nanga Parbat für möglich, äußerte aber Zweifel an der Besteigbarkeit des K2, des Nanda Devi und weiterer großer Gipfel des zentralen Himalaya.

Eine Rezension des 1953 erschienenen Sammelwerks Alpinismo Italiano nel Mondo im Alpine Journal hob hervor, dass die Darstellung italienischer außereuropäischer Bergfahrten mit Lercos Kaukasus-Reise von 1887 einsetzt. Der Rezensent bezeichnete Lerco als ersten italienischen Bergsteiger, der dem Ruf der höheren Gebirge der Welt gefolgt sei, und führte seine spätere geringe Bekanntheit auf seine Zurückhaltung zurück.

Die gesicherte Quellenlage erlaubt die Feststellung, dass Lerco 1890 zu den frühesten dokumentierten europäischen Alpinisten gehörte, die die Umgebung des K2 erreichten. Ob er darüber hinaus tatsächlich einen Kletterversuch am Südostsporn unternahm, bleibt eine offene Frage der Alpinismusgeschichte.

Quellenlage

Die Quellenlage zu Lercos Lebensdaten hat sich durch die Registerfunde aus Lichtensteig und Gressoney-La-Trinité verbessert. Der Geburtseintrag und das katholische Taufregister von Lichtensteig belegen den 29. April 1861 als Geburtsdatum und die Namensform Joseph Robert (Lerco) Lerch. Der Todeseintrag aus Gressoney-La-Trinité nennt Robert Joseph Lercoz und belegt seinen Tod am 19. Dezember 1915 in Turin.

Die Quellenlage zu Lercos Kaukasus-Reise ist vergleichsweise gut, da der Club Alpino Italiano 1888 Auszüge aus Lercos Beschreibung Un viaggio in Caucasia veröffentlichte. Die Quellenlage zur Karakorum-Reise von 1890 ist dagegen lückenhafter. Für sie existiert kein bekannter veröffentlichter Expeditionsbericht Lercos.

Für die Karakorum-Reise sind vor allem spätere alpinistische Darstellungen, der CAI-Beitrag von 1954, Smiraglias Beitrag im Bollettino della Società Geografica Italiana, die CAISiDoc-Katalogbeschreibung des Jagdtrophäenstücks vom Skoro La sowie der Briefbestand der National Library of Israel relevant.

Der CAI-Beitrag von 1954 enthält außerdem eine Bildtafel, auf der Roberto Lerco namentlich abgebildet ist. Die Beschriftung der Tafel ordnet die vier Bilder „von links nach rechts und von oben nach unten“ Roberto Lerco, Luigi di Savoia Duca degli Abruzzi, Vittorio Sella am K2-Basislager und Jules Jacot-Guillarmod zu.

Literatur

Roberto Lerco: Nel Caucaso. Dalla descrizione di Un viaggio in Caucasia. In: Bollettino del Club Alpino Italiano. Band XXII, Nr. 55, 1888, S. 273–288. Francesco Cavazzani: I precursori. Roberto Lerco. In: Rivista Mensile del Club Alpino Italiano. Band LXXIII, Nr. 12, Dezember 1954, S. 403–404. Club Alpino Italiano: 1863–1963: I 100 anni del CAI. Mailand 1963. Claudio Smiraglia: K2 cinquant’anni dopo. In: Bollettino della Società Geografica Italiana. 2004. Maurice Isserman, Stewart Weaver: Fallen Giants: A History of Himalayan Mountaineering from the Age of Empire to the Age of Extremes. Yale University Press, New Haven 2008, ISBN 978-0-300-11501-7. Richard Sale: The Challenge of K2: A History of the Savage Mountain. Pen & Sword, Barnsley 2011, ISBN 978-1-84884-213-7. Mick Conefrey: The Ghosts of K2: The Epic Saga of the First Ascent. Oneworld, London 2015, ISBN 978-1-78074-595-4. Mirella Tenderini: Tutti gli uomini del K2. Corbaccio, Mailand 2014, ISBN 978-88-6380-730-1. Ardito Desio: Geographical Features of the Karakorum. Scientific Reports, 1991.

Einzelnachweise

Kategorie:Bergsteiger (Italien) Kategorie:Person (Aostatal) Kategorie:Italiener