Paracetamol (auch Acetaminophen, als Kontraktionen des chemischen Namens para-(Acetylamino)phenol) ist ein schmerzlindernder und fiebersenkender Arzneistoff aus der Gruppe der Nichtopioid-Analgetika.

Paracetamol ist ein Derivat der Essigsäure und des Aminophenols p-Hydroxyanilin. Es wurde erstmals im Jahre 1878 von Harmon Northrop Morse aus p-Nitrophenol in Eisessig hergestellt. Seit den 1950er Jahren wird Paracetamol mit der Einführung von Fertigarzneimitteln auch im Rahmen der Selbstmedikation als Monopräparat oder Bestandteil verschiedener Kombinationspräparate eingesetzt. Neben Acetylsalicylsäure, Ibuprofen oder Diclofenac ist Paracetamol einer der häufigsten Wirkstoffe in Präparaten, die gegen Fieber und Schmerzen eingesetzt werden. Paracetamol wirkt im Gegensatz zu diesen nicht entzündungshemmend. Seit 1977 steht Paracetamol auf der Liste der unentbehrlichen Arzneimittel der WHO.

Geschichte Die Herstellung von Paracetamol als Produkt der Reduktion von p-Nitrophenol mit Zink in Eisessig wurde erstmals 1878 von Harmon Northrop Morse beschrieben. Josef von Mering verwendete 1887 Paracetamol erstmals heilkundlich, jedoch erweckte die Anwendung wenig Aufsehen.J. Von Mering: Beiträge zur Kenntnis der Antipyretica. In: Ther. Monatsch. 7, 1893, S. 577–587. Vorerst therapeutisch bedeutender waren die verwandten Substanzen Acetanilid und Phenacetin.K. Brune: Paracetamol: gefährlicher als man denkt! 150 Jahre Anilinanalgetika Chemie in unserer Zeit 49(6), 2015, S. 402–409

1893 wurde Paracetamol erstmals im Urin einer Person nachgewiesen, die Phenacetin eingenommen hatte. 1899 wurde das Paracetamol außerdem als Stoffwechselprodukt (Metabolit) des Acetanilids erkannt. Dennoch kam es zu keiner nennenswerten Anwendung des Stoffes.

mini|links|Julius Axelrod 1973

Erst nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Paracetamol bekannter, als es 1948 von Bernard B. Brodie und Julius Axelrod am ein zweites Mal als Metabolit von Phenacetin identifiziert wurde. Sie forschten im Regierungsauftrag nach neuen Schmerzmitteln und zeigten in ihrer Arbeit auf, dass der schmerzstillende Effekt des Acetanilids und des Phenacetins vollständig auf das Abbauprodukt dieser Stoffe, das Paracetamol, zurückzuführen ist. Sie regten an, diesen Stoff in seiner Reinform zu nutzen, um die toxischen Nebenwirkungen der Ursprungsstoffe zu vermeiden.

Seinen ersten Einsatz in einem Fertigarzneimittel fand Paracetamol 1955 in den USA in Tylenol Children’s Elixir der Firma McNeil Laboratories.A Festival of Analgesics. Chemical Heritage Foundation, 2001. Seit 1956 ist Paracetamol in Tablettenform mit 500 mg Wirkstoff erhältlich und wurde in Großbritannien unter dem Markennamen Panadol verkauft, hergestellt von der Firma Frederick Stearns & Co, die ein Ableger der Sterling Drug Inc. war. Es war ausschließlich auf Rezept zu bekommen und wurde als schmerzstillendes und fiebersenkendes Mittel beworben, welches zugleich den Magen schone. Die damals bereits bekannte Acetylsalicylsäure ist weniger magenfreundlich. 1958 kam zusätzlich eine Kinderversion des Präparates mit dem Namen Panadol Elixir auf den Markt. 1959 wurde Paracetamol vom Münchener Unternehmen bene-Arzneimittel als erstes Monopräparat unter dem Markennamen ben-u-ron auf dem deutschen Markt eingeführt.

Seit 1963 wird Paracetamol im britischen Arzneibuch, der „“, monographiert. Kurz danach wurde es auch in Arzneibücher anderer europäischer Staaten aufgenommen.

1982 kam es in den USA zu einem Fall von Produktsabotage,G. Dunea: Death over the counter. In: Br Med J. 1983, 286, S. 211–212. PMID 6401533; .K. A. Wolnik, F. L. Fricke, E. Bonnin, C. M. Gaston, R. D. Satzger: The Tylenol tampering incident – tracing the source. In: Anal. Chem. 56, 1984, S. 466A–470A, 474A. PMID 6711821. durch dessen Folgen sich die zuständige Staatsbehörde Food and Drug Administration veranlasst sah, strengere Schutzvorschriften zu erlassen. Durch vergiftete Paracetamolpräparate waren sieben Patienten gestorben. Zurückgerufen wurden Präparate im Marktwert von 100 Millionen US-Dollar.

Anwendung Anwendungsgebiete (Indikationen) Paracetamol ist als Fertigarzneimittel zur Behandlung von leichten bis mäßig starken Schmerzen und Fieber zugelassen. Verwendung findet es vor allem bei leichten Kopfschmerzen, leichten Zahnschmerzen, Regelschmerzen, Sonnenbrand und arthrosebedingten Gelenkschmerzen sowie bei Migräne. Bei isolierten Extremitätenschmerzen wurde bei intravenöser Gabe eine dem Morphin vergleichbare Wirkung beschrieben.M. Craig, R. Jeavons, J. Probert, J. Benger: Randomised comparison of intravenous paracetamol and intravenous morphine for acute traumatic limb pain in the emergency department. In: Emergency Medicine Journal. Band 29, Nr. 1, 2012, S. 37–39. (doi:10.1136/emj.2010.104687).T. Luiz, G. Scherer und andere: Prähospitale Analgesie durch Rettungsassistenten in Rheinland-Pfalz. Praktikabilität, analgetische Wirkung und Sicherheit bei i.v.-verabreichtem Paracetamol. In: Der Anaesthesist. (doi:10.1007/s00101-015-0089-4).

Ebenfalls zur Behandlung leichter bis mäßiger Schmerzen ist Paracetamol in fixer Kombination mit Coffein (400 mg Paracetamol, 50 mg Coffein) zugelassen. Diese Kombination soll eine um das 1,3- bis 1,7-fach höhere Wirkstärke als Paracetamol allein haben und ermöglicht die Reduktion der Paracetamoldosis. Coffein verkürzt zudem die Zeit bis zum Wirkungseintritt von Paracetamol.Fachinformation: Fixe Arzneistoffkombination Paracetamol 400 mg/Coffein 50 mg Tabletten Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte. Stand April 2012. Auch die Dreifachkombination von Paracetamol mit Acetylsalicylsäure und Coffein führt zu einer gesteigerten WirksamkeitG. Geisslinger, S. Menzel, T. Gundermann, B. Hinz, P. Roth (Hrsg.): Mutschler Arzneimittelwirkungen. 11. Auflage. Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft, Stuttgart 2020, S. 272. und wird daher von der Deutschen Migräne- und Kopfschmerz-Gesellschaft als Mittel der ersten Wahl zur Behandlung der Migräne und des Spannungskopfschmerzes empfohlen.Deutsche Migräne- und Kopfschmerz-Gesellschaft: Spannungskopfschmerz selbst behandeln – Selbstmedikation für Patienten (PDF; 349 kB).

In fixer Kombination mit Codein (Co-Codamol) oder Tramadol ist Paracetamol zur Behandlung mäßig starker bis starker Schmerzen zugelassen.Fachinformation: Fixe Arzneistoffkombination Paracetamol 500 mg/Codeinphosphat-Hemihydrat 30 mg Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte. Stand 5. September 2008.

Da Erkältungskrankheiten mit Fieber, Glieder- und Kopfschmerzen einhergehen können, ist Paracetamol in Kombination mit weiteren Arzneistoffen wie Antihistaminika, Hustenlöser, Hustenblockern oder Vitamin C als analgetisch und antipyretisch wirksamer Bestandteil vieler sogenannter „Grippemittel“ bzw. „Erkältungsmittel“ zugelassen.

Gegenanzeigen (Kontraindikationen) und Warnhinweise Bei einer bekannten Überempfindlichkeit gegen Paracetamol oder bei einer schweren Beeinträchtigung der Leberfunktion auf Grund eines Leberversagens mit einem Child-Pugh-Score von 9 oder höher darf Paracetamol nicht angewendet werden. Bei Patienten mit Leberversagen mit einem Child-Pugh-Score von < 9, einem Gilbert-Meulengracht-Syndrom, chronischem Nierenversagen mit einer Kreatinin-Clearance von unter 10 ml/min oder einem chronischen Alkoholmissbrauch darf Paracetamol nur mit besonderer Vorsicht unter ärztlicher Kontrolle und gegebenenfalls einer angepassten Dosierung angewendet werden.

Bei längerer hochdosierter, nicht bestimmungsgemäßer Anwendung von Paracetamol ist die Entstehung eines Kopfschmerzes bei Medikamentenübergebrauch möglich. Nach abruptem Absetzen verschlimmern sich die Kopfschmerz- und Begleitsymptome.

Schwangerschaft und Stillzeit Zumeist ältere Reproduktionsstudien und epidemiologische Daten gaben keinen Hinweis auf eine schädigende Wirkung von Paracetamol auf die Gesundheit des Fetus bzw. des Neugeborenen. Zahlreiche Untersuchungen legen einen möglichen Zusammenhang zwischen der Einnahme von Paracetamol während der Schwangerschaft und einem gehäuften Auftreten von Asthma bei Kindern nahe. Als möglicher Pathomechanismus wird der Einfluss von Paracetamol auf die hämatopoetische Stammzellentwicklung im Nabelschnurblut diskutiert, welcher zu einer Differenzierung von Immunzellen führen kann.Bremer L.: Paracetamol Medication During Pregnancy: Insights on Intake Frequencies, Dosages and Effects on Hematopoietic Stem Cell Populations in Cord Blood From a Longitudinal Prospective Pregnancy Cohort; EBioMedicine, Oktober 2017 Für eine Langzeitanwendung während der Schwangerschaft liegen keine ausreichenden Daten zur Abschätzung der Sicherheit vor. Eine aktuelle Studie der Universität Oslo legte jedoch sehr deutlich nahe, dass die Einnahme von Paracetamol über insgesamt mindestens 28 Tage während der Schwangerschaft, insbesondere über einen längeren Zeitraum, zu einer späteren Entwicklungsverzögerung des ungeborenen Kindes führen kann. Untersucht wurden über einen Zeitraum von neun Jahren über 48.000 Kinder, darunter fast 3000 Geschwisterpaare. Die Daten zur Entwicklung der Kinder wurden drei Jahre nach der Geburt mittels strukturierter Fragebögen, die von den Müttern ausgefüllt wurden, erhoben.

Auch eine Studie von Forschern der University of Bristol mit insgesamt 14.500 Müttern und ihren Kindern fand, dass Kinder, die im Mutterleib dem Wirkstoff Paracetamol ausgesetzt waren, später häufiger verhaltensauffällig werden können. Bei sieben Jahre alten Kindern, deren Mütter zwischen der 19. und der 32. Schwangerschaftswoche Paracetamol eingenommen hatten, stieg das Risiko für Verhaltensprobleme um 46 Prozent.Paracetamol könnte Verhaltensprobleme bei Kindern auslösen. Nebenwirkungen von Paracetamol. In: Der Spiegel, Nr. 43/2016.

Forscher der Icahn School of Medicine at Mount Sinai berichteten im Januar 2018 davon, dass der Paracetamolkonsum während der Schwangerschaft im Zusammenhang mit einer erhöhten Rate der Sprachverzögerung bei Mädchen steht. In einer Erststudie dieser Art fanden die Forscher eine erhöhte Rate von Sprachverzögerungen bei Mädchen im Alter von 30 Monaten, die von Müttern geboren wurden, die zu Beginn der Schwangerschaft häufig Paracetamol verwendeten. Diese Ergebnisse stimmen mit Studien überein, die über einen verminderten IQ und erhöhte Kommunikationsprobleme bei Kindern von Müttern berichten, die während der Schwangerschaft mehr Paracetamol verwendet haben. Sich die Sprachentwicklung anzusehen ist wichtig, weil sie sich als prädiktiv für andere neurologische Entwicklungsstörungen bei Kindern erwiesen hat. Die schwedische Environmental Longitudinal, Mother and Child, Asthma and Allergy Study (SELMA) lieferte Daten für diese Forschung. Informationen wurden von 754 Frauen gesammelt, die in den Wochen 8–13 ihrer Schwangerschaft in die Studie aufgenommen wurden.

Eine im Jahr 2024 in der angesehenen Fachzeitschrift JAMA veröffentlichte bevölkerungsbasierte Studie aus Schweden, die 2.480.797 Kinder, die in den Jahren 1995 bis 2019 geboren wurden, analysierte, fand 10 Jahre nach Geburt bei Geschwisterkindern, deren Mütter während der Schwangerschaft Paracetamol eingenommen hatten (unabhängig, in welcher Dosierung), keine Hinweise auf ein häufigeres Auftreten von Autismus, ADHS und geistiger Behinderung. Die Autoren schlussfolgerten, dass die zuvor publizierten positiven Studien durch familiäre Störfaktoren beeinflusst gewesen seien.