Die Prolegomena zur platonischen Philosophie (griechisch sinngemäß „Vorerörterungen zur platonischen Philosophie“; lat. Prolegomena Philosophiae Platonicae; engl. Anonymous Prolegomena to Platonic Philosophy) sind eine anonym überlieferte spätantike Einführung in die Philosophie Platons. Der Text gehört in den Zusammenhang des Neuplatonismus und wird in der Forschung meist dem Milieu der alexandrinischen Philosophenschule des 6. Jahrhunderts zugeordnet. Er ist nicht als selbständige systematische Abhandlung, sondern wahrscheinlich als Vorlesungs- oder Kollegnotiz zu verstehen; dafür sprechen nach Leendert Gerrit Westerink insbesondere der Titel in der Inhaltsübersicht, der Bezug auf eine Unterrichtssituation und die Art der im Text erhaltenen Fehler.L. G. Westerink: Anonymous Prolegomena to Platonic Philosophy. Edited with translation. 2. Auflage. The Prometheus Trust, Dilton Marsh 2011, S. IX–X.
Das Werk bietet eine Einführung in Platons Leben, seine philosophische Stellung, die literarische Form des Dialogs, die Ordnung der platonischen Schriften und die Methoden ihrer Auslegung. Es behandelt Platon nicht im Sinn einer modernen philosophiehistorischen Darstellung, sondern aus der Perspektive der spätantiken Schulphilosophie: Platon erscheint als maßgebliche Autorität eines geordneten philosophischen Lehrgangs, dessen Ziel die Hinführung des Schülers von der Selbsterkenntnis über Ethik, Dialektik und Naturphilosophie bis zur theologischen Betrachtung ist.Westerink: Anonymous Prolegomena. S. IX–X, XXV–XXXII.
Die Überlieferung ist schmal. Der vollständige griechische Text ist im Wiener Codex Vindobonensis phil. gr. 314 erhalten. Das erste Kapitel, eine Platonvita, wurde in der älteren Forschung auch unter der Bezeichnung Auctor Heerenii behandelt; der vollständige Text wurde später in Karl Friedrich Hermanns Appendix Platonica veröffentlicht. Die moderne wissenschaftliche Grundlage bildet die Ausgabe von L. G. Westerink, die 1962 bei North-Holland erschien und 2011 in zweiter Auflage beim Prometheus Trust veröffentlicht wurde.Westerink: Anonymous Prolegomena. S. IX; L. G. Westerink: Anonymous Prolegomena to Platonic Philosophy. Edited with translation. 2. Auflage. The Prometheus Trust, Dilton Marsh 2011, S. II.
Die Autorschaft ist ungeklärt. Bereits früh wurde der Anonymus mit Olympiodoros von Alexandria in Verbindung gebracht, weil zwischen den Prolegomena und Olympiodoros’ platonischen Kommentaren, besonders der Platonvita im Kommentar zum Alkibiades, deutliche Parallelen bestehen. Westerink beurteilt diese Nähe jedoch vorsichtig: Die Übereinstimmungen können auch aus gemeinsamem Schulstoff, festen Einleitungsschemata und der alexandrinischen Unterrichtstradition erklärt werden. Sicher ist demnach nicht die Identität mit Olympiodoros, sondern die Zugehörigkeit des Textes zu einem Milieu, das mit Ammonios Hermeiou, Olympiodoros und der späteren alexandrinischen Auslegungstradition verbunden ist.Westerink: Anonymous Prolegomena. S. IX–X, XLI–XLIX.
Inhaltlich stehen die Prolegomena in einer längeren Tradition antiker Platon-Einführungen. Westerink nennt als ältere Vergleichstexte unter anderem die Isagoge des Albinos, den Didascalicus, Apuleius’ De Platone und das dritte Buch des Diogenes Laertios, das eine Platonvita, eine Einführung in die Dialoge und eine doxographische Darstellung enthält. Die spätantiken Prolegomena unterscheiden sich davon durch ihre Einbindung in den neuplatonischen Schulbetrieb: Sie verbinden Biographie, Werkordnung, Dialogtheorie und philosophische Hermeneutik zu einer Vorbereitung auf die systematische Lektüre Platons.Westerink: Anonymous Prolegomena. S. IX.
Besonders wichtig ist der Text für die Kenntnis des spätantiken platonischen Curriculums. Er bewahrt die Ordnung eines auf Iamblichos zurückgeführten Lehrgangs, in dem zehn Dialoge – Alkibiades, Gorgias, Phaidon, Kratylos, Theaitetos, Sophistes, Politikos, Phaidros, Symposion und Philebos – auf die beiden abschließenden Dialoge Timaios und Parmenides hinführen. Diese Ordnung macht sichtbar, dass die spätantike Platonlektüre nicht einfach dem überlieferten Dialogcorpus folgte, sondern einen philosophischen Aufstieg inszenierte: von der Selbsterkenntnis über die Reinigung der Seele und die Erkenntnis der Wirklichkeit bis zur Physik und Theologie.Harold Tarrant: Platonist curricula and their influence. In: Pauliina Remes, Svetla Slaveva-Griffin (Hrsg.): The Routledge Handbook of Neoplatonism. Routledge, London/New York 2014, S. 23–24.
Für die moderne Forschung sind die Prolegomena ein wichtiges Zeugnis dafür, wie Platon in der Spätantike gelesen, geordnet und im Unterricht vermittelt wurde. Ihr Wert liegt weniger in einzelnen historischen Nachrichten über Platon als in der Rekonstruktion einer neuplatonischen Leseweise, die Platons Dialoge als zusammenhängenden philosophischen Lehrweg verstand. Zugleich erfordert der Text wegen seines schwierigen Zustands, seiner anonymen Überlieferung und seines wahrscheinlichen Charakters als Mitschrift eine vorsichtige Auswertung.Westerink: Anonymous Prolegomena. S. X, XXXII–L.
Titel und Bezeichnung
Die unter dem modernen Titel Prolegomena zur platonischen Philosophie bekannte Schrift besitzt in der einzigen erhaltenen Handschrift keine einheitliche, vom Verfasser gesetzte Überschrift, sondern wird durch verschiedene deskriptive Bezeichnungen charakterisiert. Diese spiegeln den funktionalen Charakter des Textes als vorbereitende Einleitung in das Studium der platonischen Dialoge wider. Der heute allgemein übliche Titel geht maßgeblich auf die wegweisende Edition von Leendert Gerrit Westerink aus dem Jahr 1962 zurück, die das Werk im wissenschaftlichen Bewusstsein fest verankerte.L. G. Westerink: Anonymous Prolegomena to Platonic Philosophy. Edited with translation. 2. Auflage. The Prometheus Trust, Dilton Marsh 2011, S. IX.
Der Begriff Prolegomena (, „Vorerörterungen“ oder „vorangehende Bemerkungen“) bezeichnet im spätantiken Wissenschaftsbetrieb eine literarische Gattung, die der methodischen Vorbereitung auf ein philosophisches Curriculum oder einen detaillierten Kommentar dient. In der alexandrinischen Schule des 6. Jahrhunderts bildeten solche Einleitungen ein festes didaktisches Schema, das sogenannte schema isagogicum. Während für die Werke des Aristoteles ein Kanon von zehn Einleitungsfragen üblich war, erweiterten die neuplatonischen Lehrer dieses Schema für Platon auf elf Präliminarien (vorbereitende Themen), um der besonderen literarischen Form und dem metaphysischen Anspruch des Autors gerecht zu werden.Westerink: Anonymous Prolegomena. S. XXV, XXXII. Die Bezeichnung Prolegomena Philosophiae Platonicae verdeutlicht somit den Zweck des Textes: Es handelt sich um eine systematische Hinführung zur „platonischen Philosophie“ als Ganzem, die vor der eigentlichen Lektüre der Dialoge absolviert werden musste.Harold Tarrant: Platonist curricula and their influence. In: Pauliina Remes, Svetla Slaveva-Griffin (Hrsg.): The Routledge Handbook of Neoplatonism. Routledge, London/New York 2014, S. 17–18.
Im Inhaltsverzeichnis der maßgeblichen Wiener Handschrift (Vindobonensis phil. gr. 314) wird das Werk als Proteleia tes synanagnoseos () bezeichnet. Der Begriff Proteleia weist auf eine Einweihung oder ein vorbereitendes Opfer hin, was den quasi-religiösen Ernst der spätantiken Platon-Exegese unterstreicht. Das Wort synanagnosis („gemeinsames Lesen“ oder „Vorlesung“) ist ein deutlicher Hinweis auf den Entstehungskontext des Textes: Es handelt sich aller Wahrscheinlichkeit nach nicht um einen zur Publikation redigierten Traktat, sondern um eine Mitschrift (griechisch apo phones, „aus der Stimme [des Lehrers]“), die ein Schüler während eines Kollegs anfertigte.Westerink: Anonymous Prolegomena. S. IX–X, XXXIX. Westerink betont in diesem Zusammenhang, dass die im Text enthaltenen sachlichen Fehler – wie falsche Dialogtitel oder Namensverwechslungen – typisch für den Charakter einer solchen Vorlesungsmitschrift sind und gegen eine sorgfältig ausgearbeitete Eigenpublikation des Autors sprechen.Westerink: Anonymous Prolegomena. S. X.
In der älteren philologischen Literatur wird der Text häufig unter der Bezeichnung Auctor Heerenii (der „Heeren’sche Autor“) oder Anonymus Heerenii geführt. Dieser Name bezieht sich auf den deutschen Historiker Arnold Hermann Ludwig Heeren, der im Jahr 1789 das erste Kapitel des Werkes – die Platonvita – erstmals edierte. Da der Verfasser der Handschrift anonym blieb, bürgerte sich die Benennung nach dem ersten Herausgeber ein, um die Schrift von anderen anonymen Platon-Einführungen abzugrenzen.Westerink: Anonymous Prolegomena. S. IX, LI. Erst im 19. Jahrhundert wurde durch Karl Friedrich Hermann der vollständige Text unter dem Namen Prolegomena Philosophiae Platonicae in seiner Appendix Platonica veröffentlicht, wobei zeitweise eine irrtümliche Zuschreibung an den alexandrinischen Philosophen Olympiodoros den Jüngeren vorgenommen wurde.Westerink: Anonymous Prolegomena. S. IX, LI–LII.
Die Prolegomena heben sich durch ihren streng schematischen Aufbau deutlich von älteren, mittelplatonischen Einführungen ab, wie sie etwa von Albinos (Isagoge), Apuleius (De Platone et eius dogmate) oder Diogenes Laertios überliefert sind. Während die früheren Werke eher biographisch oder doxographisch ausgerichtet waren, folgen die anonymen Prolegomena einer hochentwickelten pädagogischen Methodik des späten Neuplatonismus. Sie behandeln in elf Präliminarien nicht nur das Leben Platons, sondern reflektieren systematisch über die Dialogform, die Ordnung des Lehrplans (den sogenannten iamblichischen Kanon) und die verschiedenen Lehrmethoden Platons.Westerink: Anonymous Prolegomena. S. XXXIII–XL. In diesem Sinne ist das Werk weniger eine historische Einführung als vielmehr ein didaktisches Handbuch für den fortgeschrittenen akademischen Unterricht in der Endphase der antiken Philosophie.Tarrant: Platonist curricula and their influence. S. 17–19.
Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass die verschiedenen Titel der Schrift unterschiedliche Stadien ihrer Überlieferungs- und Rezeptionsgeschichte widerspiegeln: Der handschriftliche Befund deutet auf eine mündliche Lehrtätigkeit hin (Synanagnosis), die lateinische und englische Titeltradition betont den gattungskritischen Charakter als Einleitungswerk (Prolegomena), und die Bezeichnung Auctor Heerenii erinnert an die Wiederentdeckung des Textes durch die moderne Philologie.Westerink: Anonymous Prolegomena. S. IX–X.
Überlieferung
Handschriftliche Überlieferung
Der erhaltene Text der Prolegomena beruht auf einem äußerst schmalen Überlieferungsbefund. Die gesamte Kenntnis des Werkes stützt sich auf eine einzige Handschrift, den Wiener Codex Vindobonensis phil. gr. 314 (Sigle V). Es handelt sich dabei um ein Unikum; weitere unabhängige Manuskripte, die den vollständigen Text enthalten könnten, sind der Fachwelt nicht bekannt.L. G. Westerink: Anonymous Prolegomena to Platonic Philosophy. Edited with translation. 2. Auflage. The Prometheus Trust, Dilton Marsh 2011, S. IX, L.
Der Codex stammt aus dem 10. Jahrhundert und wurde im Jahr 925 n. Chr. fertiggestellt. Die Erhaltung des Textes ist maßgeblich dem byzantinischen Gelehrten Arethas von Caesarea zu verdanken, der den Codex besaß und mit eigenen Randnotizen versah. Als Schreiber der Handschrift ist im Kolophon ein gewisser Johannes Grammatikos ausgewiesen, der die Abschrift am Donnerstag, dem 28. Juli 925, beendete. Die Handschrift gelangte später aus der Sammlung des ungarischen Humanisten Johannes Sambucus in die Wiener Hofbibliothek.Westerink: Anonymous Prolegomena. S. L–LI.