mini|Tethard Philipp Christian Haag – Selbstporträt (1777). Koninklijke Academie van Beeldende Kunsten, Den Haag Tethard Philipp Christian Haag (* 22. April 1737 in Kassel; † 3. August 1812 in Den Haag), bisher irrtümlich Tethart genannt, war ein niederländischer Maler, Zeichner und Radierer deutscher Herkunft. Er gilt als der bedeutendste Maler von Reiterbildnissen der Niederlande im 18. Jahrhundert und arbeitete als Hofmaler für die Statthalter des Hauses Oranien-Nassau.

Leben Tethard Philipp Christian Haag wurde 1737 in Kassel als Sohn des Malers Johann David Christian Haag geboren. Im Jahr 1742 zog er mit seinem Vater nach Leeuwarden in Friesland, wo dieser als Hofmaler des Statthalters Prinz Willem IV. von Oranien-Nassau angestellt wurde. Ab 1746 oder Anfang 1747 diente Haag als Lakai der Prinzessin Carolina von Oranien-Nassau. Im Mai 1747 übersiedelte er im Gefolge des Hofstaats nach Den Haag, der neuen Residenz, nachdem Willem IV. zum Erbstatthalter aller sieben niederländischen Provinzen erhoben worden war. Den ersten Zeichen- und Malunterricht erhielt Haag durch seinen Vater. 1756 wurde Haag Schüler der Zeichenakademie der Haager Malerzunft Pictura. Noch im selben Jahr wurde er vermutlich zum Zeichenlehrer der Prinzessin Carolina ernannt und erhielt den Titel eines Hofmalers sowie ein Jahresgehalt von 300 Gulden, ein Quartiergeld von 104 Gulden und freie Verpflegung bei Hofe. mini|Der junge Stier, Radierung von Tethard Philipp Christian Haag nach einer Zeichnung von Paulus Potter Nach dem Tod seines Vaters Ende April 1760 wurde Haag zum Zeichenmeister der adeligen Pagen des Hofes ernannt. Zudem übernahm er die Aufgabe, den damals zwölfjährigen Prinzen Willem V. zu unterrichten, wofür er eine jährliche Besoldung von 984 Gulden erhielt. Wahrscheinlich wurde er gleichzeitig zum Direktor der fürstlichen Gemäldegalerie ernannt, für die er in der Folgezeit bei Kunstversteigerungen zahlreiche bedeutende Bilder erwarb. Im November 1760 zahlte Haag sein Meistergeld an die Pictura und ließ sich dort als Porträt- und Pferdemaler einschreiben. Nach der Eheschließung von Statthalter Willem V. mit Prinzessin Wilhelmina von Preußen im Jahr 1767 erteilte Haag auch ihr und später ihren drei Kindern Zeichenunterricht. Im Frühjahr 1771 reiste Haag nach Paris, wo er unter anderem die Kunstsammlung des Kupferstechers Johann Georg Wille besuchte und vermutlich auch den Bildstecher Jacques-Philippe Le Bas kennenlernte. Dieser stach zusammen mit Louis-Joseph Masquelier um 1771/1772 Haags Zeichnung Der Stier nach Paulus Potter nach. In der Legende dieses 1773 in Paris erschienenen Stichs bezeichnete Haag sich als „premier peintre“, also als erster Maler des Prinzen von Oranien.

Das Ansehen, das der unverheiratet gebliebene Hofmaler in der Haager Künstlerschaft genoss, spiegelt sich in seinen Ämtern bei der Pictura wider: Ab November 1762 war er Vorsteher (Hoofdman), von 1785 bis 1809 Dekan und von 1761 bis 1809 Regent der Zeichenakademie. Zudem war er in den Jahren 1761, 1789, 1794 und 1795 Regent-Direktor. Mit dem Maler und Zeichner Aert Schouman verband ihn eine enge Freundschaft. Zu seinen Schülern zählten Johannes Sonnenberg, Johannes Vermaasen und Karel Bentfort.

Infolge der Flucht der Statthalterfamilie im Januar 1795 nach England verlor Tethard Haag sämtliche Hofämter. Er blieb in Den Haag, nahm seine Funktionen in der Pictura weiterhin wahr und bestritt seinen Lebensunterhalt teilweise durch privaten Zeichenunterricht. Ende 1803 oder Anfang 1804 wandte er sich mit einer Bittschrift an den im Exil lebenden Prinzen Willem V. Darin wies er auf seine desolate Lage und seinen mehr als vierzigjährigen Dienst für das Haus Oranien-Nassau hin und bat ihn um finanzielle Unterstützung, die ihm offenbar gewährt wurde. Nach Haags Tod wurde seine bedeutende Kunstsammlung am 21. Dezember 1812 in Den Haag versteigert. Der Katalog umfasste 1154 Nummern, darunter 189 Gemälde, über 300 Zeichnungen, Druckgraphiken, Bildwerke und Bozzetti.

Werk mini|Tethard Philipp Christian Haag – Paarden in galop (Pferde im Galopp, 1789). Geldersch Landschap & Kasteelen Tethard Philipp Christian Haags frühes Schaffen war vorwiegend der Porträtmalerei gewidmet. Im Jahr 1757 schuf er Ölporträts von Prinz Willem V. und seiner Schwester Carolina als Kinder, die nach Jean-Étienne Liotards Pastellbildnissen von 1756 entstanden waren. Zwischen 1762 und 1765 entstanden mehrere Porträts des jugendlichen Statthalters Willem V., darunter Reiterbildnisse in Öl und Zeichnung, von denen einige mehrfach gestochen wurden. In dieser Periode fertigte er außerdem Bildnisse von Mitgliedern des Adels und höherer Kreise sowie zwei Selbstporträts: eine kleine Kreidezeichnung von etwa 1761 und ein Ölgemälde, das er der Pictura vor dem 19. September 1763 schenkte. Ein weiteres Selbstporträt in Öl überließ er am 6. Oktober 1777 der Malerbruderschaft.

Ab dem letzten Drittel der 1760er Jahre trat die Bildnismalerei zugunsten der Pferde- und Tierdarstellung in den Hintergrund, da andere nach Den Haag gekommene Künstler wie Gerard de Spinny, Benjamin Samuel Bolomey, Johann Georg Ziesenis, Jean-Étienne Liotard und Johann Friedrich August Tischbein Porträtaufträge vom Statthalter erhielten. Haag stellte fortan vorwiegend Pferde dar, daneben auch Hunde und andere Tiere, darunter einen Orang-Utan aus der statthalterlichen Menagerie, den er mehrfach porträtierte. Zeichnungen des Affen sowie einer Elenantilope fertigte er für das zoologische Werk „Regnum animale“ von Arnout Vosmaer, dem Direktor des statthalterlichen Naturalienkabinetts. Daneben umfasst sein Œuvre Landschaften, Stadtansichten, Architekturdarstellungen und Genrebilder, die er in den unterschiedlichsten Techniken ausführte: Öl, Tempera, Aquarell, Gouache, Pastell, Tusche, Sepia, Rötel, Kreide, Bister und Bleistift.

Tethard Haag stellte edle Pferde in Reitschulen und Ställen, in der Landschaft, bei Pferderennen, auf dem Pferdemarkt und beim Aufbruch zur Reiherjagd dar. Er porträtierte einzelne Pferde, meist aus dem fürstlichen Marstall, und schuf zwischen 1785 und 1789 eine Serie von zehn Gemälden verschiedener Pferderassen. Seine Reiterbildnisse, die stets zugleich Porträts der dargestellten Pferde waren, begründeten seinen Ruhm. Für Statthalter Willem V. schuf er mehrere Reiterbildnisse, darunter eine Tuschezeichnung aus dem Jahr 1780, die von Reinier Vinkeles gestochen wurde. Von Prinzessin Wilhelmina von Preußen fertigte er zwischen 1778 und 1793 vier Reiterbildnisse in Öl sowie eine Tuschezeichnung, die ebenfalls von Vinkeles gestochen wurde. Im Jahr 1790 entstanden wirkungsvolle Doppelreiterporträts, die Willem V. mit seinem älteren Sohn Willem sowie Wilhelmina mit ihrem jüngeren Sohn Prinz Frederik der Niederlande vor wechselnden Hintergründen zeigen.

Tethard Haag besaß hervorragende Kenntnisse des Körperbaus, der Bewegungen und der verschiedenen Pferderassen. Er wurde vor allem von Philips Wouwerman, Paulus Potter, Karel Dujardin, Aelbert Cuyp und Johann Elias Ridinger beeinflusst. Dennoch entwickelte er einen unverwechselbaren eigenen Stil. Seine Druckgrafik ist wenig umfangreich: Bekannt sind zwölf Radierungen, darunter sieben Pferde- und fünf Hundedarstellungen, sowie eine Aquatinta eines Pferdes.

Literatur

De Gruyter (Hrsg.): Allgemeines Künstlerlexikon Online / Artists of the World Online. De Gruyter, Berlin 2009. Arnold van Wurzbach: Niederländisches Künstlerlexikon. Band 1. Halm und Goldmann, Wien/Leipzig 1906. Adriaan Staring: Kunsthistorische Verkenningen. Een bundel kunsthistorische opstellen. Nijhoff, Den Haag 1948, S. 99, 102, 113–114. S. W. A. Drossaers, T. H. Lunsingh Scheurleer: Inventarissen van de inboedels in de verblijven van de Oranjes en daarmede gelijk te stellen stukken 1567–1795. Teil 2. Nijhoff, Den Haag 1974; Teil 3. Nijhoff, Den Haag 1976. In het zadel. Het Nederlands ruiterportret van 1550 tot 1900. Ausstellungskatalog. Fries Museum, Leeuwarden 1979, S. 11, 26, 28, 78–81, 105–107. Benjamin Samuel Bolomey 1739–1819: een Zwitsers schilder aan het hof van stadhouder Willem V. Ausstellungskatalog. Waanders, Zwolle 2001, S. 13, 25, 29, 30, 39–40, 50, 77, 88. Emmanuel Bénézit: Dictionary of artists. Band 6: Gémignani – Herring. Paris, 2006. Allgemeines Künstlerlexikon Online / Artists of the World Online. De Gruyter, 2009.

Weblinks

Tethart Philipp Christian Haag im Rijksbureau voor Kunsthistorische Documentatie (RKD) Tethart Philipp Christian Haag im Rijksmuseum Amsterdam

Einzelnachweise

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