Die jüdische Gemeinde in Borken bestand mit Unterbrechungen vom Mittelalter bis zu ihrer Zerstörung in der Zeit des Nationalsozialismus. Sie gehörte zu den traditionsreichen jüdischen Gemeinden im westfälischen Münsterland.
Geschichte Mittelalter Jüdische Einwohner sind in Borken bereits vor der Pestverfolgung von 1348/50 nachweisbar. Eine Urkunde vom 15. Juni 1327 belegt einen Schutzbrief für Moses, den Sohn des Gottschalk aus Borken, der bereits um 1300 in der Stadt ansässig gewesen sein dürfte. Im Zuge der Pestpogrome um 1350 wurden die Juden aus Borken vertrieben oder ermordet. Danach ist für nahezu zwei Jahrhunderte kein jüdisches Leben nachweisbar.Norbert Fasse: „Borken“. In: Susanne Freund u. a. (Hg.): Historisches Handbuch der jüdischen Gemeinschaften in Westfalen und Lippe, Regierungsbezirk Münster, Münster 2008, S. 209–211.
Frühe Neuzeit Erst im 16. Jahrhundert sind wieder einzelne Juden in Borken belegt. 1550 erhielt Moises von Bacharach ein landesherrliches Geleit. Während des 17. und 18. Jahrhunderts entwickelte sich eine kleine, dauerhaft etablierte jüdische Gemeinschaft, die überwiegend vom Vieh‑ und Getreidehandel lebte. Die Zahl der jüdischen Haushalte blieb landesherrlich begrenzt und lag bis zum Ende des Fürstbistums Münster (1803) bei maximal acht.Fasse, „Borken“, S. 211–221.
19. Jahrhundert Im Zuge der rechtlichen Gleichstellung wuchs die Gemeinde im frühen 19. Jahrhundert auf etwa 90 Personen. 1818 wurde eine Synagoge im säkularisierten Kloster Marienbrink eingeweiht. Borken wurde 1856 Sitz einer Synagogenhauptgemeinde, zu der auch Gemen, Raesfeld sowie Groß und Klein Reken gehörten. Die jüdische Bevölkerung blieb zahlenmäßig nahezu konstant, war jedoch wirtschaftlich und gesellschaftlich zunehmend etabliert.Fasse, „Borken“, S. 222–225. Das Allgemeine Lexikon sämmtlicher jüdischen Gemeinden Deutschlands aus dem Jahr 1884 verzeichnet die Witwe Phillip Hirsch als Anlaufstelle für koschere Speisen.
Weimarer Republik Zwischen 1919 und 1933 lebten rund 100 Juden in Borken. Die Gemeinde verfügte über ein reges religiöses und soziales Leben, Vereine sowie eine jüdische Elementarschule. Borken war von 1930 bis 1934 Sitz eines orthodoxen Bezirksrabbinats für das westliche Münsterland.Fasse, „Borken“, S. 225–227.
Zeit des Nationalsozialismus Nach 1933 setzte auch in Borken die systematische Ausgrenzung der jüdischen Bevölkerung ein. Während des Novemberpogroms 1938 wurden jüdische Wohnungen verwüstet und die Synagoge zerstört. 1941/42 erfolgten Deportationen in Ghettos und Vernichtungslager. Mindestens 64 Menschen aus der jüdischen Gemeinde Borken wurden Opfer der Shoa. 1943 lebten keine Juden mehr in der Stadt.Fasse, „Borken“, S. 227.
Nachkriegszeit und Erinnerung Nach 1945 kam es nicht zu einer Neugründung der jüdischen Gemeinde. Die letzte Beisetzung auf dem Jüdischen Friedhof fand 1968 statt. Der Borkener Erich Haas, der 1945 nach Borken zurückkehrte, wurde hier beigesetzt.
Synagoge Die Synagoge befand sich am Nonnenplatz innerhalb der ehemaligen Stadtmauern. Sie wurde 1818 eingeweiht, im Novemberpogrom 1938 verwüstet und 1939 auf Anordnung der Stadt abgebrochen. Heute erinnert ein Gedenkstein an ihren Standort.Elfi Pracht-Jörns: Jüdisches Kulturerbe in Nordrhein-Westfalen, Bd. 4, Köln 2002, S. 73–81. alternativtext=Jüdischer Friedhof in Borken|mini|Jüdischer Friedhof in Borken
Friedhöfe In Borken bestanden nacheinander drei jüdische Friedhöfe. Der heute erhaltene Friedhof „Am Replingsfunder“ wurde 1895 angelegt und nach 1945 wiederhergestellt. Er ist das wichtigste materielle Zeugnis jüdischen Lebens in der Stadt.Fasse, „Borken“, S. 226–227.
Literatur Norbert Fasse: „Borken“. In: Susanne Freund, Franz-Josef Jakobi, Peter Johanek (Hrsg.): Historisches Handbuch der jüdischen Gemeinschaften in Westfalen und Lippe. Regierungsbezirk Münster. Münster 2008, S. 209–227. Elfi Pracht-Jörns: Jüdisches Kulturerbe in Nordrhein-Westfalen. Bd. 4: Regierungsbezirk Münster. Köln 2002.
Einzelnachweise
Kategorie:Jüdische Gemeinde in Nordrhein-Westfalen Kategorie:Geschichte (Borken)