Wilhelm Hugo Mayer (* 21. November 1890 in Karlsruhe; † 29. November 1969 in Freiburg im Breisgau) war ein deutscher Volksschullehrer, Kirchenmusiker, Heimatschriftsteller und katholischer Zentrumspolitiker in Südbaden. Als entschiedener Gegner des Nationalsozialismus wurde er 1933 aus seinem Wirkungsort Freiburg-Günterstal vertrieben und mit Rede- und Schreibverbot belegt. Nach dem Zweiten Weltkrieg war er Mitbegründer der CDU in Südbaden und Wiederbegründer des Verbands der Katholischen Lehrerschaft Deutschlands (VKLD), heute der Verband Bildung und Erziehung in Baden-Württemberg.

Leben

Herkunft und Ausbildung Wilhelm Hugo Mayer wurde am 21. November 1890 als Sohn des Schuhmachers Franz Mayer und dessen Ehefrau Friede, geborene Baumann in Karlsruhe geboren.Geburtsregister Karlsruhe Nr. 1773/1890, Stadtarchiv Karlsruhe. Nach dem frühen Tod seines Vaters musste er auf ein angestrebtes Musikstudium verzichten und die Familie finanziell mittragen. Er absolvierte das Lehrerseminar und wurde Volksschullehrer.Conrad Wilhelm Mayer: Ein Patriot muss gehn. Aus dem Leben von Wilhelm Hugo Mayer. Erster Teil: 1910–1934. Selbstverlag C. W. Mayer, Bad Krozingen 1993.

Mayer war mit einer außergewöhnlichen Tenorstimme begabt und wurde als junger Mann in die kurfürstliche Schlosskapelle in Karlsruhe-Durlach eingeladen, was ihm seine Familie jedoch nicht erlaubte.

Erster Weltkrieg Im Ersten Weltkrieg diente Mayer als Sanitätssoldat. Er war unter anderen bei der Schlacht um Verdun eingesetzt und zog sich dort eine Schulterverletzung zu.pax info. Nr. 80, November 2023, S. 12–14. Online: https://www.paxchristi.de/

Ehe und Familie Nach dem Krieg heiratet Mayer Katharina Maria Aulfinger (* 10. Juli 1891 in Mannheim; † 21. Oktober 1969 in Kehl), Tochter des August Aulfinger und dessen Ehefrau Klara.Geburtsregister Mannheim Nr. 1694/1891, Stadtarchiv Mannheim (MARCHIVUM). Aus der Ehe gingen sechs Kinder hervor. Zu ihnen zählte der spätere Autor Conrad Wilhelm Mayer, der 1993 die Biographie Ein Patriot muss gehn. Aus dem Leben von Wilhelm Hugo Mayer seines Vaters veröffentlichte.

Lehrer in Bietigheim und Wutöschingen Seine ersten Lehrerstellen hatte Mayer in Bietigheim und anschließend ab 1911 bis 1920 in Wutöschingen an der Volksschule und Vorgängerschule der Alemannenschule Wutöschingen inne, wo er neben dem Schuldienst die christliche Gewerkschaften am dortigen Aluminiumwalzwerk mitbegründete und sich gegen die sozialistische Betriebsbelegschaft behauptete. Politisch schloss er sich dem Windthorstbund an, der sozial- und rechtsstaatliche orientierten Gruppierung innerhalb der Zentrumspartei. Auf diesem Aufenthaltsort dürften auch seine grundlegenden Heimatbücher für den Amtsbezirk Waldshut und den Hochrhein beruhen, die bis heute zitiert werden.

Freiburg-Günterstal (1923–1933) Ab 1923 war Mayer als Volksschullehrer in Freiburg-Günterstal tätig. Neben dem Schuldienst entfaltete er dort ein breites kulturelles und politisches Engagement: Er leitete den Kirchenchor und den Männergesangsverein, war Vorsitzender des Katholischen Volksvereins und engagiertere Zentrumsredner. Aus den Reihen seines Männergesangvereins ging der Tenor Sepp Rees hervor, dessen Entdeckung und Förderung maßgeblich auf Mayer zurückging.

Er widmete sich den Kindern des Günterstaler Waisenhauses und initiierte die Errichtung eines Kindergartens auf einem Grundstück des Klosters St. Lioba.

Weihespiel Das Wunderkreuz (1929–1930) 1929–1930 inszenierte Mayer das Weihespiel Das Wunderkreuz anlässlich der Dreijahrhundertfeier der Blutwallfahrt Freiburg-Günterstal. Das Stück, zu dem Eberhard Ludwig Wittmer die Chöre beisteuerte, erzählte die Geschichte der Günterstaler Blutsreliquie und war als christlicher Friedensappell konzipiert. Aufgeführt wurde es an jedem Sonntag zweimal in einer Halle des Gasthauses „Hirschen“, deren Bühne Mayer auf eigene Kosten hatte herrichten lassen. Die Intendanz des Stadttheaters Freiburg empfahl eine Übernahme ans Stadttheater, unter dem Druck der politischen Verhältnisse kam es jedoch nicht dazu.

Widerstand gegen den Nationalsozialismus

Politischer Kampf vor der Machtübernahme Hitlers Bereits 1921 warnte Mayer auf einer Delegiertentagung der Zentrumspartei in Radolfzell, an der auch Prälat Josef Schofer und Reichskanzler Matthias Erzberger teilnahmen, vor der Unterschätzung des Nationalsozialismus. Er gab zu bedenken, dass es sich nicht um eine politische Partei, sondern um eine weltanschauliche Bewegung handele.

In den folgenden Jahren trat Mayer als entschiedener Gegner der NSDAP hervor. Als Zentrumsführer mietete er den Nationalsozialisten wiederholt die Versammlungsräume weg und bereiste als Redner unter dem Schlagwort „Wer Hitler wählt, wählt den Krieg“ Südbaden. Seine letzte große Rede hielt er nach Familienüberlieferung Ende Januar 1933 in der alten Sängerhalle im Freiburger Stadtgarten. Er geriet dadurch in direkte Konfrontation mit dem Freiburger Oberbürgermeister und NSDAP-Kreisleiter Franz Kerber, der zugleich Schriftleiter des NS-Organs Der Alemanne war.

Vertreibung aus Günterstal Nach der Machtergreifung wurden 95 Anklagepunkte gegen Mayer erhoben. Er wurde zum „Staatsfeind“ erklärt. In einer Meldung der NSDAP-Kreisleitung an die Parteizentrale vom 7. Mai 1933 hieß es abschließend, Mayer solle jüdischer Abstammung sein.Karin Groll-Jörger: Der Ortsverein (1933-1937) und die Vertreibung von Wilhelm Hugo Mayer 1933. 2020 (Landesbibliographie Baden-Württemberg, PPN 1875165665; LEO-BW).

Am 30. August 1933 wurde die Familie Mayer aus Freiburg-Günterstal vertrieben. Zuvor war die Mutter mit den Kindern mehrfach nachts ins Kloster St. Lioba geflohen, da die SA die Straßen beherrschte. Das NS-Parteiblatt Der Alemanne veröffentlichte unter dem Titel Abschied von Lioba zwei Hetzartikel, in denen nicht nur Mayer, sondern auch Unterstützer namentlich angegriffen wurden.Bericht aus «Der Alemanne» Nr. 237, S. 5 (Abschied von Lioba) DigitalisatNachbericht in «Der Alemanne» Nr. 238, S. 11 (Abschied von Lioba) Digitalisat

Dem gegenüber stand ein sachlicher Bericht über die eigentliche Abschiedsfeier im Kloster St. Lioba, bei der Mayer nach langjähriger Tätigkeit als Kirchenchordirigent der Liebfrauenpfarrei Freiburg-Günterstal verabschiedet worden war.

Am 11. September 1933 legte Mayer dem Badischen Ministerium für Kultus, Unterricht und Justiz einen mehrseitigen Rechenschaftsbericht vor, in dem er die Umstände seiner Vertreibung minutiös dokumentierte.

Hegne am Bodensee Mayer wurde an die Einklassenschule in Hegne am Bodensee versetzt, wo er den Schuldienst fortführte. Am 10. Januar 1940 beantragte er die Aufnahme in die NSDAP und wurde zum 1. April desselben Jahres aufgenommen (Mitgliedsnummer 8.370.714).Bundesarchiv R 9361-IX KARTEI/27400316

Nachkriegszeit Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs beteiligte sich Mayer an christlich-sozialen Neuordnungs- und Parteigründungsversuchen im französisch besetzten Südwesten. Am 14. und 15. Dezember 1945 nahm er in Hegne am Bodensee an einer Versammlung ehemaliger christlicher Gewerkschaftler aus den französisch besetzten Teilen Badens und Württembergs teil. Aus dieser Versammlung ging die sogenannte „Christlich-Soziale Vereinigung“ hervor. Mayer vertrat dort eine entschiedene Demokratisierung des Bildungswesens und trug maßgeblich zum Zustandekommen der Konferenz bei.Jürgen Klöckler: Abendland – Alpenland – Alemannien. Frankreich und die Neugliederungsdiskussion in Südwestdeutschland 1945–1947 (= Studien zur Zeitgeschichte. Bd. 55). Oldenbourg, München 1998, ISBN 3-486-56345-9, S. 216–217 (doi).

Bereits im März 1945 schlug Mayer Erzbischof Conrad Gröber die Gründung eines „Christlichen Friedensringes“ vor, einer pazifistisch-christlichen Laienorganisation. Im Juni 1945 übersandte er Gröber einen Programmentwurf des „Friedensringes aller Christen in Deutschland“. Mayer gab das Projekt später auf, weil ihm wegen seiner zeitweiligen NSDAP-Mitgliedschaft keine Vereinsgenehmigung durch die französische Besatzungsmacht in Aussicht stand.

1946 grenzte Mayer sein Friedensring-Projekt gegenüber Gröber von den südwestdeutschen Autonomie- und Separatismuskonzepten der unmittelbaren Nachkriegszeit ab. Er wandte sich insbesondere dagegen, mit Bernhard Dietrichs „Alpenland“-Plänen oder der „Vereinigung Abendland“ verbunden zu werden.

Nach der Gründung Baden-Württembergs wirkte Mayer am Wiederaufbau katholischer Lehrerverbandsstrukturen mit. 1954 gründete er in Offenburg den Landesverband Baden des Verbands der Katholischen Lehrerschaft Deutschlands (VKLD) und wurde dessen erster Landesvorsitzender.Karl Kopp: 50 Jahre VBE Baden-Württemberg. In: VBE-Magazin, 5/2021 (online). Mayer blieb bis zu seinem Tod Ehrenvorsitzender des VKLD-Landesverbandes Baden-Württemberg.Heinz Dieter Joos: Zum 100. Geburtstag von Wilhelm Hugo Mayer 1890–1969. Streiter und Visionär. In: VBE. Informationen für Erzieher, 12. Dezember 1990.

Entscheidenden Einfluss nahm er in der Erzdiözese Freiburg auch beim Aufbau der Pax-Christi-Bewegung in Freiburg. Im Herbst 1950 wurde er Nachfolger von Pater Fuchs als Leiter der Bistumsstelle Freiburg und blieb es bis zum Frühjahr 1957.Die neue pax info ist erschienen!, freiburg.paxchristi.de, 25. Juni 2025: „Ebenso verweist Kopp noch einmal auf die Anfänge von pax christi Freiburg unter Wilhelm Hugo Mayer, der ab 1950 die Freiburger Bistumsstelle von pax christi leitete.“

Tod Wilhelm Hugo Mayer starb am 29. November 1969 in Freiburg im Breisgau. Er wurde am 2. Dezember 1969 auf dem Kirchhof zu Umkirch bei Freiburg beigesetzt.Todesanzeige des VKLD in der Badischen Zeitung vom 1. Dezember 1969.

Schriften (Hrsg.): Heimatbuch für den Amtsbezirk Waldshut. Verlag R. Philipp, Waldshut Baden 1926 Rebland, Webland, deine Heimat. Verlag Otto Kehrer, Freiburg 1964 Mit Friedrich Kuhn (Beitrag), Ludwig Stöcklin (Zeichnungen): Vom Weinbau im Markgräflerland. Verlag Otto Kehrer 1964 Hochrhein, meine Heimat. Verlag Otto Kehrer, Freiburg, 2. Auflage 1965Detailseite im LEO-BW

Ehrungen Ritterkreuz des Silvesterordens (verliehen durch Papst Johannes XXIII. im März 1961)

Literatur Conrad Wilhelm Mayer: Ein Patriot muss gehn. Aus dem Leben von Wilhelm Hugo Mayer. Erster Teil: 1910–1934. Selbstverlag C. W. Mayer, Bad Krozingen 1993, (mit Wolfgang Hug). Karl Kopp: Wilhelm Hugo Mayer 1890–1969: Lehrer – Kämpfer – Visionär. Zur Geschichte des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE) Baden-Württemberg. Verband Bildung und Erziehung Baden-Württemberg, Stuttgart 2019, .

Weblinks Mayer, Wilhelm Hugo, Indexeintrag in der Deutschen Biographie

Eintrag im Kalliope-Verbund

Einzelnachweise

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