Nikola Biller-Andorno (* 2. Juni 1971 in Nürnberg) ist eine deutsch-schweizerische Ärztin, Philosophin und Bioethikerin. Sie ist Professorin für Biomedizinische Ethik an der Universität Zürich und Direktorin des Instituts für Biomedizinische Ethik und Medizingeschichte, das als WHO-Kollaborationszentrum für Bioethik ausgewiesen ist.

Sie war Ethikerin bei der Weltgesundheitsorganisation, Präsidentin der International Association of Bioethics und ist Mitglied der European Group on Ethics in Science and New Technologies. Ihre Forschung befasst sich mit Biomedizinischer Ethik und Gesundheitspolitik, insbesondere mit Governance von Gesundheitssystemen, patientenzentrierter Versorgung, digitaler Gesundheit und Künstlicher Intelligenz sowie globaler Public-Health-Ethik.

Leben und Ausbildung

Biller-Andorno studierte Medizin an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, wo sie 1996 das Staatsexamen ablegte und 1997 zum Dr. med. promoviert wurde. Parallel dazu studierte sie Philosophie an der FernUniversität in Hagen, wo sie 1996 den M.A. erwarb und 2001 zum Dr. phil. promoviert wurde. 2002 habilitierte sie sich an der Universität Göttingen im Fach Ethik und Theorie der Medizin. Ihre Studien und ihre Promotion wurden unter anderem durch die Bayerische Begabtenförderung und die Studienstiftung des deutschen Volkes gefördert. 2018 erwarb sie einen Master of Health Business Administration an der Universität Erlangen-Nürnberg.

Sie hat drei erwachsene Kinder.

Akademische Laufbahn

Von 1998 bis 2002 war Biller-Andorno wissenschaftliche Assistentin am Institut für Ethik und Geschichte der Medizin der Universität Göttingen. Von 2002 bis 2004 arbeitete sie als Ethikerin bei der Weltgesundheitsorganisation in Genf, unter anderem zu ethischen Fragen der Organtransplantation, von Biobanken und der Forschung am Menschen. 2004 wurde sie Professorin für Medizinethik an der Charité – Universitätsmedizin Berlin.

2005 wurde sie als ordentliche Professorin für Biomedizinische Ethik an die Universität Zürich berufen. Seit 2007 ist sie Gründungsdirektorin des Instituts für Biomedizinische Ethik, das 2014 zum Institut für Biomedizinische Ethik und Medizingeschichte erweitert wurde. Das Institut wurde 2009 als WHO-Kollaborationszentrum für Bioethik ausgewiesen. Von 2021 bis 2025 war sie Vizedekanin für Innovation und Digitalisierung der Medizinischen Fakultät der Universität Zürich.

Von 2012 bis 2013 war Biller-Andorno Commonwealth Fund Harkness Fellow in Health Care Policy and Practice an der Harvard School of Public Health und am New England Journal of Medicine sowie Visiting Professor in der Division of Medical Ethics der Harvard Medical School. Von 2013 bis 2014 war sie Safra Network Fellow an der Harvard University. Von 2016 bis 2020 war sie Fellow am Collegium Helveticum mit einem Projekt zur digitalen Transformation der Medizin.

Forschung

Biller-Andornos Forschungsschwerpunkte liegen in der Biomedizinischen Ethik und der Gesundheitspolitik. Ihre Arbeiten behandeln unter anderem die ethische Governance von Gesundheitssystemen, patientenzentrierte Versorgung und Patientenerfahrungen, digitale Gesundheit und Künstliche Intelligenz sowie globale Public-Health-Ethik. Frühere Arbeiten befassten sich mit ethischen Fragen der Transplantationsmedizin, von Biobanken, der Forschung am Menschen sowie der Finanzierung des Gesundheitswesens.

Ein Teil ihrer Forschung untersucht die ethischen Fragen algorithmisch unterstützter klinischer Entscheidungen und der Vorhersage von Patientenpräferenzen. 2019 veröffentlichte sie gemeinsam mit Armin Biller im New England Journal of Medicine den Beitrag „Algorithm-Aided Prediction of Patient Preferences — An Ethics Sneak Peek“. Daran schlossen sich weitere Arbeiten zu den ethischen und praktischen Herausforderungen der algorithmischen Vorhersage von Behandlungszielen und Patientenpräferenzen an. Weitere Arbeiten betreffen Künstliche Intelligenz in der Gesundheitsinformation und die ethischen Fragen von Desinformation und Infodemie-Management.

Im Bereich der patientenzentrierten Versorgung befasst sie sich mit Patientenerfahrungen, medizinischen Geisteswissenschaften und der Nutzung von Patientenerzählungen in lernenden Gesundheitssystemen. In einem Interview in der Zeit wurde ihre Forschung zu Patientenerzählungen und zur stärkeren Berücksichtigung von Patientenstimmen im Gesundheitssystem aufgegriffen.

Politikberatung und wissenschaftliche Gremien

Biller-Andorno war von 2009 bis 2011 Präsidentin der International Association of Bioethics. Sie ist Mitglied der European Group on Ethics in Science and New Technologies, eines unabhängigen Beratungsgremiums der Europäischen Kommission zu ethischen, gesellschaftlichen und grundrechtlichen Fragen im Zusammenhang mit Wissenschaft und neuen Technologien.

In der Schweiz war sie Mitglied des Nationalen Forschungsrats des Schweizerischen Nationalfonds, wo sie ab 2020 der Abteilung IV Programme angehörte und ab 2022 als Vizepräsidentin der Abteilung tätig war. Anschließend wurde sie in den Stiftungsrat des Schweizerischen Nationalfonds gewählt. 2025 wurde sie für die Amtszeit 2025–2029 in den Conseil d’orientation stratégique der Universität Genf berufen. Sie ist zudem Senatsmitglied der Schweizerischen Akademie der Medizinischen Wissenschaften, war von 2009 bis Mai 2016 Mitglied der Zentralen Ethikkommission der SAMW und gehörte von 2022 bis 2025 dem Vorstand der SAMW an.

Auszeichnungen und Mitgliedschaften

Biller-Andorno wurde 2001 in Die Junge Akademie an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften und der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina aufgenommen und war dort bis 2006 Mitglied. 2012/2013 war sie Commonwealth Fund Harkness Fellow in Health Care Policy and Practice und wurde später Senior Fellow des Commonwealth Fund. Sie wurde zum Fellow des Hastings Center gewählt.

2024 erhielt sie den Preis der Dr. Margrit Egnér-Stiftung für Arbeiten im Zusammenhang mit Patientenautonomie und psychiatrischen Patientenverfügungen. 2025 war sie gemeinsam mit Giovanni Spitale und Federico Germani Trägerin des SNIS International Geneva Award für Arbeiten zu „The Dual Nature of AI in Information Dissemination: Ethical Considerations“.

Publikationen (Auswahl)

Nikola Biller-Andorno, Julian W. März, Corine Mouton-Dorey, Stéphanie Dagron (Hrsg.): Proportionality: A Guiding Principle in Public Health Law, Ethics, and Policy. Oxford University Press, Oxford 2026. Nikola Biller-Andorno, Manuel Trachsel, Jens Gaab, John Z. Sadler, Şerife Tekin (Hrsg.): The Oxford Handbook of Psychotherapy Ethics. Oxford University Press, Oxford 2021. Nikola Biller-Andorno, Peter Jüni: Abolishing Mammography Screening Programs? A View from the Swiss Medical Board. In: New England Journal of Medicine. Band 370, Nr. 21, 2014, S. 1965–1967. DOI:10.1056/NEJMp1401875. Nikola Biller-Andorno, Thomas Zeltner: Individual Responsibility and Community Solidarity — The Swiss Health Care System. In: New England Journal of Medicine. Band 373, Nr. 23, 2015, S. 2193–2197. DOI:10.1056/NEJMp1508256. Nikola Biller-Andorno, Armin Biller: Algorithm-Aided Prediction of Patient Preferences — An Ethics Sneak Peek. In: New England Journal of Medicine. Band 381, Nr. 15, 2019, S. 1480–1485. DOI:10.1056/NEJMms1904869. Susanne Joebges, Nikola Biller-Andorno: Ethics guidelines on COVID-19 triage—an emerging international consensus. In: Critical Care. Band 24, 2020, Artikel 201. DOI:10.1186/s13054-020-02927-1. Jeffrey David Iqbal, Michael Krauthammer, Nikola Biller-Andorno: The Use and Ethics of Digital Twins in Medicine. In: Journal of Law, Medicine & Ethics. Band 50, Nr. 3, 2022, S. 583–596. DOI:10.1017/jme.2022.97. Andrea Ferrario, Sophie Gloeckler, Nikola Biller-Andorno: Ethics of the algorithmic prediction of goal of care preferences: from theory to practice. In: Journal of Medical Ethics. Band 49, Nr. 3, 2023, S. 165–174. DOI:10.1136/jme-2022-108371. Giovanni Spitale, Nikola Biller-Andorno, Federico Germani: AI model GPT-3 (dis)informs us better than humans. In: Science Advances. Band 9, Nr. 26, 2023. DOI:10.1126/sciadv.adh1850.

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Einzelnachweise

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