mini|200px|Stefan Ignar (1965) Stefan Ignar (* 17. Februar 1908 in Baldrzychów; † 23. Januar 1992 in Warschau) war ein polnischer Wirtschaftswissenschaftler, Hochschullehrer und Politiker der Vereinigten Volkspartei (ZSL), der unter anderem zwischen 1956 und 1969 Stellvertretender Ministerpräsident der Volksrepublik Polen sowie von 1956 bis 1962 und erneut 1981 Vorsitzender der Vereinigten Volkspartei war.
Leben Stefan Ignar, Sohn von Maciej und Jadwiga, begann nach dem Schulbesuch ein Studium der Volkswirtschaftslehre an der Universität Posen, das er 1931 beendete. Bereits während des Studiums engagierte er sich als Aktivist der Bauernbewegun und wurde 1928 Mitglied des Verbandes der ländlichen Jugend der Republik Polen „Wici“ ZMW (Związek Młodzieży Wiejskiej) sowie 1931 Mitglied der Volkspartei SL (Stronnictwo Ludowe). Er lehrte zwischen 1933 und 1935 als Dozent an der Volksuniversität in Lublin und war im Anschluss von 1935 bis 1937 Herausgeber sowie Verleger der zweiwöchentlich erscheinenden Zeitschrift „Chłopskie Życie Gospodarcze“ und von 1938 bis 1939 Herausgeber der Wochenzeitung „Wici“. Er gehörte des Weiteren zwischen 1935 und 1939 dem Obersten Rat der SL als Mitglied an und engagierte sich während der deutsche Besetzung Polens zwischen 1939 und 1945 als aktives Mitglied der Chłostra-Bauernbataillone (Bataliony Chłopskie) im Widerstand.
Nach dem Einmarsch der Roten Armee und der Proklamation der Volksrepublik Polen durch das Lubliner Komitee PKWN (Polski Komitet Wyzwolenia Narodowego) am 22. Juli 1944 arbeitete er zwischen 1945 und 1949 als Forscher an der Universität für Biowissenschaften WSGW (Wyższa Szkoła Gospodarstwa Wiejskiego) in Łódź und fungierte 1945 sowie erneut von 1946 bis 1947 als Vizepräsident der ZMW „Wici“, ehe er von 1947 bis 1948 Präsident des Hauptvorstands des Verbandes der ZMW „Wici“ war. Er gehörte zwischen 1948 und 1949 dem Präsidium des Obersten Exekutivkomitees des SL an und war zugleich in Personalunion von 1948 bis 1950 Vorsitzender des Obersten Rates des Verbandes der Polnischen Jugend ZMP (Związek Młodzieży Polskiej) sowie zudem Präsident des Hauptvorstands des Verbandes der Bäuerlichen Selbsthilfe (Gminna Spółdzielnia „Samopomoc Chłopska“). Nachdem aus der SL am 27. November 1949 die Vereinigte Volkspartei ZSL (Zjednoczone Stronnictwo Ludowe) hervorgegangen war, gehörte er von 1949 bis 1984 dem Präsidiums des Nationalkomitees der ZSL an und fungierte zudem zwischen 1949 und 1956 als Vizepräsident beziehungsweise 1956 als stellvertretender Vorsitzender des Sekretariats des Nationalkomitees der ZSL. Er lehrte und forschte zudem von 1949 bis 1978 als Dozent an der Warschauer Naturwissenschaftlichen Universität SGGW (Szkoła Główna Gospodarstwa Wiejskiego w Warszawie), an der er 1964 zum ordentlichen Professor für Volkswirtschaftslehre ernannt wurde.
Am 20. November 1952 wurde Stefan Ignar für die ZSL zudem Mitglied des Parlaments Sejm und gehörte diesem bis zum 10. Februar 1976 an, wobei er in der ersten Legislaturperiode (1952 bis 1956) den Wahlbezirk „Nr. 10 Zgierz“, in der zweiten Legislaturperiode (1957 bis 1961) den Wahlbezirk „Nr. 55 Zgierz“, in der dritten und vierten Legislaturperiode (1961 bis 1965, 1965 bis 1969) den Wahlbezirk „Nr. 71 Płock“, in der fünften Legislaturperiode (1969 bis 1971) den Wahlbezirk „Nr. 46 Kutno“ sowie zuletzt in der sechsten Legislaturperiode (1972 bis 1976) den Wahlbezirk „Nr. 68 Ciechanów“ vertrat. Daneben bekleidete er hohe Regierungsämter und war zunächst 1952 als Vertreter von Hilary Minc stellvertretender Vorsitzender der Staatlichen Kommission für Wirtschaftsplanung (Państwowa Komisja Planowania Gospodarczego) sowie zwischen 1952 und seiner Ablösung durch Czesław Wycech 1956 als Vertreter von Aleksander Zawadzki stellvertretender Vorsitzender des Staatsrats (Rada Państwa).„Boleglaw Bierut zum Ministerpräsidenten der Volksrepublik Polen gewählt. Erste Sitzung des neugewählten Sejm Polens“, in: Neues Deutschland vom 21. November 1952 Daneben gehörte er von 1952 bis 1956 Präsidium des Komitees der Nationalen Front FN (Front Narodowy) als Mitglied an.
Als Nachfolger von Władysław Kowalski wurde Ignar am 19. Oktober 1956 Präsident des Nationalkomitees der ZSL und war damit bis zu seiner abermaligen Ablösung durch Czesław Wycech am 28. Mai 1962 Vorsitzender dieser Satellitenpartei der kommunistischen Polnischen Vereinigten Arbeiterpartei (PZPR). Kurz darauf wurde er als Nachfolger von Eugeniusz Stawiński am 24. Oktober 1956 auch Stellvertretender Ministerpräsident (Wiceprezes Rady Ministrów) und bekleidete dieses Amt in den Regierungen von Józef Cyrankiewicz bis zum 28. Juni 1969.„Arbeiter überwinden Schwierigkeiten. Anstrengungen zur Produktionssteigerung in Volkspolen / Kumpel fördern mehr Kohle“, in: Neues Deutschland vom 27. Oktober 1956„Veränderungen in der polnischen Regierung“, in: Neues Deutschland vom 14. November 1956„Neue polnische Regierung gebildet. Sitzung des Sejm / Programmerklärung von Ministerpräsident Cyrankiewicz“, in: Neues Deutschland vom 27. Februar 1957„Gomulka und Cyrankiewicz leiten polnische Delegation“, in: Neues Deutschland vom 14. Juni 1957„Gemeinsame Erklärung der Regierung der Deutschen Demokratischen Republik und der Regierung der Volksrepublik Polen“, in: Neues Deutschland vom 21. Juni 1957„Polnische Delegation in die UdSSR abgereist“, in: Neues Deutschland vom 25. Oktober 1958„Warschauer Werktätige grüßten begeistert die DDR-Delegation. Verhandlungen der Reglerungsdelegationen begannen / Am Mittwochabend nach Gdansk“, in: Neues Deutschland vom 11. Dezember 1958„KOMMUNIQUE über die Beratungen zwischen der Delegation des Zentralkomitees der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands und Regierung der Deutschen Demokratischen Republik und der Delegation des ZK der Polnischen Vereinigten Arbeiterpartei und der Regierung der Volksrepublik Polen“, in: Neues Deutschland vom 16. Dezember 1958 Zugleich war er von 1958 bis 1983 Mitglied des Präsidiums des Komitees der Nationalen Einheitsfront FJN (Front Jedności Narodu).
Nach seinem Ausscheiden aus der Regierung gehörte Stefan Ignar zwischen 1969 und 1972 wieder dem Staatsrat als Mitglied an und war zudem in der fünften und sechsten Legislaturperiode (1969 bis 1976) Mitglied des Sejm-Ausschusses für Landwirtschaft und Lebensmittelindustrie. Er fungierte zwischen 1970 und 1978 als Direktor des Instituts für Agrarökonomie und Agrarpolitik der Warschauer Naturwissenschaftlichen Universität und war von 1972 bis 1976 in der sechsten Legislaturperiode auch noch Mitglied des Sejm-Ausschusses für Wissenschaft und technischen Fortschritt. Als Nachfolger von Stanisław Gucwa bekleidete er zwischen dem 8. Mai und dem 6. November 1981 noch einmal die Funktion des Präsidenten des Nationalkomitees der ZSL, woraufhin Roman Malinowski neuer Parteivorsitzender wurde.
Für seine Verdienste in der Volksrepublik Polen wurde Stawiński mehrfach ausgezeichnet und erhielt unter anderem den Orden Erbauer Volkspolens (1978), das Großkreuz des Ordens Polonia Restituta (1964), den Orden des Banners der Arbeit Erster Klasse (1946), den Orden des Grunwald-Kreuzes Dritter Klasse, das Partisanenkreuz sowie zahlreiche weitere Medaillen und Abzeichen.
Veröffentlichungen Chłopi w obronie pokoju („Bauern zur Verteidigung des Friedens“), Książka i Wiedza, Warschau 1950 Droga rozwoju społeczno-gospodarczego wsi . Referat wygłoszony na Kongresie Zjednoczenia Ruchu Ludowego w dniu 28 listopada 1949 roku („Der Weg der sozioökonomischen Entwicklung des Dorfes. Vortrag auf dem Kongress zur Vereinigung der Bauernbewegung am 28. November 1949“), Ludowa Spółdzielnia Wydawnicza, Warschau 1950 Sojusz robotniczo-chłopski w świetle niektórych doświadczeń ruchu ludowego („Das Bündnis der Arbeiter und Bauern im Lichte einiger Erfahrungen der Bauernbewegung“), Ludowa Społdzielnia Wydawnicza, Warschau 1950 Kwestia rolna w Polsce kapitalistycznej. Dla słuchaczy szkół wyższych oraz dla aktywu politycznego, społecznego i gospodarczego („Die Agrarfrage im kapitalistischen Polen. Für Universitätsstudenten und politisch, sozial und wirtschaftlich Aktivisten“), Państwowe Wydawnictwo Rolnicze i Leśne, Warschau 1952 Młodzież chłopska odpowiedziałna za przyszłość wsi („Die Bauernjugend trägt Verantwortung für die Zukunft des Dorfes“), Iskry, Warschau 1954 Gospodarka spóldzielni produkcyjnych i POM w powiecie wyrzyskim („Die Ökonomie der Produktionsgenossenschaften und der ÖPNV im Kreis Wyrzysk“), Państwowe Wydawn. Rolnicze i Leśne, Warschau 1956 Historia szkoły w Łaznowie („Geschichte der Schule in Łaznów“), Ludowa Spółdzielnia Wydawnicza, Warschau 1959 Węzłowe zadania rolnictwa w latach 1959-1965 („Die wichtigsten Aufgaben der Landwirtschaft in den Jahren 1959–1965“), Książka i Wiedza, Warschau 1959 Wybór pism publicystycznych („Auswahl journalistischer Texte“), Ludowa Spółdzielnia Wydawnicza, Warschau 1962 Sojusz i samodzielność artykuły i przemówienia („Bündnis und Unabhängigkeit – Artikel und Reden“), Ludowa Spółdzielnia Wydawnicza, Warschau 1983, ISBN 978-8-32053-4-948 Rodzina chłopska i gospodarstwo rolne („Die Bauernfamilie und der Bauernhof“), Ludowa Spółdzielnia Wydawnicza, Warschau 1986, ISBN 978-8-32053-8-809
Literatur J. Bogacz u. a. (Herausgeber): Polityka agrarna podręcznik. Pod kierownictwem naukowym Stefana Ignara („Agrarpolitik: Ein Lehrbuch. Unter der wissenschaftlichen Leitung von Stefan Ignar“), Państwowe Wydawn. Naukowe, Warschau 1968 Czeslaw Farkowski, Andrzej Stelmachowski, Tadeusz Wieczorek: Strukturalne przemiany wsi i rolnictwa w Polsce Ludowej. 70-lecie profesora doktora Stefana Ignara („Strukturwandel im ländlichen Raum und in der Landwirtschaft der Volksrepublik Polen. Zum 70. Geburtstag von Professor Dr. Stefan Ignar“), Państwowe Wydawn. Naukowe, Warschau 1978
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Einzelnachweise
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