mini|Joan Semmel, 2018 Joan Semmel (* 19. Oktober 1932 als Joan Alperstein in New York) ist eine US-amerikanische Malerin und Feministin. Sie beschäftigt sich mit den Themen Intimität und Sinnlichkeit und erlangte insbesondere durch die künstlerische Wiedergabe von Sexszenen sowie durch Darstellungen ihres eigenen Körpers Bekanntheit. In ihrem Spätwerk setzt sich Semmel mit dem Altern auseinander.

Ursprünglich von der abstrakten Malerei kommend, ging sie in den 1970er Jahren zu einem figurativen Stil über, den sie mit einer expressiv-leuchtenden Farbgebung verband. In ihrer über 70-jährigen Schaffenszeit malte sie mehr als 200 großformatige Ölgemälde. Von 1978 bis 2000 unterrichtete Semmel an der zur Rutgers University gehörenden Mason Gross School of the Arts in New Brunswick.

Semmels Werke sind unter anderem in den Dauerausstellungen des Museum of Contemporary Art in Los Angeles, des Museum of Modern Art in New York und der Tate Modern in London vertreten. Zu den Ausstellungen mit Werken der Künstlerin im deutschsprachigen Raum zählen „Sie. Selbst. Nackt“ (2013–2014) im Paula-Modersohn-Becker-Museum in Bremen, „Die Kraft des Alters“ (2018–2019) im Belvedere in Wien und „Eine Frau schaut auf Männer, die auf Frauen schauen“ (2019) im Schweizer Muzeum Susch.

Leben und Werk

Elternhaus und Kindheit Joan Semmel wurde 1932 als erstes Kind einer jüdischen Einwandererfamilie in New York geboren. Die Mutter, Sarah Alperstein (geborene Zucker), kam aus dem Nordosten Österreich-Ungarns (nach dem Ende des 1. Weltkriegs ein Teil Polens); der Vater, Lawrence Alperstein, war gebürtiger New Yorker. Nach dem frühen Tode seiner Mutter wuchs er in einer jüdisch-orthodoxen Familie auf. Den Lebensunterhalt verdiente der Vater in der familieneigenen Textilreinigung, während sich seine Gattin um Joan und deren acht Jahre jüngeren Bruder kümmerte. Ihre Eltern bezeichnete Semmel als „völlig amerikanisiert“; es wurde fast ausschließlich Englisch gesprochen und Religion spielte in der Erziehung keine Rolle. Semmel wuchs in einem vorwiegend von Juden bewohnten Viertel der Bronx auf.

In zahlreichen Interviews erinnerte sich Semmel an sich selbst als kränkliches Kind: Sie litt unter Ohrinfektionen und da sie deshalb häufig die Wohnung nicht verlassen durfte, stellten ihre Eltern Pastelle und Farben zur Selbstbeschäftigung zur Verfügung.

Künstlerische Ausbildung Nach dem Besuch der Wade Junior High School wurde Joan Semmel auf Anraten ihres damaligen Kunstlehrers auf die High School of Music and Art in Manhattan geschickt. Von 1949 bis 1952 ging sie auf die Cooper Union School, ein privates College in Lower Manhattan, wo sie Kunst- und Designkurse absolvierte. Zu den dort vermittelten Stilrichtungen zählten der durch Stuart Davis popularisierte flache, grafische Malstil, der Realismus der Ashcan School und ein früher abstrakter Expressionismus. Als Lehrkräfte nannte Semmel neben der Design-Lehrerin Henriette Schütz auch die beiden abstrakten Maler Nicholas Marsicano und John Ferren an. An der Cooper Union traf Semmel ihren späteren Mann, Harold Semmel, der dort Ingenieurwissenschaften studierte.

Noch während der Cooper-Zeit heiratete sie im Alter von 19 Jahren Harold Semmel und nahm dessen Namen an. Für die Offiziersausbildung begab sich ihr Ehemann in den Süden Mississippis, woraufhin Joan Semmel an die Golfküste zog und zwischen Biloxi und New Orleans wohnte. Nach einem halben Jahr folgte die Stationierung ihres Mannes in Nordafrika und Semmel zog zurück zu ihren Eltern nach New York, da es Frauen zu dieser Zeit nicht gestattet war, alleine zu leben. Für einige Monate ging sie einer Model-Tätigkeit im Manhattener Garment District nach und beschäftigte sich nur nebenberuflich mit der Malerei.

Nach dem Ende des Koreakriegs beendete Harold Semmel seinen Militärdienst und kehrte nach New York zurück. Als ihre gemeinsame Tochter Patricia 1955 zur Welt kam, lebte das Paar in Bayside, Queens. Semmel erkrankte anderthalb Jahre später an Tuberkulose und musste sich für ein halbes Jahr in klinische Behandlung begeben, während sich ihre Mutter um ihr Mädchen kümmerte. Nach einer Lungenoperation verbrachte sie eine längere Zeit damit, sich zu regenerieren – das Trauma der Krankheit und Isolation führte Semmel zufolge zu einem Umdenken in Bezug auf ihre Lebensprioritäten und mündete in die Entscheidung, bildende Künstlerin zu werden.

Semmel befasste sich zunächst nur im privaten Umfeld mit der Malerei. Von 1958 bis 1959 besuchte sie die New Yorker Kunstschule Art Students League, an der Morris Kantor unterrichtete. Auf Anraten von Freunden füllte sie die für den Bachelorabschluss und die Lehrbefähigung nötigen Ausbildungslücken über ein Stipendium am Pratt Institute. Sie belegte unter anderem Drucktechnik- und Aktzeichenkurse. 1963 schloss Semmel ihr Studium am Pratt Institute mit dem Bachelor of Fine Arts ab.

Schaffenszeit in Spanien Einige Monate vor ihrem Abschluss wurde Harold Semmel wegen eines Bauprojekts nach Madrid entsandt. Joan Semmel folgte später mit ihrer achtjährigen Tochter. Sie erlernte die kastilische Sprache und lebte siebeneinhalb Jahre in Spanien. Obwohl sie das Land unter Francos Herrschaft als sehr religiös und repressiv empfand, sah sich als Ausländerin davon in gewisser Weise ausgenommen. Im Vergleich zu den Vereinigten Staaten war sie als Frau jedoch stark benachteiligt: es war ihr nicht möglich, ohne Erlaubnis ihres Ehemannes die Landesgrenze zu überschreiten, ein Konto zu eröffnen oder sich nachts auf den Straßen Madrids aufzuhalten.

Mit Gemälden im Stil des abstrakten Expressionismus feierte Semmel ihre ersten künstlerischen Erfolge. Ab 1966 war sie in mehreren Gruppenausstellungen in Barcelona und Madrid vertreten. 1968 folgten die ersten Einzelausstellungen im Ateneo de Madrid, im Museo Nacional de Artes Plásticas in Montevideo und in der Galería Bonino in Buenos Aires. Bei ihrem Südamerika-Debüt präsentierte die Künstlerin 35 ihrer abstrakten Gemälde. Zu den ausgestellten Werken zählten unter anderem Simbolos No. 1 (1965) und Perfil infinito (1966). In Spanien kam Semmel in Kontakt mit zahlreichen einheimischen Künstlern und Galeristen wie etwa Rafael Canogar, Manuel Rivera und Juana Mordó.

1965 kam Andrew, Semmels zweites Kind, zur Welt. Im selben Jahr trennte sich die Künstlerin von ihrem Partner und übernahm die alleinige Erziehung der beiden Kinder. Da es in Spanien zur Zeit Francos nicht möglich war, sich scheiden zu lassen, folgte die offizielle Scheidung jedoch erst in den 1970er Jahren in New York. Sie behielt den Familiennamen „Semmel“ bei. Nach der Trennung ging sie eine Beziehung mit dem Spanier José Antonio Nieto ein. Wie zahlreiche andere Weggefährten und Angehörige später machte Semmel ihn zu einem Bestandteil ihres malerischen Werks: Das 1974 entstandene Gemälde Antonio and I zeigt das Paar in liegender Position vor einem diffusen, flächigen Hintergrund.

Kunst und Aktivismus in den USA Im Jahr 1970 kehrte sie mit ihren Kindern nach New York zurück. Zu diesem Zeitpunkt befand sich die dortige Frauenbewegung auf einem Höhepunkt. Aus Spanien kommend, zeigte sich Semmel überrascht und entsetzt über die sexualisierten Darstellungen von Frauen in der amerikanischen Bildkultur. Semmel beschloss, sich in ihren Bildern der Sexualität und Erotik zuzuwenden, da sie ihrer Meinung nach zu den wesentlichen Themen der Frauenbefreiung gehörten und vom „männlichen Blick“ dominiert waren.

In den Sitzungen der New Yorker Art Workers' Coalition lernte sie andere Künstlerinnen und Künstler kennen und begann, sich mit dem politischen Feminismus auseinanderzusetzen. Sie trat mehreren kunstpolitischen Protestgruppen bei – unter anderem dem Ad Hoc Committee of Women Artists, das sich um Lucy Lippard, Faith Ringgold und andere Kunstschaffende und -kritikerinnen formierte. Weiterhin beteiligte sich Semmel an den Sitzungen des Aktivistennetzwerk Women in the Arts.

Mit ihren zwei – auch als „Fuck Paintings“ und „Sex Paintings“ bezeichneten – erotischen Bildreihen gab Semmel die Abstraktion zugunsten der Figuration auf. Während sie in ihrer ersten „Erotic Series“ (1970–1971) noch auf eine expressive Formensprache setzte und diese mit einer grellen, nicht-naturalistischen Farbpalette verband, malte sie ihre zweite Serie (1972–1973) bereits fotorealistisch. In beiden Serien sind heterosexuelle Paare beim Koitus zu sehen. Semmel malte zunächst nach dem Gedächtnis, nahm mit der zweiten erotischen Serie jedoch eine Kamera zu Hilfe. Grundlage für die Bilder der zweiten erotischen Reihe waren mehrere sexuelle Zusammenkünfte, bei denen die Experimentalfilmerin Rosalind Schneider filmte und Semmel fotografierte. 1972 schloss Semmel ihre akademische Kunstausbildung mit dem Master of Fine Arts am Pratt Institute ab. Da sie keine Galerie fand, die gewillt war, ihre „Erotic“-Bilder auszustellen, mietete sie sich 1973 Räume in Lower Manhattan an und organisierte dort im Mai selbst eine Ausstellung. Museen hatten Bedenken gegenüber sexueller Kunst und der Verkauf ihrer Gemälde gestaltete sich für Semmel schwierig.

1974 vollzog Semmel eine Wende in ihrem Schaffen und machte ihren eigenen Körper zum Mittelpunkt ihrer Gemälde. 1975 markierten das Internationale Jahr der Frau und die erste UN-Weltfrauenkonferenz wichtige Meilensteine für die weltweite Anerkennung der Rechte von Frauen. Eine darauf Bezug nehmende New Yorker Kunstausstellung mit dem Namen „The Year of the Woman“ präsentierte die Werke von 60 Künstlerinnen, zu denen neben Semmel auch Alice Neel, Nancy Grossman und Sylvia Sleigh gehörten. Die „explizite [Darstellung] männlicher Nacktheit“ mancher Ausstellungsstücke rief den Protest des New Yorker Richters Owen McGivern hervor, der die Entfernung dieser Werke aus den Räumen des Bronx-County-Gerichtsgebäudes forderte. Der Stadtbezirkspräsident Robert Abrams setzte sich jedoch für die Fortsetzung der Ausstellung ein. Aufgrund von Erfahrungen wie diesen schloss sich Semmel der von Anita Steckel gegründeten „Fight Censorship Group“ (deutsch „Gruppe zur Bekämpfung von Zensur“) an. Die Gruppe prangerte die Doppelmoral bei der Darstellung von nackten Frauen und Männern in der Kunstwelt an und setzte sich für das Recht zur Verwendung von sexuellen Motiven in der Frauenkunst ein.

Auch innerhalb der feministischen Kunstbewegung trafen Semmels Sexdarstellungen mitunter auf Ablehnung: Einige Künstlerinnen argumentierten, dass solche Bilder Frauen objektivieren würden, auch wenn diese von Frauen selbst gemacht worden seien. Die Autorin und Kuratorin Alison M. Gingeras bezeichnete Semmel in diesem Kontext als „schwarzes Schaf“ und sah die Malerin „systematisch von wichtigen Ausstellungen und Katalogen ausgeschlossen, die der Kunst von Frauen gewidmet waren“. Gingeras nahm Semmels sexpositive, erotische Werke später in die Ausstellung „Black Sheep Feminism: The Art of Sexual Politics“ (Dallas Contemporary, 2016) auf.

Zusammen mit Joyce Kozloff realisierte Semmel 1975 die feministische Kunstschau „Woman Artists Here and Now“ in East Hampton. In begrenztem Umfang betätigte sich Semmel auch als Autorin: Neben Ausstellungstexten verfasste sie Artikel für feministische Kunstpublikationen wie „Women Artists Newsletter“ und „Woman's Art Journal“. Über mehrere Jahre arbeitete Semmel an einem Buch, das sich mit der erotischen Frauenkunst befasste. Arbeitstitel der in Kooperation mit anderen Autorinnen entstandenen Anthologie waren Erotic Art by Women, Through the Object's Eye und A New Eros. Das Manuskript wurde zwar bezahlt, doch der Verlag „Hacker Art Books“ entschloss sich 1973 gegen die Realisierung des Projekts, da er die feministische Bewegung laut Semmel als „beendet“ betrachtete.

Lehre und Protest mini|Joan Semmel vor ihrem 1978 entstandenen Gemälde Sunlight, Ausstellung im New Yorker Jewish Museum, 2018