mini|Synagoge in Ponta Delgada Die Genisa Ponta Delgada ist eine Geniza, die 2010 bei der Restaurierung der ehemaligen Synagoge Ponta Delgada auf der portugusiesischen Azoreninsel São Miguel geborgen wurde. In ihr waren liturgische Texte und weltliche Schriftstücke sowie rituelle Gegenstände deponiert, die Einblicke in die jüdische Gemeinde an der Peripherie Europas geben.

Hintergrund und Vorgeschichte Nach der Vertreibung der Juden aus Portugal 1497 durften mit der Aufhebung der Inquisition 1821 Juden wieder in Portugal ansässig werden und ihre Religion ausüben. In der Folge ließen sich bis 1828 schon 63 Juden vor allem aus Gibraltar und Marokko auf dem Festland und 250 auf den Azoren nieder. Von diesen lebten mit 150 die meisten Ponta Delgada.Studemund-Halévy: Zwischen Rückkehr und Neuanfang. Juden in Portugal, S. 299f. Dort bildeten sie schon 1819 eine kleine Gemeinde,Azores – the jewish community, auf Website des International Jewish Cemetery Project unter iajgscemetery.org die 1834 zuerst den jüdischen Friedhof in Ponta Delgada anlegte, 1836 ein Haus für die erste neue Synagoge seit dem Mittelalter in Portugal kaufte und ihr den Namen Sahar Hassamaim (dt.: Pforte des Himmels) gaben.Studemund-Halévy: Zwischen Rückkehr und Neuanfang. Juden in Portugal, S. 301

Nach der kurzen Blüte begann die jüdische Gemeinde sich um 1873 aufgrund der schweren Wirtschaftskrise langsam aufzulösen. Während des Zweiten Weltkriegs flohen aschkenasische Juden aus Deutschland und Polen über die Iberische Halbinsel auf die Azoren, verließen die Inseln nach dem Krieg jedoch wieder.Steinhardt: História da presença judaica nos Açores, S. 116 Die einheimische sephardische Bevölkerung ging durch Auswanderung, Tod und Mischehen zurück. 1913 starb er letzte Rabbiner, ab Ende der 1960er Jahre konnte die Synagoge nicht mehr unterhalten werden und verfiel zusehends.Steinhardt: História da presença judaica nos Açores, S. 115

Geschichte Nach dem 2009 erschienenen Buch Sinagoga Sahar Hassamain de Ponta Delgada von José Almeide de Mello rückte die Synagoge in Ponta Delgada wieder ins öffentliche Bewusstsein, in dessen Folge eine Renovierung und der Erhalt als kulturelles Denkmal angestrebt wurde. 2009 übertrug die Eigentümerin des Gebäudes, die Jüdische Gemeinde von Lissabon, das Haus für 99 Jahre an die Gemeinde Ponta Delgada. Diese verpflichtete sich zur Sanierung und zur Einrichtung eines Museums, das 2015 eröffnet wurde.Lusa: Sinagoga de Ponta Delgada reabre em abril transformada em museu. In: Açoriano Oriental vom 3. Februar 2015 (Online-Version)

2010 wurde im Gebäude eine Genisa gefunden. Die Lage und Fundumstände sind nicht überliefert. Die Funde wurden zunächst in 50 Aktenkisten verpackt und im Stadtarchiv von Ponta Delgada aufbewahrt.alle Informationen zu den Fundstücken aus: Bodian: Un „archivo“ judío oculto en las Azores, S. 59f. sowie Bodian: A Hidden Jewish „Archive“ in the Azores, Website des Digital-Magazins Not even past unter notevenpast.org

Religionsgeschichtlicher Hintergrund Nach jüdischer Tradition werden rituelle Gegenstände und liturgische Schriften, die nach langem Gebrauch nicht mehr benutzbar waren, entweder auf dem Friedhof bestattet oder in einem eigens dafür bestimmten Ort abgelegt. Meist dient hierfür der Dachboden der Synagoge. Dieser Ort wird als Genisa (Plural Genisot) bezeichnet, das Schatzkammer, Archiv, Depot bedeutet. Im Jiddischen wird der Begriff Scheimess verwendet, der sich von hebräisch Schemot, „Namen“, herleitet. Gemeint sind Texte, die den heiligen Gottesnamen (HaSchem) enthalten. Sämtliche unbrauchbar gewordenen Schriftstücke, die den Namen Gottes enthalten, werden in einer Genisa abgelegt, um sie vor Entweihung zu schützen.Falk Wiesemann (Hrsg.): Genisa – verborgenes Erbe der deutschen Landjuden. Ausstellungskatalog, Bertelsmann, München 1992, ISBN 3-570-10501-6, S. 16Bodian: Un „archivo“ judío oculto en las Azores, S. 58

Die Fundstücke 2014 wurden die Fundstücke erstmals von den beiden Wissenschaftlerinnen Miriam Bodian und Jane Gerber gesichtet, ohne bereits eine detaillierte Bestandsaufnahme vorzunehmen oder zu veröffentlichen. Die Gesamtzahl der Fundstücke und eine Kategorisierung war nicht enthalten. Von dieser vorläufigen Sichtung wurde auszugsweise über ausgewählte Fundstücke berichtet und ein erstes Gesamtbild erstellt.

Zu den genannten Schriftstücken aus dem Fund zählen Bücher, insbesondere abgenutzte heilige Bücher und weitere pauschal als „hebräisch“ eingestufte Titel. Eine weitere Gruppe sind Gemeindedokumente und Geschäftsbriefe, wobei letztere so umfangreich sind, dass sich Schlussfolgerungen über die Gemeindestruktur ablesen ließen. Dazu kommen Texte, die von Rabbinern ornamental verziert wurden sowie Bittschriften aus dem Heiligen Land, in dem dort ansässiger jüdische Gemeinden um Unterstützung warben. Ebenfalls zu den Schriftstücken zählen noch Verpackungsetiketten für Matzot (ungesäuertes Brot für das Passahfest), die sorgfältig ausgeschnitten worden waren.

Neben den Schriftstücken wurden auch Sachgegenstände gefunden. Über sie gibt es lediglich die pauschale Angabe, dass es sich um Tefillin (Gebetsriemen), Tallitot (Gebetsschals), Mesusa-rollen (Schriftkapsel an Türpfosten) und andere religiöse Gegenstände handelt.

Einordnung der Funde Anhand der gesichteten Funde erstellten die beiden Wissenschaftlerinnen ein erstes Bild der jüdischen Gemeinde Ponta Delgada.

Die Gemeindedokumente und Geschäftsbriefe zeigen, dass es sich um eine Gesellschaft von Händlern handelte, die von einigen wenigen reichen Familien dominiert wurde. Diese Gemeinde war sehr traditionell: Texte, die von Rabbinern im maghrebinischen Ornamentstil signiert waren und die Namen der überlieferten Gemeindemitglieder weisen auf Gemeinschaft nordafrikanischer Herkunft.

Durch die Händler war die Gemeinschaft weit vernetzt: Ein Geschäftsbrief über den Textilhandel nennt Liverpool, Lissabon, Hamburg und Bahia in Brasilien als Städte, die zum Netzwerk des Verfassers gehörten. Die hebräischen Bücher, deren Überreste sich in der Geniza befinden, wurden aus Livorno, Wien, Amsterdam, Paris oder Berlin importiert oder mitgebracht. Indiz ist auch eine Sammlung von Verpackungsetiketten für Matzot, die aus Manchester importiert wurden.

Neben den Handelsverbindungen bestanden Kontakte ins Heilige Land. Zu den Fundstücken zählen Bittschriften aus dem Heiligen Land, in denen um finanzielle Unterstützung für die Juden gebeten wurde, die in vier – der Tradition nach als heilig geltenden – Städten, Jerusalem, Tiberias, Hebron und Safed lebten. Diese Briefe zeugen von der spirituellen Verbindung nach dort.

Siehe auch Judentum in Portugal Jüdischer Friedhof (Ponta Delgada)

Literatur Miriam Bodian: Un „archivo“ judío oculto en las Azores. In: Revista Maguén-Escudo Nr. 176, September–Dezember 2015, S. 58–60 (Online-Version als PDF, spanisch). Michael Studemund-Halévy: Zwischen Rückkehr und Neuanfang. Juden in Portugal. In: Dietrich Briesemeister, Axel Schönberger (Hrsg.): Portugal heute, Vervuert Verlag, Frankfurt am Main 1997, ISBN 3-89354-564-6, S. 299–316 (Online-Version als PDF). Inácio Steinhardt: História da presença judaica nos Açores (dt. etwa: Geschichte der jüdischen Präsenz auf den Azoren). In: Ler História Nummer 64 / 2013, S. 191–197 (Online-Version, portugiesisch).

Weblinks Miriam Bodian: A Hidden Jewish „Archive“ in the Azores, Website des Digital-Magazins Not even past unter notevenpast.org (englisch), abgerufen am 30. April 2026

Einzelnachweise

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