Ernst Hermann Erich Horstmann (* 2. März 1909 in Pirmasens; † 30. Mai 1972 in Hamburg) war ein deutscher Mediziner und Professor für Anatomie an der Universität Hamburg.

Leben Von 1928 bis 1933 studierte Horstmann Zoologie an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel und wurde bei Wolfgang von Buddenbrock-Hettersdorff mit einer Arbeit über Ohrenquallen und Gelbe Haarquallen aus der Kieler Förde promoviert. Bis 1936 folgte ein Studium der Biologie und Medizin in München, die Staatsexamen legte er an der Universität Hamburg ab. 1938 wurde er an der Eberhard Karls Universität Tübingen bei August Mayer mit einer Arbeit über Zwangssterilisationen an 414 Frauen zum Dr. med. promoviert.Thorsten Doneith: August Mayer: Direktor der Universitäts-Frauenklinik Tübingen 1917-1949. Dissertation, Tübingen 2007. S. 135 Im selben Jahr beteiligte er sich als Assistent in Heidelberg und Mitglied der SA federführend und aktiv an Übergriffen gegen Juden und jüdisches Eigentum während der Novemberpogrome.Felix Sommer: Anatomie. In: Wolfgang U. Eckart, Volker Sellin, Eike Wolgast: Die Universität Heidelberg im Nationalsozialismus. Springer, 2006. ISBN 978-3-540-39385-6. S. 656–657Wolfgang U. Eckart: Die Heidelberger Anatomie im Nationalsozialismus. In: Sara Doll, Joachim Kirsch, Wolfgang U. Eckart: Wenn der Tod dem Leben dient: Der Mensch als Lehrmittel. Springer, 2017. ISBN 978-3-662-52673-6. S. 77Philipp Osten, Rebecca Schwoch: Medizin im Nationalsozialismus: Unterrichtsmaterialien zur Medizin- und Sozialgeschichte Hamburgs Teil II. Landesinstitut für Lehrerbildung und Schulentwicklung, Hamburg 2023. ISBN 978-3-00-077391-4. S. 48 1939 habilitierte er sich in Heidelberg bei Kurt Goerttler. Im Zweiten Weltkrieg war er als Truppenarzt in Frankreich und Russland eingesetzt und geriet in Kriegsgefangenschaft.

1945 wurde er von der Universität Heidelberg aufgrund seiner Beteiligung an den Novemberpogromen von 1938 entlassen. Bis 1947 war er wissenschaftlicher Assistent in Bielefeld und hatte anschließend bis 1949 eine Praxis als Landarzt in Lippe. 1949/50 war er erneut wissenschaftlicher Assistent bei Kurt Goerttler, nun in Freiburg, dann bis 1955 außerplanmäßiger Professor für Anatomie in Kiel und dort ab 1953 auch Senatsmitglied.Ernst Horstmann. In: Kieler Gelehrtenverzeichnis. 1960 wurde er Nachfolger von Karl Zeiger in Hamburg, wo er bis zu seinem Tod 1972 Direktor des Anatomischen Instituts war. 1963/64 war Dekan und 1964/65 Prodekan. Horstmann, Ernst. Universität Hamburg. 1968 wurde er zum Mitglied der Leopoldina gewählt. Er war Präsident der Joachim-Jungius-Gesellschaft der Wissenschaften, dem Vorläufer der Akademie der Wissenschaften in Hamburg.

Horstmann war mit Ingeborg (geb. Reckert) verheiratet und hatte vier Kinder.

Wirken In seinen frühen zoologischen Arbeiten knüpfte Horstmann an die Untersuchungen von Emil Bozler, Gottfried Fraenkel und Victor Bauer an. Er untersuchte den Einfluss von Licht auf die Schwimmfrequenz und die Rolle der Randkörperganglien. Bei älteren Tieren brauchte der normale Rhythmus diese Ganglien, bei jüngeren konnte auch ein Stück der Subumbrella selbständig pulsieren.Michel Anctil: Dawn of the Neuron: The Early Struggles to Trace the Origin of Nervous Systems. McGill-Queen’s University Press, Montreal 2015. ISBN 978-0-7735-4571-7. S. 284–287

Seine Promotion an der Universitäts-Frauenklinik Tübingen unter August Mayer wurde im Rahmen einer Dissertation von Thorsten Doneith medizinhistorisch aufgearbeitet. Die Arbeit behandelt die Durchführung von Sterilisationen nach dem Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses. Die betroffenen Frauen kamen mit dem Beschluss des Erbgesundheitsgerichts und der Aufforderung des Amtsarztes in die Klinik, wurden auf ihre Operationsfähigkeit untersucht und blieben vor dem Eingriff je nach Befund zwischen einem und 22 Tagen, im Durchschnitt etwa fünf Tage, in der Klinik.Thorsten Doneith: August Mayer: Direktor der Universitäts-Frauenklinik Tübingen 1917-1949. Dissertation, Tübingen 2007. S. 103–106

Horstmann beschreibt auch den Umgang mit Frauen, die sich gegen die gynäkologische Voruntersuchung wehrten. In zehn Fällen sei eine innere Untersuchung vor der Operation nicht möglich gewesen. Für solche Fälle schrieb er, man könne die Untersuchung unmittelbar vor der Sterilisationsoperation vornehmen, „wenn die Patientinnen bereits in Narkose sind“. Doneith gibt außerdem an, dass die Frauen meist Scopolamin und Dilaudid als Prämedikation erhielten und dass die Narkose meist als Evipan- oder Inhalationsnarkose durchgeführt wurde.

Nach Horstmanns Darstellung befanden sich die Frauen häufig in einem „Abwehrzustand gegen den Eingriff“. Die Sterilisationen erfolgten überwiegend durch Laparotomie, meist nach der Methode von Max Madlener. Postoperativ blieben die Frauen zwischen acht und 46 Tagen in stationärer Behandlung. Für die Zeit von 1934 bis Oktober 1936 berichtet Horstmann zudem über Sterilisationen schwangerer Frauen und über Fälle, in denen Sterilisation und Schwangerschaftsabbruch verbunden wurden.

Nach 1945 arbeitete Horstmann vor allem zur mikroskopischen Anatomie. Er veröffentlichte Arbeiten zum Papillarkörper der Haut und der Mundschleimhaut, zum menschlichen Nagel, zum Eileiter sowie zur Glia und zu Synapsenformen im Gehirn von Fischen. In einer Arbeit über die Faserglia des Selachiergehirns führte er 1954 für langgestreckte ependymale Gliazellen die Bezeichnung „Tanycyten“ ein. Größere zusammenfassende Beiträge erschienen 1957 mit dem Abschnitt Die Haut im Handbuch der mikroskopischen Anatomie des Menschen und 1966 mit Hans-Egon Stegner über Tube, Vagina und äußere weibliche Genitalorgane im selben Handbuch.

Schriften Untersuchungen zur Physiologie der Schwimmbewegungen der Scyphomedusen. In: Pflüger's Archiv für die gesamte Physiologie des Menschen und der Tiere, Band 234 (1934), Seite 421–431 () Nerven- und muskelphysiologische Studien zur Schwimmbewegung der Scyphomedusen. In: Pflüger's Archiv für die gesamte Physiologie des Menschen und der Tiere, Band 234 (1934), Seite 406–420 () Die eugenischen Sterilisierungen an der Frauenklinik Tübingen. Medizinische Dissertation, Tübingen 1938. Entwicklung und Entwicklungsbedingungen des intrahepatischen Gallengangsystems. In: Wilhelm Roux' Archiv für Entwicklungsmechanik der Organismen, Band 139 (1939), Seite 363–392 () mit Kurt Fleischhauer: Untersuchungen über die Entwicklung des Papillarkörpers der menschlichen Palma und Planta. In: Zeitschrift für Zellforschung und Mikroskopische Anatomie, Band 36 (1951), S. 298–318 () Zur Morphologie der gesunden und kranken Haut. In: Archiv für Dermatologie und Syphilis, Band 194 (1952), S. 164–173 () Die Muskel und Gefässarchitektur des menschlichen Eileiters. In: Zeitschrift für Zellforschung und Mikroskopische Anatomie, Band 37 (1952), S. 415–454 () Die Faserglia in der Hypophyse und im Saccus vasculosus von Torpedo marmorata. In: Zeitschrift für Zellforschung und Mikroskopische Anatomie, Band 39 (1954), S. 75–87 () Über kernspezifische Synapsenformen im Mittelhirn von Knochenfischen. In: Zeitschrift für Zellforschung und Mikroskopische Anatomie, Band 39 (1954), S. 139–150 () Morphologie und Morphogenese des Papillarkörpers der Schleimhäute in der Mundhöhle des Menschen. In: Zeitschrift für Zellforschung und Mikroskopische Anatomie, Band 39 (1954), S. 479–514 () Die Faserglia des Selachiergehirns. In: Zeitschrift für Zellforschung und Mikroskopische Anatomie, Band 39 (1954), S. 588–617 () mit Kurt Fleischhauer: Der Papillarkörper und die Kapillaren des Perionychium. In: Zeitschrift für Zellforschung und Mikroskopische Anatomie, Band 42 (1955), S. 213–228 () Bau und Struktur des menschlichen Nagels. In: Zeitschrift für Zellforschung und Mikroskopische Anatomie, Band 42 (1955), S. 532–555 () mit Adolf Dabelow: Haut und Sinnesorgane: Die Haut. Die Milchdrüse. (Reihe Handbuch der mikroskopischen Anatomie des Menschen.) Springer, 1957. ISBN 978-3-662-23542-3 mit Kurt Fleischhauer: Intravitale Dithizonfärbung homologer Felder der Ammonsformation von Säugern. In: Zeitschrift für Zellforschung und Mikroskopische Anatomie, Band 46 (1957), S. 598–609 () mit Hans Meves: Die Feinstruktur des molekularen Rindengraues und ihre physiologische Bedeutung. In: Zeitschrift für Zellforschung und Mikroskopische Anatomie, Band 49 (1959), S. 569–604 () Über eine kernspezifische Synapsenform im Nucleus rotundus thalami der Lippfische. In: Zeitschrift für Zellforschung und Mikroskopische Anatomie, Band 59 (1963), S. 731–737 () Die Kerneinschlüsse im Nebenhodenepithel des Hundes. In: Zeitschrift für Zellforschung und Mikroskopische Anatomie, Band 65 (1965), S. 770–776 () mit Hans-Egon Stegner: Harn- und Geschlechtsapparat. Vierter Teil: Tube, Vagina und Äussere Weibliche Genitalorgane. Springer, 1966. ISBN 978-3-642-47984-7 mit Ruth Richter, Eva Roosen-Runge: Zur Elektronenmikroskopie der Kerneinschlüsse im menschlichen Nebenhodenepithel. In: Zeitschrift für Zellforschung und Mikroskopische Anatomie, Band 69 (1966), S. 69–79 () Die Spermatozoen von Geophilus linearis Koch (Chilopoda). In: Zeitschrift für Zellforschung und Mikroskopische Anatomie, Band 89 (1968), S. 410–429 ()

Literatur Michel Anctil: Dawn of the Neuron: The Early Struggles to Trace the Origin of Nervous Systems. McGill-Queen’s University Press, Montreal 2015. ISBN 978-0-7735-4571-7. S. 284–287 Thorsten Doneith: August Mayer: Direktor der Universitäts-Frauenklinik Tübingen 1917-1949. Dissertation, Tübingen 2007. (online) gedruckt als: August Mayer: Ein Klinikdirektor in Weimarer Republik, Nationalsozialismus und Nachkriegszeit. (= Contubernium 69) Franz Steiner, Stuttgart 2008. ISBN 978-3-515-09237-1 Kurt Fleischhauer: In memoriam Ernst Horstmann. In: Anatomischer Anzeiger, 1335 (1973), S. 417–430 Imke Marion Kaasch: Zur Alltagsgeschichte des Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses am Beispiel der Begutachtung von Frauen an der Universitäts-Nervenklinik Tübingen im Jahr 1936. Dissertation, Tübingen 2006. S. 40–77 (online) Werner Lierse: In Memoriam Ernst Horstmann, M.D. In: Zeitschrift für Mikroskopisch-Anatomische Forschung, Band 87 (1973), Heft 1, S. 1–3

Einzelnachweise

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