Villa modesta ist eine Art der Fliegen (Brachycera) aus der Familie der Wollschweber (Bombyliidae). Ihre Larven parasitieren vermutlich vorwiegend an den Raupen von Eulenfaltern (Noctuidae).
Merkmale Die Art erreicht in England eine Körperlänge von 10 bis 14 Millimeter und eine Flügellänge von gleicher Länge. Für die Schweiz wird eine Körperlänge von 9 bis 16 Millimeter angegeben, für Bayern 10 bis 12 Millimeter. Wie bei allen Arten der Gattung (und der gesamten Unterfamilie Anthracinae) ist der Rüssel kurz und kaum entwickelt. Arten der Gattung Villa sind teilweise schwer voneinander unterscheidbar, die für bestimmte Regionen genannten Bestimmungsmerkmale sind nicht überall verlässlich.
Als wichtigstes Unterscheidungsmerkmal zur nahe verwandten Art Villa hottentotta (Hottentottenfliege), von der sie früher nicht unterschieden wurde, gilt in der Schweiz die vollständig schwarze Unterseite des Hinterleibs und der weiß beschuppte Hinterkopf. Nach Morten Falck sind beide Arten in Norwegen nur schwer, und manchmal sicher nur bei Vorliegen größerer Serien, unterscheidbar.
Die Art ist im nördlichen Europa anhand folgender Merkmale bestimmbar: Bei den Männchen sind die Tegulae (Deckschuppen) der Flügel mit silbrigen Schuppen bedeckt. Die Tergite des Hinterleibs sind lang hell behaart, besitzen aber niemals durchgehende Querbänder aus auffallenden hellen Schuppen, meist sitzt in den Basalwinkeln der Tergite zwei bis vier ein Schuppenfleck. Bei anderen Arten sind solche Querbänder zumindest auf dem vierten Tergiten immer vorhanden. Bei den Weibchen besitzen die Tergite zwei, drei und vier basal solche hellen Schuppenbänder, diese sind aber immer recht schmal und auf dem dritten Tergiten deutlich schmaler als auf dem zweiten und vierten, ggf. auch ganz fehlend. Außerdem sind am Vorderrand der Flügel nur die ersten beiden langen Flügelzellen deutlich verdunkelt, dahinter nur einzelne Bänder entlang der Adern, nicht die gesamte Vorderhälfte. Die Tibia der Hinterbeine trägt, bei beiden Geschlechtern, auf der Oberseite helle Schuppenhaare, die fast genauso lang sind wie die dunklen Dornen dazwischen. Zusätzlich ist der Anallappen der Flügel sehr breit, breiter als bei den anderen Gattungsvertretern.
Für die Tiere aus der Schweiz, wie in England, wird für die Männchen auf den Seiten der Tergite eins bis vier auffallende abstehende orange Behaarung angegeben. Die weißen Schuppenbänder auf den Hinterleibstergiten fehlen auch hier. Die Weibchen sind an den Seiten lang orangegelb behaart, mit weißen Schuppenflecken nur in den Vorderecken der Tergite, die Tergite zwei und drei aber mit roten Seitenflecken. In Bayern sollen hingegen drei durchgehende gelbe Bänder auf den Hinterleibstergiten vorhanden sein.
Die Geschlechter sind an der Größe der Augen unterschiedbar (Geschlechtsdimorphismus). Bei den Männchen berühren die Komplexaugen nahezu das Ocellendreieck. Bei den Weibchen ist ihr Rand weiter davon entfernt.
Verhalten Die Larve der Art parasitiert, soweit bekannt, intern als Endoparasitoid Raupen und Puppen von Schmetterlingen, vermutlich bevorzugt aus der Familie der Eulenfalter. In einem Fall wurde aber ein Ausschlupf aus einem Schneckenhaus, das als Brutkammer einer Mauerbiene der Gattung Osmia diente, dokumentiert, so dass weitere Wirte nicht auszuschließen sind. Die imaginalen Fliegen sind Blütenbesucher.
Genau wie bei vielen anderen Bombyliidae werden die Eier von den Weibchen an dunkle Stellen geschleudert, etwa unter kleine Horste von Seggen oder Gräsern. Mögliche Wirtsraupen werden also nicht direkt mit Eiern belegt. Die Weibchen sammeln vorher Sandkörner in einer Sandkammer am Hinterleib. Der Zweck des Verhaltens ist nicht endgültig geklärt, vermutlich sollen die Eier damit eingehüllt werden.
Das erste Larvenstadium, Planidium genannt, ist durch Scheinfüßchen mobil und beweglich, es sucht dann in der Nähe aktiv nach Wirten. Ist eine Raupe oder Puppe gefunden, bohrt sie sich ein, dazu wird ggf. auch der Kokon durchbohrt. Sie häutet sich zu einem madenähnlichen Larvenstadium. Die weitere Entwicklung findet innerhalb des Wirts statt, von dessen Körper sie sich ernährt. Wie alle Arten der Familie besitzt sie drei Larvenstadien. Sie verpuppt sich mit der fliegentypischen Tönnchenpuppe an der Puppe ihres Wirts.
Die Männchen patrouillieren den Lebensraum durch Suchflüge über offenem Sand oder niedriger Vegetation, auf der Suche nach Weibchen. Andere fliegende Insekten werden durch schnellen Anflug vertrieben. Ob sie, wie einige andere Wollschweber, ein Revier beanspruchen, ist unklar. Beim Rasten sitzen sie auf der Bodenoberfläche. Wird ein sitzendes Weibchen gefunden, fliegen sie einige Sekunden lang in einer Art Schwirrflug, mit Auf-und-ab-Bewegungen hinter diesem, bevor es am Boden zur Paarung kommt.
Verbreitung Villa modesta ist paläarktisch verbreitet. In Europa liegen die Nachweise in Westeuropa, nördlich bis Schottland und Skandinavien, und in Südeuropa. Im Nordosten fehlt sie oder ist sehr selten. Entgegen früherer Angaben kommt sie auch in Finnland vor. Einige alte Angaben aus Polen und aus der Ukraine erwiesen sich als fehlerhaft. Weitere Nachweise liegen in Westasien, östlich über die Türkei bis Armenien, Aserbaidschan und Iran.
Lebensraum Die Art scheint im Norden Europas eng an Sanddünen der Küsten gebunden. Weiter südlich werden andere Lebensräume besiedelt.
In England, nördlich bis Schottland, sowie im Südosten Irlands kommt die Art fast nur in Küstendünen vor, nur gelegentlich auch in Heidelandschaften im Binnenland. Sie ist die am weitesten verbreitete Art der Gattung. Auch in Norwegen ist die Art strikt an Sanddünen der Küste, im Süden des Landes, gebunden. Auch in den Niederlanden ist die Art an Sanddünnen gebunden, dort aber die häufigste Art der Gattung. Aus Niedersachsen liegt nur ein Einzelfund, aus Dünen der Insel Borkum, vor. In der Schweiz ist sie vor allem im Wallis verbreitet, dort aber häufig. In Deutschland soll sie in Sachsen-Anhalt mäßig häufig sein. Aus Südtirol gibt es wieder nur einen Einzelfund.
Taxonomie Die Art wurde 1820 von Johann Wilhelm Meigen in Systematische Beschreibung der bekannten europäischen zweiflügeligen Insekten als Anthrax modesta erstbeschrieben. Sie wurde, Erwin Lindner folgend, lange als Unterart von Villa hottentotta (Linnaeus, 1758) angesehen. Die artenreiche Gattung Villa, zu der die Art heute gehört, ist beinahe weltweit verbreitet. In Europa leben 35 Arten der Gattung.
Weblinks
Villa modesta (Meigen, 1820), Dune Villa. NBN National Biodiversity Network Atlas. Verbreitungskarte für Großbritannien
Einzelnachweise Hermann Blöchinger (2008): Zur Bestimmung der Schweizer Arten der Wollschweber-Gattung Villa (Diptera, Bombyliidae). Entomo Helvetica, entomologische Zeitschrift der Schweiz 1: 7–14. doi:10.5169/seals-985978 J.Dils & H. Özbek (2006): Contribution to the Knowledge of the Bombyliidae of Turkey (Diptera). Linzer biologische Beiträge 38 (1): 455-504. Klaus von der Dunk (1994): Bestimmungsschlüssel für Wollschweber (Diptera: Bombyliidae). Galathea, Berichte des Kreises Nürnberger Entomologen 10 (2): 39–48. download bei Hawaii Biological Survey, Bishop Museum. M. Falck: The Norwegian species of Villa Lioy, 1864 (Diptera, Bombyliidae). In: Norwegian Journal of Entomology, Band 56, 2009, S. 120–130, (PDF). Mike Jessat: Wollschweber (Diptera: Bombyliidae), Bestandssituation. In Dieter Frank und Peer Schnitter (Hrsg.): Pflanzen und Tiere in Sachsen-Anhalt. Ein Kompendium der Biodiversität. Natur+Text, Rangsdorf 2016, ISBN 978-3-942062-17-6. S. 1059–1061. Jere Kahanpää & Kaj Winqvist (2005): Check-list of Finnish flies: families Xylophagidae – Microphoridae. Sahlbergia 10: 10–27. Timo Kopf, Ulrich Hiermann, Hermann Blöchlinger (2021): Faunistische Notizen zu Wollschwebern (Insecta, Diptera: Bombyliidae) aus Österreich, sowie Nachweise aus Norditalien, Bayern und Liechtenstein. inatura – Forschung online, 80. PDF John Smit (2013): De Hottentottenvilla Villa hottentotta toch op de Nederlandse lijst (Diptera: Bombyliidae). Nederlandse Faunistische Mededeliingen 40: 23–34. Alan E. Stubbs, Martin Drake: British Soldierflies and their allies. An illustrated guide to their identification and ecology. British Entomological and Natural History Society, Reading 2001. ISBN 1-899935-04-5. Jens-Hermann Stuke (2008): Die Ibisfliegen, Kugelfliegen, Hummelschweber, Schnepfenfliegen und Stilettfliegen Niedersachsens und Bremens (Diptera: Acroceridae, Athericidae, Bombyliidae, Rhagionidae, Therevidae). Braunschweiger Naturkundliche Schriften 8 (1): 235-259.
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