mini|László Krasznahorkai Baron Wenckheims Rückkehr (ungarischer OT.: Báró Wenckheim hazatér) ist der Titel eines 2016 publizierten Romans von László Krasznahorkai. Erzählt wird die Rückkehr eines Barons, von der sich die Bevölkerung einer fiktiven Stadt im Südosten Ungarns einen wirtschaftlichen Aufschwung verspricht. Um diesen Kern der Geschichte herum zeichnet der Autor ein breites Mosaikbild der Menschen mit ihren Hoffnungen und existentiellen Ängsten. Die deutsche Übersetzung von Christina Viragh erschien 2018.im S. Fischer Verlag Frankfurt am Main

Inhalt

Überblick Die Haupthandlung spielt in wenigen Tagen bzw. Wochen der Vorweihnachtszeit in einer kleinen fiktiven Stadt,Im Roman werden zur geographischen Einordnung u. a. die ungarischen Tiefebene, nahe der rumänischen Grenze sowie die Städte Bicere, Sarkad, Békéscsaba und der durch die Stadt fließende Fluss Körös genannt. In dieser Region, in der Stadt Gyula im Bezirk Békés, wurde der Autor geboren. die von Literaturkritikerns. Abschnitt Rezeption und Interpretation als zeitgeschichtlicher, kafkaesker Parabel-Ort interpretiert wird. Mit den Stimmen vieler Figuren und ihrem polyphonen Bewusstseinsstrom malt der Autor ein Bild der Menschen, ihrer Wunschträume und Existenzängste. Zwei Personen heben sich von dieser Gesellschaft ab: Der Professor und der Baron. Ihre Geschichten werden in getrennten Handlungssträngen erzählt.

Warnung Als Vorwort ist dem Roman eine Warnung vorangestellt: Der die Musik nicht liebende Dirigent und Impresario eines Orchesters, das er diktatorisch nach seiner Pfeife tanzen lässt, schließt seine Ansprache mit den Worten: „[I]ch habe hier lediglich die Aufsicht, ich bin der, der nichts hervorbringt, sondern nur vor jedem Ton präsent ist, denn ich bin derjenige, der hier, weiß Gott, nur aufs Ende dieses Ganzen wartet“.László Krasznahorkai: Baron Wenckheims Rückkehr. Fischer Verlag Frankfurt am Main, 2025, S. 8. Assoziativ wird am Romanende dieses Motiv aufgegriffen, das somit als Rahmen der Handlung dient: Das „Deppenkind vom Waisenhaus“ hebt beide Hände „zum eingedunkelten Himmel“, um „wie ein Dirigent dem unsichtbaren Publikum ein Zeichen zu geben und ihm ermunternd und fröhlich die Aufforderung zuzurufen, und jetzt alle miteinander“.László Krasznahorkai: Baron Wenckheims Rückkehr. Fischer Verlag Frankfurt am Main, 2025, S. 481.

Der Professor Dornbusch Der Protagonist des ersten Kapitels (TRRR…- Dich mache ich fertig, Oberheini) ist ein international anerkannter und stadtberühmter Moosforscher. Von seiner wissenschaftlichen Arbeit und der desolaten wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Situation frustriert, beauftragt er seine Haushälterin, „Tante Ibolyka“, seinen Haushalt aufzulösen und sein Haus zu verkaufen. Er baut sich am 22. März außerhalb der Stadt in einem Ödland, Dornbusch genannt, eine Hütte, in die er sich zurückzieht. Mit Lebensmittel versorgt wird er von einem in der Nähe wohnenden Bauern, der mit alten Geräten, Csepel-Motorrädern und Waffen aus dem Zweiten Weltkrieg handelt. In der Einsamkeit versucht er seine Gedanken zu entleeren.

Die Nachricht von seinem Rückzug in die Wildnis erreicht auch seine 19-jährige Tochter. Sie reist aus der Hauptstadt an und protestiert, begleitet von Presse, Rundfunk- und Fernseh-Journalisten gegen ihren Vater, dem sie ihre Vernachlässigung vorwirft. Sie belagert zwei Tage sein Versteck und konfrontiert ihn mit einem Transparent, auf dem „Dich mache ich fertig, Oberheini“ steht. In der Nacht vertreibt der Professor die Demonstranten mit in die Luft abgefeuerten Gewehrschüssen. Am nächsten Tag besucht ihn Jóska mit seinem Motorrad-„Ortswache“-Trupp. Die Biker sehen in dem Einsiedler einen Geistesverwandten auf der Suche nach dem „reinen Menschen“, sind aber v. a. an seinen vom Bauern gekauften Gewehren und der Munition interessiert. Tags darauf eskortieren sie die Professorentochter zum Zug, überfallen den Waffenhändler und verprügeln ihn, offenbar um ihn zu erpressen. Der Professor findet den schwer Verletzten und wird dann in seiner Hütte vom betrunkenen „Herzchen“, einem Mitglied der Biker-Gang, aufgesucht. Er kommt dem Angriff zuvor und erschießt den „Scheißnazi“. Dann flieht er aus seiner Hütte und sucht sich ein anderes Versteck (5. Kap.). An diesem Tag erreicht die Stadt die Nachricht von der Rückkehr des reichen Barons Wenckheim und die Menschen hoffen auf ihre Rettung aus der Armut.

Gedankenentleerungsprogramm Im 5. Kapitel (PAM – Unendliche Schwierigkeiten) wird dieser Handlungsstrang fortgesetzt: Drei Tage nach der Ankunft des Barons durchstreifen die Biker die Gegend um den Dornbusch und suchen den Professor, um den Tod ihres Kumpels zu rächen, aber sie finden ihn nicht. Dieser hat inzwischen in einer Bude auf dem Gelände der städtischen Wasserwerke Unterschlupf gefunden, lässt von einem Friedhofsarbeiter im Dornbusch eine Grube ausheben, täuscht einen Suizid vor und steckt das Areal mit einer Tankladung Öl an.

Auf seiner weiteren Flucht erläutert er einem ihm zugelaufenen Hund im Wartesaal des Bahnhofs Bicere sein Gedankenentleerungsprogramm, den kontinuierlichen Reinigungsprozess des Denkens über das Denken. Er lehnt die Methode der Falsifikation ab und versucht über die Verifizierung weiterzukommen. Dabei umkreist er verschiedene philosophische Postulate und Definitionen der Unendlichkeit und kommt zu dem Ergebnis, die Lebensfreude und die Angst vor dem Ende seien wesentlich für die menschliche Existenz. Es gebe keine Wahl und keine Entscheidungsfreiheit. Die Welt sei „ein reiner Ereigniswahn […] der Wahnsinn von Milliarden und Milliarden von Ereignissen, nichts ist festzumachen, nichts eingegrenzt, nichts fassbar, alles rutscht weg, wenn wir es fassen wollen, denn es gibt keine Zeit.“ Alles sei „Ablauf“ von Zufällen. „Ereignisse am Ereignishorizont“, das sei das Einzige, dessen Existenz wir „wirklich annehmen können, bevor wir sie verwerfen“. Das Universum sei „das Geschehen von Ereignissen in einem wahnsinnigen Nacheinander und Ineinander, das Sichereignen der Ereignisse“, das eine sei „die Ursache des anderen, aber was für eine Ursache ist das, die nicht aufgrund ihrer inneren Natur das andere Ereignis auslöst, sondern weil es sich so ergeben hat, denn welches Ereignis welches andere Ereignis auslöst, das hängt in einem entsetzlichen Maß vom Zufall ab.“László Krasznahorkai: Baron Wenckheims Rückkehr. Fischer Verlag Frankfurt am Main, 2025, S. 310 ff. Der Gelehrte lehnt philosophische Systeme ab, auch den Nihilismus. Das „Bewusstsein, dass der uns gegebene Gott ganz sicher nicht existiert“, sei „ebenso unangenehm, ja vielleicht vernichtend, auch dann, wenn wir darauf programmiert sind, dass er existiert, ob wir seine Existenz leugnen, ob wir sie bejahen, und wir bejahen die Leugnung, und so leugnen und bejahen wir gleichzeitig, aber es ist ja doch traurig, eine traurige Welt, die sicher weiß, dass es Gott nicht gibt und nie gegeben hat und, es sieht jetzt schon sehr danach aus, nie geben wird, wirklich schrecklich traurig […]“.László Krasznahorkai: Baron Wenckheims Rückkehr. Fischer Verlag Frankfurt am Main, 2025, S. 313. Denn auf falschen Grundlagen, dem Glauben an Gott, gründen sich die größten Meisterwerke der menschlichen Kultur.

Offenbar hat sich der Professor von Bicere nach Budapest abgesetzt. Im 7. Kapitel (RARIRA – Verlierer (arrepentida [reumütig])) wird er in der Hauptstadt gesehen, wie er seiner auf zu Demonstranten sprechenden Tochter zuhört.

Baron Wenckheim Der titelgebende Baron tritt im 2. Kapitel (RAM – Blass, viel zu blass) in die Handlung ein und verlässt sie wieder wenige Tage nach seiner Ankunft (Kap. 5: HMMM – Pass auf, da kommt der).

Biographie Seine Lebensgeschichte wird im Romanverlauf skizziert: Béla Wenckheim muss als nervenschwacher, spielsüchtiger 19-Jähriger seine Heimat verlassen und emigriert mit den Eltern nach Argentinien. Dort setzt sich seine psychische Labilität fort und er wird in Sanatorien behandelt. Nachdem er sich durch seine Spielsucht mit hohen Beträgen verschuldet hat, kaufen ihn seine Verwandten frei und holen den 64-Jährigen aus Buenos Aires nach Wien, um ihn vor dem Gefängnis zu bewahren und den Ruf der Familie zu retten. Sie kleiden ihn maßgeschneidert neu ein und schicken ihn zum alten Familiensitz nach Ungarn. Dort verbreiten sich durch Zeitungsmeldungen die verschiedensten Gerüchte über den sagenhaften Reichtum des Barons, der sein Geld in seiner alten Heimat investieren und sie vor dem weiteren Abstieg retten will. Während seiner durch bestochene Bahnbeamte unterstützten Fahrt von Wien über Budapest in die nahe Békéscsaba liegende Stadt am Fluss Körös betrachtet er durch die Fensterscheiben die Landschaft seiner Jugendzeit. Die Mitreisenden beobachten den stillen, geistesabwesend wirkenden Fremden. Einige haben bereits aus den Zeitungen von der Rückkehr des Millionär-Barons und den Gerüchten von seiner Spielleidenschaft gehört, v. a. ein geschäftstüchtiger Spielautomatenbetreiber, der sich ihm als Dante Szolnoki vorstellt und sich ihm als Sekretär und Organisator, auch seiner Finanzen, anbietet.

Romanze Als 15-jähriger Gymnasiast hat Béla für die zwei Jahre ältere schöne Marika geschwärmt. Seit dieser Zeit trägt er immer ein Bild von ihr bei sich. Nun beschreibt er Mariette, wie er sie nennt, von Wien aus in zwei Briefen seine Verliebtheit (Kap. 3: PAM - Er hat mir geschrieben). Die 67-Jährige ist nach ihrer Anstellung im Reisebüro inzwischen Rentnerin und kann sich an die 50 Jahre zurückliegende Zeit kaum mehr erinnern, nur an ein einige Spaziergänge mit dem kleinen, unerfahrenen Verehrer und an einen seiner Liebesbriefe, in dem sie irrtümlich die Ankündigung seines Suizids aus Eifersucht wegen ihrer anderen, ernsthafteren Affären befürchtet hat. Inzwischen hat sich die Ankunft des reichen Barons in der Stadt herumgesprochen. Marika ist auf ihn neugierig und schickt ihm eine Bild-Karte der alten Burg, auf der nur „Ich erwarte sie“ steht.

Der Briefträger Tóni entdeckt die Korrespondenz und informiert den Bürgermeister darüber. Dieser möchte die alte Romanze für seine Aktionen nutzen und Marika plaudert in Fernsehinterviews über ihre phantasievoll ausgeschmückten Erinnerungen. Der Bürgermeister plant bereits den ehrenvollen Empfang des Barons, von dem die Bevölkerung sich die Sanierung des Schlosses und der Burg sowie den Bau neuer Hotels zur Ankurbelung des Tourismus verspricht. Er ernennt Dóra, Marikas Nachfolgerin im Reisebüro, zur „Beauftragten für außergewöhnliche Aufgaben“. Als erstes soll sie ein Konzept für ein Festival mit Unterhaltungsprogramm erstellen, um dem als einsiedlerisch und schwermütig bekannten Gast eine lustige Stadt zu präsentieren. Außerdem ordnet er eine große Entmüllung an, die Ausquartierung der Waisenkinder aus dem ehemaligen Schloss und den Abtransport sämtlicher Spielautomaten aus den Kneipen, um den Baron vor seinem „Glückspiel-Syndrom“ zu schützen.

Ankunft Die vom Bürgermeister geplante großartige Begrüßung des Gastes am Bahnhof mit dem das Argentinienlied singenden Frauenchor, einem Hupkonzert der Motorrad-Stadtwächter, Festreden und einer vierspännigen Kutschfahrt durch die nächtliche Stadt verläuft chaotisch (Kap. 4: PAM – Er kommt, denn er hat gesagt, dass er kommt). Der Baron wird zuerst in noch nicht hergerichteten Räumen des alten Schlosses, dann im Hotel „Daheim“ untergebracht und das festliche Abendessen fällt wegen seiner Ermüdung aus. Da Béla bei der offiziellen Begrüßung am Bahnhof Marika zu deren Kummer übersehen hat, vermittelt deren Freundin Irén einen Besuch des Barons. Doch er erkennt die Freundin aus alter Zeit nicht wieder und hält die ihm Kaffee servierende Frau für deren Mutter.