Alice Glaser (gebürtig Alice Wertheimer; * 30. Juni 1893 in Chemnitz; † 8. August 1942 im Ghetto Minsk) war eine deutsche Innenarchitektin, Schaufenstergestalterin, Bauhaus-Studentin und Förderin der Montessori-Pädagogik. Ihre Karriere am Bauhaus wurde durch die Machtergreifung von 1933 beendet; sie wurde 1941 nach Minsk deportiert und 1942 von Nationalsozialisten ermordet. Zu den wenigen überlieferten Arbeiten zählt das 1939 gestaltete und von ihrer Tochter verwahrte Kartenspiel Das neue Tierquartett, das 2024 in der Weimarer Ausstellung Bauhaus und Nationalsozialismus gezeigt wurde.
Leben und Wirken Glaser wuchs in Chemnitz als Tochter einer Kaufmannsfamilie auf, deren Eltern ein Fachgeschäft für Damen- und Mädchenkonfektion führten. An ihrem 25. Geburtstag heiratete sie den Arzt und Sozialdemokraten Siegfried Kurt Glaser; 1922 kam die Tochter Marianne zur Welt. In Chemnitz engagierte sich Glaser im Jüdischen Frauenbund, hielt ab 1926 Vorträge über die Pädagogik Maria Montessoris und regte die Gründung eines jüdischen Montessori-Kindergartens an, der 1927 eröffnet wurde. Nach der Trennung von ihrem Mann nahm Glaser 1928 ein Studium am Bauhaus Dessau auf und war dort von April 1928 bis September 1929 mit der Immatrikulationsnummer 316 in Grundlehre, Vorlehre und Druckerei eingeschrieben. Nach drei Semestern ging sie nach Berlin, wo sie als Innenarchitektin und Schaufenstergestalterin den Lebensunterhalt für sich und Marianne verdiente. Glaser ermöglichte Marianne im Jahr 1939 die Flucht nach Südamerika, während sie selbst in Deutschland zurückblieb. Am 14. November 1941 wurde Glaser in das Ghetto Minsk deportiert und dort von den Nationalsozialisten ermordet. mini|Stolperstein für Alice Glaser In Chemnitz gehörte Glaser zu den Vermittlerinnen der Montessori-Pädagogik und brachte sich ins jüdische Gemeindeleben mit der Gründung eines reformpädagogischen Kindergartens ein. Am Bauhaus wird sie in der neueren Forschung zu jenen verfolgten Angehörigen der Schule gezählt, deren Werk nur fragmentarisch überliefert ist. Für Marianne malte Glaser ein Quartettspiel mit aquarellierten Tierdarstellungen, welches die Tochter auf ihrer Flucht mitnahm und das später als seltenes Zeugnis einer durch Verfolgung unterbrochenen Bauhaus-Biografie beschrieben wurde. Das Spiel wurde 2024 in der Ausstellung Bauhaus und Nationalsozialismus gezeigt, deren drei Teile im Museum Neues Weimar, im Bauhaus-Museum in Weimar und im Schiller-Museum politische Konflikte, Beschlagnahmungen und Lebenswege ehemaliger Bauhaus-Angehöriger unter dem NS-Regime behandelten. Die Ausstellung präsentierte rund 450 Kunst- und Designobjekte und rekonstruierte rund 60 Bauhaus-Biografien; Glaser wurde in diesem Zusammenhang als eine von 24 von den Nationalsozialisten umgebrachten Bauhaus-Angehörigen erinnert. Durch das Chemnitzer Stolperstein-Projekt von 2019 und die Weimarer Präsentation von Das neue Tierquartett wurde Glaser als zuvor wenig bekannte jüdische Bauhaus-Studentin wieder in die öffentliche Erinnerung gerückt.
Einzelnachweise
Kategorie:Opfer des Holocaust Kategorie:Person, für die in Chemnitz ein Stolperstein verlegt wurde Kategorie:Deutscher Kategorie:Geboren 1893 Kategorie:Gestorben 1942 Kategorie:Frau Kategorie:Innenarchitekt