mini|Isabel Allende (2007) Geschichten der Eva Luna (spanischer OT.: Cuentos de Eva Luna) ist der Titel einer 1989bei Plaza & Jan’s, Barcelona publizierten Erzählsammlung von Isabel Allende. Nach dem Vorbild von Tausendundeine Nacht erzählt Eva Luna ihrem Geliebten Rolf Carlé 23 Geschichten, die von glücklichen und unglücklichen Liebesbeziehungen, Lebensträumen und -ängsten, Gewalt in der Zeit des Bürgerkrieges und Racheplänen handeln. Die deutsche Übersetzung von Lieselotte Kolanoske erschien 1990.im Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main

Inhalt Überblick Die 23 Erzählungen sind von einem Tausendundeine Nacht-Rahmen umgeben: Scheherazade-Eva erzählt sie in einer Nacht ihrem Geliebten Rolf Carlé. Die beiden sind die Hauptpersonen in Allendes 1987 publiziertem Roman Eva Luna. In einzelnen Erzählungen werden der Handlungsort „Agua Santa“ und Personen des Romans erwähnt, allerdings, abgesehen von der letzten Erzählung, ohne Einordnung in die Romanhandlung: Z. B. Eva, die Lehrerin Inés, der Händler Riad Halabi, Clarissa, Rupert und Burgel.

Zwei Worte (Dos palabras) Belisa Crepusculario bietet auf Jahrmärkten ihre sprachlichen Dienste an: Gedenkverse, Liebesbriefe, Traumdeutungen, Beschwörungs- und Verfluchungsformeln und Geschichten. Ein Rebell im Bürgerkrieg, der Colonel, lernt von ihr, als er zum Präsidenten gewählt werden will, die Kunst des öffentlichen Sprechens und zieht mit ihrer Rede durchs Land. Bei ihrem Abschied vertraut sie ihm zwei Geheimworte an. Der Oberst kann sich nicht von dieser Magie befreien und erkrankt. Seine Leute holen Belisa zurück, aber er bleibt in ihrem Zauberkreis.Interpreten deuten die zwei Worte als „Te amo“ (Ich liebe dich).

Verdorbenes Kind (Niña perversa) Als der Musikant Juan José Bernal in die Pension ihrer Mutter einzieht und deren Geliebter wird, gerät auch die elfjährige Elena Mejías durch den lebhaften Vortrag seiner Lieder in seinen Bann. Er besetzt all ihre Gedanken. Sie spinnt sich immer mehr in eine Phantasiewelt mit ihm ein und versucht mit Magie seine Liebe zu gewinnen. Als sie eines Tages in sein Zimmer schleicht und in sein Bett schlüpft, erwacht José und wirft sie hinaus.

Elena wird daraufhin in eine Klosterinternatsschule geschickt, dann arbeitet sie nach einem Studium bei einer Bank. Zum ersten Mal nach dem Vorfall besucht sie als 27-Jährige mit ihrem Verlobten ihre Mutter und José. Während die weit zurückliegende Geschichte fast vergessen in ihrem Gedächtnis eingesperrt ist, hat sie sich für Bernal im Laufe der Jahre in seinen Gedanken zu einer Leidenschaft gesteigert und er bereut seine abweisende Reaktion.

Clarisa Clarisadie halbwüchsige Eva lernt als Dienstmädchen bei der Senora, einer „Dame der Nacht“ Clarisa kennen. heiratet auf Wunsch ihrer Eltern einen Richter und hat mit ihm zusammen zwei behinderte Kinder: eine geistig zurückgebliebene Tochter, die an bösartigen Anfällen leidet, und einen mongoloiden Sohn. Nach der Geburt des zweiten Kindes verweigert sie sich ihrem Mann und dieser redet nicht mehr mit ihr und zieht sich 40 Jahre lang in sein Zimmer zurück. Clarisa hat eine mitleidige Seele und gilt als Wohltäterin und wegen ihrer heilenden Hände für eine Heilige. Bei ihren Bemühungen, ihren Mitmenschen zu helfen, bittet sie auch den Abgeordneten Diego Cienfuegos um Unterstützung und befreundet sich mit ihm. Zweimal wird sie von ihm schwanger und gebärt zwei gesunde Jungen. Sie sieht dies als Zeichen, dass Gott ein gewisses Gleichgewicht im Universum aufrechterhält.

Clarisa entschließt sich, fast 80-jährig, zu sterben, nachdem sie beim Papstbesuch eine Demonstration für das Recht auf Abtreibung, Scheidung und Homophilie miterlebt hat: Sie verstehe die Welt nicht mehr.

Krötenmaul (Boca de Sapo) Hermelinda ist Kellnerin und Prostituierte in einer Bar einer Viehzüchtercompagnie mitten auf einem Ödland. Die Arbeiter, die Peones, haben viel Spaß an den Wettspielen der Wirtin, bei denen sie der Preis für eine kurze Vergnügung ist und meistens das Geld der Betrunkenen gewinnt. Ihr spektakulärstes Sexual-Spiel ist Boca de sapo, bei dem man Hermelindas Gunst, den Schatz des Sultans, für zwei Stunden gewinnen kann, wenn man ihr „Krötenmaul“ zwischen ihren Beinen mit einem Münzwurf trifft. Wenigen gelingt dies. Eines Tages erscheint Pablo der Asturier im Lager, trifft sofort das Ziel und reitet mit Hermelinda davon.

Das Gold des Tomas Várgas (El oro de Tomás Vargas) In Agua Santa kann man alle Untugenden pflegen, nur muss man seine Schulden im Glücksspiel ehrenhalber bezahlen. Tomás Vargas ist ein unmoralischer, geiziger und misstrauischer Mensch. Während andere ihr Vermögen in Aktien anlegen und es bei einem Börsensturz verlieren, vergräbt er seine Goldstücke. Er schlägt seine Frau Antonia und zwingt sie, mit seiner jungen schwangeren Geliebten, Concha Díaz, im Haus zusammenzuleben. Die beiden Frauen verbünden sich miteinander, als Tomás auch gegenüber Concha nach der Geburt ihres Kindes übergriffig wird. Vargas kommt kaum noch nach Hause, verliert sein Geld nach anfänglichem Glück im Spiel gegen einen Teniente, bekommt von ihm Kredit und bürgt mit seinem Goldschatz. Als er diesen ausgraben will, findet er ihn nicht mehr. Zwei Tage später findet man seine von Machete-Hieben zerteilte Leiche. Antonia ist das Versteck offenbar bekannt gewesen, denn nach der Beerdigung kauft sie neue Kleider für sich, Concha und die Kinder. Sie erweitern das Haus um eine Speiseküche und verdienen ihren Unterhalt mit dem Verkauf der Speisen.

Wenn du an mein Herz rührtest (Si me tocaras el corazón) Amadeo Peraltas Lieblingsbeschäftigung ist es, Frauen zu verführen und zu verlassen, u. a. die fünfzehnjährige Hortensia. Eine Woche später taucht sie bei ihm auf und er sperrt sie als unterwürfige Sklavin in den Keller einer stillgelegten Zuckerfabrik ein. Durch eine Indiofrau versorgt, lebt sie 27 Jahre lang verwahrlost und eingesponnen in ihre Liebesphantasiewelt in ihrem Versteck.

Zufällig wird das Gefängnis von spielenden Kindern entdeckt. Die Nachricht erregt Empörung im ganzen Land und die Behörden können jetzt nicht mehr die Betrügereien des reichen und mächtigen Gaudillo vertuschen und inhaftieren ihn. Hortensia kommt in das Armenasyl der Nonnen und bringt dem Gefangenen jeden Tag, aus Dankbarkeit, dass er sie nie hungern ließ, einen Topf mit warmem Essen.

Geschenk für die Braut (Regalo para una novia) Der international erfolgreiche Zirkusunternehmer und Lebemann Horacio Fortunato verliebt sich in Patricia Zimmerman, die Frau eines Juweliers, und umwirbt sie mit Blumen und teuren Geschenken, die sie zurückweist. Sein Großvater, ein erfahrener Zirkusmann, rät ihm, Patricia etwas zu schenken, was sie noch nicht hat: einen guten Grund zum Lachen. Fortunato schmiedet einen Plan, um sie für sich zu gewinnen. Zuerst verlockt er den Juwelier zu einem Liebesabenteuer, und dieser unternimmt eine Reise mit der neuen Freundin nach New York. Der alleingebliebenen Frau bietet Horacio eine bunte Zirkusshow mit Artisten, Musikanten und Tieren und er schreitet am Ende mit seinem Liebhaberlächeln auf die schallend lachende, ihm entgegengehende Patricia zu.

Tosca Die Musikliebhaberin Maurizia Rugieri heiratet mit 19 Jahren den Architekten Ezio Longo, der ihr ein riesiges Haus baut. Doch sie verliebt sich in den Medizinstudenten Leonardo Gómez und erlebt diese Beziehung wie die Romanzen der Opernwelt, in die sie sich hineinsteigert. Der verärgerte Ehemann verprügelt den jungen Mann und sperrt sie im Haus ein. Als sie droht, ohne den Geliebten zu sterben, gibt er sie frei.

Sie verlässt ihren Mann und den kleinen Sohn, reist Leonardo nach, der inzwischen als Arzt einer Erdölgesellschaft in einer heißen Provinz arbeitet. Sie hilft ihm als Krankenschwester im Hospital und träumt ihre Heiligenlegenden weiter, ohne die schäbige Wirklichkeit und die Erschöpfung ihres Mannes wahrzunehmen. Nach zehn Jahren ist der Arzt vom Fieber und Klima zerrieben und sie ziehen sie nach Agua Santa. Dort erzählt Maurizia allen die Legende von der großen Liebe der beiden und sie werden Tosca und Mario genannt. Er kümmert sich bis zu seinem Malariatod um die Kranken, sie um das kulturelle Leben und leitet einen Kirchenchor. Nach dem Tod ihres Mannes spielt sie ihre Theaterrolle für sich weiter. Eines Tages kommt die Straßenbaugesellschaft Longo in das Dorf und sie erblickt Vater und Sohn kameradschaftlich verbunden. Aus dieser Welt ausgeschlossen, kehrt sie in ihr Traumland zurück.

Walimai Walimai, d. h. Wind, lebt mit seinem Stamm im Urwald. Wenn Soldaten und Kautschuk-Sammer in ihr Gebiet eindringen, geben sie ihr Dorf auf und ziehen weiter. Eines Tages wird Walimai auf der Jagd von Soldaten gefangen und muss für die Kautschukleute arbeiten. Zur Belohnung dürfen die Arbeiter das Lagerbordell besuchen. Hier entdeckt Walimai ein Mädchen vom Stamm der Ila, das von der Prostitution krank geworden ist und sich von ihm die Erlösung von ihrem Leid wünscht. Er tötet das Mädchen durch eine Curare-Paste, verbrennt die Leiche rituell und flieht mit ihrem Geist auf seinem Rücken durch den Wald. Durch sein Fasten kann sich das Ila-Mädchen von ihm befreien und zu den Wipfeln hochfliegen. Dann kehrt Walimai zu seinem Dorf zurück.

Ester Lucero Als der Arzt Ángel Sánchez nach dem Sieg seiner Genossen im Bürgerkrieg in die Stadt kommt und Leiter des Krankenhauses wird, verliebt er sich in Ester Lucero. Da sie noch im Kindesalter ist und bei ihrer Großmutter lebt, verbirgt er seine Leidenschaft. Auch später, als sie sich zur Frau entwickelt, bleibt er zurückhaltend. Eines Tages fällt sie von einem Mangobaum und spießt sich auf einem Pflock auf. Sánchez operiert das Mädchen mit geringem Erfolg und hofft auf ein Wunder, wie er es zehn Jahre zuvor im Urwald bei einem in eine Schlucht abgestürzten Kameraden erlebt hat, dessen Leben durch ein Pflanzenpulver und einen magischen Tanz eines Indio-Medizinmannes gerettet wurde. Sánchez wiederholt jetzt dieses Ritual und Ester wird wieder gesund. Eine Kommission aus der Hauptstadt erklärt sich die Heilung mit dem Pflanzentrank. Ester heiraten einen Inspektor beim Luftreinhaltungsamt und zieht in die Hauptstadt. Der Arzt bleibt allein und redet manchmal in Eingeborenensprachen mit den Sternen.

María die Törin (María la boba) Als Kind wird Maria von einem Eisenbahnzug überrollt. Sie überlebt den Unfall, zwischen den Gleisen liegend, äußerlich gesund, aber geistig gestört und in einen Zustand der Einfalt versetzt. Mit 17 Jahren verheiraten sie ihre Eltern mit dem viel älteren und ihnen finanziell verpflichteten Dr. Guevara. Nach der Geburt eines Jungen ist sie von ihrer dumpfen Benommenheit geheilt. In dieser Zeit stirbt ihr Mann und die Witwe kauft nach der üblichen Trauerzeit elegante Kleider und interessiert sich für andere Männer. Sie kommt ins Gerede und wird von ihrer Familie nach Spanien geschickt. Der Tod ihres Sohnes durch ein Unglück während der Überfahrt versetzt Maria in einen Trancezustand der sexuellen Begierde. Sie beginnt eine Beziehung mit einem Matrosen und verlässt mit ihm in einer Hafenstadt das Schiff. Als sie kein Geld mehr haben und der Matrose verschwindet, wird Maria die lustvolle berühmteste Prostituierte der Region. Ihr Ruf verbreitet sich zur Legende und sie verliert sich immer mehr in ihrem Glauben an die Liebe in Illusionen. Schließlich beendet sie ihre Leben mit Gift in einem Schokoladentrank.

Das Allervergessenste (Lo más olvidado del olvido) Die Protagonistin der Erzählung nimmt einen Mann, den sie zufällig kennengelernt hat, als Liebhaber mit in ihr Zimmer. Beide sind Landsleute und Immigranten in einem fremden Land und tragen Narben als Spuren von Folterungen. Was sie verbindet, ist nicht Verlangen oder Liebe, sondern das Bedürfnis, zu spüren, lebendig zu sein.

Klein-Heidelberg (El pequeño Heidelberg)