Die Negro Society for Historical Research (NSHR) war eine 1911 gegründete Gesellschaft in den Vereinigten Staaten. Sie entstand an der Wende zum 20. Jahrhundert mit dem Ziel, die Geschichte der schwarzen Bevölkerung zu bewahren, wissenschaftlich zu erschließen und einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen.Mitchel Kachun: Negro Society for Historical Research. In: Nina Mjagkij (Hrsg.): Organizing Black America: An Encyclopedia of African American Associations, New York 2001, S. 509f., hier: S. 509.

Programm Ihr Programm bestand darin, Bücher, Fotografien, Briefe, Manuskripte, Sachzeugnisse und weitere Quellenbestände zu sammeln, welche die Leistungen von Menschen negerischer Abkunft im Verlauf der Weltgeschichte belegen sollten. Die Beschäftigung mit diesen Materialien sollte dem Ausschluss der Geschichte der Afroamerikaner aus den etablierten historiographischen Narrativen ebenso entgegentreten wie den im frühen 20. Jh. in der amerikanischen Populärkultur verbreiteten rassistischen Stereotypen gegenüber Schwarzen. Zugleich verstand sich die Gesellschaft als Medium historischer Selbstvergewisserung, indem sie den amerikanischen Schwarzen das Bewusstsein vermitteln wollte, Träger einer eigenen Tradition bedeutender Leistungen und kultureller Errungenschaften in der Geschichte der Menschheit zu sein. Ihr Leitspruch lautete in Übereinstimmung mit dem unter weißen wie schwarzen Intellektuellen der Zeit verbreiteten Geschichtsbild: „race is the key to history.“Mitchel Kachun: Negro Society for Historical Research. In: Nina Mjagkij (Hrsg.): Organizing Black America: An Encyclopedia of African American Associations, New York 2001, S. 509f., hier: S. 509.

Gründung Die in Yonkers im Bundesstaat New York ansässige Organisation ging aus einem Kreis von fünf schwarzen Laienhistorikern hervor, die sich regelmäßig zu informellen Zusammenkünften im Haus des publizistisch hervorgetretenen Journalisten und Aktivisten John Edward BruceZu diesem vgl. Ralph L. Crowder: John Edward Bruce. Politician, Journalist, and Self-trained Historian of the African Diaspora, New York/London 2004. trafen. Bruce, ein ehemaliger Sklave, der sich über Jahrzehnte hinweg mit scharf formulierter publizistischer Kritik für die Rechte der schwarzen Bevölkerung eingesetzt hatte, war die prägende Kraft des Zusammenschlusses und übernahm den Vorsitz. Unter den übrigen Gründungsmitgliedern ragte besonders der aus Puerto Rico stammende Bibliophile Arthur A. SchomburgZu diesem vgl. Valerie Smith: Schomburg, Arturo Alfonso (1874–1938). In: Carole Boyce Davies (Hrsg.): Encyclopedia of the African Diaspora: Origins, Experiences, and Culture, Bd. 3, Santa Barbara u. a. 2008, S. 830f. hervor, der als Schriftführer und Schatzmeister amtierte und dessen umfangreiche Privatsammlung die Bestände der Gesellschaft maßgeblich vergrößerte. Bruce und Schomburg verbanden eine enge persönliche Beziehung, ein gemeinsames Interesse an Büchern und Geschichte sowie ihre Zugehörigkeit zu den Freimaurern. Darüber hinaus bekannten sich beide zum Panafrikanismus, der die Verbindung der schwarzen Gemeinschaften der Diaspora sowohl mit ihren afrikanischen Ursprüngen als auch untereinander betonte. Entsprechend vertrat die NSHR die Auffassung, dass schwarze Geschichte nur aus einer transnationalen und umfassenden Perspektive angemessen verstanden werden könne. Dies fand Ausdruck auch in der vielfältigen Zusammensetzung ihrer Mitgliedschaft, zu der Personen aus mehreren karibischen und afrikanischen Ländern gehörten.Mitchel Kachun: Negro Society for Historical Research. In: Nina Mjagkij (Hrsg.): Organizing Black America: An Encyclopedia of African American Associations, New York 2001, S. 509f., hier: S. 509.

Wirken Innerhalb schwarzer Gelehrtenkreise stieß die Gesellschaft auf beträchtliches Interesse und erhielt zahlreiche Anfragen nach historischen Auskünften. Sie verlieh Quellenmaterialien, organisierte öffentliche Vorträge, publizierte gelegentlich kleinere Schriften. und war 1924 an der offiziellen Mitwirkung Alain Lockes bei der Wiederöffnung des Grabes Tutanchamuns beteiligt. Bruce und Schomburg verfolgten zudem das Ziel, landesweit Zweigvereine aufzubauen und eine eigene Zeitschrift zu etablieren, um die Wirksamkeit der Gesellschaft zu steigern; beide Vorhaben scheiterten jedoch vor allem an fehlenden finanziellen Ressourcen. Die NSHR arbeitete mit Einrichtungen wie der von Carter G. Woodson gegründeten Association for the Study of Negro Life and History (ASNLH) zusammen, wenngleich das Verhältnis nicht spannungsfrei blieb. Insbesondere wurde mit Vorbehalten registriert, dass Woodson weit erfolgreicher darin war, externe Fördermittel einzuwerben, namentlich für das renommierte Journal of Negro History. Umgekehrt kritisierten zahlreiche Mitarbeiter Woodsons die NSHR wegen eines ihrer Ansicht nach übersteigerten rassischen Chauvinismus sowie mangelnder wissenschaftlicher Methodik. Zusätzliche Konflikte ergaben sich daraus, dass seit den frühen 1920er Jahren zahlreiche Mitglieder der Gesellschaft die umstrittenen Programme Marcus Garveys unterstützten. Als die ASNLH in der Mitte des Jahrzehnts an institutionellem Gewicht gewann, ging die NSHR ein. Gleichwohl wirkte ihr Erbe fort: Der Verkauf von Schomburgs umfangreicher Sammlung historischer Materialien an die New York Public Library im Jahr 1926 trug wesentlich dazu bei, die Erforschung der afrikanischen und afroamerikanischen Vergangenheit dauerhaft zu fördern.Mitchel Kachun: Negro Society for Historical Research. In: Nina Mjagkij (Hrsg.): Organizing Black America: An Encyclopedia of African American Associations, New York 2001, S. 509f.

Literatur Mitchel Kachun: Negro Society for Historical Research. In: Nina Mjagkij (Hrsg.): Organizing Black America: An Encyclopedia of African American Associations, New York 2001, S. 509f.

Anmerkungen

Kategorie:Forschungseinrichtungsgründung 1911 Kategorie:Afroamerikanische Kultur Kategorie:Geschichte der Vereinigten Staaten Kategorie:Archiv (Vereinigte Staaten) Kategorie:Organisation (Yonkers) Afroamerikaner