Die Hl. Maria Magdalena (it. Santa Maria Maddalena) ist ein Gemälde in Öl auf Holzpaneel von Pietro Perugino (* um 1450; † 1523), entstanden um 1500. Es befindet sich mit der Inventarnummer 42 in der Galleria Palatina im Palazzo Pitti in Florenz.

Motiv Die Maria Magdalena ist die einzige bekannte Einzeldarstellung dieser Heiligen durch Perugino, während er sie zusammen mit anderen Heiligen mehrfach darstellte, etwa in der Pazzi-Kreuzigung aus der Mitte der 1490er Jahre. Als biblische Person ist sie nicht eindeutig zu identifizieren, da verschiedene Berichte des Neuen Testaments in einer Figur verschmolzen wurden. So wird eine Maria von Magdala erwähnt, der Jesus sieben Teufel austrieb und die allen vier kanonischen Evangelien zufolge Zeugin der Auferstehung war. Ebenfalls als Maria Magdalena wird eine Sünderin gedeutet, die mit ihren Tränen die Füße Jesu benetzte, sie daraufhin mit ihren Haaren trocknete und salbte .

Während andere Maler jener Zeit Maria Magdalena oft als reuige Sünderin in der Wüste darstellten, bisweilen mit einem Totenkopf und einem Kruzifix und in primitiver Fellkleidung – manchmal auch nur mit ihrem bis zum Boden reichenden Haar bedeckt –, spielte dieser Typus im Œuvre Peruginos keine Rolle. Er zeigte sie stets als junge und schöne Frau in kostbarer Kleidung.

Bildbeschreibung Die kleine Tafel zeigt Maria Magdalena als Brustbild, identifizierbar durch eine prachtvolle goldene Inschrift unmittelbar unter dem Saum ihrer Tunika. Sie ist leicht zur Linken des Betrachters gewendet und neigt kaum merklich den Kopf. Ihre Hände hat sie ganz im Bildvordergrund übereinandergelegt, als würden sie auf einer Balustrade ruhen, die allerdings unter dem Bildrand verborgen bleibt. Ihr Gesicht zeigt einen sanft melancholischen und nachdenklichen Ausdruck, der der ruhigen Gestik ihrer Hände entspricht. Ein fein gezeichneter goldfarbener Kreisring hinter ihrem Kopf stellt ihren Heiligenschein dar.

Maria Magdalenas Tunika ist rot mit einem weiten grünen rechteckigen Halsausschnitt. Diese beiden Farben lassen sich möglicherweise als Anspielung auf Liebe und Buße interpretieren. Über ihren Schultern trägt sie einen an den Ärmeln und am Aufschlag pelzbesetzten Mantel oder ein Pelzwerk, ihr braunes Haar ist durch einen Schleier oder eine grüne Haube nach hinten gebunden; ungeachtet dessen fallen ihre Locken auf die Schultern, dargestellt mit goldenen Spitzlichtern. (Auf dem Foto sind manche dieser Details kaum zu erkennen.)

Maria Magdalenas Kleidung entspricht der Florentiner Mode um 1500. Ihre Darstellung weicht von der traditionellen Ikonographie der büßenden Maria Magdalena ab. Zusammen mit ihrer zeitgenössischen Kleidung und dem schwarzen Hintergrund spiegelt dies den zu jener Zeit in Florenz vorherrschenden flämischen Geschmack wider. Die Entscheidung Peruginos zu einer solchen Darstellung ist möglicherweise auf den Einfluss Leonardo da Vincis (* 1552; † 1519) zurückzuführen, von dem zwei Skizzen mit ähnlicher Darstellungsweise im Londoner Courtauld Institute of Art erhalten sind.

Die Maria Magdalena ist vielleicht das am meisten Leonardo nachempfundene Werk Peruginos. Nicht nur die Zeichnungen verweisen auf sie, auch die Handhaltung, die der der Mona Lisa entspricht, die mit peinlichster Sorgfalt durchgeführte Darstellung der Locken, des Pelzwerks und der Lichtreflexe auf den Fingernägeln sowie das Sfumato, die Weichzeichnung der Konturen.

Die manchmal anzutreffende Behauptung, Peruginos Ehefrau Chiara Fancelli habe ihm für die Maria Magdalena Modell gestanden, ist eine – nicht unplausible – Annahme, die in der seriösen kunstwissenschaftlichen Literatur aber nicht rezipiert zu werden scheint und jedenfalls kaum zu beweisen sein dürfte. Sie ist möglicherweise zurückzuführen auf eine Aussage des (oft unzuverlässigen) frühen Künstlerbiographen Giorgio Vasari (* 1511; † 1574), dass es Perugino so großen Genuss bereitet habe, seine schöne Frau mit prachtvollem Kopfschmuck zu sehen, dass er ihr oft eigenhändig das Haar frisiert habe.

Provenienz und Zuschreibung Von vielen Kunsthistorikern wird das Gemälde auf das letzte Jahrzehnt des 15. Jahrhunderts datiert. Im Katalog zur Ausstellung „Le Pérugin – Maître de Raphaël“ 2014/15 im Musée Jacquemart-André in Paris wird hingegen eine Datierung zwischen 1500 und 1502 vorgeschlagen. Begründet wird diese Späterdatierung mit den erkennbaren Einflüssen der nordischen Malerei, das auf eine Überwindung der Kultur des Quattrocento hindeutende Sfumato sowie die Interpretation des Gemäldes als eine Antwort auf das In-Erscheinung-treten Raffaels.

Die erste Erwähnung der Maria Magdalena stammt aus einem Inventar des Jahres 1641 der Medici-Villa Poggio Imperiale in Arcetri im Süden von Florenz. Diese Villa war zu jener Zeit die Residenz der Großherzogin der Toskana Vittoria della Rovere. Sie hatte bereits in sehr jungen Jahren die bedeutende Urbiner Gemäldesammlung der della Rovere geerbt; als sie 1633 Ferdinando II de’Medici heiratete, brachte sie diese als Mitgift in die Ehe ein. Denkbar ist, dass die Maria Magdalena Teil ihrer Erbschaft war; in einem Dokument werden „zwei Täfelchen“ (due quadretti) „von der Hand Raffaels“ (di mano di Raffaello) erwähnt, die 1631 mit der Mitgift nach Florenz gelangten.

Das Gemälde hing zuerst im Kabinett (Camerino) neben dem „geheimen Garten“ (Giardino segreto) der Villa. Es wurde zunächst Perugino zugeschrieben. 1691 wurde es in den repräsentativeren Gemäldesaal (Sala dei Quadri) verbracht und nun als Werk Raffaels (* 1483; † 1520) angesehen. Möglicherweise seit diesem Zeitpunkt wurde es über ein Jahrhundert lang wegen der identischen Maße für das Pendant zum Porträt des Jünglings mit dem Apfel (möglicherweise einem Porträt des Francesco Maria I. della Rovere, heute in den Uffizien) von Raffael gehalten.

1695 wurden die beiden Werke aus dem Poggio Imperiale entfernt; sie erschienen dann von 1793 bis 1829 in den Inventarlisten des Palazzo Pitti. In diesem Zeitraum wurden sie gemeinsam zeitweise Franciabigio (* 1484; † 1525) oder Francesco Francia (* 1447; † 1517) zugeschrieben. Für einen kürzeren Zeitraum wurden sie von 1797 bis 1803 nach Palermo gesandt, um den französischen Beschlagnahmungen zu entgehen. Zu dieser Zeit wurde auch eine Zuschreibung an Leonardo da Vinci in Betracht gezogen, etwa 1795 von dem Altertumsforscher Luigi Lanzi. Diese Ansicht dürfte auch auf dem an der Rückseite des Bildes befindlichen Etikett mit der fragmentarischen Inschrift „…rdo Vinci“ (nach einer späteren Angabe ) beruht haben. Spätestens 1828 kehrte man jedoch zur vermuteten Urheberschaft der Maria Magdalena durch Perugino zurück, die seither mit der Ausnahme von Walter Bombe, der die Maria Magdalena 1914 in seinem Werkkatalog ohne weitere Begründung nur im Anhang („Zweifelhafte und Perugino mit Unrecht zugeschriebene Gemälde“) aufführte, nicht in Frage gestellt worden ist.

Rezeption Die zeitweisen Zuschreibungen der Maria Magdalena an Raffael und Leonardo lassen auf hohe Wertschätzung früherer Autoren schließen. Joseph Archer Crowe und Giovanni Battista Cavalcaselle bezeichneten sie in ihrem mehrbändigen Werk über die Geschichte der italienischen Malerei als „schöne Arbeit aus der Zeit von 1496 bis 1500“, während Jacob Burckhardt sie in seinem Cicerone als „unangenehm süsslich[…]“ beschrieb. Pietro Scarpellini zitiert den Kunstkritiker Matteo Marangoni, dem zufolge die Darstellung der Maria Magdalena „schlagartig in eine abstrakte Welt versetzt, immun gegen die Gefahr der psychologischen Sentimentalität, in die Perugino oft abgleitet“.

Technischer Zustand des Bildes Das Gemälde ist in gutem Zustand, „benötigt jedoch eine Reinigung“ (necessiterebbe di una politura). Die Tafelränder sind entgegen einer früheren Annahme nicht beschnitten; das Gemälde ist nicht exakt rechteckig, sondern die rechte Seite ist einen Zentimeter länger als die linke. Eine Untersuchung mit Infrarot-Reflektographie, wobei die Infrarotstrahlen erst von der untersten Farbschicht reflektiert werden, zeigte eine freihändig ausgeführte Unterzeichnung und im Bereich der Hände eine Kohleschraffur, was die Suche des Malers nach der exakten Position der Finger vermuten lässt.

Einzelnachweise Walter Bombe: Perugino. Des Meisters Gemälde in 249 Abbildungen. Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart/Berlin 1914. S. 214. Jacob Burckhardt: Der Cicerone. Eine Anleitung zum Genuss der Kunstwerke Italiens. II. Mittelalter und neuere Zeit. III. Abschnitt: Malerei. 8. Auflage. Bearbeitet von Wilhelm Bode et al. Verlag von E. A. Seemann, Leipzig und Berlin 1901. S. 681. Joseph Archer Crowe, Giovanni Battista Cavalcaselle: Geschichte der italienischen Malerei. Vierter Band, erste Hälfte, bearbeitet von Max Jordan. Verlag von S. Hirzel, Leipzig 1871. S. 259. Alessandro Delpriori: Catalogue. Chapitre III Le succès. 29 Sainte Marie Madeleine. In: Bernard Steyaert (Hrsg.): Le Pérugin – Maître de Raphaël. Publikation anlässlich der gleichnamigen Ausstellung im Musée Jacquemart-André vom 12. September 2014 bis 19. Januar 2015. Fonds Mercator, Brüssel 2014, ISBN 978-94-6230-063-7. S. 134. Webseite von Finestre sull’Arte über die Maria Magdalena, abgerufen am 23. April 2026. Heinrich Krauss, Eva Uthemann: Was Bilder erzählen. Die klassischen Geschichten aus Antike und Christentum. 6., durchgesehene Auflage. Verlag C. H. Beck, München 2011, ISBN 978-3-406-62408-7. S. 346. Fausta Navarro: Catalogo delle opere. I.35 Santa Maria Maddalena. In: Vittoria Garibaldi, Francesco Federico Mancini (Hrsg.): Perugino – il divin pittore. Publikation anlässlich der gleichnamigen Ausstellung in der Galleria Nazionale dell'Umbria vom 28. Februar bis 18. Juli 2004. Silvana Editoriale, Cinisello Balsamo 2004, ISBN 88-8215-683-4. S. 240. Pietro Scarpellini: Perugino. L’opera completa. Electa Editrice, Mailand 1984, ISBN 88-435-1090-8. S. 101 f., Nr. 107. Vittoria della Rovere als Kunstsammlerin, Webseite des Palazzo Pitti, abgerufen am 23. April 2026.

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