Isabels Monolog beim Betrachten des Regens in Macondo (Originaltitel: Monólogo de Isabel viendo llover en Macondo) ist eine erstmals 1955 in der Kulturzeitschrift MitoGabriel García Márquez: Augen eines blauen Hundes. Frühe Erzählungen. (= KiWi, Band 26.) Kiepenheuer und Witsch, Köln 1982. ISBN 3-462-01554-0. S. 159. veröffentlichte Kurzgeschichte des kolumbianischen Literatur-Nobelpreisträgers Gabriel García Márquez und eine Episode in seinem Erzählband Ojos de perro azul. Kurzbeschreibung Die Ich-Erzählerin Isabel schildert, wie sie, ihr Mann, ihr Vater und ihre Stiefmutter an einem Maisonntag von sintflutartigem Regen überrascht werden. Anfangs gefällt der Niederschlag, doch bald wird er zur Belastung: Tagesabläufe und Zeitgefühl lösen sich in den Folgetagen auf, die Familie ist gelähmt und desorientiert. Das Haus wird überschwemmt, Möbel werden verlagert, draußen treiben Schlamm und Hausrat durch die Gassen, Infrastruktur und Friedhof sind zerstört. Als der Regen endet, kehrt eine unheimliche Stille ein; Isabel bleibt verstört und zeitlich desorientiert. Inhalt Die schwangere Ich-Erzählerin Isabel schildert, wie eines Mai-Sonntags nach der Messe sie, ihr seit Dezember angetrauter Gatte Martín, ihr Vater und ihre Stiefmutter „nach sieben Monaten sengenden Sommers und sengenden Staubs“ von einem sintflutartigen Regen heimgesucht werden, anfangs begleitet von einem „schneidenden, eiskalten Wind“. Zunächst ist die Familie vom Niederschlag angetan, doch bereits am Montag befindet die Stiefmutter, es sei nun „mehr als genug Wasser“, während Martín meint: „Langweilig, dieser Regen.“ Das Gefühl der Ödnis des scheinbar unaufhörlichen Regens, der „das Wasser wie ein Leichentuch ums Herz“ drückt, beginnt bereits am Dienstag, das Zeitgefühl aufzulösen: „An jenem Tag vergaßen wir die Reihenfolge der Mahlzeiten“, berichtet Isabel, um sich sogleich zu korrigieren: „In Wirklichkeit aßen wir seit Montagabend nicht mehr, und ich glaube, wir dachten seit diesem Zeitpunkt nicht mehr nach. Wir waren vom Regen gelähmt, betäubt, dem Zusammenbruch der Natur ausgeliefert in einer Haltung friedfertiger Entsagung.“ Nicht nur die in der „traurigen, trostlosen Dämmerung“ dauernden Niederschlags sich auflösende Zeit, auch die Temperatur ist undefinierbar, „weder kalt noch warm; es war die Temperatur des Schüttelfrostes.“
Am Mittwoch ist die Situation dann eskaliert: „Etwas war während der Nacht geschehen. Das Haus war aus den Fugen geraten; die Guajiros, ohne Hemd und barfuß, schleppten die Möbel ins Eßzimmer.“ Der Grund ist, „daß das Haus überschwemmt und der Fußboden mit einer dicken Schicht schleimig-toten Wassers bedeckt war.“ Isabel fühlt sich in dieser Lage „in trostloses Ödland verwandelt, besät mit Algen und Flechten, quallig weichen Pilzen, befruchtet vom widerwärtigen Wachstum der Feuchtigkeit und der Düsternis.“ Nicht besser sieht es aus außerhalb des Hauses, wo Lehmsuppe „durch die Gassen kroch und Hausrat mitführte, Dinge und Aberdinge, Trümmer einer ferner Katastrophe, Gerumpel und tote Tiere“: Es heißt, eine Eisenbahnbrücke über den Fluss sei fortgeschwemmt worden, der örtlichen Kirche drohe unter den Wassermassen der Einsturz, die Gräber seien von den Fluten „aufgebrochen, und die armen Toten schwimmen im Friedhof umher.“ Für die Männer und Frauen des Hauses, die nun ebenso wie die Zeiten „nicht mehr zu unterscheiden“ sind, wird der Tastsinn zum „einzigen noch funktionierenden Sinn“, und der „seit dem Vortag gestörte Zeitbegriff schwand vollends. Wir hatten überhaupt keinen Donnerstag. Was Donnerstag hätte sein sollen, war eine erstarrte, sülzartige Masse“, so dass die zeitliche Desorientierung sogar die Wochentage aufweicht: Isabel meint, es wäre Freitag halb drei, doch die Stiefmutter korrigiert sie: „Donnerstag halb drei, Kind. Noch immer Donnerstag halb drei.“ Doch jener schlaflose „Schlafwandel, in dem alle Sinne ihren Wert verloren“ endet mit dem Ende des Regens, das „eine Stille verbreitete, eine Ruhe, eine geheimnisvoll tiefe Glückseligkeit, ein vollkommener Zustand, der dem Tod sehr ähnlich sein mußte.“ Isabel, nachhaltig „verstört von der Wirrnis der Zeit“, erklärt am Ende der Erzählung: „Jetzt würde ich mich nicht wundern, wenn sie mich zur Messe vom vergangenen Sonntag riefen.“ Textanalyse Bei Isabels Monolog beim Betrachten des Regens in Macondo handelt es sich um eine in Ich-Form erzählte Kurzgeschichte. Ort der Handlung ist der auch aus Hundert Jahre Einsamkeit und Laubsturm bekannte fiktive Ort Macondo. Mit dem ebenfalls 1955 veröffentlichten Laubsturm teilt Isabels Monolog beim Betrachten des Regens in Macondo einen Teil der Figuren, die in Isabels Monolog allerdings kaum geschildert werden, nämlich Isabel, ihren Mann Martín, ihren Vater (der im Laubsturm als Oberst firmiert) und ihre Stiefmutter, die im Laubsturm den Namen Adelaida trägt.
Die Zeit der Handlung bleibt in Isabels Monolog unklar, abgesehen von der Erwähnung einer Bahn-Anbindung, lässt sich aber aus dem Laubsturm erschließen: Mai 1918.In Laubsturm findet einer der Ich-Erzähler, der Oberst, bei der Leiche des Doktors französischsprachige Zeitungen, „die jüngsten drei Monate alt: Juli 1928“ (Gabriel García Márquez: Laubsturm. 7. Auflage. Deutscher Taschenbuch-Verlag, München 1987. ISBN 3-462-01069-7. S. 24). Von diesem Zeitpunkt aus lässt sich die Heirat zurückdatieren: Martín „heiratete Isabel im Dezember vor elf Jahren. Neun sind verstrichen, seit er mit einer Brieftasche voller von mir unterzeichneter Schuldverschreibungen abreiste und zurückzukehren versprach“ (Laubsturm, S. 83). Daraus ist zu schließen, dass die Heirat im Dezember 1917 stattfand, ein Jahr vor der Geburt des Sohnes, der in Isabels Monolog noch nicht auf der Welt ist. Auch der sintflutartige Regen findet in Laubsturm Erwähnung: Isabel meint in dem Roman unmittelbar nach der Hochzeit „Ich denke daran, daß uns jetzt nur eines fehlt – Regen“ (Laubsturm, S. 76), und gegen Ende von Laubsturm wird nochmals die Sintflut erwähnt (Laubsturm, S. 99)
Zentrale Themen der Geschichte sind die Auflösung von Zeit und Alltag, was auch ein Thema im fünften Kapitel von Laubsturm ist, der Zerfall sozialer und häuslicher Ordnung und die Macht der Natur: „Wie auch später in García Márquez‘ Werken ist die Natur selbst oft eine spürbare Kraft – häufig überzeichnet und überwältigend, um die Realität der lateinamerikanischen Geografie und ihrer Naturgewalten widerzuspiegeln. Die Wiederholung unterstreicht die Monotonie des anhaltenden Regens, und das Thema der Einsamkeit spiegelt sich sowohl in der Bildsprache als auch in der persönlichen Beziehung zwischen Isabel und Martín wider.“„Here as later, nature itself is often a palpable force in the fiction of García Márquez—often exaggerated and overwhelming in order to reflect the reality of Latin American geography and the natural forces within it. The repetition underscores the monotony of the continuing deluge, and the theme of solitude is reflected in the imagery as well as in the personal relationship of Isabel and Martín“ – Nasrullah Mambrol: Analysis of Gabriel García Márquez’s stories. In: Literary Theory and Criticism. Abgerufen am 22. April 2026.
Literatur Benigno Ávila Rodríguez: „Monólogo de Isabel viendo llover en Macondo“ de Gabriel Garía Márquez. In: Thesaurus, Jg. 40, Nr. 3, 1985, S. 565–578. (pdf). Hassan El Baz Iguider: Monólogo de Isabel viendo llover en Macondo. In: Hassan El Baz Iguider: Realidad y ficción en „Vivir para contarla“, memorias de Gabriel García Márquez. (Tesis Doctoral.) Universidad de Málaga, Málaga 2015. S. 396–400. (pdf). Paola Margarita Estrella Bolaños: „Monólogo de Isabel viendo llover en Macondo“ y „La hojarasca“. Continuación y ampliación de dos historias, la familiar y la pública macondiana. In: La Intertextualidad. Camino hacia la memoria en Gabriel García Márquez. (Monografia de grado.) Universidad de los Andes, Bogotá 2005. S. 27–42. (pdf). Monika Ćuto: Traducción y análisis de los cuentos „Monólogo de Isabel viendo llover en Macondo“ y „Diálogo del espejo“ de Gabriel García Márquez. (Diplomski rad.) Sveučilište u Zadru, Zadar 2021. (pdf). Liisi Niisuke: Monólogo de Isabel viendo llover en Macondo (1955). In: Liisi Niisuke: Gabriel García Márquez y el tema del amor en sus cuentos. (Tesina de grado.) Tartu Ülikool, Tartu 2013. S. 14–15.(pdf). Deutschsprachige Textausgaben (Auswahl) Isabels Monolog beim Betrachten des Regens in Macondo. In: Gabriel García Márquez: Die Erzählungen. Aus dem kolumbianischen Spanisch von Curt Meyer-Clason. Kiepenheuer und Witsch, Köln 1990. ISBN 3-462-02054-4. S. 97–105. Isabels Monolog beim Betrachten des Regens in Macondo. In: Gabriel García Márquez: Augen eines blauen Hundes. Frühe Erzählungen. (= KiWi, Band 26.) Kiepenheuer und Witsch, Köln 1982. ISBN 3-462-01554-0. S. 146–158. Isabels Monolog beim Betrachten des Regens in Macondo. In: Das Leichenbegräbnis der Großen Mama und andere Erzählungen. Herausgegeben, aus dem Spanischen übersetzt und mit einem Nachwort von Curt Meyer-Clason. Kiepenheuer und Witsch, Köln 1974. ISBN 3-462-01001-8. S. 21–30. Weblinks Volltext des Einzelwerks, originalsprachig Volltext des übergeordneten Werks Ojos de perro azul, deutschsprachig Einzelnachweise Gabriel García Márquez: Isabels Monolog beim Betrachten des Regens in Macondo. In: Gabriel García Márquez: Augen eines blauen Hundes. Frühe Erzählungen. (= KiWi, Band 26.) Kiepenheuer und Witsch, Köln 1982. ISBN 3-462-01554-0. S. 146–158. Kategorie:Literarisches Werk Kategorie:Literatur (20. Jahrhundert) Kategorie:Literatur (Spanisch) Kategorie:Erzählung Kategorie:Werk von Gabriel García Márquez Kategorie:Kolumbianische Literatur