Der Berührstein ist ein bengalisches Zaubermärchen.Heinz Mode, Arun Ray (Hrsg.): Bengalische Märchen, Insel-Verlag, Leipzig 1984, S. 301–309, 459–461.
Handlung Ein König gelobte einst, allen das zu geben, was sie sich wünschten. Also verteilte der Familienpriester den gesamten königlichen Reichtum und bat am Ende selbst um ein Geschenk – einen Berührstein. Der König war sehr traurig, ihm den Stein nicht geben zu können, da er keinen besaß und so sein Gelübde nicht einhalten konnte. Also beschloss sein Sohn, sich auf die Suche nach dem Stein zu begeben, wofür ihm der Brahmane eine Frist von sechs Monaten Zeit gab.
In einem Wald traf der Prinz auf ein Vogelpaar, das ihn bewirtete und ihm einen Berührstein schenkte. Auf dem Heimweg kam er in einen Ort, der von Räubern bewohnt war. Diese machten ihm weis, er habe, als er sehr jung war, die Tochter des Häuptlings, Prannasini, geheiratet, die ihn nun im Schlafgemach ermorden und berauben sollte. Der Nachbar dieser Räuber, ebenfalls ein Räuber, bekam durch seine magischen Künste heraus, dass der Prinz einen Berührstein dabei hatte. Also gab er vor, sehr fromm zu sein, woraufhin ihm der Prinz seinen Berührstein zur Aufbewahrung anvertraute. Prannasini verliebte sich aber in den schönen Prinzen, sodass sie ihn nicht tötete, sondern heiratete. Nachdem sie dem Nachbarsräuber mit einer List den Berührstein wieder abgenommen hatte, beschloss das Paar, in die Heimat des Prinzen zu ziehen.
Dort angelangt brachte der Prinz Prannasini bei einem Girlandenmacher unter, um sie später seinem Vater vorzustellen. Zu Hause erzählte er die ganze Geschichte seiner ersten Frau, die mit dem Kotwal, einem Polizeibeamten der Stadt, eng befreundet war und ihm, auf dessen Bitten, den Berührstein aushändigte. Als der Prinz den Stein nicht wiederfand, wurde er wahnsinnig, und Prannasini beschloss, den Stein wiederzubeschaffen. Sie stellte sich dafür auf das Dach des Hauses des Girlandenmachers und sorgte dafür, dass der Kotwal sie sah und sie später besuchen wollte, wofür er auch den Berührstein mitbringen sollte. Zudem bewirkte sie, dass der Ratgeber des Königs, der Erste Minister und der König selbst nacheinander vorbeikamen.
Während Prannasini mit dem Kotwal, der ihr den Berührstein zeigte, plauderte, klopfte der Ratgeber des Königs an die Tür. Der Kotwal erschrak und fragte, wo er sich verstecken könne. Sie beschmierte ihn mit Sirup, begoss ihn mit Wasser, bedeckte seinen Körper mit Watte und band ihn am Fenster fest. Während sie mit dem Ratgeber des Königs plauderte, erschien der Erste Minister, sodass auch der Ratgeber in Watte gepackt und versteckt wurde und als der König eintraf, wurde auch der Minister unter einer Matte versteckt. Der König erblickte die Gestalt des Kotwal und fragte, was das sei. Prannasini erwiderte, dies sei ein junger Rākshasa. Als die vier Männer dies hörten, rannten sie erschrocken aus dem Haus. Prannasini aber legte dem wahnsinnigen Prinzen den Berührstein in die Hand, der daraufhin gesundete und den Stein dem König übergab, damit er ihn an den Brahmanen weiterreichen konnte. Seine erste Frau und den Kotwal verurteilte der Prinz zum Tode. Danach wurde er selbst König.
Hintergrund Das Märchen stammt aus G. H. Damants Legends from Dinajpore (Indian Antiquary, 1873, S. 357) und erhielt in Heinz Modes und Arun Rays Bengalische Märchen (Leipzig 1984) den deutschen Titel Der Berührstein. Mode und Ray merkten dazu an, dass das Märchen „leider sehr schlecht überliefert“ sei, da es „Lücken und Ungereimtheiten im Handlungsablauf“ aufweise. Es sei „dennoch aufgenommen worden, da die Motivfolge viele interessante Einzelheiten“ bringe. In dem Märchen vertreten sind die Motivtypen 467, zu dem die Suche nach dem Wunderstein gehört, 1617, zu dem die Erlebnisse im Räuberdorf zählen und 1730, der von der Frau, die vier Liebhaber überlistet, handelt.
Der Typ 467 findet sich auch in Lal Bihari Days Folk Tales of Bengal (London 1883, XVII, S. 126 f.). Der Typ 1730 ist ebenfalls auch sonst in Bengalen bekannt, so zu finden in G. H. Damants Bengali Folklore from Dinajepore (Indian Antiquary, Bombay 1880, IX, 2 ff.) und in Maive Stokes Indian Fairy Tales (London 1880, Nr. XXVIII: The clever wife). Das Motiv von der Frau, die ihre Liebhaber überlistet, um ihren Gatten aus einer Schwierigkeit zu helfen, stammt aus der altindischen Literatur und findet sich auch im Papageienbuch, in Tausendundein Tag und mehrmals in Tausendundeine Nacht.
Literatur Heinz Mode, Arun Ray (Hrsg.): Bengalische Märchen, Insel-Verlag, Leipzig 1984. S. 301–309, 459–461.
Einzelnachweise
Kategorie:Literatur (20. Jahrhundert) Kategorie:Literatur (Bengalisch) Kategorie:Literarisches Werk Kategorie:Märchen