mini|Berggasthof Streichen (2015) Der Berggasthof Streichen ist ein fast 600 Jahre altes, teilweise denkmalgeschütztes Anwesen in der bayerischen Gemeinde Schleching im Landkreis Traunstein. Das in Alleinlage gelegene Traditionswirtshaus befindet sich nahe der Streichenkirche St. Servatius und ist von kultureller, historischer und heimatgeschichtlicher Bedeutung.

Lage Der Berggasthof Streichen liegt auf etwa 800 Metern Höhe über dem Achental auf einem Ausläufer der Rauen Nadel, knapp oberhalb des Bergsteigerdorfs Schleching. Von hier aus blickt man auf einige Höhepunkte der hiesigen Bergwelt, wie den Geigelstein und den Breitenstein, die schroffen Felsen der Kampenwand, die Bergkette des Wilden Kaiser. An klaren Tagen reicht der Blick bis in die Gipfelwelt von Tirol.

Umgeben ist das Streichen-Ensemble von bewaldeten Hügeln und von blühenden Wiesen. Hier wächst eine Vielzahl an Heilpflanzen, Bergkräutern und -blumen sowie seltene Orchideenarten. Rund um den Streichen sind Teufelskralle, Wald-Geißbart oder Händelwurz heimisch. Zur Tierwelt gehören Weiderinder, Gams, Murmeltier und Steinadler. Auch Wölfe und Bären wurden in der Schlechinger Bergwelt bereits gesichtet.

Geschichte Historische Bedeutung des Ortes Von jeher ist das Gebäude eng verbunden mit der Wallfahrtskirche St. Servatius. Der Berggasthof ist das ehemalige Mesnerhaus der barockisierten Kirche. Gemeinsam bildet das denkmalgeschützte Ensemble einen Anziehungspunkt für kulturgeschichtlich Interessierte, Wanderer, Ausflügler und Naturfreunde. Seine historisch gewachsene Bedeutung und seine Lage haben den Berggasthof Streichen und die Streichenkirche zum Wahrzeichen des Bergsteigerdorfes Schlechings und einer der bekanntesten Kulturdenkmäler des Achentals gemacht.

1440 werden die Kirche und das Mesnerhaus erstmals gemeinsam urkundlich erwähnt – als Kirchengut (Widum) des Künzel Wiser in Wagrain. Die Kirche ist wohl um einiges älter. ihr Fundament wurde vermutlich aus Steinen der ehemaligen Burg der Streichenritter errichtet, die sich oberhalb auf dem Schlossberg befand. Der Name Streichen leitet sich ab vom Begriff „Strichen“ für Übergang. Strich und Saumpfad gelten als Bezeichnung für einen Handelsweg und Schmugglerpfad. Das alte Mesnerhaus ist damals vermutlich ein reiner Holzblockbau gewesen.

Saumweg, Streichenkirche Unweit des Ensembles verläuft seit 1506 die Grenze zwischen Bayern und Tirol. Die Säumer kamen auf ihrem „Saumweg“ (von Saum = Last) am Mesnerhaus vorbei. Auf dem Rücken mit ihren schwer beladenen Kraxen transportierten die Säumer – auch Samer oder Saumer – Salz über die Alpen, zum Beispiel von Berchtesgaden nach Bozen oder Meran. Auch Nutztiere wie Pferde oder Maultiere wurden beladen. Auf dem Rückweg brachten die Säumer kostbare Güter zurück, etwa Wein aus Südtirol, der in den bayerischen Klöstern begehrt war.

Die Säumer, die ihre gefährliche Tätigkeit jahrhundertelang auf den Saumpfaden verrichteten, machten auch in der Streichenkirche Halt. Gegen ihre Furcht und für sicheres Geleit beteten sie zu den Heiligen, die Schutz für ihre beschwerliche Reise versprachen – allen voran Servatius und Christophorus. Bis heute wird alljährlich zu Pfingsten das Patrozinium zu Ehren des (Eis-)heiligen Servatius von Tongern gefeiert. Der Schutzpatron der Streichenkirche ist auch der Wetterpatron für die Bauern der Region.

Besitzverhältnisse und Baumerkmale 1560 ist Hannß Fellner „Messner Abm Streichen“, 1612 ist Christoph Albrechter „Mösner underm Gottshaus Streichen“. Zwischen dem 17. und 19. Jahrhundert lebten und wirkten sieben Mesnergenerationen der Familie Rachl. Um 1680 wurde das Haus neu gebaut mit dem Vermögen der Pfarrkirche Grassau. Das gemauerte Erdgeschoss könnte 1707 entstanden sein beim Wiederaufbau nach Brandschatzung im Spanischen Erbfolgekrieg. Um 1747, nach Brandschatzung im österreichischen Erbfolgekrieg, wurde das Anwesen wiederaufgebaut. Damals entstand wohl der Blockbau mit den Balusterlauben im Obergeschoss und die Mantellaube im Dachgeschoss, ebenso der Anbau mit Stall und Tenne. 1877 verkaufte Martin Rachl an Peter und Anna Seywald. 1883 wurde das Mesnerhaus an Franz Baron von Winkelhofen, einem pensionierten Finanzaufseher aus Tirol, und dessen Frau Ursula verkauft. Er übergab das Haus 1909 an seinen Sohn Dominikus, der Zimmermann und Mesner der Streichenkirche war. Dieser gestaltete das Anwesen künstlerisch aus und um.

Aus dem Mesnerhaus wird ein Gasthof 1940 vererbte Baron von Winkelhausen das Mesnerhaus an den Schreiner und Zimmermann Franz Strohmayer. Während ihr Mann noch in Kriegsgefangenschaft war, legte seine Frau Anna den Grundstein für die spätere Gastwirtschaft. Sie bewirtete Gäste mit Kaffee und Kuchen.

Nachdem Franz Strohmayer aus der Kriegsgefangenschaft heimgekehrt war, begannen 1948 mit dem regelmäßigen Kaffee-Ausschank die ersten bescheidenen Anfänge des Gaststättenbetriebs. Pilger kamen, um sich vor oder nach dem Kirchenbesuch in St. Servatius an Kaffee und Kuchen zu laben, Bergwanderer machten hier Rast.

1951 wurde der baufällige Stall zum Wirtshaus mit Gästezimmern um- und ausgebaut. Die Strohmayers erhielten „eine Konzession zum Ausschank geistiger Getränke“. Die Menschen trafen sich zum Schuhplattln, Alphornblasen oder Volkstanz. Die Strohmayers wurden zu weiter über das Achental bekannte Wirtsleuten, und die Gäste strömten von nah und fern in die Streichenwirtschaft.

1984 übergaben die Eltern den Berggasthof in die Hände ihres Sohns Franz, einem gelernten Koch und Landwirt. Der große Naturliebhaber wurde zur Schlechinger „Plattl-Legende“. Nachdem mit Franz Strohmayer 2020 der letzte Streichenwirt verstarb, ist die weitere Zukunft des Berggasthofs ungewiss.

Rettung des Traditionsgasthofs Streichen 2021 bündelten sich verschiedene bürgerschaftliche Kräfte, um dem Wunsch der Erben und vieler Schlechinger Bürger zu folgen, den Berggasthof weiter als einen Ort zu betreiben, der für alle zugänglich bleibt. Gemeinsam erwarben die gemeinnützige Yvonne & Thomas Wilde Familienstiftung mit Sitz in Schleching und die gemeinnützige Initiative KULTUR ERBE BAYERN, unterstützt von der Bürgerinitiative Streichenfreunde, den Berggasthof Streichen.

Sanierung des denkmalgeschützten Hauses Da die bayerische Traditionsgaststätte aus denkmalpflegerischer Sicht einen hohen Stellenwert hat, wurde bei den Renovierungs- und Umbaumaßnahmen der ursprüngliche Charakter so weit wie möglich erhalten.

Die behutsame Sanierung des „Streichen“ integrierte regionale Handwerksbetriebe, ökologische Aspekte sowie eine umweltfreundliche energetische Versorgung. Die Gästezimmer im Haus blieben schlicht und es entstand ein weiterer Gastraum. In dem Almkaser neben dem Hauptgebäude wurden die Voraussetzungen für einen ganzjährigen Betrieb geschaffen.

Weblinks

Der wiedereröffnete Berggasthof Streichen Streichenfreunde Yvonne & Thomas Wilde Familienstiftung

Einzelnachweise

Kategorie:Bauwerk in Schleching Kategorie:Baudenkmal in Schleching