Colin James Oliver Harrison (* 18. August 1926 in London; † 15. November 2003 ebenda) war ein britischer Ornithologe und Paläornithologe, der für seine Beiträge zum Verständnis von Aspekten des Vogelverhaltens, dem Ursprung rezenter paläarktischer Vogelarten sowie seine Bücher über Nester und Eier europäischer und nordamerikanischer Vögel bekannt war.

Leben Harrison wurde im Londoner Stadtteil Earlsfield geboren. Er war eines von fünf Kindern des Businspektors Tom Oliver Harrison und seiner Frau Ellen Elizabeth, geborene Robbins. Bereits seit seiner Kindheit interessierte er sich für Vögel und veröffentlichte bald zahlreiche Aufzeichnungen. 1958 heiratete er Barbara Anne Newell.

Harrison erhielt ein Stipendium für den Besuch der örtlichen Grammar School. Bei Ausbruch des Zweiten Weltkriegs wurde seine Ausbildung unterbrochen und die gesamte Schule wurde nach Lewes in Sussex evakuiert. 1942 erlangte Harrison seine Hochschulreife.

Harrisons Berufsleben begann mit einer Stelle in einem staatlichen Prüflabor, bevor er Bibliothekar bei der Royal Geographical Society in London wurde. Da er diese Tätigkeit jedoch als wenig erfüllend empfand, entschloss er sich zu einem Berufswechsel und wurde Lehrer. Mit einem Diplom in Pädagogik, unterrichtete er an mehreren Schulen im Südwesten Londons. In den 1950er Jahren nahm er an den Expeditionen der University of Cambridge zur Erforschung des Herbstzugs in Norwegen teil und war später Mitautor des letzten Berichts und der Zusammenfassung der Ergebnisse, die in zwei Ausgaben der Zeitschrift Sterna veröffentlicht wurden. Von seinem Beruf als Lehrer enttäuscht, nahm er eine Kuratorenstelle im Vogelzimmer des Natural History Museum an, wo er die Leitung der Eiersammlung übernahm.

Harrison trat 1960 als wissenschaftlicher Mitarbeiter in den Museumsdienst ein und war dort bis zu seiner Pensionierung im Jahr 1986 tätig, zuletzt im Rang eines hauptwissenschaftlichen Beamten. Nach einer Phase intensiver kuratorischer Arbeit wandte er sich zunehmend anderen Forschungsfeldern zu, insbesondere der Verhaltensforschung an Vögeln. Dieser Richtungswechsel wurde vermutlich auch durch den Ornithologen Derek Goodwin beeinflusst, mit dem Harrison befreundet war. In der Folge veröffentlichte Harrison zahlreiche Arbeiten zum Verhalten von Wildvögeln und Vögeln in menschlicher Obhut.

Später war Harrison an der Erstellung eines Typenkatalogs der ornithologischen Sammlung beteiligt, den Rachel Warren als ehrenamtliche Mitarbeiterin bearbeitete. Das Werk erschien in drei Teilen in den Jahren 1966, 1971 und 1973 im Zoological Bulletin des Museums. Obwohl Harrisons Mitwirkung am ersten Teil nicht ausdrücklich genannt wurde, galt er als maßgebliche Kraft hinter dem Projekt. Die fehlende namentliche Nennung entsprach der damaligen Museumspraxis.

Um 1966 übernahm Harrison die Organisation und Leitung einer sechsmonatigen Sammelreise nach Südwestaustralien. Die Expedition war die vierte von insgesamt fünf Unternehmungen, die durch Harold Wesley Hall finanziert wurden. Nach seiner Rückkehr setzte er seine akademische Ausbildung fort und wurde als externer Teilzeit-Doktorand an der University of Reading aufgenommen, was zu jener Zeit nur in Ausnahmefällen geschah. Seine Dissertation Variation and apparent evolution in patterns on feathers reichte er 1970 ein; nach erfolgreicher Verteidigung wurde ihm der Doktorgrad verliehen.

Neben seinen regulären Aufgaben beteiligte sich Harrison auch an der Neuordnung der fossilen Vogelsammlung. Zugleich war er mit dem Transfer der rezenten Vogelsammlungen von London in das neue Depot in Tring sowie mit der Betreuung der Eiersammlung befasst. Erst nach dem Eintritt von Michael P. Walters im Jahr 1970 konnte Harrison sich intensiver der Paläornithologie widmen. Walters übernahm später wesentliche Aufgaben im täglichen Betrieb der Eiersammlung, wodurch Harrison zusätzliche Kapazitäten für die Forschung gewann.

Seine frühen paläontologischen Arbeiten betrafen vor allem die Neubewertung frühtertiärer Vogelfaunen Großbritanniens. Seit den späten 1970er Jahren verlagerte sich sein Interesse auf jüngere Faunen und die Evolution rezenter paläarktischer Arten. Auslöser hierfür waren zahlreiche Anfragen von Archäologen, die Vogelreste aus subfossilen Fundzusammenhängen bestimmen lassen wollten.

Harrison war ein äußerst produktiver Autor. Auf sein Konto gehen 273 wissenschaftliche Veröffentlichungen, darunter 13 Bücher. Hinzu kamen zahlreiche populärwissenschaftliche Beiträge für Zeitschriften, wie British Birds und dem Avicultural Magazine sowie Reihenwerke. Zwischen 1969 und 1971 verfasste er im Auftrag von John Gooders rund 100 Texte für die Reihe Birds of the World, die beim Verlag IPC Magazines Ltd. veröffentlicht wurde. Seine wissenschaftlichen Arbeiten behandelten unter anderem Zugverhalten, Eier und Nester, Verhalten, Biogeographie, Evolution, Osteologie und Paläontologie.

Zu seinen bedeutenderen Veröffentlichungen zählen An Atlas of the Birds of the Western Palaearctic (1982), The History of the Birds of Britain (1988), die beiden Feldführer über Nester und Eier von British and European Birds (1975) und North American Birds (1978), die Studie Reappraisal of the extinct tropicbird Prophaethon shrubsolei (1976) sowie seine verschiedenen Übersichten über die britischen subfossile Vogelfaunen. Die beiden Eier- und Nestführer wurden in den späten 1990er Jahren umfassend überarbeitet und unter Einbeziehung der Hilfe von Peter Castell (Bird Nests, Eggs and Nestlings of Britain and Europe: With North Africa and the Middle East) sowie Paul J. Baicich (Bird Nests, Eggs and Nestlings of North America) 1998 neu herausgegeben. In Zusammenarbeit mit Cyril Walker veröffentlichte er weitere Publikationen, darunter Birds of America.

Harrisons paläontologische Arbeit umfasste insbesondere Untersuchungen der frühen nordwesteuropäischen Eozän-Avifauna, beispielsweise vom Trafalgar Square, sowie eine Revision der jüngeren prähistorischen britischen Sammlungen aus Höhlen und anderen archäologischen Stätten. Durch seine biogeographischen Arbeiten konnte er nachweisen, dass die Evolution der heutigen paläarktischen Avifauna durch die Trennung von Populationen in westliche, zentrale und östliche Refugien während der Eiszeiten erfolgte.

Aufgrund seiner Fachkenntnisse war Harrison in zahlreichen wissenschaftlichen Organisationen tätig, darunter die British Ornithologists’ Union, der British Trust for Ornithology, der International Council for Bird Protection sowie The Otter Trust und The Pheasant Trust. Besondere Bedeutung hatte seine beratende Tätigkeit für den Nature Conservancy Council in einer Phase grundlegender Neuausrichtung britischer Naturschutzpolitik zwischen den späten 1960er und frühen 1980er Jahren. Für diese Arbeit erhielt er mehrfach Anerkennungsschreiben von der britischen Regierung, darunter vom damaligen Innenminister James Callaghan, der Harrison für seine Bemühungen lobte.

Literatur

William Richmond Postle Bourne: Obituary: Colin James Oliver Harrison (1926–2003). British Birds. 97, 2004, S. 362.

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