mini|Eugène Delacroix – La Mort de Sardanapale (Der Tod des Sardanapal, 1827). Musée du Louvre, Paris mini|Jean Auguste Dominique Ingres – Apothéose d’Homère (Die Apotheose Homers, 1827). Musée du Louvre, Paris
Die kontroverse Diskussion zwischen Künstlern, Kunstkritikern und dem Publikum über die Vorrangstellung von Linie oder Farbe in der Malerei, die sich auf die Kunst von Jean-Auguste-Dominique Ingres (1780–1867) und Eugène Delacroix (1798–1863) bezog, war die prägendste ästhetische Streitfrage der französischen Kunstwelt im 19. Jahrhundert. In der Kunstgeschichte gilt sie als Fortsetzung der älteren Querelle du coloris (Der Streit um die Farbe) aus dem 17. Jahrhundert.
Poussinisten vs. Rubenisten Der Disput zwischen Befürwortern der Linie (dessin) und Befürwortern der Farbe (coloris) in der Malerei reicht bis ins 17. Jahrhundert zurück. Den Anstoß gab Philippe de Champaigne im Jahr 1671 auf einer Konferenz der Académie royale de peinture et de sculpture, als er die Qualität eines Gemäldes von Tizian lobte. Die Akademieleitung unter Charles Le Brun stand auf Seiten des Disegno; ihre Vorbilder waren Raffael, die Carracci und Nicolas Poussin. Die Anhänger des Coloris beriefen sich hingegen auf Rubens, weshalb man die Parteien als Poussinisten (frz. Poussinistes) und Rubenisten (frz. Rubénistes) bezeichnete. Im Jahr 1717 entschied sich die Akademie zugunsten der Rubénistes, als sie Antoine Watteaus Pèlerinage à l’île de Cythère als Aufnahmestück anerkannte. Im 19. Jahrhundert kehrte die Frage in der Auseinandersetzung zwischen Ingres als Vertreter des Disegno und Delacroix als Vertreter des Coloris zurück.
Ingres mini|Jean Auguste Dominique Ingres – Das türkische Bad (1862). Musée du Louvre, Paris
Jean-Auguste-Dominique Ingres war ein bedeutender Vertreter der offiziellen Kunst im Frankreich des 19. Jahrhunderts. Er wurde bei Jacques-Louis David ausgebildet und besuchte die École des Beaux-Arts in Paris. 1801 gewann er den Prix de Rome mit dem Gemälde Achill empfängt die Bittgesandtschaft des Agamemnon. 1806 trat er das damit verbundene Romstipendium an und blieb auch nach dessen Ende in Italien. Erst 1824 kehrte er anlässlich eines Salon-Erfolgs nach Frankreich zurück. 1825 verlieh ihm der König das Kreuz der Ehrenlegion und 1829 wurde er zum Professor an der École des Beaux-Arts berufen. Nach einem Misserfolg im Salon im Jahr 1834 kehrte Ingres 1835 als Direktor der Académie de France à Rome (Villa Medici) nach Rom zurück. Nach dem Ende seiner Amtszeit ging er 1841 wieder nach Paris.
Neben der griechisch-römischen Antike galten Raffael und Nicolas Poussin als seine Vorbilder. Er fertigte Historiengemälde, Porträts und Akte an und betrachtete die Historienmalerei als die wichtigste Gattung seines Œuvres. Ingres legte der Zeichnung und Modellierung mehr Bedeutung bei als der Farbe.
Delacroix mini|Eugène Delacroix – Les Femmes d’Alger dans leur appartement (Die Frauen von Algier, 1834). Musée du Louvre, Paris
Eugène Delacroix lernte im Atelier des Historienmalers Pierre-Narcisse Guérin, wo er den um einige Jahre älteren Théodore Géricault (1791–1824) traf, der ihn maßgeblich beeinflusste. Géricaults Das Floß der Medusa (Salon 1819) wurde für Delacroix prägend. 1822 feierte Delacroix mit der Dantebarke seinen ersten großen Erfolg beim Salon, 1824 zeigte er das Massaker von Chios, 1827 den Der Tod des Sardanapal und 1831 Die Freiheit führt das Volk.
Delacroix wandte sich gegen die in seiner Zeit vorherrschende Praxis der Klassizisten, die dem plastischen Ideal zuliebe den Helligkeitswerten in der Malerei den Vorrang gaben und die Buntwerte der Farbe als zweitrangig ansahen. Er bestimmte die Gesamtwirkung des Bildes mithilfe der Farbwerte. In Auseinandersetzung mit dem Grand Style (engl. Grand Manner) Paul Delaroches und den Farbtheorien Michel Eugène Chevreuls (1786–1889) entwickelte einen Malstil, der durch kontrastreichen Farbauftrag und deutlich erkennbare Pinselstriche gekennzeichnet ist.
Kontroverse mini|Jean-Auguste-Dominique Ingres – Selbstporträt (1804). Musée Condé, Schloss Chantilly
Seit den 1820er Jahren entstand ein Rangstreit zwischen Klassizismus und Romantik. In Frankreich wurde Eugène Delacroix als Hauptwidersacher von Ingres angesehen. Der scharfe Gegensatz zwischen den Ingristen bzw. Dessinateurs und den Coloristen, den Schülern und Bewunderern von Delacroix’ Malerei, polarisierte die künstlerische Szene. Aus Sicht der Romantik verkörperte der Klassizismus eine unveränderliche Ordnung, die der Stabilisierung der Gesellschaftsordnung diente. Kunstpolitisch und praktisch wurde er von der Akademie und der ihr unterstellten École des Beaux-Arts vertreten.
Eine persönliche Feindschaft der beiden Maler in Form von schriftlichen oder mündlichen Äußerungen ist nicht dokumentiert. Die Kontroverse wurde vor allem durch Kritiker, Schüler und die öffentliche Rezeption im Salon de Paris zugespitzt und als Lagerstreit ausgetragen.
Institutioneller Kontext, Rezeption und Wirkung Die Académie des Beaux-Arts (seit 1816 als Nachfolgerin der königlichen Akademien so benannt) und die ihr angegliederte École des Beaux-Arts standen für die klassizistische Kunstauffassung. Der Klassizismus des 19. Jahrhunderts gilt daher auch als akademisch. Delacroix wurde erst am 10. Januar 1857 – nach sieben erfolglosen Bewerbungen – Mitglied der Académie. Er wurde als Nachfolger des verstorbenen Paul Delaroche in die Académie des Beaux-Arts des Institut de France gewählt.
mini|Eugène Delacroix – Autoportrait au gilet vert (Selbstbildnis mit grüner Weste, ca. 1837). Musée du Louvre, Paris
Anlässlich der Exposition universelle in Paris im Jahr 1855 wurden die bekanntesten Werke Delacroix’ in einer Retrospektive gezeigt und den Werken Ingres’ gegenübergestellt. Diese Doppelausstellung der beiden führenden Maler der ersten Jahrhunderthälfte wurde von den Zeitgenossen bereits als öffentliche Gegenüberstellung von akademischem Klassizismus und Romantik wahrgenommen. Ingres zeigte bei dieser Gelegenheit eine Retrospektive mit 69 Gemälden. Delacroix war mit 36 Gemälden vertreten. Die Rezeption durch die Kritik fiel unterschiedlich aus: Charles Baudelaire positionierte sich in seinen Salon-Kritiken von 1845 und 1846 ausdrücklich auf Seiten Delacroix’. Er erkannte in Delacroix den wichtigsten Künstler der Moderne. In seinem Salon de 1845 (Gallica, BnF) stellte Baudelaire zugleich fest, dass Ingres und Delacroix trotz ihrer unterschiedlichen Methoden beide zu den herausragenden Zeichnern in Paris zu rechnen seien. Dieser Befund relativiert die polarisierte zeitgenössische Rezeption. Der Kritiker Charles Blanc bezeichnete Delacroix als den größten Koloristen des Jahrhunderts.
Delacroix’ Umgang mit Farben und Lichteffekten sowie seine lockere Pinselführung machten ihn zum Vorbild für den Impressionismus. Auch Paul Cézanne, Vincent van Gogh und Pablo Picasso schätzten sein Werk. Die Wirkungslinie von Ingres lässt sich hingegen in neoklassischen Strömungen des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts nachzeichnen.
Literatur Charles Baudelaire: Salon de 1845. Paris 1845 (Gallica/BnF, Digitalisat). Charles Baudelaire: Salon de 1846. Paris 1846 (Gallica/BnF, Digitalisat). Götz Adriani, Ernst Goldschmidt (Hrsg.): Ingres und Delacroix. Aquarelle und Zeichnungen. DuMont, Köln 1986, ISBN 3-7701-1850-2. Uwe Fleckner: Jean-Auguste-Dominique Ingres. Könemann, Köln 2000, ISBN 3-8290-1632-8. Andrew Carrington Shelton: Ingres and his Critics. Cambridge University Press, Cambridge/New York 2005, Andrew Carrington Shelton (Hg.), Ingres, Yale University Press, New Haven / London 2006. Adrian Rifkin, Ingres Then, and Now, Routledge, London / New York 2000. Bernard Teyssèdre, Roger de Piles et les débats sur le coloris au siècle de Louis XIV, Bibliothèque des Arts, Paris 1965. Emmanuelle Delapierre, Matthieu Gilles, Hélène Portiglia (Hg.), Rubens contre Poussin. La querelle du coloris dans la peinture française, Ludion, Paris 2004. Jacqueline Lichtenstein, La couleur éloquente. Rhétorique et peinture à l’âge classique, Flammarion, Paris 1989. Karin Bartha-Kovács, Le colorisme de Delacroix à travers la critique d’art, Presses universitaires de Rennes, Rennes 2015. Lee Johnson, The Paintings of Eugène Delacroix, Oxford University Press, Oxford 1981–1989. Linda Nochlin, The Politics of Vision. Essays on Nineteenth-Century Art and Society, Harper & Row, New York 1989. Mark Ledbury, Ingres, Yale University Press, New Haven / London 2005. Michèle Hannoosh, Painting and the Journal of Eugène Delacroix, Princeton University Press, Princeton 1995. Roger de Piles, Dialogue sur le coloris, Paris 1673 (Neuausgabe 1699). Séraphin Marion, Ingres et Delacroix, Paris 1930. Thomas Puttfarken, Roger de Piles’ Theory of Art, Yale University Press, New Haven / London 1985. Julian Friedrich Günthner: Über Leben und Nachleben des Jean-Auguste-Dominique Ingres. Studien zu seiner Schule und der Entwicklung seiner Rezeption bis zur Gegenwart. Logos, Berlin 2024, François Fossier (Hrsg.): Correspondances de Jean-Auguste Ingres, 1835–1841. Paris 2016.
Einzelnachweise
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